Hinaus, hinein (aus mir, ins Leben)

Grumpy und ich waren in der Therapie. Ich habe der Therapeutin erzählt, was alles in letzter Minute doch nicht klappt, oder eben gerade nur so, und sie guckt Grumpy an und wir reden über Selbstsabotage und die Frage, wozu die gut ist.
Danach kommen wir heraus und gucken uns verlegen von der Seite an und wissen nicht, was wir sagen sollen.
Wovor hast du solche Angst?, frage ich ihn, während ich mein Fahrrad aufschließe. Er steht daneben und weiß nicht, wohin mit sich und sagt, keine Ahnung, das ist eben so, denn wenn man erstmal zuverlässig ist, dann trauen Leute einem immer mehr zu, und noch mehr, wenn man das auch noch hinkriegt, und dann hören sie gar nicht mehr auf mit dem Zutrauen und plötzlich rast man ohne Stützräder mitten durchs Leben und weiß nichtmal, wie man überhaupt ein Fahrrad anhält.
Ja stimmt, sage ich. Ich stelle meine Tasche in den Fahrradkorb und kann mich nicht entschließen, loszufahren, weil ich genau weiß, was er meint. Da müssen wir aber durch, wende ich schließlich ein. Sonst bleiben wir immer so wie jetzt.
Ich hab aber Angst, sagt er.
Ich auch, sage ich.

Advertisements

11.11./JETZT

„Haben Sie das Gefühl, Sie kommen mit dem Medikament wieder auf ein Level, auf dem Sie sich so gut fühlen wie früher?“, fragt meine Psychiaterin.

Die Frage ist falsch gestellt. Ich antworte, dass ich mich eigentlich nie einfach gut gefühlt habe, aber was ich wirklich denke, was in prallen bunten Lettern in meiner Brust aufsteigt wie Luftballons, was ich mich auszusprechen nicht getraue, ist: Es ist sehr möglich, dass das bis jetzt die beste Zeit in meinem ganzen Leben ist.
Und es ist so voll, dieses Leben: voller, als es je gewesen ist, voller, als ich überhaupt für möglich gehalten habe. Ich fahre auf dem Fahrrad nach Hause und freue mich über dies funktionierende Stück Mechanik, die mich freier und froher macht, und der Abend mit Freunden fährt mit, und die neue Arbeit mit den neuen Leuten fährt mit, und das Tanzen fährt mit, und dass ich meine Familie habe, fährt mit, und ein gutes letztes Jahr fährt mit, ganze Welten fahren mit und über mir fahren die Sterne, sie fahren freihändig und plötzlich muss ich weinen, weil mir die schiere Fülle einen solchen Schrecken einjagt.

Es hilft ja nichts

Ich will keine Kirchenmaus mehr sein und der in Aussicht gestellte Job steht da seit einem halben Jahr und ich kann nicht mehr warten. Ich hab aber Angst vor der Jobsuche und dass sie mich stressen könnte und dann alles wieder kaputt geht. Ich hab Angst vor einem neuen Job und dass er mich stressen könnte und dann alles wieder kaputt geht.
Kein Geld haben stresst mich und macht auch alles kaputt.

Für Rrisch3: 17.08.

Ich denke, dass ich gerade zwei Möglichkeiten habe. Ich könnte in die Klinik gehen und da ein paar Wochen an mir herumbasteln. Damit will ich die Klinik nicht abwerten, weil ich da vor kurzer Zeit noch ziemlich dringend hinwollte und ich bin sicher, dass solche Klinikaufenthalte sehr hilfreich und stabilisierend sein können. Aber ich liebe meine Wohnung und meine Blumen und meinen Balkon und meine Radwege und mein Tanzen und meine Freunde und meine Ruhe und meine Kunstgeschichte und mein ganzes brüchiges Leben voller Vielleichts in dieser kleinen Stadt, und ich will es zurück haben und behalten und JA aus Vielleicht machen. Und ich glaube, dass ich das kann. Ich will es können. Ich will dran arbeiten, dass ich es kann. Meine Therapeutin hilft mir. Meine Freunde helfen mir, meine Familie ist für mich da und die komischen Tabletten helfen irgendwie auch.
Wenn ich sage, das Leben ist so viel – dann meine ich damit, dass es sich eben oft so anfühlt, als könnte es auch jeden Moment zu viel sein. Aber ich habe jetzt ein Jahr lang gar nichts gemacht, nicht studiert oder gearbeitet, und einmal muss damit Schluss sein. Zum Leben gehört das Leben nunmal dazu, also muss ich, und ich will, langsam wieder studieren, irgendwann wieder arbeiten, meine Wohnung versorgen und meine Blumen gießen und mich der ganzen Welt mit dem, was ich eben bin, so gut ich kann entgegenstellen. Ohne Außen geht es nicht. Und ein Innen hab ich doch und das pflege ich im Austausch mit meinen Freunden, in Gesprächen und Briefwechseln, oder allein auf meinem Balkon, oder in der Therapie. Vielleicht pflege ich es nicht immer gut genug und dann fall ich auf die Nase, aber das werde ich auch noch lernen, Stück für Stück, und ich werde lernen, das Außen so zu gestalten, dass es meinem Innen gut tut.

Und: ich bewundere (wirklich), was an Lebenserfahrung und Ruhe aus deinen Texten spricht, Rrisch. Aber ich bin bei aller psychischen Angeknackstheit auch ein sturer Esel und muss selber lernen, wie es mir am besten geht. Und eigentlich hab ich meinen Beitrag vom 16.08. auch gar nicht so negativ gemeint. Es ist halt viel, Leben.

16.08.

Das Leben ist so groß. Schon meine kleine Wohnung ist ein Universum an Dingen, auf die ich achtgeben muss, und erst die Welt da draußen! Ich muss ganz langsam gehen, damit ich nichts von dem fallen lasse, was ich mit beiden Armen gerade eben tragen kann, aber manchmal möchte ich allen Mut verlieren, so weit ist der Weg, so viel will ich mitnehmen.

 

imm029_N29

Zuhause

Meinem einzigen netten Nachbarn erzähle ich, dass ich mir ein bisschen Sorgen mache, wer als Nachmieter in seine Wohnung kommt, weil schon ein paar obskure Gestalten im Haus leben.

Zieh doch auch aus, sagt er, und such dir ne schönere Wohnung.

Was!, denke ich, ich habe noch nie einen Ort so geliebt wie diese kleine Wohnung, nirgends sonst ist die Welt so heil, nirgends bin ich je so zur Ruhe gekommen – und schön, bittesehr, ist meine Wohnung außerdem, sie ist klein, sie ist schräg, aber ich hab sie eingerichtet, und was ich einrichte, ist schön, jedes Mal. Merk dir das, junger Mann.