Außerdem, wohin

Meine kleine Stadt hat keinen Platz für mich, oder ich finde ihn nicht; mein Freund, denn kürzlich habe ich zu Du gesagt: das mit uns ist was Großes, zieht in die Stuttgarter Gegend, wo auch meine Familie ist, und ich frag mich, ob ich hinterher soll – weil ich gern in Dus Nähe bin und weil ich meine Eltern, meinen Bruder, meine Verwandtschaft gern öfter sehen würde. Weil die Gegend dort mir Heimweh macht. Weil ich eine Freundin dort habe und man in Stuttgart auch Swing tanzen kann. Weil ich hier keinen Job finde.

Aber all die Menschen hier, meine Freunde, meine Fahrradwege, meine perfekte kleine Wohnung, mein Blues-Kurs?

Damit will ich sagen

Im Feedbackgespräch lasse ich mir von meiner einen Kollegin erzählen, was ich alles schon toll mache und was ich noch verbessern kann. Beides löst Widerwillen in mir aus, das eine, weil ich nicht für etwas gelobt werden möchte, das ich lächerlich finde, von Menschen, die ich in ihrer Position nicht respektieren kann; das andere, weil das keine Dinge sind, die ich besser machen möchte, sie sind irrelevant für mein Leben.

Dann erzählt die andere Kollegin mir, was aus ihrer Sicht toll an meiner Arbeit ist. Da wir nie zusammenarbeiten, zählt sie lauter Sachen auf, die sich so zusammenfassen lassen: Es ist toll, dass du jeden Tag da bist. Im Grunde sagt sie mir also nur, dass ich meinen Arbeitsvertrag einhalte, und ich höre ihr zu und lächle und nicke und frage mich, ob sie denkt, ich merke nicht, was das für hohles Gerede ist, oder ob sie’s selber gar nicht weiß.

Danach bin ich dran und erzähle beiden, warum ich in letzter Zeit überhaupt nicht gern zur Arbeit gehe, warum ich mich unwohl fühle und was mich nervt. Das hören sie sich an und scheinen es auch irgendwie ernst zu nehmen, beteuern, dass sie wollen, dass ich mich besser fühle, und nachdem ich ihnen erzählt habe, wie viel Stress sie in den Telefonisten auslösen, stressen sie uns am nächsten Tag im selben Tempo weiter. Nicht, dass ich viel anderes erwartet hätte.

Ich muss da dringend weg. Ab Januar soll ich in der Marketing-Abteilung mit anfangen und weiß nicht, was ich da soll – ich kann keine tollen Sachen über ein Unternehmen schreiben, das ich von innen und außen dermaßen beknackt finde. Ich kann und will mich nicht verstellen, aber wenn ich Nein sage, hab ich Angst, dass sie mich rausschmeißen. Nur, Januar ist so bald und nie im Leben weiß ich dann schon, wo ich stattdessen hin soll.

Vielleicht kein Wunder, dass ich aufwache, wie ich aufwache, schwermütig.

Zwischenstand

Ich verbringe einen magischen Abend in der Stadt mit Du und danach denke ich: Ja, ganz sicher; ich führe ein Feedbackgespräch auf der Arbeit und das tut gut, ändert aber nichts; mein Brieffreund und ich wissen einander nichts zu sagen und das hätte ich nie für möglich gehalten; ich erwäge, in eine andere Stadt zu ziehen, was ich auch nie für möglich gehalten hätte; innerhalb von zwei Wochen melden sich drei Menschen aus meiner Vergangenheit wieder und bei jedem freu ich mich; meine Freundin war da und ich habe einen Schwips von dem Ouzo, den wir getrunken haben, und bin sehr zufrieden. Dazwischen ist Aufwachen an bleiernen Morgen und große Erschöpfung und der wunderbare Blues-Kurs.

Diese Gruppe

… talentierter, intelligenter, gebildeter, reflektierter, einfühlsamer, guter Menschen, die eine Hochschulausbildung abgeschlossen oder abgebrochen haben und, alle ehrgeizigen Pläne von damals vergessend, irgendwelche Jobs machen, die ihnen meistens nicht gerecht werden: wo haben die ihren Platz, wer kümmert sich und wer erkennt an, was sie sind? Oder sind sie einfach nur zu schwach gewesen, zu voll von Zweifeln an sich und der Welt?

 

(Ich mein nicht mich. Da sind so viele mehr.)

