Vierter Juli

Ich habe Geburtstag, aber ich bin nicht da. Grumpy stupst meine leere Hülle an und guckt, wie sie vom Stuhl fällt.

Du hättest halt besser aufpassen müssen, sagt er altklug in den leeren Raum. Ich hab dir gesagt, mach mal langsam, und was machst du? Schnell.

Ich weiß, murmle ich dumpf aus einem versteckten Winkel tief in meinem Bauch.

Erst so ein anstrengendes Wochenende, zählt Grumpy auf, und dann der lange Arbeitstag am Dienstag, und kannst du eigentlich mal wieder eine Nacht lang richtig schlafen? Ich bin wirklich müde, und du auch, und deinen Muskelkater will ich auch nicht haben.

Ja ja, knurre ich aus der Tiefe. Ich weiß. Heute mache ich Pause.

Lügnerin!, ruft Grumpy. Du hast nur Glück, dass deine Freundin abgesagt hat, sonst wäre heute auch wieder zu viel los. Guck mal, – er platscht mit dem Löffel vorwurfsvoll in meinem Müsli herum – , Was ist das denn? Zu müde zum Essen, schon wieder?! Ist das dein neues Ding oder was?

Mag nicht, murmle ich.

Das geht nicht, sagt Grumpy. Nicht mögen ist mein Gebiet. Soll ich jetzt auf dich aufpassen oder was? Ich bin deine Depression, nicht deine Mama.

Vielleicht musst du aber aufpassen, sage ich und tauche wieder ein bisschen auf. Wegen der Achtsamkeit.

Ach komm, sagt Grumpy. Das nimmst du mit aus der Therapie? Das hätte dir jeder Hipster sagen können. Oder jeder mit ein bisschen gesundem Menschenverstand.

Ist aber so, sage ich. Du bist mein Warnzeichen. Ab jetzt. Los.

Du hörst ja nicht auf mich!, ruft Grumpy. Undankbare Scheißaufgabe!

Ich hör jetzt auf dich, behaupte ich, obwohl wir beide wissen, dass das nicht stimmt.

Ja toll, sagt Grumpy. Iss dein blödes Frühstück. Und leg das Handy weg.

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Wie soll ich denn

Gestern war ich nicht auf der Arbeit. Ich hatte schon alles gepackt und musste nur noch Schuhe anziehen, da habe ich mich stattdessen nochmal zu Grumpy ins Bett gelegt, und der hat mich nicht mehr gehen lassen. Dabei ist auf dem Wahlamt jetzt Hochbetrieb und ich weiß, selbst zwei Stunden verspätet wäre es immer noch hilfreich, wenn ich hinginge. Ich denke an meine Kollegen, die ich im Stich lasse, und bleibe trotzdem, wo ich bin, weil Grumpy sich an mir festklammert und inzwischen hundert bleierne Tonnen wiegt.

Und heute das Gleiche. Heute schaffe ich es!, denke ich beim Aufstehen, und ich freu mich darauf, Gestern und Grumpy hinter mir zu lassen, aber dann stolpere ich doch und falle in mich hinein, unten am Boden hockt Grumpy und reckt verzweifelt die Arme zum Licht.

Ich komm nicht raus!, sagt er, Ich bin zu klein und zu schwach. Und meine Kollegen sitzen im Wahlkeller und sortieren Briefumschläge, sitzen am Schalter und geben dem letzten großen Ansturm Wahlscheine aus, fragen sich, wie sie das schaffen sollen, und ich würd ihnen so gern helfen.

Es kommt aber keiner [Selbstmitleid]

Grumpy und ich sitzen zuhause und tun so, als wär das Leben gar nicht da. Die Wohnung sieht uns vorwurfsvoll dabei zu.

Geht nicht, sage ich.

Geht alles nicht, bestätigt Grumpy, jemand soll kommen und uns helfen, heute und alle Tage.

