Willst du mit mir gehen?

Ich möchte Du schreiben, nur damit er antwortet und ich das Gefühl seiner Aufmerksamkeit habe. Ich schreibe ihm also nicht, weil ich gar nicht ihn meine, sondern mich.

Er hat gefragt: Denkst du, ich tue dir gut? Ich habe keine Antwort. Ich kann nicht sagen, ob es mir überhaupt besser tut, eine Beziehung zu haben, als allein zu sein. All die Arbeit, das Ausbalancieren meines Lebens unter Berücksichtigung einer weiteren Person in extremer Nähe, ist anstrengend. Ohne Du wäre mein Leben also weniger anstrengend, so viel ist sicher, aber das gilt für jeden Mann, mit dem ich mich auf so eine Art von Beziehung einlassen würde, das gilt für solche Beziehungen ganz grundsätzlich, Dus Frage ist also eigentlich zwei Fragen: Tut diese Art von Beziehung mir gut? Und davon unabhängig: Tut er mir gut im Vergleich zu anderen Männern, mit denen ich in der gleichen Art von Beziehung war?

Die erste Frage ist schwierig. Was will ich eigentlich von einer romantischen Paarbeziehung, diesem Ding, das irgendwo, irgendwann ohne uns gemacht wurde und an das wir jetzt glauben, als wären wir dabei gewesen? Ich glaube also auch. Ich beobachte Paare in ihrem Alltag und finde die bedingungslose Unterstützung schön, die sie sich bieten. Ich beobachte meine Eltern in guten Momenten, in denen sie ein Team gegen die restliche Welt sind. Ich beobachte meinen Bruder und seine Freundin, meine Freundin und ihren Mann, die einander durch ihre Gegenwart versichern: Keine Angst. Was immer es ist, du musst es nicht alleine tun. Und sie sind mehr als die Summe ihrer Teile.

Ich frage mich, warum es so festgeschrieben ist, dass diese Art von Selbstverständlichkeit nur in Paarbeziehungen passiert, aber gleichzeitig bewege ich mich auch innerhalb dieser Festschreibung. Meine Freundschaften können vielleicht in der Summe die gleiche Art von Unterstützung leisten, aber ich halte das für weniger selbstverständlich, oder: es muss aktiver eingefordert werden, weil Freundschaften insgesamt loser, dynamischer, mit größeren zeitlichen und räumlichen Abständen funktionieren.

Und dann gibt es noch die romantische Idee der Seelenverwandtschaft, die ich mir (wir uns?) in einer Paarbeziehung vorstelle. Das meint im Grunde vielleicht nur den Wunsch, jemand solle mir so ähnlich sein, dass er nichts an mir übersieht und mich vollständig bezeugen kann. Und umgekehrt möchte ich den Menschen bezeugen, den ich liebe, ihn wahrnehmen als ein Wunder, das sich immer neu vollzieht. Das gilt auch in Freundschaften; der Unterschied liegt in der Erwartung von vollständigem Gleichklang, die ich aus einer Beziehung mühsam wegdenken muss, weil sie unmöglich zu erfüllen ist. Aber in Paarbeziehungen, wie wir sie uns vorstellen, liegt ein Versprechen von tiefer Kenntnis des Anderen, die sie Freundschaften allein durch Nähe im Alltäglichen voraus hat – mit der Zeit; ich bin enttäuscht von Du, weil er mich nicht so gut versteht wie Menschen, mit denen ich seit Jahren meine Gedanken teile.

Es ist schwer zu sagen, warum eine Beziehung größer sein soll als eine echte Freundschaft. Warum wünsche ich mir etwas, dessen Vorteile auch in meinen Freundschaften zu finden sind, während sie seine bedrohliche Eigenschaft nicht haben, diese schwer greifbare emotionale Wucht? Dus erste Frage kann ich nicht beantworten.

