Always crashing in the same car

Ich komm immer zu spät und manchmal komm ich gar nicht – aber das gilt auch für alles, was nur mich betrifft: Rechnungen, Einkäufe, Anrufe, Ämtergänge, alles mach ich eigentlich erst, wenn es schon viel zu spät ist. Oder ich mach es gar nicht und verkompliziere mir alles.

Zum Beispiel so: In der Apotheke gestern hatten sie zwar das Venlafaxin vorrätig, nur konnten sie es mir wegen irgendeines Problems mit der Software nicht aushändigen (??). Aber zuschicken, bis zum nächsten Tag. Das wäre heute gewesen, angekommen ist nichts, und weil ich mich im Leben immer verspäte, hatte ich gestern natürlich auch schon keine Tabletten mehr: Zwei Tage ohne, mir ist schlecht und schwindelig und ich weine schnell, aber übermorgen müsste ich spätestens aus dem Gröbsten raus sein. Wo ich nunmal schon im Entzug stecke, fange ich dann überhaupt wieder an, das Zeug zu nehmen?

Ich bin nämlich auch eine Meisterin des passiven Widerstandes und habe einen riesigen Widerwillen gegen dieses Medikament, die Abhängigkeit und die Nebenwirkungen. Will sagen: vielleicht ist mir dieser Zwischenfall sogar willkommen. Ob ich ihn absichtlich herbeigeführt habe, weiß ich nicht, aber billigend in Kauf genommen, dass er sich ereignen könnte: Ja.

 

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Nein/Get out of my hair

Also wenn ihr alle so überzeugt davon seid, dass ein Klinikaufenthalt was ganz Tolles ist und ich auf keinen Fall meine Medikamente absetzen sollte, dann nehmt ihr doch mal Venlafaxin. Oder sperrt euch selber für sechs Wochen aus dem Leben, um vor und mit anderen die Hosen runterzulassen. Bock drauf?
Ihr sagt das doch nur aus Hilflosigkeit und weil ihr wollt, dass das Problem schnell weg geht, aber es geht halt nicht weg, das ist meine Psyche, die kann man nicht umtauschen, und man kann auch nicht schnell was draufkleben und dann ist für immer alles OK. Ich hab dieses Kackmedikament ausprobiert – ausprobiert!! – , weil ich nicht weiter wusste, und das Ergebnis ist, dass ich nicht weiß, ob es ein Ergebnis gibt. Geht’s mir besser? Keine Ahnung. Hat Grumpy sich verpisst? Natürlich nicht. Hab ich keine melancholischen Totalausfälle mehr? Doch! Also was, in Dreiteufelsnamen, spricht dafür, dass es ohne dieses Zeug schlimmer wäre? Dass ich nicht genauso gut ohne Antidepressivum an meinen Baustellen arbeiten könnte, weil sie mit und ohne ungefähr gleich groß sind? Und bitte, daran scheint sonst keiner zu denken, das Zeug ist halt einfach nicht gesund. Und ich hab keinen Bock auf die Nebenwirkungen und den Medikamentenwecker und das Gerenne zu irgendwelchen Ärzten für ein neues Rezept und den Stress, die Tabletten immer dabeizuhaben. Ich hab’s jetzt probiert und bin nicht überzeugt, Ende des Experiments.

Und die Klinik. Ist ja einfach, jemand da hinzuschicken, dann kommt sie zurück und alles ist besser, was für eine Erleichterung. Aber was soll’s denn helfen, wenn ich ein paar Wochen lang an einem realitätsfernen Ort Introspektive betreibe, um danach zurückzukommen und immer noch ich zu sein in einem Leben, das auch den Stärksten von uns bisweilen überfordert? Wieso soll das dann einfacher sein? Sind nicht die Fragen, vor denen ich gerade stehe, schlichtweg groß?

Ich will hier, vor Ort, in meinem Leben lernen, wie ich auf mich aufpassen kann, damit die Depression nicht mehr den Ton angibt. Ich will aufhören, über mich nachzudenken, als wär ich krank. Es gibt Sachen, die mir schwer fallen, und welche, die mir wirklich sehr schwer fallen, aber ich hab keinen zu behebenden Defekt, sondern eine Persönlichkeit und ich weigere mich von jetzt an, zu sagen, diese Persönlichkeit sei krank oder gestört oder beschädigt. Schwierig, meinetwegen. Aber ich werd mein Leben lang damit auskommen müssen, und ich werde nicht mein Leben in Krankheit verbringen.

 

11.11./JETZT

„Haben Sie das Gefühl, Sie kommen mit dem Medikament wieder auf ein Level, auf dem Sie sich so gut fühlen wie früher?“, fragt meine Psychiaterin.

Die Frage ist falsch gestellt. Ich antworte, dass ich mich eigentlich nie einfach gut gefühlt habe, aber was ich wirklich denke, was in prallen bunten Lettern in meiner Brust aufsteigt wie Luftballons, was ich mich auszusprechen nicht getraue, ist: Es ist sehr möglich, dass das bis jetzt die beste Zeit in meinem ganzen Leben ist.
Und es ist so voll, dieses Leben: voller, als es je gewesen ist, voller, als ich überhaupt für möglich gehalten habe. Ich fahre auf dem Fahrrad nach Hause und freue mich über dies funktionierende Stück Mechanik, die mich freier und froher macht, und der Abend mit Freunden fährt mit, und die neue Arbeit mit den neuen Leuten fährt mit, und das Tanzen fährt mit, und dass ich meine Familie habe, fährt mit, und ein gutes letztes Jahr fährt mit, ganze Welten fahren mit und über mir fahren die Sterne, sie fahren freihändig und plötzlich muss ich weinen, weil mir die schiere Fülle einen solchen Schrecken einjagt.

