15./16.05.

Bis ich heute bei meiner Psychologin sitze, zu der ich eine rasende Zuneigung gefasst habe wie ein verlorener, nasser kleiner Hund, den jemand ins Warme genommen hat, war das hier der Zustand der letzten Tage:
Ich gehe beständig unter einer Regenwolke. Klischee! Klischee! Das kennen wir schon! Ist aber so. Während ich mit einer Freundin Brownies backe, läuft mir die ganze Zeit Wasser in den Kragen. Der Regen pladdert derart laut, dass ich kaum verstehe, was sie mir erzählt, verarbeiten kann ich es schon gar nicht.
Ich verhalte mich, wie ich denke, dass jemand Normales sich verhalten würde. Dabei schlottere ich im Regen und brauche all meine Kraft, um mich nicht auch noch aufzulösen. Dankbar halte ich das Rührgerät und mixe, was sie mir hinstellt: das ist genau alles, wozu ich gerade fähig bin.

Später bin ich mit Freunden bei einem Vortrag, kann plötzlich nicht mehr und heule im Publikum vor mich hin. Meine Freundin guckt mich mitleidig an, ich überlege, ob ich gehen soll und entscheide mich dagegen, weil das hier mehr Kontakt zu Menschen ist, als ich die ganze letzte Woche hatte.
Danach gehen wir noch einen Wein trinken und ich gehe mit, weil ich an John Steinbeck und Jenseits von Eden denke: „Mache die Bewegungen, Adam!“
Die anderen sind Menschen, die ich gern habe; was sie reden, ist gut und wichtig und liebenswert, nur antworten kann ich nicht, weil der Regen schon wieder so laut ist, ich versuche nur, nicht schon wieder zu heulen, und bin dankbar, dass sie alle wissen, wie das ist und wie zerbrochen man manchmal sein kann – und dass sie fähig sind, mich auch als Scherben und Asche zu lieben.

Aber dann! fragt mich jemand nach Science-Fiction-Filmen, und die mag ich nunmal so, dass die Wolken plötzlich aufreißen, und für wunderbare fünf Minuten bin ich ein normaler Mensch mit einer Meinung, ich diskutiere hitzig über Westworld (lame) und Black Mirror (ging so) und The Girl With All the Gifts (hell yes), irgendwas gibt es also doch noch in mir, Kino kann ich, selbst wenn ich mich in Auflösung befinde.

Als letzte bleiben meine Freundin und ich noch für fünf Minuten sitzen, wir reden über den Abend, über den Regen und über den männlichen Mitauslöser für all meine Tränen, wir berühren uns, wir fahren nach Hause, sie sagt: Du bist nicht allein.

In meiner Wohnung hängen immer noch Wolken.

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Frau Doktor

Weil ich einen Konsiliarbericht für die Psychotherapie brauche, muss ich mir einen neuen Hausarzt suchen. Mein bisheriger war der Vogel, dessen Praxis halt drei Häuser weiter war. Ich zweifle trotz seiner lustigen bunten Hemden sehr an seiner Kompetenz und denke, das ist ein guter Anlass, den Arzt zu wechseln.

Deshalb sitze ich jetzt in einem esoterisch angehauchten Wartezimmer. Die Sprechstundenhilfe war lieb. Die sauteure Hängelampe ist der Hammer. Die Ärztin dann auch: ich erzähle ihr, wie es mir so geht, das ist furchtbar wie immer, und sie sagt: So krank sind Sie gar nicht. – Entschuldigung?!

Es stellt sich raus, damit wollte sie sowas sagen wie: ich bin mehr als meine Krankheit. Ja, schon klar, aber was glauben Sie denn, wer Sie sind, dass Sie mir nach fünf Minuten schon irgendwas über mich erzählen wollen? Und dann noch solche leeren Sprüche?

Wir in unserer Kultur, setzt sie an, und ich denke, JETZT kommt’s aber richtig, wir neigen ja auch dazu, sehr tief zu blicken. In uns und die Welt. Die junge Frau in Afrika macht sich ja auch keine Sorgen darüber, ob ihr Leben sinnlos ist. Die steht einfach auf und macht ihr Tagwerk.

Sind Sie blöd, denke ich. Die junge Frau in Afrika hat wahrscheinlich Aids und fragt sich, wie ihre vier Kinder ohne sie klarkommen werden. Und ihre Depression ist nur nicht diagnostiziert, weil der Arzt, der einmal die Woche im Dorf vorbeischaut, zu sowas gar nicht kommt.*

Leider hab ich nichts gesagt. Aber ob das nun eine Verbesserung zu dem Vogel mit den bunten Hemden ist, ist wirklich fraglich.

 

*Natürlich ist es Luxus, sich mit sich selbst so ausführlich beschäftigen zu dürfen wie wir hier. Natürlich steht außer Frage, dass es mir viel, viel besser geht als der jungen Frau in Afrika (wo in Afrika, übrigens? was für eine junge Frau?). Aber was ich aus dieser Aussage höre, ist eine Romantisierung eines „einfachen“, „ursprünglichen“ Lebens, das in Wahrheit knallhart ist. Und sich vermutlich in Strukturen abspielt, die ein Abweichen des Einzelnen vom Erwarteten gar nicht zulassen.

Sinn des Lebens

Jeder Tag geht so:

Ich wache auf und liege eine Stunde wach im Bett, weil ich nicht weiß, warum ich aufstehen sollte. Das ist keine Übertreibung. Es gibt einfach keinen Grund zum Aufstehen. Ich muss nirgendwo sein, ich hab keine Termine, ich kann nur müde lächeln, wenn andere sich über Feiertage freuen – ich wünschte, ich hätte sowas wie normale Wochentage. Ich wünschte, irgendwo in dieser Stadt würde es einen Unterschied machen, ob ich morgens um acht da bin oder nicht. Es ist aber wirklich vollkommen egal.