Ist es nur der Sex?, hat meine Freundin kürzlich gefragt, und vielleicht ist es nur der Sex, wenn mir auf dem Weg zu Du kurz die Luft wegbleibt vor Aufregung. Oder wenn ich neben ihm kaum schlafen kann, weil ich mich zu stark und glücklich fühle, und am Tag danach trotzdem gut drauf bin. Das kann alles wenig mehr als körperlich sein, aber sehr viel am Dasein ist körperlich, vielleicht ist es daher nicht weniger wert. Ich mag, wenn ich so mit meinem Körper verbunden bin, und selbst Sex ist mehr als Sex, dazu gehören Vertrauen und die Wahrnehmung des Partners als ganzer Mensch. Du nimmt mich als Menschen ernst, während wir miteinander schlafen, und ich glaube nicht, dass ich jemals jemanden nur als seelenlosen Körper berührt habe.

Ich werde kaum in nächster Zeit und ganz sicher nicht in diesem Text herausfinden, was es also ist, das eine Paarbeziehung ausmacht und warum sie mir gut tun könnte. Dus zweite Frage ist auch nur scheinbar einfach: Tut er mir gut, im Vergleich zu anderen Männern? Ja, möchte ich aus dem Bauch heraus sagen, aber dann denke ich, dass ich das wahrscheinlich noch von jedem Mann gedacht habe, mit dem ich je in einem vergleichbaren Verhältnis war. Was mir nicht gut tut, sehe ich oft erst hinterher und ich traue mir selbst nicht, wenn ich das Verhältnis zu Du bewerten soll. Es kommt mir immer wieder so vor, als ob zwischen uns etwas richtig gut sein könnte, und manchmal glaube ich es objektiv festmachen zu können – aber wenn ich darüber nachdenke, verliere ich mich in einem endlosen Für und Wider. Es bleibt also nichts Anderes, als mich an die Worte meines Bruders zu dieser Frage zu halten: Das kann kein Mensch jemals wissen.

Nur Du weiß sowas: Du tust mir gut, sagt er.   

 

Im Kontakt mit anderen Menschen definiere ich mich über das, was ich ihnen glaube geben zu können. Wenn ich es für zu wenig halte, bin ich ein ungenügender Mensch. Wenn ich nicht weiß, was sie brauchen könnten, höre ich auf zu existieren.

 

Wie denn, was denn

Vor zwei Wochen hat meine Freundin geheiratet, unter den Gästen ein Freund von ihr, den seh ich zum ersten Mal und weiß: Cute. Er macht den Mund auf und ich denke, wir haben nichts gemeinsam, und das denke ich noch immer, jetzt, wo er mich morgen besuchen kommt.

Entschuldigung, was machst du da?, fragt etwas in mir, entrüstet und besorgt. Ergibt das etwa Sinn?

Grumpy wirft ein, dass wir jetzt für den Typen die Wohnung aufräumen müssen und er darauf echt keinen Bock hat.

Mein besorgter Teil sagt: Wenn es doch eh nicht passt. Nur unnötiger Stress, und dann am Ende anstrengende Gespräche und Enttäuschung.

Warum kommt der überhaupt? Auf der Hochzeit hab ich kaum mit ihm geredet, hinterher schreib ich ihm: Treffen wir uns?, weil es in mir knistert, wenn er in der Nähe ist, und er antwortet: Klar doch. – Find ich gar nicht so klar, aber trotzdem schön. Ich freu mich auf das Wochenende.

Nur dass ein weiterer Teil von mir auf deinem Rücken hockt und sich mit beiden Ärmchen um deinen Hals klammert, weil wir dein Vogelgesicht und dein Lächeln so sehr mögen und weil wir gerne neben dir liegen in der Nacht, und weil wir uns so ungewöhnlich wohl fühlen in deiner Gegenwart. Und ich möchte immer noch mehr herausfinden über dich/dich und mich in unserem seltsamen, unaufgeregten Verhältnis – auf das uns einzulassen wir nicht mit Haut und Haaren bereit zu sein scheinen, wir beide nicht. Das ist ein Widerspruch, den ich nicht aufgelöst bekomme.

