19.07.

Ich habe sonnige Laune und häng bei dir rum, bis du gehst; dann gucke ich die Internetseite vom örtlichen Lindy Exchange an, auf das sich alle schon total freuen und es geht eh einfach jeder hin, und kurz halte ich es für möglich, auch mitzumachen (die Fotos vom letzten Jahr! so was Schönes!), aber dann passiert was in mir, was mit Lindy Hop und Gruppen und Zugehörigkeit und Einsamkeit und Angst und dem Gefühl zu tun hat, es mag und braucht mich eh keiner, und zack, liege ich wieder im Loch von vorgestern.

Bei diesem Exchange gibt’s eine Fahrt mit einer alten Dampflok(!!!!!!!!!!). Ich will unbedingt Dampflok fahren und einfach dabei sein und mich wie ein normaler Mensch fühlen, aber was ist, wenn ich gerade an den relevanten Tagen überhaupt kein Mensch bin? Man kann nie wissen, als was man aufwacht, Gregor oder Schabe, und Schaben sind in den meisten Zügen nicht gern gesehen.

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It’s not the fall that kills you, it’s the sudden stop

Neben dem Bett steht ein neuer Wecker, queroval, orange, retro, und er wird mich für immer an jemand erinnern, mit dem ich auf dem Flohmarkt war (um diesen Wecker zu finden, den ich im Vorjahr auf demselben Markt nicht gekauft habe), mit dem ich ein Wochenende verbracht habe aus Schweiß und Küssen und Körpern und Sommerhitze, Schlaflosigkeit und Freude und Enge, mit dem ich den Übergang von Fremdheit zu Vertrautheit vollzogen habe; der kein Band aus Nüchternheit und Zynismus um sein Herz geschlagen hatte, der bereit war, mir wirklich zu begegnen; mit dem ich gelacht habe, dessen Anwesenheit mir erstaunlich und wundervoll vorkam, der auf dem Flohmarkt eine Lampe gekauft hat, ebenfalls orange, ebenfalls retro, und dem von unserem Wochenende nur diese Lampe bleiben wird, wie mir nur der Wecker bleibt; diese beiden, und ein plötzlicher, wütender Schmerz.

 

Dieses Lied hab ich bisher für Blödsinn gehalten, aber jetzt passt es, so.

 

13./14.06.

Ein winziger, zerdrückter Vogel bin ich und sitze bei dir und piepse „Ich bin verwirrt und fürchte mich“, eine endlose Litanei aus traurigen kleinen Tönen, du hörst mir zu und fütterst mich, aber ich werd immer kleiner und die Welt ist groß und zum Schaudern.
Erst, als wir nebeneinander im Bett liegen und jedes in sein Tagebuch schreibt, dein Bein auf meinem, und ich mir auf zweieinhalb Seiten jede einzelne Frage aus dem Leib geschrieben habe und du das Licht ausmachst und wir anfangen, uns zu berühren: da höre ich auf, ein Vogel zu sein, und erinnere mich an meinen warmen, lebendigen Körper einer Frau. Ich freu mich so an dir in deinem Körper und jetzt bin ich froh, noch immer, am nächsten Morgen bei der Arbeit.

Das andere ist noch da, alle Fragen, jede Sorge, aber jetzt hab ich ein kleines warmes Licht gegen den drückenden Nebel. Grumpy setzt eine Macho-Maske auf und sagt: Musstest nur mal richtig durchgevögelt werden, hm? – Ich hau ihm eine runter.

Hürde

Wir könnten tanzen gehen, sage ich zu Grumpy. Das Wetter ist okay und die Leute tanzen draußen!

Grumpy packt meine Hand und zerrt mich weg von der Tür. Nein nein nein nein nein, sagt er hastig. Überleg doch mal, da sind Menschen! Wir wissen gar nicht, wer überhaupt da ist, vielleicht kennen wir keinen? Vielleicht mögen die uns nicht? Was ist, wenn wir nicht ins Gespräch kommen? Die anderen sind bestimmt ganz entspannt und locker, aber wir sind so komisch, wir sollten lieber nicht hingehen. Ja, lass uns hier bleiben! Hier ist es sicher.

Ich gucke auf ihn runter. Er hält immer noch meine Hand fest, damit ich nicht losgehen kann. Es könnte aber auch cool sein, sage ich. Wir könnten einfach vorbei gehen und Hallo sagen, so wie richtige Menschen. Dann tanzen wir ein bisschen und dann ist alles okay und wir gehen wieder und freuen uns, weil wir mutig waren?

