Vor zwei Wochen, ein Abend

Ich warte am offenen Fenster auf das Gewitter. Draußen murmelt der Donner, aber von anderswo; dann schweigt er und der Wind legt sich und die Hitze steht wieder still in der Stadt. Es donnert wieder, aber anders: ist das jetzt unser Donner, und bringt er den Regen, und die Kühle? Ist das endlich, worauf wir so gewartet haben? – Ja, wir sind hier, antworten die ersten dicken Tropfen auf dem Dachfenster.

Ich lösche das Licht, damit ich die Blitze besser sehe. Jetzt bin ich plötzlich ganz klar und präsent, der heraufziehende Sturm hat mich geöffnet. Heute Abend könnte ich unter Leute gehen, tanzen – aber ich weiß, ich werde nicht, nur dass ich Lust drauf hätte, ist schön. Ich habe heute noch mit keiner Seele gesprochen: mir ist nach Menschen zumute, aber zugleich habe ich das Gefühl, als wäre ich endlich mit etwas in mir fertig geworden, und es tut gut, mich mit mir selbst so ruhig zu fühlen.

 

Gartenzaun

Gut

Bis über die Hüften steh ich im Wasser, das noch zu kalt ist, meine Hände liegen offen auf der blauen Oberfläche und ich mache mich bereit für den Moment, der gleich kommen wird, das kalte Wasser, das sich um meinen Körper schließt – und es ist wahrhaftig noch zu kalt, ich schwimme in raschen Zügen, um mich aufzuwärmen, aber bald muss ich aufgeben. Danach sitze ich in der Sonne und spüre meinen Körper, der sich schwer atmend von dem Schreck erholt, die Sonne auf der Haut spür ich und meine ganze lebendige Schwere, und wie ich langsam in mich zurück gleite, ist die Traurigkeit nicht mehr so groß. Du bist noch da, sagt der See, und der Himmel ist sehr blau.

Auftauchen

Die letzten zwei Wochen waren eine blind durchwanderte Talsohle. Durchwandert? Durchkrochen, auf den Knien, tastend, Nase und Knie hab ich mir an Fels gestoßen, bis ich nicht mehr weiter konnte, und so saß ich zwei Tage lang: ohne Bewegung, ohne Sprache, ohne Licht, und am dritten Morgen war es vorbei.

Warum? – So fragen alle nach dem Absturz, der sich seit Wochen angebahnt hat, wie soll ich wissen, wo das herkam, vielleicht ist es der Winter, vielleicht was Anderes, ich finde die Gründe nicht so wichtig wie die Schlüsse, die ich aus dieser Zeit ziehen sollte, aber die Therapeutin, meine Eltern, Freunde, sie fragen nach den Gründen. Scheiß auf Gründe.

Jetzt bleibt: Versäumtes aufholen, Mahngebühren bezahlen, Schreiben beantworten, dem Leben nachgehen, das um mich herum weitergetobt hat, es dröhnt und stampft und ich folge ihm vorsichtig, damit es mich nicht wieder niedertrampelt, im eigenen Tempo, ich verordne mir Sonnenbäder und Lesekuren und Schokoladendiäten, bis ich wieder als Mensch durchgehe, und am Samstag hatte ich sogar zwischendurch Spaß am Tanzen.

Jetzt muss ich sehen, ob die Bibliothek meinen Arbeitsplatz schon abgeräumt hat. Einmal pro Woche muss ich da eintragen, dass ich ihn benutze. Ha! Hab ich nicht.