Kurs auf Eisberg

Was machst du für Sachen?

Das hier mache ich:
Heute Abend ist ein Wohnzimmerkonzert in einer befreundeten WG, das ich mitorganisiere. Und morgen, gleich nachdem wir den Musiker versorgt und zum Bahnhof gebracht haben, fahre ich zu meinen Eltern.
Knapp, aber machbar, vielleicht, nur: mein Körper ist müde und unerholt, am Mittwoch habe ich meine letzte Tablette genommen und es nicht geschafft, mir ein neues Rezept für die nächsten zu holen, die letzte Nacht war zu kurz, die nächste wird es auch, ich muss noch packen, ich soll Auto fahren, die WG dekorieren, und meine Wohnung sieht seit Wochen aus wie Scheiße.
Es ist alles zu viel, ich bin völlig fertig, ich weiß nicht, was der Mangel an Schlaf und Venlafaxin in meinem Organismus veranstalten, aber ich kann gerade so aufrecht sitzen, mein Kopf ist nicht klar und mein Körper ist es auch nicht.
Was gestern noch Vorfreude auf das Konzert und den Abend mit Freunden war, ist jetzt blanke Panik, ich hab gedacht, ich kann das, ich hab Angst gehabt, ich könne es doch nicht, ich merke, ich kann’s wirklich nicht.

Aber jetzt ist es da. Wie soll das gehen.

Wirbel

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.
Bei alten Freundinnen, die mir auf der Hochzeit gestern und im Briefkasten plötzlich wieder über den Weg gelaufen sind, und der neuen Freude, sie wiederzusehen?
Bei dem Liebeskummer, den ich nicht umhin komme auszusprechen, anzusprechen, weil ich keine neuen Löcher und Leerstellen in mein Leben reißen will?
Bei den Begegnungen gestern und einem sommersprossigen kleinen Jungen und den wunderbaren Frauen, bei der Überraschung, dass eine Feier mit über hundert Leuten auch für mich ein schöner Abend sein kann?

So viel. Ich hab der Klinik abgesagt. Meine neuen Tabletten sehen komisch aus. Lustiger, aber auch weniger essbar. Ich bin müde.

Leere und Verneinung

Manchmal wache ich morgens auf und weiß nicht, wo ich bin. Ich sehe die Dachschräge und glaube, ich sei in meinem alten Zimmer bei meinen Eltern, bis ein Ruck durch den Morgen geht und ich erkenne, diese Schräge ist eine andere und auch das Fenster ist nicht das Alte, ich bin in meiner neuen Wohnung und meine Eltern sind nicht hier.

Nach Tagen woanders immer das Gleiche: die Freude auf Zuhause, ein Glücksmoment beim Wiedersehen mit der kleinen Wohnung, dann schwillt das ab und tropft an mir herunter und übrig bleibt eine Müdigkeit, die größer ist als ich.
Ich sag mir, das ist in Ordnung, aber ich weiß nicht, wie ich machen soll, dass sich diese Erschöpfung nicht so schlimm anfühlt, so absolut.

Die Tabletten bringen irgendetwas durcheinander, tragen mich weiter, als ich laufen kann, ich bin aufgedrehter, als ich mich sonst kenne, freue mich leichter und Menschen sehen mich auf der Straße an, weil ich vor mich hin lächle. Das ist schön, aber es sind große Extreme zwischen Frohsinn und Erschöpfung; ich schlingere wie ein Dampfer in schwerer See, der kaum auf Kurs zu halten ist. Kann sich das bitte einpendeln. Wo zwischen Depression und Venlafaxin lieg ich? Und wer ist das Ich, das da rumliegt?

Lektion in Löchern

Ich lerne, indem ich auf die Nase falle: Die Pillen richten auch nicht alles. Wenn ich mich übernommen habe, habe ich mich übernommen, und dann haut das nach wie vor ordentlich rein und ich habe sehr wohl noch tüchtige Tiefs. Zu viel getanzt, zu viel geschwommen, zu wenig geschlafen, zu viel erlebt: das fordert einen Tribut von zwei Tagen, an denen gar nichts geht.

Jetzt muss ich weitermachen, aber besser aufpassen – auf mich, auf meinen Körper, auf meine Kräfte, ich muss lernen, wie viel zu viel ist und wie ich mir Ruhe gönne, bevor es zu spät ist. Da soll mich die Therapeutin unterstützen, die ohnehin wissen möchte, was ich von der Therapie erwarte.

Ich hab so einen schönen Abend verpasst dadurch. Die anderen zeigen Fotos vom Tanzen bei Sonnenuntergang, über der Stadt auf einer Höhe mit dem Himmel, das muss traumhaft gewesen sein. Eine Band sitzt auf Stühlen zwischen den Tänzern, die Atmosphäre wirkt so beschwingt und heiter und, trotz des schnellen Tanzes, irgendwie gelassen nach der tobenden Hitze des Tages. Ach.