Der Ernst des Lebens

Wie soll ich leben?

Was bedeutet es, dass ich am letzten Vollzeitjob gescheitert bin?
Ich habe eine 50-Prozent-Stelle angenommen, von der ich weiß, dass sie nicht ausreicht, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen, Schulden abzubezahlen und auch noch was zur Seite zu legen.
Ich weiß nicht, wie ich für mich selbst sorgen soll. Kann ich das? Krieg ich Wohngeld? Bin ich arm, wenn ich alt bin?

Ist das der Punkt, an dem meine Mutter – nach ihrem ebenfalls abgebrochenen Studium ungeplant schwanger – entschieden hat, mit meinem Vater zusammenzuziehen, zuhause zu bleiben und diese eine Sorge um ihre Zukunft los zu sein? Bin ich eine Wiederholung ihres Lebenslaufes, nur dass ich nicht schwanger bin und mir deshalb doch überlegen muss, wie ich selbst für meine Brötchen sorge?
Wo sollen die blöden Brötchen denn jetzt herkommen?

Ungefähr jeder findet die Idee gut, dass ich in eine psychosomatische Klinik gehe. Ich finde die Idee nicht gut, auch wenn ich keine Sachargumente dagegen habe außer dem Wunsch, ein Leben zu leben wie ein ganz normaler Mensch.
Mit einem Einkommen von 1250 Euro brutto wäre ich allerdings wohl kein normaler, sondern ein armer Mensch.

Ich weiß nicht, was richtig und sinnvoll ist. Ich bin kein ordentliches Zahnrad geworden und niemand sagt mir, wo ich sonst hinpasse, wenn ich immerzu aus der großen Maschine springe.

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13./14.06.

Ein winziger, zerdrückter Vogel bin ich und sitze bei dir und piepse „Ich bin verwirrt und fürchte mich“, eine endlose Litanei aus traurigen kleinen Tönen, du hörst mir zu und fütterst mich, aber ich werd immer kleiner und die Welt ist groß und zum Schaudern.
Erst, als wir nebeneinander im Bett liegen und jedes in sein Tagebuch schreibt, dein Bein auf meinem, und ich mir auf zweieinhalb Seiten jede einzelne Frage aus dem Leib geschrieben habe und du das Licht ausmachst und wir anfangen, uns zu berühren: da höre ich auf, ein Vogel zu sein, und erinnere mich an meinen warmen, lebendigen Körper einer Frau. Ich freu mich so an dir in deinem Körper und jetzt bin ich froh, noch immer, am nächsten Morgen bei der Arbeit.

Das andere ist noch da, alle Fragen, jede Sorge, aber jetzt hab ich ein kleines warmes Licht gegen den drückenden Nebel. Grumpy setzt eine Macho-Maske auf und sagt: Musstest nur mal richtig durchgevögelt werden, hm? – Ich hau ihm eine runter.

09.05.

Meine Therapeutin und ich machen Realtalk über die Therapie. Das ist keine einfache Sitzung, aber sie tut gut, und am Ende gibt sie mir die Aufgabe mit, mir Gedanken darüber zu machen, was ich denn eigentlich will von dieser Therapie. Und vom Leben. Und wie ich da hinkommen könnte. Ich glaube, darüber habe ich vielleicht noch gar nie richtig nachgedacht.

Außerdem schreibe ich jetzt auf, welche Themen sie für wichtig hält, damit ich sie nicht vergesse, denn sie liegt nicht falsch: an allen Fragen, die mit meiner Zukunft und einer Arbeit zu tun haben; an meiner fast schon gewohnheitsmäßigen Selbstsabotage; an einer Scheu davor, mit mir allein zu sein, die ich mir nicht eingestehen will; an meiner Überzeugung, an mir sei nichts Liebenswertes, und der ständigen Enttäuschung von Erwartungen, die andere Menschen an mich haben.

Half the love

Dass ich mein Studium eines schönen Faches aufgeben und mir irgendeinen Job suchen will; dass ich mich in einem lockeren Verhältnis zu einem Mann schon halbwegs einrichte, obwohl das nicht ist, was ich gesucht habe: ist das, um zu beweisen, dass ich es sowieso nicht kann?
Es: der große Wurf, der ganze Traum, alles, was ich sein könnte.