Nein nein, jammert Grumpy. Das ist viel zu schwierig für uns! Oh, und außerdem, du bist noch erkältet.

Hm, stimmt, sage ich. Er wittert seine Chance und ruft, Na siehst du, tanzen wäre ganz schlecht für dich! Bleib zuhause, trink Tee mit mir, ja?

Aber es wäre so gut, es zu versuchen, sage ich. Es wäre einfach richtig gut, es würde sich toll anfühlen.

Grumpy hält immer noch meine Hand und schüttelt panisch den Kopf; und da stehen wir jetzt.

Traum

Ich träume, dass ich ein Kind gebäre.
Ich habe eben erst herausgefunden, dass ich schwanger bin, und denke: Ach, daher der dicke Bauch. Ich weiß, wer der Vater ist, nur spielt er gar keine Rolle; aber Freunde sind da und kümmern sich um mich, die ganze Zeit über, von dem Moment an, da ich von meiner Schwangerschaft erfahre, bis zum Ende im Krankenhaus. Einer davon ist mein Bruder.

Ich hab kein Kind gewollt und fürchte mich vor der Geburt, die unmittelbar danach folgt: ich kriege Bauchweh und gleichzeitig Panik, weil ich nicht weiß, in welches Krankenhaus ich soll, ich rufe meine Freundin an, die sich auskennt, und telefoniere lauter Kliniken durch, die alle keinen Platz mehr haben, bis auf eine, draußen wartet schon das Taxi und ich klettere hinein, mit Freunden, Bruder und einer großen weißen Bettdecke, die ich um meine Beine geschlungen habe, damit das Taxi keine Flecken kriegt.

Im Krankenhaus kümmern sich ein Arzt und eine Krankenschwester um mich, beide sind nett und beruhigend, ich liege in einem großen weißen Bett und fürchte mich, obwohl ich weiß, dass ich jetzt aufgehoben bin. Schockmoment: Wenn Sie intravenös ein Schmerzmittel verabreicht bekommen, dürfen Sie drei Monate lang nicht tanzen, steht auf einem Plakat. Ich flehe die Krankenschwester an, mir das Mittel irgendwie anders zu verabreichen, weil ich unmöglich so lange nicht tanzen kann, aber noch während wir diskutieren, ist schon alles vorbei: mein Kind ist da und alle gehen aus dem Zimmer, um es zu versorgen. Ich bleibe in den blutigen Decken zurück und denke, ich muss jetzt einfach ganz lange so liegen bleiben, dann ist alles wieder gut. Mein Körper wird wieder gut.

Immerhin ist es eine Tochter geworden, sage ich später zu irgendwem am Telefon. Das Kind, meine Tochter, aber kommt im ganzen Traum überhaupt nicht vor, ich sehe es nicht und halte es nicht, ich überstehe nur irgendwie, dass es zur Welt kommt. Aber ich such ihm einen Namen aus. –

 

Beim Aufwachen bin ich so aufgewühlt, dass ich ganz dringend mit jemand darüber reden will, aber es hat gerade keiner Zeit, der es auch verstehen würde. Warum hab ich das geträumt, was bedeutet das, bedeutet es was?

Berlin

 

Sich doch was draus machen

Wenn man müde ist, verpasst man: bis spät nachts mit den Kinokollegen zusammensitzen, oder nach der Schicht noch eine Runde tanzen gehen, oder beides.

Am andern Morgen fühlt sich das für mich an, als wären da Dinge geschehen, die ich nie wieder aufholen kann, nie werde ich richtig dazugehören im Kino, nie bei den anderen Tänzern so ankommen wie du, der du einfach alleine tanzen gegangen bist, und ich kann mir tausendmal sagen, dass ich wirklich ins Bett musste, ich hab trotzdem Angst davor, dass mich keiner mag und braucht, wenn ich eh nie da bin.

Druck, Druck, Druck

Im Kino gewesen, nur fast geweint. Weil der Film intensiv und traurig war, kommt die Welt draußen mir roh und falsch vor, bloß die Kälte tut gut. Es fällt Schnee und auch das tut gut, ich fahre nach Hause und mache Tee.
In mir ist nichts übrig, was ich anrühren könnte, ohne dass mir alles um die Ohren fliegt. Ich trinke den Tee im Dunkeln, weil das erträglich ist; meine Mutter hat versucht, mich anzurufen, aber ich kann nicht mit ihr reden. –

Morgen ist ein Tag mit Plänen, aber Pläne kommen mir schrecklich vor, und danach ist kein freier Tag mehr bis Mittwoch. Ich kann nicht, ich kann nicht.