Putsch!

Grumpy hat die Macht übernommen und als erstes das Zähneputzen abgeschafft. Und dann den Abwasch. Wichtige Anrufe finden nicht mehr statt. Aufstehen vor elf Uhr ist nicht mehr erlaubt, dafür mein gerade eingeführtes Schokoladenverbot wieder abgeschafft. Meine Masterarbeit interessiert ihn nicht und wird auch nicht mehr unterstützt. Kleider gehören nicht mehr in den Schrank, sondern auf den großen Schaukelstuhl, und weil Tassen nicht gespült werden, können wir ab morgen keinen Kaffee mehr trinken. Wie wir dieses Problem lösen, ist dann meine Sache.
Grumpy verfügt, dass wir in der Wohnung nichts Sinnvolles mehr machen, bis es Zeit ist, aus dem Haus zu gehen. Wir kommen vom Einkaufen nach Hause und dann bestimmt Grumpy, dass wir uns im Flur auf den Boden setzen und, Jacke an, die Tafel Schokolade gleich aus der Einkaufstasche essen.
Und so seit Wochen.

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Verpiss dich endlich

Grumpy geht mir SO auf die Nerven. Jeden Tag macht er sich schwerer, als er ist, damit ich mache, was er sagt: im Bett bleiben und mich im Internet verstecken, damit ich nicht dran denke, dass ich eigentlich versuchen wollte, ein Leben zu leben.
Das kostet nämlich Kraft und Mühe und Willen, und Grumpy will die nicht aufwenden.
Er lässt zuhause alles stehen und liegen und sagt: Schau, das ist der Beweis, dass wir komplett überfordert sind, wir kommen ja nichtmal dazu, das Geschirr zu spülen.
Er kommt mit zur Arbeit und triumphiert, sobald mir was schiefgeht: Siehste? Du kannst das gar nicht! Bald schmeißen sie dich wieder raus. Gott sei Dank.
Er kommt mit zum Tanzen und steht kopfschüttelnd am Rand und fragt mich im Vorbeigehen: Du bist am schlechtesten von allen, ich weiß gar nicht, wieso dein Tanzpartner überhaupt noch mit dir tanzen will? Aus Höflichkeit. Doch nur aus Höflichkeit.
Er guckt sich meine Probezeichnungen für das Projekt am Samstag an und rümpft die Nase. Und dafür nimmst du Geld? Hast du das verdient?

Er ist so bockig, er will nichtmal seine Tabletten nehmen, er macht alles schwierig und scheiße und ich hasse ihn.

Die letzten Rosen im Jahr

Grumpy hat keine Lust. Ich will nämlich mit ihm den Balkon aufräumen und winterfest machen, um morgens beim Kaffee doch noch ein bisschen Sonne abzukriegen, weil mit Sonne alles leichter ist. Grumpy mag Sonne in Wahrheit auch, obwohl er Theater macht bei dem Vorschlag, irgendetwas aufzuräumen. Aber wenn wir dann erst draußen sitzen, das weiß ich, wird er ganz still und friedlich sein und brav an seinem Kaffee nippen.

Aber für heute muss es reichen, ihn zum Wäschewaschen zu überreden. Das ist auch wirklich genug Arbeit für einen Tag – wir tragen den Wäschekorb in den Keller, er brüllt Zetermordio und ich versuche, ihn mit Blätterkrokant zu besänftigen. Den mag er und hält zumindest die Klappe, bis er den Mund nicht mehr voll hat.

 

Grumpy

Eigentlich fühlt sich dieses Ding – diese leichte Depression oder wie immer man es nennen will, das, was mir immer wieder auf die Füße fällt – an wie ein sehr schlechter, immerzu verstimmter Mitbewohner. Er lässt alles liegen, er macht nichts im Haushalt, er hat immer schlechte Laune und wenn ich auf etwas Lust habe, redet er dazwischen und macht es kaputt, damit ich mit ihm zuhausebleibe und Netflix gucke. Das ist das Einzige, was er gut findet, sonst interessiert er sich für nichts. Wenn er sich doch zu etwas überreden lässt, bockt er dabei die ganze Zeit und beschwert sich über alles, dabei seh ich genau, dass er Lindy Hop in Wirklichkeit mag, aber er tut so, als fände er es blöd. Manchmal versaut er mir damit den ganzen Abend, weil ich nur damit beschäftigt bin, ihn davon abzuhalten, aus Trotz irgendeinen Unsinn zu machen. Er ist sehr anstrengend, Grumpy.