Oder, und das wäre schlimmer, bin ich überzeugt davon, dass ich mehr gar nicht verdient habe? Vielleicht gerade, weil ich es nicht kann, weil ich das große Glück gar nicht halten könnte, schließlich halte ich mich für ganz und gar unzulänglich in so ziemlich jeder Hinsicht. (Und wo ich womöglich doch mehr bin als das, hab ich zu wenig daraus gemacht, das zählt also auch nicht.)
Das ist nicht unplausibel. Damit muss man erstmal klarkommen.

Danke

Sie ist eine tolle Frau und ich hoffe, dass ihre Töchter wissen, wie großartig ihre Mutter ist. Wenn ich so älter werde wie sie, kann älter werden gar nicht schlimm sein.
Als ich ihr von meiner Misere und der Sorge um die Zukunft erzählt habe, sagt sie: Werd doch Künstlerin.
Das sagt mein Vater auch, antworte ich, aber bis man als Künstler Geld verdient –
Eben, sagt sie. Du machst einfach Kunst und verdienst dein Geld in blöden Nebenjobs, so machen das Künstler, und schon bist du einer.
Stimmt!, sage ich.

Sie hat mit ihrer Bemerkung meine ganze Perspektive verändert, und sobald ich wieder ein ganz kleines bisschen Selbstvertrauen habe, werd ich sagen: Ich bin Künstlerin.

05.04.

Mein Kopf ist leer, wie diese Tage leer sind, ich bin aus mir herausgefallen und kann mich nicht wiederfinden, müde bin ich immerzu und starr wie eine Eidechse in der Kälte, nachdem die Sonne so plötzlich verschwunden ist.

Dass ich nur für die nächsten zwei Monate weiß, was ich mit meinem Leben tun werde, macht mir plötzlich Angst. Wenn ich nun keine Stelle finde? Und was für eine Stelle müsste das sein, in die ich mich mit allem werfen könnte, was ich bin und kann?

Ich gucke nach Stellenanzeigen, aber die sehen alle blöd aus (ich kann doch mehr), und jetzt habe ich Bauchweh davon. Dabei muss ich das jetzt noch nicht wissen. Ich hab zwei Monate Zeit, Ideen zu haben, und noch länger, wenn ich will. Aber heute trau ich mir nichts zu, diese Woche hab ich mir sowieso noch sehr wenig zugetraut.
Unten auf dem Platz rennt ein Kind die ganze Strecke quer über den großen Platz, um eine einzelne Taube aufzuscheuchen, und dann rennt es weiter, um sie wieder von dort aufzuscheuchen, wo sie sich jetzt hingesetzt hat Es rennt sehr viel und sehr aussichtslos, aber ungeheuer zielstrebig, und ich denke, wenn ich nur halb so entschlossen wäre wie dieses Kind — !

Ich bin in die Bibliothek gekommen und hab beim ersten Blick auf mir gemerkt, dass ich heute keine Menschen vertragen kann, heute bin ich nicht richtig, in Dissonanz mit allen andern.

Und dann das

Die letzten Wochen waren überhaupt nicht gut, aber plötzlich fühle ich den Frühling hinter dem kalten Wind wie etwas, das nicht mehr aufzuhalten ist, und in mir ist auch etwas wach geworden: die Leute auf der Straße gucken mich an und ich denke, was die haben, bis ich merke, dass ich lächle – über ein singendes Kind und die immer neuen Blumen, über das frische Grün auf meinem Balkon und das Glück, diesen Balkon und ein Händchen für Pflanzen zu haben, über Nächte mit Berührungen lächle ich und über eine junge Katze, über Freundschaft, die ich spüre, und Vögel, die jetzt wieder singen, über das Licht und die Sonne und ein Bewerbungsgespräch und das Tanzen und sich vertiefende Bekanntschaften und darüber, dass es wirklich nicht weh tut, als jemand zu meinem Tanzpartner und mir sagt: Ihr seid ein Paar, oder?, und wir lachend verneinen.
Vielleicht lächle ich auch darüber, dass ich Lady Anne Blunt jetzt doch nicht in die Wüste begleiten werde und ich darüber ziemlich erleichtert bin. (Mach das nicht, studier fertig, sagt meine Kollegin. – Deine Argumente sind vernünftig, nickt mein Kopf, aber mein Bauch zerrt an meiner Hand und brüllt: Neeeeee!)

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