24.01.

Es ist schwer, Du plötzlich mit einem neuen Leben zu teilen, das Aufmerksamkeit und Zeit beansprucht, während in meinem Leben noch gleich viel Raum für ihn ist. Was die Entfernung mit mir macht, kann ich erst zugeben, als ich an allen möglichen Stellen in belanglosen Filmen und Büchern zu weinen anfange, denn ich weine nie beim Lesen.*

Ich teile nicht gerne, ich bin eifersüchtig und gierig und lerne großzügiges Vertrauen in mühsamen kleinen Schritten, und: schwindelerregend, dass Du mir so wichtig ist.

 

*Ausnahmen: treue Hunde und Pferde, die sterben, und das Ende von Hemingways In einem andern Land.

Positionsbestimmung

Das Jahr ist neu und mein Leben wird anders.

Vor einem Jahr habe ich noch im Kino gearbeitet und nicht gewusst, dass ich nach einer Episode im Wahlamt als Telefonistin in einem Startup herauskommen würde. Jetzt habe ich zum ersten Mal einen festen Job und bin finanziell unabhängig – gerade eben so, aber doch. Außerdem habe ich mir vorgenommen, jetzt wenigstens einmal ernsthaft zu versuchen, was draus zu machen, dass ich gut zeichnen kann, und selbst wenn daraus nichts wird, traue ich mir mehr zu als einen möglichst anspruchslosen Aushilfsjob. Ich will Herausforderungen. Ich will Geld – jedenfalls mehr.

Vor einem Jahr war ich noch als Studentin eingeschrieben. Saß ich noch an meiner Masterarbeit oder hatte ich sie schon aufgegeben? Ich vermisse mein Studium nicht, auch wenn Momente daraus zu meinen besten Erinnerungen gehören – Ideen, Inspiration, Wissen, Erkenntnis, Begeisterung und Staunen, die Studienfahrt nach Rom. Die Begeisterung für Kunst und die Neugier auf die ganze Welt bleiben mir auch ohne Abschluss.

Vor weniger als einem Jahr etwa habe ich angefangen, um Lindy Hop zu kämpfen, nachdem die Freundschaft zu meinem Tanzpartner zu schmerzhaft wurde. Der Bruch mit ihm bedeutet noch immer, dass ich allein zu Socials gehe, wo ich mich fehl am Platz fühle, die Leichtigkeit beim Tanzen ist mir abhanden gekommen und zugleich begegne ich ihm in der überschaubaren Szene dauernd wieder. Ich bin müde vom Kämpfen, das nicht leichter wird, und frage mich, ob Lindy Hop und ich eine Beziehungspause brauchen. Dafür entdecke ich Blues, den ich so großartig wie einschüchternd finde.

Vor einem Jahr stand mir der Moment des endgültig gebrochenen Herzens noch bevor, was meinen Tanzpartner angeht; während das verheilte, hatte ich eine Freundschaft Plus und ein, zwei Dates ohne größere Folgen und als ich mich am 31. August im Fernbus angeregt mit meinem Nebensitzer unterhalten habe, habe ich ihm deshalb auch erzählt, dass ich mich für unverkuppelbar, wenn nicht beziehungsunfähig halte. Vier Monate später finde ich meine Lieblingsstadt blöd, weil er daraus weggezogen ist.

Vor einem Jahr war ich mir sicher, dass ich nie mehr von hier weg möchte, und wenn, dann ganz vielleicht nach Hamburg; jetzt, wo mein älterer Bruder wieder in die Nähe meiner Eltern gezogen ist und Du ebenfalls, freue ich mich drauf, nach Stuttgart zu ziehen, in diese verstockte alte Feinstaubstadt.

Vor einem Jahr war ich noch in Therapie und habe jeden Morgen ein Antidepressivum gegessen; jetzt fühle ich mich ziemlich stabil und selbst mein Skin Picking ist besser. Ich habe keine Angst.

Und vor einem Jahr hätte ich nicht geglaubt, dass in einer meiner ältesten und wichtigsten Freundschaften ein so tiefes, beidseitiges Schweigen entstehen könnte.
So viel zu 2019.

 

13.11.

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Du will mir helfen, mehr zu zeichnen, oder: Künstlerin zu werden. Du ist jetzt mein fester Freund und ich hab Angst, ihn zu brauchen. Er motiviert mich und freut sich über meine Bilder, hat Ideen, was ich damit machen könnte und will mir bei der Umsetzung helfen – und wirklich zeichne ich jetzt wieder mehr. Kehrseite: wenn wir zur falschen Seite dieses schmalen Grats herabfallen, wird Du zu einer externen treibenden Kraft, die mich unter Druck setzt und nervt. Oder er übernimmt Verantwortung für etwas in meinem Leben, wofür ich allein verantwortlich sein sollte.