Irgendwann stehe ich halt auf. Die nächsten ein, zwei Stunden mag ich: ich höre Radio. Nebenher mache ich Frühstück, gesund und lecker, alles sehr vorbildlich, gut gemacht, dann frühstücke ich und lese nebenher in einem guten Buch, auch vorbildlich. Dann trage ich das leere Geschirr in die Küche, spüle ab, gehe ins Bad, ziehe mich an.

Dann kommt nichts mehr.

 

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Ich muss ja nirgendwo hin. Ich wünschte, ich müsste irgendwas. Ich müsste an die Uni, aber das geht nicht. Das geht jetzt einfach nicht mehr.

Den restlichen Tag verbringe ich damit, nicht weiter zu wissen. Wenn es endlich spät genug ist, gehe ich schlafen, natürlich schlafe ich schlecht, am nächsten Tag das gleiche Spiel, und am übernächsten, und an dem danach, und immer so weiter. Eine endlose Aneinanderreihung von Nichtigkeiten.

 

Frühlingsgewühl, 4

Aber ich weiß eigentlich schon, woraus dieser schwarze Quader besteht, den ich da im Wald vergraben habe. In seinem Innern ist er hohl und darin lebt ein kleines Tier mit großen, dunklen Augen. Es hat Hunger und kann nicht heraus.

Lass ich das jetzt da drin verhungern? Ist das eine Art, mit etwas Lebendigem umzugehen?

Ich höre es wimmern bis unter meine Decke.

Frühlingsgewühl, 3

Seit ich dich herausoperiert und im Wald vergraben habe, tut’s nicht mehr körperlich weh. Das hat also geklappt. Komme jetzt aber nicht drum herum, dich da zu hegen und zu pflegen, täglich zu gießen, wenn’s nicht regnet, vielleicht wächst ja doch noch was.

Außerdem ist jetzt diese Lücke in mir, dieser quaderförmige Hohlraum, Quader passen gar nicht zu mir, deshalb finde ich nichts, womit ich das jetzt wieder zumachen kann. Bis mir dafür eine Lösung einfällt, träume ich dich in jeder unbeaufsichtigten Sekunde. BEGEHREN.

Anmerkung

Deppen, die auf Reisen gehen, kommen halt als Deppen wieder. Als weitgereiste Deppen mit mehr Strandselfies, aber trotzdem. Okay, sie dürfen dann endlich mitreden, wenn es um die Gastfreundschaft fremder Kulturen geht, darum, wie warm und herzlich alle Menschen überall sind, wo nicht Zuhause ist – und man lernt ja so viel über sich selbst! Und man hat sich überhaupt erst selbst gefunden, da draußen! Denn in Deutschland kann man sich gar nicht selbst finden, wie denn auch, wenn in Südostasien die Menschen so viel einfacher leben! Der Hammer, wie wenig die haben brauchen! Und wenn man zurückkommt, darf man als echter Globetrotter außerdem lässig-selbstverständlich in jeden englischen Satz „you know, like, …“ einbauen. Cool!

Damit will ich sagen, dass man beim Reisen überhaupt nichts verstehen muss, wenn man nicht will. Und wer klug und offen und reflektiert genug ist, um in fremden Ländern was zu begreifen, der war auch vorher schon kein Depp. Also bleibt mir weg mit „Wirf alles hin und mach deine Weltreise. Jetzt!“, „Man sollte aber schon mal ein Jahr im Ausland gewesen sein“, woher will überhaupt irgendwer wissen, was ich sollte, aber ihr solltet alle mal die Klappe halten, ihr überheblichen verwöhnten kleinen Backpack-Kinder, Himmelherrgottnochmal.

 

(Das ist arg persönlich und verärgert und polemisch. Wir wissen das.)

 

Was für Zukunft?

Winter im Schwarzwald; Foto: Juliane Jastram

Ich gucke mal, was es in dieser Stadt so für Stellen gibt für Leute, die nix g’lernt ha’m: wenn ich jetzt der Uni Lebewohl sage, könnte ich einem fünftklassigen Fotografen assistieren. Oder in einem Schreibwarenladen arbeiten. Immerhin mag ich Schreibwaren. Ich könnte für diverse Unternehmen Sachen von A nach B fahren. Ich könnte – tada! – Taxifahrer werden.

Im Moment denke ich: alles besser als das, wie es ist. Bereu ich das dann? Und wann?

Vati wünscht sich was Anderes für seine kluge Tochter. Sie hätte Journalistin werden sollen, Auslandskorrespondentin am besten, sie spricht doch so viele Fremdsprachen und schreibt so gut, Sprache ist einfach ihr Ding, schon in der Grundschule war das so, außerdem finanziert er ihr jetzt das achte Jahr an der Uni, das kann doch auch nicht für die Katz‘ gewesen sein.

Die kluge Tochter weiß, dass sie klug ist und viele schöne Sachen kann. Aber sie hat gerade wirklich keinen Mut und keine Nerven und was man so braucht, um irgendwas ganz Tolles zu machen. Gerade geht’s eher ums Überleben. Zumal man die ganzen schönen Begabungen ja auch gepflegt haben muss, um irgendwen davon zu überzeugen, dass er einen fürs Begabtsein bezahlt, und ich hab gar nix gepflegt.

Ich weiß nicht, was ich machen soll.