Nein/Get out of my hair

Also wenn ihr alle so überzeugt davon seid, dass ein Klinikaufenthalt was ganz Tolles ist und ich auf keinen Fall meine Medikamente absetzen sollte, dann nehmt ihr doch mal Venlafaxin. Oder sperrt euch selber für sechs Wochen aus dem Leben, um vor und mit anderen die Hosen runterzulassen. Bock drauf?
Ihr sagt das doch nur aus Hilflosigkeit und weil ihr wollt, dass das Problem schnell weg geht, aber es geht halt nicht weg, das ist meine Psyche, die kann man nicht umtauschen, und man kann auch nicht schnell was draufkleben und dann ist für immer alles OK. Ich hab dieses Kackmedikament ausprobiert – ausprobiert!! – , weil ich nicht weiter wusste, und das Ergebnis ist, dass ich nicht weiß, ob es ein Ergebnis gibt. Geht’s mir besser? Keine Ahnung. Hat Grumpy sich verpisst? Natürlich nicht. Hab ich keine melancholischen Totalausfälle mehr? Doch! Also was, in Dreiteufelsnamen, spricht dafür, dass es ohne dieses Zeug schlimmer wäre? Dass ich nicht genauso gut ohne Antidepressivum an meinen Baustellen arbeiten könnte, weil sie mit und ohne ungefähr gleich groß sind? Und bitte, daran scheint sonst keiner zu denken, das Zeug ist halt einfach nicht gesund. Und ich hab keinen Bock auf die Nebenwirkungen und den Medikamentenwecker und das Gerenne zu irgendwelchen Ärzten für ein neues Rezept und den Stress, die Tabletten immer dabeizuhaben. Ich hab’s jetzt probiert und bin nicht überzeugt, Ende des Experiments.

Und die Klinik. Ist ja einfach, jemand da hinzuschicken, dann kommt sie zurück und alles ist besser, was für eine Erleichterung. Aber was soll’s denn helfen, wenn ich ein paar Wochen lang an einem realitätsfernen Ort Introspektive betreibe, um danach zurückzukommen und immer noch ich zu sein in einem Leben, das auch den Stärksten von uns bisweilen überfordert? Wieso soll das dann einfacher sein? Sind nicht die Fragen, vor denen ich gerade stehe, schlichtweg groß?

Ich will hier, vor Ort, in meinem Leben lernen, wie ich auf mich aufpassen kann, damit die Depression nicht mehr den Ton angibt. Ich will aufhören, über mich nachzudenken, als wär ich krank. Es gibt Sachen, die mir schwer fallen, und welche, die mir wirklich sehr schwer fallen, aber ich hab keinen zu behebenden Defekt, sondern eine Persönlichkeit und ich weigere mich von jetzt an, zu sagen, diese Persönlichkeit sei krank oder gestört oder beschädigt. Schwierig, meinetwegen. Aber ich werd mein Leben lang damit auskommen müssen, und ich werde nicht mein Leben in Krankheit verbringen.

 

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24.10.

Ich hab die Wäsche gewaschen, den Blumen zu trinken gegeben, ein paar Bücher ins offene Bücherregal gestellt, was für die Uni gemacht, mich für die Jobbörse freischalten lassen UND den Abwasch gemacht. Brav! Ich darf mich entspannen.

Morgen fahr ich endlich doch zu meinen Eltern, weil mein Vater nach einem leichten Schlaganfall im Krankenhaus liegt. Ich will vor allem mit ihm schimpfen, weil er damit noch Auto gefahren ist.

Mir geht’s erstaunlich gut.

Kackscheiße

Meine Freundin ist einer der allerbesten Menschen, die ich je kennen werde. Sie ist ungeheuer fähig und bereit, in die Beziehungen zu anderen Menschen ganz viel von sich hineinzugeben, sie hat das größte und beste Herz von allen und kämpft mit wütendem Idealismus darum, es nicht an der rauhen Welt abzuschleifen, sie ist klug und sensibel und einfühlsam und impulsiv und lebendig und großzügig und liebevoll und ein riesengroßes Wunder, und sie ist das geworden, obwohl das Leben ihr alles Mögliche in den Weg geworfen hat. Sie ist stark und zerbrechlich und wenn jemand das Glück in rauhen Mengen verdient hat, dann ganz bestimmt sie.

