Geerdet, ein Corona-Gewinn

Ich sage zu Du: Eigentlich geht’s mir mit der ganzen Situation gar nicht so schlecht. Nicht schlechter als sonst.

Was ich nicht sage, ist: Während viele damit kämpfen, plötzlich mit der ganzen Familie Zuhause bleiben zu müssen, fällt mir das Zuhausesein nicht nur grundsätzlich leicht, ich habe auch noch meinen Freund obendrauf bekommen. Mit ihm in der Wohnung liegt mein Basecamp ein paar Höhenmeter weiter oben und von hier aus gehe ich wieder joggen, kümmere mich um den Balkon, nehme mir Zeit zum Schreiben, Lesen oder Zeichnen und bin überhaupt aktiver und produktiver. Tut gut. Im Grunde profitiere ich.

Okayokay.

Ich sitze auf meinem sonnigen, warmen, wundervollen Ostbalkon und halte den winterlichen Pelz ins Licht (sprich: meine Beine). Den winterlichen Speck auch (sprich: meinen Bauch). Was der schüchterne muslimische Nachbar wohl darüber denkt, frage ich mich, obwohl ganz klar ist, dass er da halt durch muss.

Grumpy verträgt keine Sonne und hält sich in der Küche versteckt: gut so. Ich google durch die Sonnenbrille Agenturen, die noch nicht wissen, dass ihnen meine Bewerbung bevorsteht. Ich sollte mir ein cooles Logo basteln, das wirkt gleich professioneller, zumindest in meiner Vorstellung.

Um mich herum stehen Kübel mit eingesäter Blumenerde. Wenn ich hier wegziehe, werde ich ein ganzes Auto mit grünendem, blühendem Zeug füllen.

Umbruch

Grumpy ist wieder eingezogen.

In den letzten Monaten war er weg, ich schwör, das wollte ich eigentlich hier auf dem Blog schreiben, aber irgendwie war auch mein Mitteilungsbedürfnis hier geschrumpft, deshalb hab ich nichts gesagt. Es war aber ganz schön so.

Jetzt ist Grumpy zurück und mit ihm das Bedürfnis, zu bloggen. Hast du echt gedacht, ich lass dich das allein machen?, fragt Grumpy. Neue Stelle, neue Stadt, da mach ich mit, das wird ein Spaß.

Sich an den Mann bringen

Ich sage meinem Startup: Im September bin ich weg. Und ich bin überzeugt, dass das so sein wird, weil ich na klar bis September eine Stelle in Stuttgart finden werde.

Ich fühle per E-Mail in dem Unternehmen vor, in dem ich mal ein Praktikum gemacht habe, bekomme eine nicht besonders begeisterte Antwort und bin sofort vom Gegenteil überzeugt: Dass mich mit meinem abgebrochenen Master eh keiner einstellen wird, dass kein Arbeitgeber auch nur ahnen wird, dass ich die fähigste, ehrgeizigste, klügste Bewerberin bin, die er jemals nicht in Erwägung gezogen hat.

09.02.

In zehn Tagen wohne ich zwei Jahre in meiner Wohnung. Zwei Sommer: heiß und reich und golden der erste, ein Fest; der zweite bloß der Sommer nach dem ersten, trüb von Liebeskummer und Zweifel.
Und der nächste?
Lass ihn golden werden, lass ihn brennen, gib mir ein Meer orangener Blüten für meinen Balkon und gib mir roten Mut für alles, was ich sein kann.

Oder: das letzte Jahr war größtenteils Schrott und jetzt reiß dich zusammen und mach was aus dem nächsten. Diesem.

Positionsbestimmung

Das Jahr ist neu und mein Leben wird anders.

Vor einem Jahr habe ich noch im Kino gearbeitet und nicht gewusst, dass ich nach einer Episode im Wahlamt als Telefonistin in einem Startup herauskommen würde. Jetzt habe ich zum ersten Mal einen festen Job und bin finanziell unabhängig – gerade eben so, aber doch. Außerdem habe ich mir vorgenommen, jetzt wenigstens einmal ernsthaft zu versuchen, was draus zu machen, dass ich gut zeichnen kann, und selbst wenn daraus nichts wird, traue ich mir mehr zu als einen möglichst anspruchslosen Aushilfsjob. Ich will Herausforderungen. Ich will Geld – jedenfalls mehr.

