Wohin soll man euch noch schlagen?*

Ich sitze mit einer Freundin im Café, sie hat eine Bibel mitgebracht und zeigt mir eine Stelle, die sie in eine Fantasy-Geschichte umarbeiten will. Wir kommen in Fahrt und blättern gemeinsam durch das Buch, lesen abwechselnd Abschnitte vor und amüsieren uns prächtig über die Sprache, die bizarren Geschichten, die verknöcherten Ermahnungen. Unser Höhepunkt: Jesaja. Da geht’s ab.
Jesus Sirach dagegen (übrigens nicht in protestantischen Bibeln zu finden, die reformierten Kirchen rechnen ihn zu den Apokryphen, also den nicht-kanonischen biblischen Texten) ist ein großer Langweiler, den wir überhaupt nicht mögen.

Mutig wagt sich die Bedienung immer wieder in die Ecke zu den zwei Verrückten, die sich kichernd über eine Bibel beugen, ganze Seiten daraus vortragen und immer wieder in Gelächter ausbrechen.

 

*Jesaja 1,5

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Wunderkammer

Im Gemeinschaftswaschraum liegt seit Wochen ein trauriger schwarzer Pullover, den irgendwer dort ausgesetzt hat. Da ihn offensichtlich keiner vermisst, beschließe ich, dass sein neues Zuhause in meinem Schrank ist; er ist immerhin aus Merinowolle und gut gegen den Winter. Außerdem reizen mich Sachen, die schonmal wem gehört haben –  in neuen Dinge muss eine Seele erst wachsen.

Überhaupt, wie ich an Gegenständen hänge – vielleicht werde ich mal eine verrückte alte Frau in einem kleinen Haus voller Dinge: Bilder und Bücher und Polstermöbel gibt es und alte Schränke voll versunkener Schätze, Gefundenes und Geerbtes fallen durcheinander, Erworbenes, Geschenktes, Vergessenes, Halbgestohlenes wie der Pullover. Und ich werde einsam durch die Räume wandern und mit den Händen über meine Dinge streichen, sie berühren und betrachten und zu ihnen sprechen, jeden Tag, zu all meinen kleinen Geistern.

(Oder so: Ich leben in einer hellen Wohnung, die auch voller Dinge ist, aber weniger durcheinander; in einer der Vorlesungen, in denen ich den jungen Studierenden den Platz wegnehme, lerne ich einen charmanten alten Herrn kennen, und die jungen Leute finden uns süß, weil wir alt und verliebt sind. Wir führen gemeinsam meinen Pudel Tommy spazieren und unternehmen selbstverständlich Busreisen, auf denen wir den Fremdenführer nerven, weil wir alles besser wissen, aber wir machen das mit Absicht, weil wir ihn blöd finden. Außerdem wissen wir es wirklich besser. Wir machen einen Tanzkurs und beschützen den Pudel vor all den Enkelkindern, die ihn mit Schokolade vollstopfen wollen (der Pudel will das allerdings auch). Wir stopfen die Enkelkinder mit Schokolade voll.)

Don’t believe in yourself

Schön, heute ist also kein Tag, ein Un-Tag, ungelebt, ich versuche, mir zu verzeihen, ich mache Pause, ich bin nett zu mir, bekomme ich all meine Un-Tage irgendwo gutgeschrieben? Werde ich hundert Jahre alt?

Ich soll mir wohl keinen Stress deshalb machen. Tha. Muss ich nicht auch etwas von mir selbst erwarten können? Verwandeln fahlgrau-blassrote Kapseln alle Un-Tage in richtige Tage? Es gibt gar keinen Grund, jetzt so wütend zu sein. Ich bin so wütend.

Teufelszeug

Ich lasse mir ein Antidepressivum verschreiben. Das blieb ein höchst abstrakter Gedanke bis zum heutigen Morgen, da ich vor dem teuren, handgefertigten Schreibtisch einer (übrigens sympathischen) Psychiaterin sitze und schon wieder irgendeiner fremden Person meine innersten Gedanken ausschütte. „Wollen Sie eigentlich nicht mehr leben?“, fragt sie. Ich frage mich, was eigentlich los ist, dass ich in letzter Zeit ständig diese Frage beantworte.
Sie nimmt sich Zeit und ich vertraue ihr, nehme brav Rezept und einen neuen Termin mit, stehe wieder auf der Straße, fühle mich allein und verwirrt, gehe in die Apotheke, hole die Pillen, kaufe tröstliche heiße Schoki und eine Brezel, setze mich ans Stadttheater und schlucke die Pille. Dann lese ich den Beipackzettel. Dann kriege ich es mit der Angst.

Die Psychiaterin hat gesagt: vielleicht leichte Kopfschmerzen. Vielleicht ein flaues Gefühl im Magen, oder Unruhe, aber das kriegt nichtmal jeder. Der Beipackzettel brüllt: „Normal ist vorbei! Dich mach ich fertig! Und Sex wirst du auch keinen mehr haben! Hahaha!“
Schwer vorstellbar, dass sich die Stimmung auch noch aufhellt, wenn sich nur ein Bruchteil von dem ganzen Kram einstellt.

Meine Beschäftigung für die nächsten paar Wochen wird sein, mir so lange Nebenwirkungen einzureden, bis ich selber nicht mehr weiß, ob ich wirklich welche habe. Es gibt auch so ’ne tolle Bandbreite davon, man findet für jedes Pieksen direkt die passende Nebenwirkung. Das wird ein großer Spaß.

Übrigens sind die Tabletten hässlich. Sie sehen scheiße aus. Ohne Witz. Selbst die Pappverpackung ist lieblos. Und die Tabletten sind halb blassrot und halb blassgrün, sieht irgendwie ausgebleicht aus, oder als könnten sie selber etwas Aufheiterung gebrauchen. Ich finde, etwas, das fröhlich machen soll, sollte wenigstens fröhlich aussehen.

Oh, und, die letzte Pointe: würde ich wirklich darüber nachdenken, mir was anzutun, könnte es sein, dass diese – antriebssteigernden – Tabletten mir genau den richtigen Schwung dafür geben.

Was zur Hölle.

Pendel

Zwischen meinen schönen, wilden Bergrücken und dem wüsten Sumpf der Täler liegen sanft geschwungene Matten, auf denen Leben möglich wäre. Doch wenn ich mich aufschwinge, trägt es mich weit über jedes Maß hinaus in atemberaubende Höhen; wenn sich das legt, wenn ich wieder hinab blicke, stürze ich halsbrecherisch, klaftertief, finde mich binnen weniger Herzschläge im finsteren Tal. Keine Ruhe zwischen Euphorie und Trübsal: aber ich bräuchte eine stille Almhütte, um einzukehren und zu bleiben.

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Niedere Instinkte

Ich will eigentlich ganz gemütlich nach Hause rollen auf meinem edlen Streitross, da überholt mich einer. Ha! Könnte mir egal sein, ist es aber nicht, weil irgendein Teil von mir findet, dass er unsympathisch ausschaut, in seinem korrekten Hemdchen. Deshalb überhole ich ihn bei der nächsten Gelegenheit gleich wieder und galoppiere erhobenen Hauptes an ihm vorbei – jetzt muss ich natürlich den restlichen Heimweg auch noch im Renngalopp zurücklegen, damit er mich nicht wieder einholt, aber das geht dann halt nicht anders.

Die Wahrheit über mich: ich hetze mich ab, nur um irgendeinen Fremden zu überholen, weil mir sein Hinterkopf nicht konveniert hat.