17.09.

Morgen fahre ich nach Hamburg. Vor einer Woche hatte ich einen Fahrradunfall, bei dem mir wunderbarerweise nichts passiert ist, aber ich muss mich drum kümmern, Schmerzensgeld von der Frau zu bekommen, die schuld war; ich hab weder Wohngeld noch Führungszeugnis beantragt, brauche aber beides, die Fahrkarten sind noch nicht gedruckt und gepackt hab ich sowieso noch nicht, ich habe schon wieder alles so hingeschoben, dass es mich erdrückt.
Nervös vor der Zugfahrt bin ich außerdem, und wie soll ich denn alles machen: ich bin ein so seltsamer kleiner Mensch und alles kommt mir höchst fragwürdig vor, jeder Atemzug ist wert, sorgfältig geprüft zu werden auf Nutzen und Notwendigkeit, und dann eine Zugfahrt.

 

Ich habe mich, immerhin, exmatrikuliert (ja wirklich). Vielleicht muss man nicht alles sofort machen. Vielleicht hätte ich mich nicht gleich für drei Tanzkurse anmelden müssen. Vielleicht doch. Vielleicht nicht für das Ehrenamt. Vielleicht doch. Vielleicht ist es okay, für gewisse Dinge lange zu brauchen. Vielleicht nicht. Vielleicht geht es nicht anders. Vielleicht doch. Ich weiß nichts. Ich brauche einen anderen Job.

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Dass mich die neue Situation mit dem regelmäßigen Arbeiten ein bisschen stresst, merke ich unter anderem daran, dass der väterlicherseits vererbte Choleriker in mir durchschlägt. Ich kriege unverhältnismäßige Wutanfälle, die sich gegen das ganze Universum richten, vertreten durch ein Staubkorn, das nicht macht, was ich will. Dann brülle ich durch die Küche und haue mit der Faust auf den Tisch, was natürlich ganz unsinnig ist, aber es kommt mir sehr gerechtfertigt vor, so einen Knoten hab ich im Bauch.

Das mit dem Job muss sich schnell einpendeln, ich kann es gar nicht leiden, so unausgeglichen zu sein. Ich fange jeden Tag um zwei dort an und wenn ich um acht aufstehe, habe ich sechs Stunden Zeit, mir Stress zu machen, entschieden zu viel.

Ich ergreife eine proaktive, vernünftige Maßnahme und verabrede mich für morgen Vormittag zum Frühstück. Kein Stress bei Eiern und Brötchen, aber jeden Tag kann man nicht frühstücken gehen. Irgendwann werde ich abends wieder Tanzkurse haben, dann kann ich zumindest nach der Arbeit Spannung abbauen, aber bis dahin muss ich mir irgendwas einfallen lassen, ich werd noch ganz verrückt und der arme Küchentisch kriegt entschieden mehr Prügel, als er verdient.

Und heute Abend bin ich DJ auf einem Social. Zumindest bin ich ein Drittel der DJ-Besetzung, und auch nur in Vertretung, aber ich fühl mich nicht wirklich bereit dafür, weil ich immer noch nicht richtig verstehe, was Swingmusik ausmacht. Ich habe meine Laien-Anarcho-Playlist dabei und hoffe, es wird schon drauf getanzt werden. Das stresst mich aber auch.

Außerdem hab ich kein WLAN zuhause und komm nicht zum Bloggen, da fehlt entschieden ein Ventil. Himmel!

16.08.

Vielleicht ist der Job doch, was ich erwartet habe, nämlich erträglich, ohne zu nerven, eine okaye, anspruchslose Art, mich über Wasser zu halten, bis ich eine bessere Idee habe.

Die zehn Jahre jüngere Kollegin, die mich einlernt, legt mir zur Begrüßung die Hand auf den Rücken und säuselt: Hey, meine Liebe, alles gut bei dir? – Alter, denke ich, können wir bitte einfach ehrlich sein, niemand hat hier schon irgendwen lieb.
Dein erstes Wochenende bei uns!, ruft sie mir zum Abschied zu. Alter, denke ich, na und, und dass ich irgendwie schon ziemlich viele erste Wochenenden irgendwo hatte und meine Arbeitswoche eh nur aus zwei halben Tagen bestand, also wer wird denn gleich – . Irgendwie würde ich gern den ganzen Klimbim aus ihr rausstreichen, damit nur noch das Ehrliche und Wichtige übrigbleibt.

Ich muss den ganzen Tag über an Margaret Atwoods Elaine aus Cat’s Eye denken, die andere Frauen irgendwie nie leiden kann, sich nicht wohlfühlt unter ihnen, sie beurteilt wie ein strategisches Problem: ungefähr so fühle ich mich in der neuen Abteilung, ungeheuer sonderbar.

