Erstarren

Meine Wohnung, das Aufwachen, in einer Beziehung sein und mich nicht verschließen, mein Job, dieser Tag, der nächste Tag, die nächste Woche, ich:

unerträglich.

Ich will nur Frieden, einmal im Leben will ich Frieden.

 

Und an die, die das lesen und sich Sorgen machen: ihr habt kein Recht auf eure Sorgen. Ihr solltet wissen, dass ich da durchkommen werde, ihr solltet mir vertrauen und anerkennen, dass man manche Dinge so schonungslos sagen muss. Das macht sie lange nicht absolut, und das solltet ihr wissen.

Das Bild zum Beispiel.

Kristof Kintera, All my bad thoughts. Schwer anzuschauen, und vielleicht poste ich es aus Trotz, um die zu verunsichern, die sich verunsichern lassen durch diesen Blog. Grrrr.

(Ich kann dieses Kunstwerk auch nicht lange anschauen. Das finde ich cool dran, diese Grenzüberschreitung, die eigentlich nur ehrlich ist.)

Oktober ohne Gold

The one you are today
Is you until you rot
And it won’t ever stop
And it won’t ever stop

– Majical Cloudz, Change

 

Irgendwann werde ich zurückblicken und sagen, das war eine schwere Zeit, ein grauer Herbst; aber er ist vorbei und ich bin noch hier.
Jetzt aber ist es nicht leicht, mich nicht mit dem Regen aufzulösen und meine Straße hinabzurinnen – in einem bunten Schillern vielleicht, einem fröhlichen Aufatmen über Richtung und Bewegung, die ich mir selbst nicht geben kann.

Ich will mich lenken wie eine Marionette, um die Zeit zu überstehen, bis ich wieder in mir wohne und von selbst gehen kann, aber unten an den Fäden hängt ein boshafter Kobold mit einer Schere von Silber.

 

28.09.

Essen und schlafen Sie doch wenigstens ordentlich, hat mein erster Therapeut gesagt. Dann ist zumindest Ihr Körper fit und macht nicht alles noch schlimmer.

Ich schlafe viel zu wenig und esse zu ungesund und zu unregelmäßig, ich merke seit Tagen, wie mir die Kraft ausgeht und schleppe mich trotzdem immer weiter, quer durchs Leben, nur um nicht hinhören zu müssen. Ich weiß nicht einmal, ob es was Schlimmes zu hören gäbe, aber ich will mich einfach nicht mit mir an einen Tisch setzen, ich will nichts von mir wissen, ich möchte da sein, aber ohne mich. Ich müsste immer alles anders machen, ich müsste besser zu mir sein und achtsamer und öfter vernünftig, ich müsste mich hinsetzen und zuhören und rauskriegen, was eigentlich in dieser Leere wohnt, ich müsste schlafen und schlafen und mehr richtige Sachen essen und mich auseinandersetzen – mit dir und dir und dir und mir, endlich mit mir, vernachlässigt, verhungert, verkümmert, mach, dass es weg geht, mach mich ganz.

Wie wohltuend das sein müsste: mich am Stück zu fühlen und nicht wie jemand, der sich ständig um jemand anderen kümmern muss. Steh auf, wasch dich, zieh dich an, trink genug und pack deine Sachen, vergiss nichts, und ich kümmere mich solange um die Formulare, die Überweisungen, den Haushalt; und versuch zu sein wie ein Mensch, sprich und lächle und was Menschen so tun.

 

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Zeitlupe

Die Küche ist unter Wasser, deshalb kann ich mich nicht so schnell bewegen, und es schwimmen Fische hindurch, die mich ablenken, die bunten Schwärme, die finsteren Raubfische: kein Wunder, dass ich es noch nicht geschafft habe, mir was zu essen zu machen. Das Essen ist ja auch unter Wasser und wie ich den Kühlschrank aufmache, schwimmt alles davon und Muscheln setzen sich in den Fächern fest.