Heute wollte er gar nicht aufstehen und jetzt möchte er auch nichts weiter machen. Es hat Stunden gedauert, bis ich es trotz seiner Tiraden ins Bad geschafft habe, und jetzt macht er genau so weiter, weil er nicht zur Therapie gehen will. Die Therapeutin durchschaut ihn nämlich, das weiß er ganz genau, sie lässt ihn nie fertig meckern und am Ende fühlt er sich sogar manchmal irgendwie gut.

I’ve been short of logic

I’ve been short of logic so
I’m passed out on the patio
That cold and stoney floor
And I’ve been here before
Twelve times

Eight Legs, These Gray Days

Tag drei in Folge von diesen: ich kann nicht. Sage mir: Lass uns aufstehen/essen/putzen/lesen/schreiben/unter Menschen sein, aber immer ist die Antwort: Nein. Und immer denke ich dann: Stimmt.

Das ist eigentlich schon körperlich: ich bin so schwer und unendlich müde, ich weiß nicht, wovon. Und wie soll das wieder aufhören? Ein schlecht gelaunter Spuk geht neben mir her und lässt sich nicht vertreiben. Und ich schwimme durch den Tag, stumm und kalt, und Freunde klopfen von weit her an die Scheibe.

Oder: zwischen mir und der Welt hängt ein schwerer dunkler Vorhang, den ich manchmal am Saum ein bisschen lüpfe: für ein Vorstellungsgespräch, einen Rat an verirrte Fremde, Freundlichkeit beim Einkauf, aber das hält nicht vor, nach jeder Begegnung fällt der Vorhang wieder und wirbelt noch nicht einmal Staub auf.

 

 

 

Nichts geht mehr

Der Hund ist weg aus der Wohnung und ich bin weg aus mir. Unbelebt liegt mein Körper auf dem Bett und wartet darauf, dass ich vorbeikomme, um ihn zu bewegen, aber ich komme nicht, ich bin nicht da, und er weiß nicht, wie er alleine aufstehen soll.

Ich träume von einer Hinrichtung, die im letzten Moment verhindert wird, und fühle mit dem Verurteilten: nackte Angst, Ohnmacht, Ausgeliefertsein, zu groß, um über die absurde Rettung etwas empfinden zu können, was sich in Worte fassen ließe. In dieser Leere bleibe ich den ganzen Tag hängen.

11.06.

Ich müsste mich um Sachen kümmern. 130, in Worten: ein ganzer Monat Essen, Euro warten auf mich, ich muss sie nur abholen. Arztbesuche warten auf mich, ich muss sie nur vereinbaren. Eine Arbeit hat auf mich gewartet, ich hätte sie nur tun müssen…

… stattdessen sitze ich zuhause herum, bis ich mich aufraffen kann, einkaufen zu gehen, und ich kaufe: Kekse und eine Blume für den Balkon. Eine Blume. Wozu brauche ich eine Blume? Eine Kaisernelke, um genau zu sein, sie ist sehr schön, aber ich habe genug Pflanzen auf dem Balkon, die mich überfordern: umtopfen, entlausen, gießen, düngen, Stauwasser abschütten, aus dem Regen nehmen, in den Regen stellen, Erde und Blumentöpfe organisieren, viel zu anstrengend, andererseits der letzte Rest einer sinnvollen Existenz. Wirklich: das ist alles, was geblieben ist, die Pflanzen.

Verantwortungslos. Ich kann mir das nur leisten, weil Vati mich unterstützt. Ich muss was dagegen tun, ich weiß nicht, wie.

Ich wiege hundert Zentner, kann keinen Finger rühren, keine Kraft, mich zu bewegen, da draußen ist ein herrlicher Frühsommer, nach dem ich nur die Hand ausstrecken müsste, aber ich tu den Teufel.

Auf den Fotos, die das Labor für mich entwickelt hat, sind zwei, die ich von meinem ehemaligen Lover geschossen habe, sie sind nicht sehr gut, weil ich zu nervös war, aber während er darauf unantastbar schön ist, bin ich inzwischen – ein einziges wirres Knäuel ohne jede äußere Form. Diese Fotos tun weh, was immerhin ein Gefühl ist, aber selbst das ist gedämpft, keine Ausschläge mehr.