Aber danach gehe ich schwimmen, ich schwimme ruhig und gleichmäßig und meditativ und denke an meine beiden Sommer am See: diesen, zu dem das Verhältnis zu dir gehört hat, das mir jetzt auch so ruhig und gleichmäßig vorkommt; und den davor, in dem ich Stunde um Stunde, Tag für Tag mit jemand anderem hier war, um trotz der Hitze Lindy Hop zu trainieren, zu schwimmen, am Ende Pommes zu essen und stundenlang zu reden. Vielleicht war ich noch nie so doll in jemanden verliebt. Pommes essen ist auf jeden Fall ein Auswahlkriterium bei der Partnersuche.

Heute Morgen habe ich mit meiner Mutter telefoniert und es war nicht ganz so seltsam wie sonst. Ich bekomme lange Sprachnachrichten von meinem Bruder und von meinem Brieffreund (ich liebe euch beide und diese Reihenfolge ist völlig beliebig), die ich abhöre, während ich Frühstück oder den Abwasch mache, und fühle mich nah und geborgen. Heute habe ich kein Handy dabeigehabt und es auch nicht vermisst. Fünf Monate lang war es wichtig, weil ich deine Nachrichten sehen wollte, jetzt zieht mich nichts mehr andauernd vor den Bildschirm.

Bei meiner Freundin gieße ich die Blumen; gleich werde ich den ersten Mangold von ihrem Balkon ernten und ihn heute Abend mit den erstaunlich guten Pasta* essen, die ich bei Aldi gefunden habe.

Ich zeichne an einem großen, schillernd bunten Bild, auf dem alles noch etwas diffus aussieht. Genau so riecht mein neues Parfum, von dem ich nicht genug bekommen kann.

Ich habe jetzt einen großen weißen Blumentopf vom Flohmarkt. Da soll eins von den mehrjährigen Kräutern rein. Aber welches? Minze oder Oregano? Oder gar Zitronenmelisse? >>>>>>>>>Ihr entscheidet!<<<<<<<<<<<<<
(Das ist mein billiger Versuch, euch Kommentare zu entlocken.)
Und jetzt habt ihr hoffenlich alle einen wundervollen Abend, genau so, wie ihr ihn braucht, und dann wacht ihr auf und das Wochenende erstreckt sich vor euch wie eine Waldlichtung im Frühling, und indem ihr hindurchwandert, fühlt es sich auch so an.

 

*erst wollte ich schreiben: italienische Nudeln, dann habe ich überlegt, dass kultivierte Leute vielleicht Pasta schreiben würden. Es klingt auf jeden Fall wichtiger. Wichtige Nudeln.

 

Gestern: Auf dem Balkon wachsen die Heuschrecken

Ich gehe zum Tanzen auf den Schlossberg, eine Band ist da und spielt Swing zum Sonnenuntergang. Ich komme an und weiß nicht, wie ich mich mit den anderen verbinden soll, es ist niemand da, mit dem ich viel zu tun habe. Du zwar, aber vor ein paar Stunden habe ich unser Verhältnis beendet und deshalb stehst auch du für Gefühle von Allein- und Getrenntsein. Ich stehe am Rand und gucke zu und spüre, wie ich schrumpfe, gleich muss ich aufpassen, dass keiner auf mich drauftritt, ein flüchtig Bekannter sagt von der Seite: Hi, wie geht’s dir? – Gut, sage ich und will schreien: Ich fühl mich so einsam, ich sterbe gleich.

Dann fragt mich aber doch wer, ob ich tanzen will: du, das freut mich, wir reden kurz miteinander in Andeutungen, dann möchte jemand anderes mit mir tanzen und ab da tanze ich und muss nicht mehr reden, rede aber doch plötzlich mit jemand, der Essen mit mir teilt, tanze weiter, bis die Band aufbricht. Auf ein ganz langsames Lied tanzt jemand Blues mit mir: das kann ich kaum, es genügt gerade eben so, um das Stück zu überstehen, aber wir tanzen Körper an Körper und ich bin schlagartig ganz woanders, ich fliege, das ist abgedroschen, aber ich fliege, über der Tanzfläche und den anderen Tänzern, in der Nachtluft, im Mondlicht, jawohl. Das ist wie Sex ohne Sex, nur die Nähe davon, und ich denke: schön, von nun an werde ich Blues tanzen und den Rest vergessen.

Am nächsten Morgen zähle ich die Stunden, bis ich bei der Arbeit sein muss. Es ist der erste Arbeitstag und ich habe vergessen, mich zu exmatrikulieren. Ich bin durcheinander, von der Intensität der letzten Tage, in denen ich so viel alleine war – und bin froh, dass ich ab heute für vier Stunden täglich ein zusammenhängender Mensch unter anderen Menschen sein werde. Ich trage neues Parfum, das mich ganz nervös macht, weil es so gut riecht, und schwarzen Nagellack. Ich spiele eine andere Version von mir und schicke sie ins Büro.