Es ist überhaupt alles voller Widersprüche. Dass ich keine Lust hatte, dir das alles zu sagen, weil du von selbst nicht darüber redest außer in Randbemerkungen, jetzt aber alles hier aufschreibe, wo ich genau weiß, dass du es lesen wirst: widersprüchlich.

07.06.

Ich bin so unruhig. Ich tigere in mir auf und nieder, ein gereiztes Tier, hungrig und voll Ärger, ein Ärger, der sich, da ich Doris Lessing lese und zur Hälfte die von Saul besessene Anna bin, gegen diese Tatsache richtet: dass du ein ganzes Leben besitzen kannst, das von mir abgewandt ist, dass du dich von mir wegdenken kannst, noch während ich da bin – genau, wie ich ein Leben habe, das abgewandt von dir ist.

Meine Freundin hat gesagt: es tut manchmal weh, dass sich Menschen nicht gehören können, und ich habe etwas in der Art geantwortet: dass ich diesen Gedanken nicht habe, aber doch, ich habe ihn, gestern hab ich ihn erkannt, als du in Vorbereitung einer anderen Sache für mich unberührbar wurdest, während ich mich noch nicht abgewandt hatte.

 

Wie machen wir das jetzt?

Wir haben Streit, seit du dich verliebt hast, und ich versteh nicht, weshalb, ich versteh sehr viel an dieser Situation nicht, vor allem dich versteh ich nicht mit deiner Verweigerung eines klärenden Gesprächs. Nichts wird sich ändern, sagst du, aber ich denke, Dummkopf, natürlich wird es das.

Treffen wir uns, bevor du wegfährst?, frage ich, das ist in drei Tagen und wir haben uns immer noch nicht ausgesprochen.

Ich weiß nicht, sagst du. Vielleicht spontan, ich möchte ganz viel Zeit mit ihr verbringen, aber irgendwo kann ich bestimmt ein bisschen quatschen einschieben.

Ich sage zu dir, dass ich das verstehe, aber ich sehe einen Riss in unserer Freundschaft, den du nicht kitten möchtest.

Ich klinge wie die eifersüchtige beste Freundin und mag mich selbst nicht in dieser Rolle, ich will nicht zwischen euch kommen, aber ich fühl mich doch einen Platz weiter weggerückt, und wenn du mir Fotos von deinem Balkon schickst, als wäre nichts gewesen, seh ich in den Blumenkästen alles Ungesagte wuchern, und dass du das nicht merkst, tut am meisten weh.

All that fascination

War das deine beste Freundin?, fragt mein Kollege.
Ja, sage ich, weil das, was die meisten Leute so unter „beste Freundin“ verstehen, wahrscheinlich ungefähr zutrifft.
Hat man gesehen, sagt er. Du warst so happy.

Warum gibt es eigentlich Bestefreundinnen und Freundinnen? Wenn man das schon kategorisieren muss, sind einfach alle meine Freundinnen meine besten Freundinnen. Und meine Freunde dürfen auch meine besten Freundinnen sein.
Ich lerne, ein neues Verhältnis nicht zu etikettieren, und Etiketten fühlen sich überhaupt immer unsinniger an: du bist mein guter Freund, du aber bist ein Kumpel, du dagegen eine Bekannte, du bist meine beste Freundin und du meine längste, du bist meine Affäre, du mein Schwarm, und du bist eine gute Freundin, aber du kannst nicht die beste sein, weil ich diesen Titel schon vergeben habe – – –
Ist doch alles Liebe.
Ich hab bei einem Mann übernachtet und treffe gleich meinen Kinokollegen mit dem schönen schlanken Nacken – in dem Café, in dem der hübsche, kluge, sympathische Mann arbeitet, mit dem ich kürzlich Kaffee trinken war.

Und Frühling.