Und dann ist es aber auch einfach schön, nicht allein vor diesem Berg zu stehen. Ich fühl mich zu feige und zu schwach, allein hinaufzugehen, und es ist schön, wenn jemand mitkommt, wirklich mitkommt, aber wenn er mir dabei zu viel abnimmt, gehört mir der ganze Berg nicht mehr. Bilder mit Bergen sind nicht sehr originell, aber ich habe den ganzen Abend mit mir selbst gekämpft und bin zu matt und mutlos für etwas anderes als Berge.

Meine Mutter schickt ein Foto von unserem Hund in die Familiengruppe, so niedlich, dass ich mich doch noch ans Zeichnen mache. Das Ergebnis lass ich gelten, selbst in der aktuellen Stimmung.

Alles muss anders werden. Ich mag meinen Job nicht. Alles ist sehr viel auf einmal, wenn es um Veränderung geht. Ich bin froh über Dus Hilfe und traue dieser Entwicklung nicht, weil ich nicht weiß, ob ich den Übergang von Hilfe zu Abhängigkeit mitbekommen werde.

Ich schicke meiner Mutter die Zeichnung vom Hund und rufe Du an, um über Abhängigkeit zu reden.

Macht euch keine Sorgen

Es ist nichts übrig geblieben: Hier ist öde Dunkelheit, selbst der Wind ist gestorben.

Ich weine und höre Du sagen: Wenn du meinst, dass du nichts kannst, dann kannst du eben nichts, und ich sehe vor meinem inneren Auge, wie ich mich zusammenreiße, um der Beleidigung zu begegnen. Ich reiße mich zusammen, ich bin stark.

Es ist anstrengend, die ganze Zeit stark zu sein. Was ist das für ein Leben, das verschwindet, wenn ich aufhöre stark zu sein? Hätte ich nicht gnädigerweise ein anderer Mensch werden können? Wozu mir Verstand und Talent mitgeben, wenn ich nichts davon benutzen kann, weil Überleben alles ist, wohin ich reiche?

Ich weine, und mein Weinen ist nutzlos, weil ich morgen aufstehen und arbeiten werde und am Wochenende werde ich tanzen, ich werde unter Menschen sein wie ein Mensch, und für alles davon werde ich mich sehr stark machen müssen, aber ich bin so klein und die Welt tut so weh. Vielleicht ist das hier alles, vielleicht wird es nie leichter, oder schöner, oder besser. Das sagt man nicht laut, weil die Menschen es nicht ertragen. Ich ertrage es auch nicht, aber ich ertrage auch die Hoffnungen nicht, die eine nach der anderen leise verwelkt sind, jetzt habe ich nachgemachte Hoffnung, die nicht echt ist. Ich habe nichts, woran ich glauben kann. Nichts fühlt sich an, als wäre es möglich, das hier ist zu wenig, aber wie soll ich an mehr kommen mit diesen schwachen Beinen und den winzigen Händen und einem Herzen, das seine eigene Existenz anzweifelt.

Warum muss es so sein, dass ich schöne Dinge kann, denn ich kann sie nicht benutzen und so wiegen sie wie Blei, und was soll ich jetzt tun, wenn fürs Tun keine Kraft mehr ist, weil ich vernünftigerweise arbeite, und Glaube und Hoffnung sind verschwunden.

Ich mag diesen Text nicht. Ich mag nicht, wie ihn manche Leute lesen werden. Ihr müsst euch keine Sorgen machen, ich weiß wirklich nicht, was ich mit Sorgen anfangen soll.

Narziss geht tanzen

Gestern bin ich nicht tanzen gegangen, weil es doch nicht ging. Am Höhepunkt der Selbstverachtung schreibt Du, wie es mir geht, und am Ende fahre ich noch zu ihm, um mir den Abend von der Seele zu reden. Das hilft, und am nächsten Tag geht es mir besser, sodass ich es zum Dreh des Musikvideos schaffe, vor dem ich mich fürchte (ich schaffe es auch, weil ich vorher verabredet bin und also aus dem Haus gehen muss). Ich fürchte mich dann auch die ganze Zeit über, während wir drehen: weil ich denke, jemand wie ich dürfte da gar nicht sein, jemand so kaputtes, der es nichtmal zu den socials schafft und keine coolen moves hat und eh nicht tanzen kann. Ich fürchte mich vor den Leuten, die mitmachen, weil viele davon länger oder besser tanzen als ich, oder weil ich denke, sie finden mich komisch. Ich fürchte mich davor, das Video am Ende zu sehen und nicht zu mögen, wie ich aussehe. Ich fürchte mich davor, nicht gemocht zu werden, überflüssig zu sein, unerwünscht, seltsam, störend/störend, weil ich seltsam bin. Ich gehe davon aus, dass jeder im Raum genug auf mich achtet, um mich seltsam finden zu können.
Unterm Strich ist der Dreh für mich mehr Stress als Freude, aber ich will neugierig bleiben und Sachen ausprobieren und lernen, mich weniger zu stressen und mehr zu freuen, Amen.

