Alle Tage wieder

Heute ist Uni. Grumpy sagt, es ist völlig ausgeschlossen, dass wir da hingehen. Nächste Woche vielleicht! Jetzt sind wir einfach noch nicht so weit.

Er liegt noch faul im Bett und stinkt vor sich hin. Ab unter die Dusche!, kommandiere ich, und er guckt mich misstrauisch an und überlegt, so gründlich, dass wir schon seit einer halben Stunde den Wecker auf snooze schalten, statt aufzustehen.

Uni ist gar nicht so schlimm, versuche ich ihn zu überzeugen. Außerdem geht es so nicht weiter, mit der ewigen Verpasserei. Aus dem Bett mit dir!

Er guckt bitterböse, aber er schlurft wirklich ins Bad, um sein Gestinke wegzuduschen.

Mal sehen, ob es klappt mit der Uni.

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Verpiss dich endlich

Grumpy geht mir SO auf die Nerven. Jeden Tag macht er sich schwerer, als er ist, damit ich mache, was er sagt: im Bett bleiben und mich im Internet verstecken, damit ich nicht dran denke, dass ich eigentlich versuchen wollte, ein Leben zu leben.
Das kostet nämlich Kraft und Mühe und Willen, und Grumpy will die nicht aufwenden.
Er lässt zuhause alles stehen und liegen und sagt: Schau, das ist der Beweis, dass wir komplett überfordert sind, wir kommen ja nichtmal dazu, das Geschirr zu spülen.
Er kommt mit zur Arbeit und triumphiert, sobald mir was schiefgeht: Siehste? Du kannst das gar nicht! Bald schmeißen sie dich wieder raus. Gott sei Dank.
Er kommt mit zum Tanzen und steht kopfschüttelnd am Rand und fragt mich im Vorbeigehen: Du bist am schlechtesten von allen, ich weiß gar nicht, wieso dein Tanzpartner überhaupt noch mit dir tanzen will? Aus Höflichkeit. Doch nur aus Höflichkeit.
Er guckt sich meine Probezeichnungen für das Projekt am Samstag an und rümpft die Nase. Und dafür nimmst du Geld? Hast du das verdient?

Er ist so bockig, er will nichtmal seine Tabletten nehmen, er macht alles schwierig und scheiße und ich hasse ihn.

Es hilft ja nichts

Ich will keine Kirchenmaus mehr sein und der in Aussicht gestellte Job steht da seit einem halben Jahr und ich kann nicht mehr warten. Ich hab aber Angst vor der Jobsuche und dass sie mich stressen könnte und dann alles wieder kaputt geht. Ich hab Angst vor einem neuen Job und dass er mich stressen könnte und dann alles wieder kaputt geht.
Kein Geld haben stresst mich und macht auch alles kaputt.

Diesmal

… träume ich, neben anderen wirren Geschichten, in denen es um Leben, Tod und die Suche nach dem richtigen Weg geht, von einem Kind und einem bösen Geist. Der Geist will das Kind holen, aber seine Eltern können es beschützen, durch die einfache Tatsache, dass sie liebende, entschlossene Eltern sind. Dann aber kommt eine Nacht, in der sich nicht verhindern lässt, dass sie für ein paar Stunden fortgehen und das Kind zurücklassen müssen, und zum Aufpassen an ihrer Stelle schicken sie: mich.
Das Schlimme daran ist, dass ich weiß, ich bin dafür nicht stark genug und das Kind ist bei mir nicht sicher. Die Eltern wissen es ebenfalls, es geht nur nicht anders, es ist sonst wirklich, wirklich niemand da, aber am allerschlimmsten: das Kind weiß es auch.
Im Dunkeln halte ich es im Arm und tue so, als könne ihm dadurch nichts geschehen, und das Kind, stumm, tut so, als sei das wahr. Dabei wissen wir beide, dass ich gegen den Geist völlig nutzlos bin und wenn er auftaucht, ist es, in meinen Armen, ganz und gar verloren.

Schwere Kost, Nacht für Nacht.

Nichts geht mehr

Der Hund ist weg aus der Wohnung und ich bin weg aus mir. Unbelebt liegt mein Körper auf dem Bett und wartet darauf, dass ich vorbeikomme, um ihn zu bewegen, aber ich komme nicht, ich bin nicht da, und er weiß nicht, wie er alleine aufstehen soll.

Ich träume von einer Hinrichtung, die im letzten Moment verhindert wird, und fühle mit dem Verurteilten: nackte Angst, Ohnmacht, Ausgeliefertsein, zu groß, um über die absurde Rettung etwas empfinden zu können, was sich in Worte fassen ließe. In dieser Leere bleibe ich den ganzen Tag hängen.

Mission

Es ist aber unumgänglich, dass ich mich heute aus dem Haus bewege, obwohl ich einen Fahrradunfall hatte und mein Knie wehtut, denn erstens habe ich jetzt lange genug auf dem Balkon gesessen und das Bein geschont, und zweitens habe ich ja mir selbst und der Klinik und meiner Therapeutin erklärt, dass ich eben doch meinen Masterabschluss haben will. Und den kriege ich nicht auf dem Balkon. Da studiere ich Blumen und Käfer, aber keine Kunstgeschichte.

In die Bibliothek gehen fühlt sich immer so groß an. Nicht wie etwas Alltägliches, sondern wie eine Aufgabe, die außergewöhnlichen Mut erfordert, also schön: ich werde mein Siebensachen packen und auf alles vorbereitet sein, ich werde mich bewaffnen und rüsten und wappnen und auf meinem Streitross aufbrechen wie gegen einen bösen Drachen, ich werde furchtlos blicken und innerlich zittern und streiten und siegen und einen Sessel im Lesesaal erobern und besetzen.

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Leere und Verneinung

Manchmal wache ich morgens auf und weiß nicht, wo ich bin. Ich sehe die Dachschräge und glaube, ich sei in meinem alten Zimmer bei meinen Eltern, bis ein Ruck durch den Morgen geht und ich erkenne, diese Schräge ist eine andere und auch das Fenster ist nicht das Alte, ich bin in meiner neuen Wohnung und meine Eltern sind nicht hier.

Nach Tagen woanders immer das Gleiche: die Freude auf Zuhause, ein Glücksmoment beim Wiedersehen mit der kleinen Wohnung, dann schwillt das ab und tropft an mir herunter und übrig bleibt eine Müdigkeit, die größer ist als ich.
Ich sag mir, das ist in Ordnung, aber ich weiß nicht, wie ich machen soll, dass sich diese Erschöpfung nicht so schlimm anfühlt, so absolut.

Die Tabletten bringen irgendetwas durcheinander, tragen mich weiter, als ich laufen kann, ich bin aufgedrehter, als ich mich sonst kenne, freue mich leichter und Menschen sehen mich auf der Straße an, weil ich vor mich hin lächle. Das ist schön, aber es sind große Extreme zwischen Frohsinn und Erschöpfung; ich schlingere wie ein Dampfer in schwerer See, der kaum auf Kurs zu halten ist. Kann sich das bitte einpendeln. Wo zwischen Depression und Venlafaxin lieg ich? Und wer ist das Ich, das da rumliegt?