Wie soll ich denn

Gestern war ich nicht auf der Arbeit. Ich hatte schon alles gepackt und musste nur noch Schuhe anziehen, da habe ich mich stattdessen nochmal zu Grumpy ins Bett gelegt, und der hat mich nicht mehr gehen lassen. Dabei ist auf dem Wahlamt jetzt Hochbetrieb und ich weiß, selbst zwei Stunden verspätet wäre es immer noch hilfreich, wenn ich hinginge. Ich denke an meine Kollegen, die ich im Stich lasse, und bleibe trotzdem, wo ich bin, weil Grumpy sich an mir festklammert und inzwischen hundert bleierne Tonnen wiegt.

Und heute das Gleiche. Heute schaffe ich es!, denke ich beim Aufstehen, und ich freu mich darauf, Gestern und Grumpy hinter mir zu lassen, aber dann stolpere ich doch und falle in mich hinein, unten am Boden hockt Grumpy und reckt verzweifelt die Arme zum Licht.

Ich komm nicht raus!, sagt er, Ich bin zu klein und zu schwach. Und meine Kollegen sitzen im Wahlkeller und sortieren Briefumschläge, sitzen am Schalter und geben dem letzten großen Ansturm Wahlscheine aus, fragen sich, wie sie das schaffen sollen, und ich würd ihnen so gern helfen.

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Auf dem Amt

Ich mag an meinem Job: am Schalter zu sitzen und mit Menschen in Kontakt zu sein. Ich bin stolz drauf, dass mir in der ganzen Zeit noch niemand richtig blöd gekommen ist, und dass die Leute zu mir kommen, wenn mein Kollege und ich gleichzeitig mit einem Hallo den oder die nächste aufrufen. (Mein Kollege ist aber auch doof und sitzt in einem verdammten Jackett am ollen Schalter. Wer wird sich denn so ernst nehmen, nur weil er plötzlich einen Stempel in der Hand hat.) Ich trau mich zu glauben, dass etwas an mir macht, dass Leute nett zu mir sind – Sie lächeln so schön, ich komm zu Ihnen, sagt mir eine ältere Frau, und ich freu mich.

Ich freu mich nicht, dass es den Leuten so schwer fällt, die Wahlunterlagen richtig auszufüllen und zusammenzupacken. Meine Kollegen freut es auch nicht – Die Leute sind selber schuld, sagen einige. Wer das nicht schafft, soll halt auch nicht wählen.
Aber ich bin wütend, dass die Unterlagen so kompliziert sind (den riesigen Europa-Stimmzettel in den winzigen Stimmzettelumschlag falten, zukleben; den Wahlbriefumschlag vom Wahlschein abreißen, Wahlschein ausfüllen, zusammenfalten, mit Stimmzettelumschlag in den Wahlbriefumschlag stecken, Wahlbriefumschlag von Hand (Tesa oder Klebestift) zukleben. Und dabei nichts mit den Unterlagen für die Gemeinderatswahl durcheinanderbringen, dafür muss man nämlich nochmal genau das Gleiche machen, aber die Unterlagen sind gelb und alles muss streng getrennt bleiben. Und dann muss man ja auch noch seine Stimmen richtig abgeben), denn das bedeutet, dass ganz viele Stimmen ungültig sein werden, weil die Leute nicht verstehen, wie das ganze Zeug zusammengehört, und das wiederum heißt doch wohl, dass ein ganzer Haufen Menschen von der Wahl ausgeschlossen werden. Vielleicht bedeutet es, dass  viele konservative alte Menschen es nicht schaffen, die AfD zu wählen, was eher gut ist, aber auch nicht fair.

Und dann wird mir klar, wie sehr ich in meiner kleinen elfenbeinernen Welt der Akademiker lebe, denn hier treffe ich plötzlich auf Leute, die von nichts Anderem sprechen als ihrem Saufurlaub auf Malle. Was willsch denn im Meer?, fragen sie und reden weiter von Bierkönig und Megapark und davon, dass das mit dem Saufen dort schon auch ganz schön hart ist und man das erstmal durchhalten muss. Ich wunder mich.

Anoche

Ich kann nicht schlafen.

Du bist zurück in meinem Kopf und hast alle anderen Ungeheuer mitgebracht. Sie heißen Kummer und Sorge und stampfen ungeschlacht durch alles, was ich bin.

Die nächsten Tage habe ich zudem mit so vielen verschiedenen Gelegenheitsjobs vollgestopft, dass mir gar keine Luft mehr bleibt, das wird mir jetzt klar und angesichts der Erstickungsgefahr liege ich knallwach im Bett. Was hab ich mir dabei gedacht? Ich bin ja jetzt schon, nach dem Probearbeiten, total durch, nach Wochen des Stillstands muss ich mit so viel Leben erstmal klarkommen.

Ich muss lernen, über Dinge nachzudenken, bevor ich sie mache.

Ich weiß immer noch nicht, wie ich funktioniere und was ich mit meinem Leben anfangen soll.

Ich vermiss dich.

17.05.

Heute war ich probearbeiten. Es hat Spaß gemacht, der Job ist sogar entspannt, wir machen zweimal Kaffeepause und sind trotzdem eine halbe Stunde früher fertig als erwartet. In diesen sechs Stunden habe ich nur ein einziges Mal an den Mann gedacht, der sonst mein ganzes Denken okkupiert, und mich überhaupt sehr okay gefühlt.

Zuhause besänftige ich die Nachbarn, die wegen der Fahrräder im Treppenhaus auf dem Kriegspfad sind, und lese von meinem Brieffreund: Schmeiß das Studium nicht hin, du bist doch eine tolle Kunsthistorikerin.
Woher er das nun wissen will?

Da hat er was mit Vati gemeinsam. Beide überschätzen mich, ohne zu wissen, wovon sie reden. Sind Sie auch nicht zu bescheiden?, hat die Psychologin gefragt. Nein, sage ich, weil ein hingerotzter Sprachkurs an der Uni nicht bedeutet, dass ich Türkisch spreche; eine tolle Kunsthistorikerin braucht neben Begeisterung auch ein solides Wissen – und Lust, sich drei Jahre an einer Promotion* abzuarbeiten.

Ich bin das Studieren müde. Das ist ein Kampf, den ich gegen mich selbst verloren gebe, aber „müde“ zählt nicht gegenüber Vätern und Brieffreunden, auch „unglücklich“ zählt nicht, ist ja auch absurd, wegen Müdigkeit und Unglück das hinzuschmeißen, was nur noch die Masterarbeit ist. Es ist aber seit zwei Jahren nur noch die Masterarbeit: das wird halt nix.

Bitte nicht widersprechen, nur Liebe und Verständnis ausdrücken, danke.

 

*No! freaking! way!

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