11.11./JETZT

„Haben Sie das Gefühl, Sie kommen mit dem Medikament wieder auf ein Level, auf dem Sie sich so gut fühlen wie früher?“, fragt meine Psychiaterin.

Die Frage ist falsch gestellt. Ich antworte, dass ich mich eigentlich nie einfach gut gefühlt habe, aber was ich wirklich denke, was in prallen bunten Lettern in meiner Brust aufsteigt wie Luftballons, was ich mich auszusprechen nicht getraue, ist: Es ist sehr möglich, dass das bis jetzt die beste Zeit in meinem ganzen Leben ist.
Und es ist so voll, dieses Leben: voller, als es je gewesen ist, voller, als ich überhaupt für möglich gehalten habe. Ich fahre auf dem Fahrrad nach Hause und freue mich über dies funktionierende Stück Mechanik, die mich freier und froher macht, und der Abend mit Freunden fährt mit, und die neue Arbeit mit den neuen Leuten fährt mit, und das Tanzen fährt mit, und dass ich meine Familie habe, fährt mit, und ein gutes letztes Jahr fährt mit, ganze Welten fahren mit und über mir fahren die Sterne, sie fahren freihändig und plötzlich muss ich weinen, weil mir die schiere Fülle einen solchen Schrecken einjagt.

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Kurs auf Eisberg

Was machst du für Sachen?

Das hier mache ich:
Heute Abend ist ein Wohnzimmerkonzert in einer befreundeten WG, das ich mitorganisiere. Und morgen, gleich nachdem wir den Musiker versorgt und zum Bahnhof gebracht haben, fahre ich zu meinen Eltern.
Knapp, aber machbar, vielleicht, nur: mein Körper ist müde und unerholt, am Mittwoch habe ich meine letzte Tablette genommen und es nicht geschafft, mir ein neues Rezept für die nächsten zu holen, die letzte Nacht war zu kurz, die nächste wird es auch, ich muss noch packen, ich soll Auto fahren, die WG dekorieren, und meine Wohnung sieht seit Wochen aus wie Scheiße.
Es ist alles zu viel, ich bin völlig fertig, ich weiß nicht, was der Mangel an Schlaf und Venlafaxin in meinem Organismus veranstalten, aber ich kann gerade so aufrecht sitzen, mein Kopf ist nicht klar und mein Körper ist es auch nicht.
Was gestern noch Vorfreude auf das Konzert und den Abend mit Freunden war, ist jetzt blanke Panik, ich hab gedacht, ich kann das, ich hab Angst gehabt, ich könne es doch nicht, ich merke, ich kann’s wirklich nicht.

Aber jetzt ist es da. Wie soll das gehen.

Wirbel

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.
Bei alten Freundinnen, die mir auf der Hochzeit gestern und im Briefkasten plötzlich wieder über den Weg gelaufen sind, und der neuen Freude, sie wiederzusehen?
Bei dem Liebeskummer, den ich nicht umhin komme auszusprechen, anzusprechen, weil ich keine neuen Löcher und Leerstellen in mein Leben reißen will?
Bei den Begegnungen gestern und einem sommersprossigen kleinen Jungen und den wunderbaren Frauen, bei der Überraschung, dass eine Feier mit über hundert Leuten auch für mich ein schöner Abend sein kann?

So viel. Ich hab der Klinik abgesagt. Meine neuen Tabletten sehen komisch aus. Lustiger, aber auch weniger essbar. Ich bin müde.

Leere und Verneinung

Manchmal wache ich morgens auf und weiß nicht, wo ich bin. Ich sehe die Dachschräge und glaube, ich sei in meinem alten Zimmer bei meinen Eltern, bis ein Ruck durch den Morgen geht und ich erkenne, diese Schräge ist eine andere und auch das Fenster ist nicht das Alte, ich bin in meiner neuen Wohnung und meine Eltern sind nicht hier.

Nach Tagen woanders immer das Gleiche: die Freude auf Zuhause, ein Glücksmoment beim Wiedersehen mit der kleinen Wohnung, dann schwillt das ab und tropft an mir herunter und übrig bleibt eine Müdigkeit, die größer ist als ich.
Ich sag mir, das ist in Ordnung, aber ich weiß nicht, wie ich machen soll, dass sich diese Erschöpfung nicht so schlimm anfühlt, so absolut.

Die Tabletten bringen irgendetwas durcheinander, tragen mich weiter, als ich laufen kann, ich bin aufgedrehter, als ich mich sonst kenne, freue mich leichter und Menschen sehen mich auf der Straße an, weil ich vor mich hin lächle. Das ist schön, aber es sind große Extreme zwischen Frohsinn und Erschöpfung; ich schlingere wie ein Dampfer in schwerer See, der kaum auf Kurs zu halten ist. Kann sich das bitte einpendeln. Wo zwischen Depression und Venlafaxin lieg ich? Und wer ist das Ich, das da rumliegt?

Lektion in Löchern

Ich lerne, indem ich auf die Nase falle: Die Pillen richten auch nicht alles. Wenn ich mich übernommen habe, habe ich mich übernommen, und dann haut das nach wie vor ordentlich rein und ich habe sehr wohl noch tüchtige Tiefs. Zu viel getanzt, zu viel geschwommen, zu wenig geschlafen, zu viel erlebt: das fordert einen Tribut von zwei Tagen, an denen gar nichts geht.

Jetzt muss ich weitermachen, aber besser aufpassen – auf mich, auf meinen Körper, auf meine Kräfte, ich muss lernen, wie viel zu viel ist und wie ich mir Ruhe gönne, bevor es zu spät ist. Da soll mich die Therapeutin unterstützen, die ohnehin wissen möchte, was ich von der Therapie erwarte.

Ich hab so einen schönen Abend verpasst dadurch. Die anderen zeigen Fotos vom Tanzen bei Sonnenuntergang, über der Stadt auf einer Höhe mit dem Himmel, das muss traumhaft gewesen sein. Eine Band sitzt auf Stühlen zwischen den Tänzern, die Atmosphäre wirkt so beschwingt und heiter und, trotz des schnellen Tanzes, irgendwie gelassen nach der tobenden Hitze des Tages. Ach.

Löcher stopfen

Normalerweise geht das mit den Löchern so: wenn eines kommt, werfe ich mich kopfüber hinein, mach den Deckel zu und bleibe mit Keksen und Netflix so lange drin, wie ich muss, meistens zwei, drei Tage.

Seit Neuestem klappt das nicht mehr. So sehr ich es versuche, ich kann da unten einfach nicht ruhig sitzen bleiben, und statt ein ordentliches Loch zu haben, wie es sich gehört, werde ich zappelig und muss irgendwann genervt den Deckel wegschieben. Das dürften dann die Tabletten sein. Gar nicht so schlecht.

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28.06.

Faustregel: je mehr ich blogge, desto mehr ist im Argen.

Das Antidepressivum macht, dass mir schlecht ist, was schonmal gegen meinen Schokoladenkonsum hilft. Alles andere wird sich erst in ein paar Wochen zeigen.
Die Klinik schreibt mir, dass sie mich auf die Warteliste setzt. Was?, denke ich, Nein, ich hab doch keine Ahnung, ob ich wirklich zu euch will. Ihr seht sehr unheimlich aus, von hier. – Sie schicken einen seitenlangen Fragebogen mit. Ich werfe einen Blick auf die letzte Seite: „Was sind Ihre Befürchtungen bezüglich Ihres Aufenthalts bei uns?“ Ach, denke ich, alles, und lege den ganzen Schrieb beiseite.

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