Felsgrund

Du willst nicht schlafen, weil der Augenblick im Bett vor dem Lichtausmachen der einzige ist, wo du in Sicherheit bist. Du willst nicht essen, weil du jedes Verhältnis zur Welt verloren hast und es sich falsch anfühlt, Dinge aus dieser Welt in deinen Körper aufzunehmen. Du gehst zu Bett ohne zu wissen, wie du die Stunden seit Feierabend verbracht hast. Du sprichst mit Leuten und versuchst so zu reden, wie du geantwortet hättest, bevor du nicht mehr da warst.

Vierter Juli

Ich habe Geburtstag, aber ich bin nicht da. Grumpy stupst meine leere Hülle an und guckt, wie sie vom Stuhl fällt.

Du hättest halt besser aufpassen müssen, sagt er altklug in den leeren Raum. Ich hab dir gesagt, mach mal langsam, und was machst du? Schnell.

Ich weiß, murmle ich dumpf aus einem versteckten Winkel tief in meinem Bauch.

Erst so ein anstrengendes Wochenende, zählt Grumpy auf, und dann der lange Arbeitstag am Dienstag, und kannst du eigentlich mal wieder eine Nacht lang richtig schlafen? Ich bin wirklich müde, und du auch, und deinen Muskelkater will ich auch nicht haben.

Ja ja, knurre ich aus der Tiefe. Ich weiß. Heute mache ich Pause.

Lügnerin!, ruft Grumpy. Du hast nur Glück, dass deine Freundin abgesagt hat, sonst wäre heute auch wieder zu viel los. Guck mal, – er platscht mit dem Löffel vorwurfsvoll in meinem Müsli herum – , Was ist das denn? Zu müde zum Essen, schon wieder?! Ist das dein neues Ding oder was?

Mag nicht, murmle ich.

Das geht nicht, sagt Grumpy. Nicht mögen ist mein Gebiet. Soll ich jetzt auf dich aufpassen oder was? Ich bin deine Depression, nicht deine Mama.

Vielleicht musst du aber aufpassen, sage ich und tauche wieder ein bisschen auf. Wegen der Achtsamkeit.

Ach komm, sagt Grumpy. Das nimmst du mit aus der Therapie? Das hätte dir jeder Hipster sagen können. Oder jeder mit ein bisschen gesundem Menschenverstand.

Ist aber so, sage ich. Du bist mein Warnzeichen. Ab jetzt. Los.

Du hörst ja nicht auf mich!, ruft Grumpy. Undankbare Scheißaufgabe!

Ich hör jetzt auf dich, behaupte ich, obwohl wir beide wissen, dass das nicht stimmt.

Ja toll, sagt Grumpy. Iss dein blödes Frühstück. Und leg das Handy weg.

Wie soll ich denn

Gestern war ich nicht auf der Arbeit. Ich hatte schon alles gepackt und musste nur noch Schuhe anziehen, da habe ich mich stattdessen nochmal zu Grumpy ins Bett gelegt, und der hat mich nicht mehr gehen lassen. Dabei ist auf dem Wahlamt jetzt Hochbetrieb und ich weiß, selbst zwei Stunden verspätet wäre es immer noch hilfreich, wenn ich hinginge. Ich denke an meine Kollegen, die ich im Stich lasse, und bleibe trotzdem, wo ich bin, weil Grumpy sich an mir festklammert und inzwischen hundert bleierne Tonnen wiegt.

Und heute das Gleiche. Heute schaffe ich es!, denke ich beim Aufstehen, und ich freu mich darauf, Gestern und Grumpy hinter mir zu lassen, aber dann stolpere ich doch und falle in mich hinein, unten am Boden hockt Grumpy und reckt verzweifelt die Arme zum Licht.

Ich komm nicht raus!, sagt er, Ich bin zu klein und zu schwach. Und meine Kollegen sitzen im Wahlkeller und sortieren Briefumschläge, sitzen am Schalter und geben dem letzten großen Ansturm Wahlscheine aus, fragen sich, wie sie das schaffen sollen, und ich würd ihnen so gern helfen.