Entpuppung

Ich muss mich zum Schreiben anhalten, ich sträube mich, aber ich muss, weil ich das, was ich bin, nicht mehr wiedererkenne.

Was sind das für neue Seiten? Warum hab ich mich so noch nicht gekannt?
Wer ist das, die sich mit anderen Menschen anlegt, sich streitet, provoziert, es drauf ankommen lässt? Wie kann ich das sein, die in einem wachsenden Bekanntenkreis Unterstützung erfährt und Verantwortung übernimmt? Verantwortung! Wie bin ich das geworden? Es ging so schnell, ich hab mich selbst überholt, das scheue Tier im Regen, und es ruft: Warte, bitte warte, ich hab noch nicht verstanden, was passiert.

Und muss es wirklich ich sein, die einem unschuldigen, schönen Menschen das Herz gebrochen hat? Wollte ich nicht immer behutsam sein und wahrhaftig und gerecht? Aber das hab ich nicht gewusst, dass ich nicht bereit bin, solche Nähe zuzulassen, ich dachte, die Umstände verhinderten große Romanzen, aber nein, ich bin es selbst.

Wer ist diese Frau, in der ich wohne und die so laut durch die Welt geht, die streitet und aneckt und immerzu Dinge tut, und diese Dinge sind nicht immer schön? Ich weiß nicht, wo sie hinwill und wozu sie noch im Stande ist, ich hab mich so anders in Erinnerung.

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Zum Teufel

Meinem Vater, schon mit einem Glas Wein mehr als gut wäre, fällt ein, dass er sich ja immer Sorgen um seine unselbständige, kranke Tochter macht. Also Carlie, was machst du jetzt bis zu deinem Job im September?, fragt er.

Bisschen arbeiten, sage ich. Hier und da. Und sonst, wahrscheinlich nichts.

Und was verdienst du dann nochmal?, will er wissen. Sein Tonfall sagt, dass er alles, was ich vorhabe, nicht gut findet.

1250 brutto, sage ich, angespannt.

Er schnaubt. Also, willst du nicht auch mal richtig arbeiten? Ich finde, du solltest langsam ein paar Rentenpunkte sammeln.

Das ist der Punkt, an dem ich mich frage, ob er eigentlich irgendwas von dem verstanden hat, was ich ihm im Lauf des letzten Jahres erzählt habe. Dass Vollzeit nicht klappt, zum Beispiel. Dass ich nicht alles so hinkriege, wie es viele Leute hinkriegen. Dass ich auch nicht weiß, wie der ganze Scheiß funktionieren soll, und ein destruktiv herumnörgelnder Vater noch nie irgendwen weitergebracht hat.

Aber er ist betrunken und damit die schlechteste, verständnisloseste, unzugänglichste Variante seiner selbst, deshalb bin ich froh, dass mein Bruder das Gespräch unterbricht, gehe bald darauf ins Bett und schlucke Wut, Enttäuschung und Vorwürfe herunter. Grumpy wühlt sie sofort wieder heraus und bewirft mich seither damit.

Was ich mir zum Geburtstag wünsche

Dass ich davon leben könnte, kreative Sachen zu machen, Fahrräder umlackieren zum Beispiel, oder fotografieren.

Dass ganz viele Leute meinen Blog lesen.

Dass Freunde und Freundinnen, die es schwer haben, es leichter haben.

Das große Romantik-Kaboom!

Ein Lagerfeuer.

Diesen Hund. Bitte. Bitte.

Ein Lindy-Hop-Festival, irgendwo, wo es schön  und mein ehemaliger Tanzpartner weit weg ist.

Und Erdbeerkuchen.

Nein/Get out of my hair

Also wenn ihr alle so überzeugt davon seid, dass ein Klinikaufenthalt was ganz Tolles ist und ich auf keinen Fall meine Medikamente absetzen sollte, dann nehmt ihr doch mal Venlafaxin. Oder sperrt euch selber für sechs Wochen aus dem Leben, um vor und mit anderen die Hosen runterzulassen. Bock drauf?
Ihr sagt das doch nur aus Hilflosigkeit und weil ihr wollt, dass das Problem schnell weg geht, aber es geht halt nicht weg, das ist meine Psyche, die kann man nicht umtauschen, und man kann auch nicht schnell was draufkleben und dann ist für immer alles OK. Ich hab dieses Kackmedikament ausprobiert – ausprobiert!! – , weil ich nicht weiter wusste, und das Ergebnis ist, dass ich nicht weiß, ob es ein Ergebnis gibt. Geht’s mir besser? Keine Ahnung. Hat Grumpy sich verpisst? Natürlich nicht. Hab ich keine melancholischen Totalausfälle mehr? Doch! Also was, in Dreiteufelsnamen, spricht dafür, dass es ohne dieses Zeug schlimmer wäre? Dass ich nicht genauso gut ohne Antidepressivum an meinen Baustellen arbeiten könnte, weil sie mit und ohne ungefähr gleich groß sind? Und bitte, daran scheint sonst keiner zu denken, das Zeug ist halt einfach nicht gesund. Und ich hab keinen Bock auf die Nebenwirkungen und den Medikamentenwecker und das Gerenne zu irgendwelchen Ärzten für ein neues Rezept und den Stress, die Tabletten immer dabeizuhaben. Ich hab’s jetzt probiert und bin nicht überzeugt, Ende des Experiments.

Und die Klinik. Ist ja einfach, jemand da hinzuschicken, dann kommt sie zurück und alles ist besser, was für eine Erleichterung. Aber was soll’s denn helfen, wenn ich ein paar Wochen lang an einem realitätsfernen Ort Introspektive betreibe, um danach zurückzukommen und immer noch ich zu sein in einem Leben, das auch den Stärksten von uns bisweilen überfordert? Wieso soll das dann einfacher sein? Sind nicht die Fragen, vor denen ich gerade stehe, schlichtweg groß?

