Isabel mit Ungeheuer

Ich schreibe wieder, ich schreibe weiter: an meiner Geschichte über Isabel, oder, damit es erwachsener klingt, sage ich: an meiner Erzählung. Sie ist schon über drei Jahre alt und plötzlich hat sie einen Anfang und ein Ende und es fehlt eigentlich gar nicht mehr viel, dann hat sie auch etwas, das von Anfang bis Ende trägt.
Ich gebe sie Leuten zu lesen, die mir wichtig sind und die ich für klug und literaturbeflissen halte, und sie sagen mir: gut. Die Geschichte ist gut.
Erstaunlich.

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Arkadien, Balkonien

Ich bin in eine neue Wohnung gezogen. Da mein Vater sie bezahlt, zählt sie wohl noch als Studentenbude, aber irgendwann möchte ich nicht von hier ausziehen, sondern die Wohnung selbst bezahlen. Noch nie hat ein Ort, an dem ich gewohnt habe, mich so zuverlässig und dauerhaft mit Freude erfüllt. Ist das jetzt dieses „Zuhause“, von dem alle reden?

Die Wohnung hat Macken. Unbestreitbar, sie ist weit davon entfernt, perfekt zu sein, aber pardon, ich bin auch nicht perfekt, wir passen wunderbar zusammen. Die Küche ist zu klein und ich habe immer noch keinen Wasserkocher gekauft, aber ich freue mich – ich freue mich tatsächlich – über jeden Topf Wasser, den ich auf dem Herd koche. Für den Kaffee am Morgen, meinen Kaffee aus meiner Kaffeedose, den ich aus einer meiner Tassen trinke, und zwar in meinem Korbsessel, auf meinem Balkon. (Übrigens, dieser fantastische Korbsessel: in kein Möbelstück der Welt habe ich mich je so verliebt. Ich liebe ihn so sehr, dass ich es sogar mag, wenn andere Leute darin sitzen und ich sie anschauen kann, umfangen vom Flechtwerk meines Sessels. Obsession für unbelebte Gegenstände.)

Und dann der Balkon. Ich wünschte, mein ganzes Leben wäre ein Sonnentag auf diesem Balkon: Hier wachsen Blumen, für die ich sorge, und meine alten Zimmerpflanzen gewöhnen sich blinzelnd ans Sonnenlicht, während die Ranunkeln unbefangen ihre schweren Köpfe ins Himmelblau recken. Ich habe einen Sonnenschirm gekauft, um vernünftig zu sein, aber in Wahrheit möchte ich mich der Sonne aussetzen, bis sie Haut und Knochen durchdringt und alle Dunkelheit und Wirren sich endgültig in Licht und Wärme auflösen. Das könnte passieren, da bin ich sicher.

Alles an dem Balkon ist so berückend heil und einfach.

17.04.

Worüber ich schreiben möchte: ein italienisches Gemälde; über das Buch von Thomas Melle, das ich gerade lese; über Baudelaire, in den ich mich verliebt habe und mit dem ich zu Delacroix in den Louvre fahren möchte.

Was ich in mir finde:       .
Hier ist alles taub und wenn es nicht mehr taub ist, schmerzt es. Alle Dinge unverrichtet.

Oder, anders ausgedrückt: Ich bin Saul, siehe unten.

Rembrandt van Rijn: Saul und David. Foto: Wikimedia Commons

Zwei schlaflose Nächte, Intensität des Kolloquiums (dabei gar nicht schlecht, ich bin interessiert und vielleicht sogar begeistert), die damit verbundenen immensen Selbstzweifel, dazu alles, was die letzte Männerbekanntschaft in mir angerichtet hat: es lassen sich Gründe finden, warum ich erschöpft bin, aber ich verzeihe mir nur schwer.

15.04.