12.10./Bestandsaufnahme

Seit neuestem weiß ich nicht mehr, wie ich hier schreiben soll. Es kommt mir vor, als müsste jedes Wort vor einem Leser bestehen, der mir nicht glaubt. Deshalb glaube ich mir auch nicht, obwohl das alles stimmt:

Heute war ein Tag mit Potential, den ich habe vergehen lassen, ohne mich zur bewegen. Draußen waren freundliche Kastanien, die man vielleicht noch sammeln kann, und Licht und Waldwege in der Herbstsonne. Aber ich war so müde.

Ich hab mich an meine Arbeit gewöhnt. Ich habe eine Kollegin, die meine feste Nebensitzerin geworden ist, und ich hatte bisher keine Tage, an denen ich gar nicht hingehen konnte. Ich habe zwei von vier Tanzkursen wieder abgesagt, weil das zu viel war, merke aber trotzdem, dass ich in der übrigen freien Zeit schwerer Dinge tun kann. Mein Rücken ist ganz steif von so viel ungetanen Dingen und fleht nach Bewegung.

Ich zwinge mich, mich wieder zu einem Teil der Lindy-Hop-Szene zu machen. Heute Abend ist ein Social und ich gestatte mir nicht, daheim zu bleiben. Ich melde mich freiwillig für den Auf- und Abbau bei zukünftigen Veranstaltungen. Und morgen dreht eine Swingband aus der Stadt ein Musikvideo, in dem ein paar Leute tanzen sollen: ich habe gesagt, dass ich mitmache, und jetzt muss ich auch. Ich bin trotzdem sicher, dass mich keiner will oder braucht, aber ich will mich öfter so spüren, wie ich mich beim Tanzen spüre.

Ich denke auch, dass niemand diese Texte will oder braucht, und dass ich deshalb vielleicht einfach mit dem Schreiben aufhören sollte. Anscheinend bin ich kein ausreichender Grund für mich, irgendetwas zu tun.

Du ist mehr verliebt in mich als umgekehrt. Als ich ihm das gestehe, sagt er, das sei ihm von Anfang an klar gewesen, aber es mache keinen Unterschied. Etwas zwischen uns ist trotzdem echt. Er sagt: Du machst mich glücklich. Ich staune über seine Reaktion; überhaupt hab ich großen Respekt vor ihm und freu mich darauf, ihn wiederzusehen. Er fordert mich heraus, ohne mich unter Druck zu setzen, und ich erprobe an ihm, wer ich bin.

Ich habe Joker gesehen und fühle mich Arthur Fleck nahe, wie ich mich König Saul bei Rembrandt nahe fühle, zerbrochenen, tragischen Figuren, für die es auf der ganzen Welt keine Rettung gibt. Aber sie sind nicht wirklich, und durch die Distanz der kunstvollen Erzählung, die niemals vorgibt, etwas anderes zu sein, ist ihre Tragik schön und mitreißend und kathartisch; tags drauf sehe ich Systemsprenger, der sich viel realer anfühlt, und dieser Film tut weh.

Ich müsste mich bei Leuten melden, Kontakt halten, was anstrengend ist, aber es ist noch anstrengender, den Kontakt zu mir selbst zu halten. Ich hab ihn weder in der Fülle meines Alltags noch in der lethargischen Stille, in der ich mich weigere, mir selbst zuzuhören. Gleich hinter meiner Straße fängt der Wald an, der mir gut tun würde: das weiß ich und rühr mich nicht vom Fleck.

Lass mich runter

Heute existiere ich nur in sehr geringem Maße. Jemand stolpert steif durch den Tag, den ich entworfen habe, aber ich bin nicht dabei.

Das hat mit dem Tanzen zu tun, oder: am Tanzen wird es ablesbar. Ich gehe seit dem Sommer immer seltener zu Socials (das sind freie Tanzabende), weil ich immer überzeugter bin, dass mich dort keiner braucht und vermisst, außerdem habe ich immer größere Angst, dass ich mich schrecklich fühlen würde, fehl am Platz, unpassend, merkwürdig, einfach verkehrt, jemand, der am besten gar nicht erst gekommen wäre, ich komme also nicht.
Wenn ich erst dort wäre, wäre es wahrscheinlich nicht so schlimm, wie ich denke, und selbst wenn es schlimm wäre, hab ich das auch schon hundertmal überstanden. Aber ich fühl mich zu allein und zu verletzlich und zu wenig, und mit jedem Mal, das ich nicht hingehe, wird es schlimmer. Dagegen muss ich was tun und weiß nicht, was.

Und dass ich mich beim Tanzen so wenig fühle, ist sicher anwendbar auf alles andere: auf die Angst, die mir die Welt einjagt, als ich bloß spazieren gehe, dieser furchteinflößende Selbstverständlichkeit aller Menschen, mit der sie sich befinden und bewegen und Raum einnehmen und sprechen, während ich, stumm, der Sprache wirklich nicht mehr fähig, wie ein Gespenst über den Weg treibe, ohne den Boden zu berühren oder sonst in der Welt verhaftet zu sein.

 

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