Vor einem Jahr war ich noch als Studentin eingeschrieben. Saß ich noch an meiner Masterarbeit oder hatte ich sie schon aufgegeben? Ich vermisse mein Studium nicht, auch wenn Momente daraus zu meinen besten Erinnerungen gehören – Ideen, Inspiration, Wissen, Erkenntnis, Begeisterung und Staunen, die Studienfahrt nach Rom. Die Begeisterung für Kunst und die Neugier auf die ganze Welt bleiben mir auch ohne Abschluss.

Vor weniger als einem Jahr etwa habe ich angefangen, um Lindy Hop zu kämpfen, nachdem die Freundschaft zu meinem Tanzpartner zu schmerzhaft wurde. Der Bruch mit ihm bedeutet noch immer, dass ich allein zu Socials gehe, wo ich mich fehl am Platz fühle, die Leichtigkeit beim Tanzen ist mir abhanden gekommen und zugleich begegne ich ihm in der überschaubaren Szene dauernd wieder. Ich bin müde vom Kämpfen, das nicht leichter wird, und frage mich, ob Lindy Hop und ich eine Beziehungspause brauchen. Dafür entdecke ich Blues, den ich so großartig wie einschüchternd finde.

Vor einem Jahr stand mir der Moment des endgültig gebrochenen Herzens noch bevor, was meinen Tanzpartner angeht; während das verheilte, hatte ich eine Freundschaft Plus und ein, zwei Dates ohne größere Folgen und als ich mich am 31. August im Fernbus angeregt mit meinem Nebensitzer unterhalten habe, habe ich ihm deshalb auch erzählt, dass ich mich für unverkuppelbar, wenn nicht beziehungsunfähig halte. Vier Monate später finde ich meine Lieblingsstadt blöd, weil er daraus weggezogen ist.

Vor einem Jahr war ich mir sicher, dass ich nie mehr von hier weg möchte, und wenn, dann ganz vielleicht nach Hamburg; jetzt, wo mein älterer Bruder wieder in die Nähe meiner Eltern gezogen ist und Du ebenfalls, freue ich mich drauf, nach Stuttgart zu ziehen, in diese verstockte alte Feinstaubstadt.

Vor einem Jahr war ich noch in Therapie und habe jeden Morgen ein Antidepressivum gegessen; jetzt fühle ich mich ziemlich stabil und selbst mein Skin Picking ist besser. Ich habe keine Angst.

Und vor einem Jahr hätte ich nicht geglaubt, dass in einer meiner ältesten und wichtigsten Freundschaften ein so tiefes, beidseitiges Schweigen entstehen könnte.
So viel zu 2019.

 

Wurmiger Morgen

Willkommen zurück, sagen sechs Engerlinge, die die Wurzeln meines Geldbaums aufgefressen haben.

Ich wehre mich dagegen, Verantwortung für sechs dicke weiße Maden übernehmen zu müssen, nur weil die sich dafür entschieden haben, ausgerechnet meine Pflanzen zu bewohnen. Im Internet steht, dass sie zu gefräßigen Schädlingen heranwachsen und deshalb von erfahrenen Gärtnern getötet werden. Ich möchte sie weder töten noch weitere Wurzeln an sie verlieren. Morgen spaziere ich sie in den Wald.

In meiner Wohnung fühle ich mich allein, nachdem ich zehn Tage Tuchfühlung mit Du hatte. Zum Abschied haben wir einander erzählt, wie unser Leben aussehen könnte, wenn wir ganz lang zusammen bleiben. Nach nicht einmal einem halben Jahr haben wir bereits angefangen, eine beachtliche Rolle im Leben des Anderen zu spielen – zögernd beginne ich, mich auf ihn zu verlassen. Wohl war ich in andere Männer schon stürmischer verliebt, aber ich fühle wie eine Löwin für Du, den ich brüllend gegen die ganze Welt verteidigen möchte.

Seit zwei Wochen führen wir eine Fernbeziehung, ich bin immer noch abartig erkältet, gleich muss ich los zur Arbeit: dieser Tag steht im Zeichen der fetten, dreisten Engerlinge.