All work and no play

Mein aktueller Job gibt mir Stabilität und ein okayes Einkommen dafür, dass ich nur 50% arbeite. Aber er bedeutet, dass ich vier Stunden am Tag etwas mache, das ich dumm, sinnlos, fragwürdig und langweilig finde. Zudem ist der Druck ganz schön hoch – ich werde permanent kontrolliert, habe praktisch keine Verantwortung oder Entscheidungsfreiheit und bin saumäßig unzufrieden, weil ich ein kluger Mensch bin und es HASSE, irgendwem so dermaßen untergeordnet zu sein. Flache Hierarchien am Arsch.

Du sagt und meine Eltern sagen auch: Behalt den Job. – Vernünftig! Aber ich möchte nicht vier Stunden täglich im Widerspruch mit mir selbst leben. Was ich möchte, ist, beim Chef persönlich zu kündigen und ihm zu sagen, dass ich zu cool für sein dummes Unternehmen bin.

Davon hält mich die Frage ab, was ich denn sonst machen soll. Was mir überhaupt Spaß machen würde. Wovon ich leben kann. Wo ich leben soll. In meiner schönen kleinen Stadt scheinen Stellen Mangelware zu sein, wenn man ein abgebrochener Kunsthistoriker ohne Plan ist. Und von irgendwas muss ich ja leben, bis ich eine große, berühmte Künstlerin geworden bin (das könnte nie sein).

Du sagt, es wäre sinnvoll, den jetzigen Job zu behalten, statt einen schlechter bezahlten anzunehmen, wenn beide eine Übergangslösung wären. Ich würde aber lieber etwas tun, das ich weniger hassen müsste.

Macht euch keine Sorgen

Es ist nichts übrig geblieben: Hier ist öde Dunkelheit, selbst der Wind ist gestorben.

Ich weine und höre Du sagen: Wenn du meinst, dass du nichts kannst, dann kannst du eben nichts, und ich sehe vor meinem inneren Auge, wie ich mich zusammenreiße, um der Beleidigung zu begegnen. Ich reiße mich zusammen, ich bin stark.

Es ist anstrengend, die ganze Zeit stark zu sein. Was ist das für ein Leben, das verschwindet, wenn ich aufhöre stark zu sein? Hätte ich nicht gnädigerweise ein anderer Mensch werden können? Wozu mir Verstand und Talent mitgeben, wenn ich nichts davon benutzen kann, weil Überleben alles ist, wohin ich reiche?

Ich weine, und mein Weinen ist nutzlos, weil ich morgen aufstehen und arbeiten werde und am Wochenende werde ich tanzen, ich werde unter Menschen sein wie ein Mensch, und für alles davon werde ich mich sehr stark machen müssen, aber ich bin so klein und die Welt tut so weh. Vielleicht ist das hier alles, vielleicht wird es nie leichter, oder schöner, oder besser. Das sagt man nicht laut, weil die Menschen es nicht ertragen. Ich ertrage es auch nicht, aber ich ertrage auch die Hoffnungen nicht, die eine nach der anderen leise verwelkt sind, jetzt habe ich nachgemachte Hoffnung, die nicht echt ist. Ich habe nichts, woran ich glauben kann. Nichts fühlt sich an, als wäre es möglich, das hier ist zu wenig, aber wie soll ich an mehr kommen mit diesen schwachen Beinen und den winzigen Händen und einem Herzen, das seine eigene Existenz anzweifelt.

Warum muss es so sein, dass ich schöne Dinge kann, denn ich kann sie nicht benutzen und so wiegen sie wie Blei, und was soll ich jetzt tun, wenn fürs Tun keine Kraft mehr ist, weil ich vernünftigerweise arbeite, und Glaube und Hoffnung sind verschwunden.

Ich mag diesen Text nicht. Ich mag nicht, wie ihn manche Leute lesen werden. Ihr müsst euch keine Sorgen machen, ich weiß wirklich nicht, was ich mit Sorgen anfangen soll.

23.09.

Ich falle verbogen aus dem Nachtzug, der wie Hamburg ein schönes Erlebnis gewesen ist, nur unbequem; falle in die Straßenbahn und von da ins Bett, stehe wieder auf und fühl mich bleischwer, möchte nicht zur Arbeit, die nichts mit mir zu tun hat, möchte zurück zu meinem Job im Kino, der anstrengender, aber weit erfüllender war. Ich schreibe eine einzige Bewerbung und hab sonst keinen Plan.