Alles kippt innerhalb von Sekunden: eben liege ich noch auf dem Balkon und lese, daran ist nichts auszusetzen, und dann, mit einem Schlag, neigt sich die ganze Welt abrupt nach rechts, die Kaffeetasse rollt davon, alles vollzieht eine einzige langsame Pendelbewegung, und als es ausgeschwungen hat, liegt alles wie vorher, nur ich bin abgestürzt.

Ich muss übers Geländer vom Balkon gefallen sein, denn mit einem Mal befinde ich mich in einem großen, sehr hohen Raum, in den nur durch ein einziges Fenster weit oben Tageslicht fällt. Die Wände sind massiv und gleichzeitig transparent, denn ich kann immer noch sehen, was draußen vorgeht, die spielenden Nachbarskinder, die ziehenden Wolken, mein lesendes Selbst, aber nichts davon ist mehr richtig, da ist ein Druck von irgendwoher, unter dem der Himmel zu summen beginnt, jetzt muss ich irgendetwas tun,* damit es aufhört, aber ich kann die Dinge nicht mehr klar erkennen.

 

*Aber was, aber was, aber was?

die Summe seiner Teile

In der Einzimmerwohnung nebenan wohnt eigentlich nur ein Mensch, aber in den letzten Tagen müssen mehr Leute da sein, durch die dünnen Wände höre ich sie und den Fernseher: lauter Männerstimmen, die sich ineinander verflechten, bis ich die Gruppe nur noch als ein einziges organisches Wesen denke. Morgens stehen sie gemeinsam auf, kein Laut ist zu hören, bis plötzlich alle Laute zu hören sind, und dann beginnt der polyphone Organismus zu arbeiten, Stimme über Stimme verkündet das Ineinandergreifen von Händen und Arbeitsgängen, und dann flutet dieses zusammengesetzte Wesen vor und zurück, von der Wohnung auf den Balkon, bald in seiner Gesamtheit, bald nur einen einzigen Menschen ausstreckend, und manchmal, sich in einem erregten Ansteigen der Stimmen dem Treppenhaus mitteilend, rollt das ganze Gewirr aus der Haustür ins Freie.

Ich stelle mir vor, dass jeder einzelne Teil dieses plappernden Komplex jenen nie hinterfragt; froh und selbstverständlich bilden sie etwas, das größer ist als jeder Einzelne, der darin aufgegangen ist.

Wer nochmal?

Gekappte Verbindung zu den Dingen, die mich ausmachen. Wenn ich mich vorstellen soll, verstumme ich.
Und, was machst du so im Leben? – Ich studiere, aber eigentlich mache ich gar nichts. Ich sitze zuhause und mache gar nichts. (Das soll man natürlich nicht sagen.)
Was hast du für Hobbies? – Ich… habe Hobbies. Aber gerade nicht. Gerade sitze ich nur zuhause und mache gar nichts. (Aber die Wahrheit soll man wieder nicht sagen.)
Wer bist du, was erwartest du von diesem Kurs, wie geht es dir und was braucht dein Körper? –  Ich bin gar niemand, ich erwarte nicht, ich erhoffe nur, nicht in Tränen auszubrechen, mir geht es nicht gut und mein Körper, mein Körper braucht, dass ich ihn nicht kaputt mache, mein Rücken ist steif vom vielen Sitzen und ich esse nur noch Unsinn.

Nächste Woche ein neues Erstgespräch.

 

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14.04.

Ich glaube, man nennt das Liebeskummer. Ich glaube, das ist normal.
Dich so zu vermissen, hab ich trotzdem nicht erwartet. Immerhin: Trauer und Wut sind handhabbare, klare Gefühle, eine kleine Erleichterung nach den Wirren der letzten Wochen.
Und was bliebe sonst schon zu sagen. Ich habe um dich geweint und wache mit verquollenen Augen auf. Obwohl das hier fast körperlich weh tut, fühle ich mich – anders. Irgendetwas ist zu Ende gegangen. Ich bin so erschöpft.

(Und natürlich überstrahlst du jeden anderen Mann, deine Erinnerung dröhnt sie alle nieder, keiner ist so schön wie du.)