Ich will hier, vor Ort, in meinem Leben lernen, wie ich auf mich aufpassen kann, damit die Depression nicht mehr den Ton angibt. Ich will aufhören, über mich nachzudenken, als wär ich krank. Es gibt Sachen, die mir schwer fallen, und welche, die mir wirklich sehr schwer fallen, aber ich hab keinen zu behebenden Defekt, sondern eine Persönlichkeit und ich weigere mich von jetzt an, zu sagen, diese Persönlichkeit sei krank oder gestört oder beschädigt. Schwierig, meinetwegen. Aber ich werd mein Leben lang damit auskommen müssen, und ich werde nicht mein Leben in Krankheit verbringen.

 

Hansine Dampf

Was ich schon alles für Geld gemacht habe:

Zeitungen ausgetragen, na klar, Motorenteile kontrolliert und verpackt, Preistafeln von Hand gemalt, eine Hubarbeitsbühne gefahren, Essen ausgegeben, mit Menschen mit Behinderung Geschirr abgewaschen und Böden gewischt, Architekten hinterhergeputzt, Hochzeitsgäste bewirtet (mehrfach), betrunkene Mitarbeiter einer Software-Firma bespaßt, Kinosäle geputzt, Popcorn und Tickets verkauft, Wahlscheine ausgegeben, Stimmen ausgezählt, in einer Kita Geschirr abgewaschen, ein Lehrbuch illustriert, das nie gedruckt wurde, gezeichnet, Würstchen gebraten, Autos eingewiesen, Sprachstudenten begleitet, im Büro einer Kieferorthopädin völlig sinnlos Briefvorlagen formatiert, in einem anderen Büro stapelweise Unterlagen ausgedruckt, den Relaunch einer Website mitbetreut, getextet, Gehaltsabrechnungen erstellt, Anrufe angenommen, mit Kindern gebastelt, tausende von Schuhpaaren in Reihen aufgestellt, Wäschesäcke geschleppt – und Umzugskisten, Bücher gescannt, Literaturlisten erstellt, einen Hund gehütet, Mathe erklärt, Getränke verkauft, nach Diktat getippt, Briefe eingetütet, Marktstände mitbetreut, in einem Café zum schlechtesten Service der Stadt beigetragen, Garderoben besetzt, auf einer Messe Eintritt kassiert, Tagungen mitorganisiert, geputzt in einer Privatwohnung, hab ich was vergessen? – und gerade sitze ich als Aushilfssekretärin in einem Büro und beantworte brav das Telefon, um zu sagen, dass das Büro eigentlich im Urlaub ist.

Und was soll ich werden?

 

 

 

Der Ernst des Lebens

Wie soll ich leben?

Was bedeutet es, dass ich am letzten Vollzeitjob gescheitert bin?
Ich habe eine 50-Prozent-Stelle angenommen, von der ich weiß, dass sie nicht ausreicht, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen, Schulden abzubezahlen und auch noch was zur Seite zu legen.
Ich weiß nicht, wie ich für mich selbst sorgen soll. Kann ich das? Krieg ich Wohngeld? Bin ich arm, wenn ich alt bin?

Ist das der Punkt, an dem meine Mutter – nach ihrem ebenfalls abgebrochenen Studium ungeplant schwanger – entschieden hat, mit meinem Vater zusammenzuziehen, zuhause zu bleiben und diese eine Sorge um ihre Zukunft los zu sein? Bin ich eine Wiederholung ihres Lebenslaufes, nur dass ich nicht schwanger bin und mir deshalb doch überlegen muss, wie ich selbst für meine Brötchen sorge?
Wo sollen die blöden Brötchen denn jetzt herkommen?

Ungefähr jeder findet die Idee gut, dass ich in eine psychosomatische Klinik gehe. Ich finde die Idee nicht gut, auch wenn ich keine Sachargumente dagegen habe außer dem Wunsch, ein Leben zu leben wie ein ganz normaler Mensch.
Mit einem Einkommen von 1250 Euro brutto wäre ich allerdings wohl kein normaler, sondern ein armer Mensch.

Ich weiß nicht, was richtig und sinnvoll ist. Ich bin kein ordentliches Zahnrad geworden und niemand sagt mir, wo ich sonst hinpasse, wenn ich immerzu aus der großen Maschine springe.

13./14.06.

Ein winziger, zerdrückter Vogel bin ich und sitze bei dir und piepse „Ich bin verwirrt und fürchte mich“, eine endlose Litanei aus traurigen kleinen Tönen, du hörst mir zu und fütterst mich, aber ich werd immer kleiner und die Welt ist groß und zum Schaudern.
Erst, als wir nebeneinander im Bett liegen und jedes in sein Tagebuch schreibt, dein Bein auf meinem, und ich mir auf zweieinhalb Seiten jede einzelne Frage aus dem Leib geschrieben habe und du das Licht ausmachst und wir anfangen, uns zu berühren: da höre ich auf, ein Vogel zu sein, und erinnere mich an meinen warmen, lebendigen Körper einer Frau. Ich freu mich so an dir in deinem Körper und jetzt bin ich froh, noch immer, am nächsten Morgen bei der Arbeit.

Das andere ist noch da, alle Fragen, jede Sorge, aber jetzt hab ich ein kleines warmes Licht gegen den drückenden Nebel. Grumpy setzt eine Macho-Maske auf und sagt: Musstest nur mal richtig durchgevögelt werden, hm? – Ich hau ihm eine runter.