Denn wir beide können doch gar nicht aufräumen und abwaschen und die Wäsche zusammen legen und einkaufen und uns gesund ernähren und ordentlich angezogen sein und jeden Abend Zähne putzen. Sowieso schon nicht, und wenn ich auch noch arbeiten muss, schon gar nicht. Aber wenn uns jemand vor all dem retten würde, könnte ich endlich mal zum Arzt gehen oder mein Fahrrad reparieren. Oder mich darin üben, ein zuverlässigerer Mensch zu sein.

Raff dein Leben, eh

Da schreibe ich darüber, über Lindy hop zu schreiben, und statt durch meinen Tanzkurs zu hüpfen, liege ich im Bett. Gut gemacht! Warum liege ich da? Weil Grumpy so überzeugend ist. Schau, sagt er, du hast mich, und wie solltest du mit mir tanzen gehen? Das geht doch überhaupt nicht. Außerdem bist du wirklich müde. Oder? – Ja schon, sage ich. – Also, sagt er und setzt sich wieder in den Schaukelstuhl.

Grumpy ist die festgerostete Bremse an einem Fahrrad mit platten Reifen, und ich versuche gar nicht erst loszufahren. Dabei sind das nur ganz kleine Reparaturen, das löst sich schon beim Fahren, ein bisschen Luft, ein bisschen Öl, aber hier liege ich und weigere mich. Zum Teufel mit mir.

Putsch!

Grumpy hat die Macht übernommen und als erstes das Zähneputzen abgeschafft. Und dann den Abwasch. Wichtige Anrufe finden nicht mehr statt. Aufstehen vor elf Uhr ist nicht mehr erlaubt, dafür mein gerade eingeführtes Schokoladenverbot wieder abgeschafft. Meine Masterarbeit interessiert ihn nicht und wird auch nicht mehr unterstützt. Kleider gehören nicht mehr in den Schrank, sondern auf den großen Schaukelstuhl, und weil Tassen nicht gespült werden, können wir ab morgen keinen Kaffee mehr trinken. Wie wir dieses Problem lösen, ist dann meine Sache.
Grumpy verfügt, dass wir in der Wohnung nichts Sinnvolles mehr machen, bis es Zeit ist, aus dem Haus zu gehen. Wir kommen vom Einkaufen nach Hause und dann bestimmt Grumpy, dass wir uns im Flur auf den Boden setzen und, Jacke an, die Tafel Schokolade gleich aus der Einkaufstasche essen.
Und so seit Wochen.

Verpiss dich endlich

Grumpy geht mir SO auf die Nerven. Jeden Tag macht er sich schwerer, als er ist, damit ich mache, was er sagt: im Bett bleiben und mich im Internet verstecken, damit ich nicht dran denke, dass ich eigentlich versuchen wollte, ein Leben zu leben.
Das kostet nämlich Kraft und Mühe und Willen, und Grumpy will die nicht aufwenden.
Er lässt zuhause alles stehen und liegen und sagt: Schau, das ist der Beweis, dass wir komplett überfordert sind, wir kommen ja nichtmal dazu, das Geschirr zu spülen.
Er kommt mit zur Arbeit und triumphiert, sobald mir was schiefgeht: Siehste? Du kannst das gar nicht! Bald schmeißen sie dich wieder raus. Gott sei Dank.
Er kommt mit zum Tanzen und steht kopfschüttelnd am Rand und fragt mich im Vorbeigehen: Du bist am schlechtesten von allen, ich weiß gar nicht, wieso dein Tanzpartner überhaupt noch mit dir tanzen will? Aus Höflichkeit. Doch nur aus Höflichkeit.
Er guckt sich meine Probezeichnungen für das Projekt am Samstag an und rümpft die Nase. Und dafür nimmst du Geld? Hast du das verdient?

Er ist so bockig, er will nichtmal seine Tabletten nehmen, er macht alles schwierig und scheiße und ich hasse ihn.