Und dann wird diese hinreißende Persönlichkeit von irgendwelchen besoffenen Typen auf dem Heimweg belästigt, die fassen sie an und als sie sich wehrt, werden sie sauer und schreien, dass man sie mal durchficken sollte, ohne dass sie ihnen irgendwas getan hätte, einfach nur, weil sie eine Frau ist, irgendeine beliebige Frau, die gerade da vorbeikam und nicht einfach runterschlucken wollte, dass ihr ein Fremder auf den Arsch haut.

Und alles, was sie ist, zählt dann nicht mehr, nicht ihre Großzügigkeit und Klugheit und Lebendigkeit und Güte, schon dass sie ein Mensch ist, gilt kaum noch, sie ist einfach das fickbare Ding, das stillhalten soll, wenn ein Mann ihm an den Hintern will, weil er den geil findet, nicht sie, nur den Hintern, und ich bin so wütend.

Ich bin so, so wütend, dass unsere Gesellschaftsordnung so ist, dass einem wunderbaren, liebenswerten Menschen wie ihr so etwas passieren muss, ohne dass sie irgendetwas dafür könnte. Und dass so viele Männer es immer noch nicht für nötig halten, über diese Gesellschaftsordnung nachzudenken, weil sie zu bequem dafür sind, aber das MÜSSEN sie, weil Frauen daran allein einfach nichts ändern können, wann kommt das endlich in den blöden Männerhirnen an? Warum haben meine eigenen Brüder keine Lust, über solche Fragen nachzudenken, weil sie ja in der bequemen Situation sind, nicht betroffen zu sein? Warum finde ich mich plötzlich in der klischeehaften Rolle der hysterischen Feministin wieder, wenn ich versuche, mit (den meisten) Männern darüber zu reden, dass da wirklich Sachen nicht OK sind? Warum muss ich bestimmte Erniedrigungen, Einschüchterungen, Bedrohungen aushalten, nur weil die Person, die ich bin, zufällig in dem Körper einer Frau steckt? Das ist so ungerecht.

 

Ich hab mich mit dem Feminismus nie wirklich auseinandergesetzt. Ich will nur einfach, dass man mich als Persönlichkeit und als ganzen Menschen behandelt, egal, wie mein Körper aussieht, den ich mir nicht ausgesucht habe, und ich will, dass das auch für alle anderen Frauen und alle anderen Menschen in irgendwelchen Körpern gilt, weil niemand so eine Scheiße verdient hat.

16.08.

Das Leben ist so groß. Schon meine kleine Wohnung ist ein Universum an Dingen, auf die ich achtgeben muss, und erst die Welt da draußen! Ich muss ganz langsam gehen, damit ich nichts von dem fallen lasse, was ich mit beiden Armen gerade eben tragen kann, aber manchmal möchte ich allen Mut verlieren, so weit ist der Weg, so viel will ich mitnehmen.

 

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Teufel oder Beelzebub

Habe die Wahl: will ich wegen der Hitze nicht schlafen (Balkontür zu) oder wegen der Geräusche und Gerüche meiner Nachbarn (Balkontür auf)?

 

Hab ich ein Recht, denen zu sagen, dass sie leiser sein sollen? Dass sie die Balkontür zumachen und in der Wärme sitzen sollen, damit ich es leise hab? Dass sie sich woanders treffen sollen, wenn sie nicht leise reden können? Ich muss doch auch schlafen können.

Kaputt

Vor drei Tagen habe ich meinem Loch gesagt, dass ich nicht hineinfallen werde. Seither hängt es in meiner Wohnung herum und guckt, ob ich das durchziehe. Heute morgen bin ich aufgewacht, da saß es in meinem Schaukelstuhl und hat gefragt: Na, wie wär’s jetzt? – Ach, dann komm halt her, sage ich.
Wir verbringen den Tag zusammen auf dem Balkon und sind böse unter dem blauen Sommerhimmel und machen gar nichts.
Mein Tanzpartner, mit dem ich für später verabredet bin, schreibt mir, dass er zu spät kommt, weil sein Reifen ein Loch hat.
Ich doch auch, denke ich.