Ach, stimmt.

Ich habe einen Abend für mich allein in meiner Wohnung. Etwas daran fühlt sich komisch an. Als wäre hier mehr allein-Gefühl als nur von einem Abend. Stimmt: drei solcher Abende am Stück, das ist eine Weile her.

Alleingelassen mit mir, rutsche ich ein bisschen unbehaglich im Sessel herum.

Viel Zeit zum Lesen?, sage ich schließlich.

Viel Zeit für mich!, platzt Grumpy dazwischen.

Ich und ich gucken ihn mit konsternierter Herablassung an. Um dich geht’s jetzt echt nicht, sage ich, und ich nicke. Es stimmt: in kontemplativer Stille wird Grumpy dünner, wie zu wenig Marmelade auf einem großen Brot; er ist am lästigsten, dicksten, lautesten, wenn ohnehin nicht genug Luft zum Durchatmen ist. Jetzt, da wir ihn gemeinsam böse anschauen, verschwindet er vollständig, hängt nur noch als Trübung vor der Lampe oder materialisiert sich kurz in einer kurzen Unruhe, wenn ich vor dem Einschlafen das Licht lösche. Jetzt muss er zu solchen subtilen Mitteln greifen: zum Verstellen der Uhrzeit, wenn ich im Bett lese, schau, schon so spät, zu kleinen Trägheiten, die nicht ins Gewicht fallen, denn wir sind allein, und niemand hat mehr Zeit als jemand, der niemand um sich hat.

 

Graureiher (5)

07.08.

Ich möchte einen Text schreiben, von dem ich nicht weiß, ob ich ihn hinkriege. Ich habe gefrühstückt: Pellkartoffeln mit rasch zusammengerührtem Tsatsiki, Käse, Tee und Kaffee. Was ich normalerweise frühstücke, vertrage ich gerade nicht wegen des abgesetzten Venlafaxins. Zwei Tafeln Schokolade liegen seit Tagen fast unberührt in meiner Wohnung, von Süßem wird mir schlecht, von Milch auch, von dem Kaffee – nur eine kleine Tasse, schwarz, und magenfreundlicher Espresso – seltsamerweise nicht. Erstes Mal, dass ich nicht Arabica trinke, schmeckt verrückt und gut und dunkel.

Ich lese Cat’s Eye von Margaret Atwood weiter und muss ein bisschen weinen dabei. Ich muss im Moment wegen ganz seltsamer Dinge weinen, auch das dem Entzug geschuldet: gestern nach dem Tanzen, ohne genau zu wissen, wieso. Oder heute bei einem Radiobeitrag – eine streng christliche Mutter erzählt von der ungewollten Schwangerschaft ihrer Tochter und wie sie sich dazu entschieden hat, sie trotzdem weiter zu lieben. Oder jetzt, wo ich von dem Radiobeitrag schreibe. Oder als ich lese, wie Margaret Atwoods Figur Elaine sich durch ihre Kindheit kämpfen musste – und durch die Kindheit ihrer Töchter.

Vor Wochen hab ich Kaffee getrunken mit einem schmalen, dunklen Musiker; gestern hab ich ihn beim Tanzen wieder getroffen und ihm erzählt, dass mein Date mich versetzt hat. Geh doch mal mit mir auf ein Date, sagt er, als wäre nichts dabei.

 

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03.08./Wuuusch

Ich habe den Tag ohne Venlafaxin eigentlich ziemlich gut überstanden, abgesehen von einer unbegründet aufkommenden Panik im Alnatura, dem wohl harmlosesten Ort der Stadt. Ich fühle mich immer noch leicht versetzt zur Position meines Körpers in der Welt und wenn ich die Augen stark bewege, höre ich immer noch ein „Wuuusch“, aber mir ist nicht mehr schlecht und heute Vormittag war ich geradezu euphorisch. Und: Sex fühlt sich wieder an wie Sex.

Ich glaube, ich habe geträumt, ich wäre ein Pinguin in sehr schlechtem Anstellungsverhältnis und wollte eine Art Arbeitskampf organisieren.

Vor einigen Tagen hat jemand hier in der Gegend Gülle ausgebracht. Da ich unterm Dach wohne, sind im Sommer praktisch immer die Fenster offen. Den Geruch, liebe Freunde, kriegt man tagelang nicht aus der Wohnung.

Ich beantrage die Grundreinigung meiner Wohnung. Grumpy lehnt wiederholt ab.

In zwei Wochen fange ich im neuen Job an.

 

Weidenzweige