Wie denn, was denn

Vor zwei Wochen hat meine Freundin geheiratet, unter den Gästen ein Freund von ihr, den seh ich zum ersten Mal und weiß: Cute. Er macht den Mund auf und ich denke, wir haben nichts gemeinsam, und das denke ich noch immer, jetzt, wo er mich morgen besuchen kommt.

Entschuldigung, was machst du da?, fragt etwas in mir, entrüstet und besorgt. Ergibt das etwa Sinn?

Grumpy wirft ein, dass wir jetzt für den Typen die Wohnung aufräumen müssen und er darauf echt keinen Bock hat.

Mein besorgter Teil sagt: Wenn es doch eh nicht passt. Nur unnötiger Stress, und dann am Ende anstrengende Gespräche und Enttäuschung.

Warum kommt der überhaupt? Auf der Hochzeit hab ich kaum mit ihm geredet, hinterher schreib ich ihm: Treffen wir uns?, weil es in mir knistert, wenn er in der Nähe ist, und er antwortet: Klar doch. – Find ich gar nicht so klar, aber trotzdem schön. Ich freu mich auf das Wochenende.

Nur dass ein weiterer Teil von mir auf deinem Rücken hockt und sich mit beiden Ärmchen um deinen Hals klammert, weil wir dein Vogelgesicht und dein Lächeln so sehr mögen und weil wir gerne neben dir liegen in der Nacht, und weil wir uns so ungewöhnlich wohl fühlen in deiner Gegenwart. Und ich möchte immer noch mehr herausfinden über dich/dich und mich in unserem seltsamen, unaufgeregten Verhältnis – auf das uns einzulassen wir nicht mit Haut und Haaren bereit zu sein scheinen, wir beide nicht. Das ist ein Widerspruch, den ich nicht aufgelöst bekomme.

Es ist überhaupt alles voller Widersprüche. Dass ich keine Lust hatte, dir das alles zu sagen, weil du von selbst nicht darüber redest außer in Randbemerkungen, jetzt aber alles hier aufschreibe, wo ich genau weiß, dass du es lesen wirst: widersprüchlich.

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07.06.

Ich bin so unruhig. Ich tigere in mir auf und nieder, ein gereiztes Tier, hungrig und voll Ärger, ein Ärger, der sich, da ich Doris Lessing lese und zur Hälfte die von Saul besessene Anna bin, gegen diese Tatsache richtet: dass du ein ganzes Leben besitzen kannst, das von mir abgewandt ist, dass du dich von mir wegdenken kannst, noch während ich da bin – genau, wie ich ein Leben habe, das abgewandt von dir ist.

Meine Freundin hat gesagt: es tut manchmal weh, dass sich Menschen nicht gehören können, und ich habe etwas in der Art geantwortet: dass ich diesen Gedanken nicht habe, aber doch, ich habe ihn, gestern hab ich ihn erkannt, als du in Vorbereitung einer anderen Sache für mich unberührbar wurdest, während ich mich noch nicht abgewandt hatte.

 

Wie machen wir das jetzt?

Wir haben Streit, seit du dich verliebt hast, und ich versteh nicht, weshalb, ich versteh sehr viel an dieser Situation nicht, vor allem dich versteh ich nicht mit deiner Verweigerung eines klärenden Gesprächs. Nichts wird sich ändern, sagst du, aber ich denke, Dummkopf, natürlich wird es das.

Treffen wir uns, bevor du wegfährst?, frage ich, das ist in drei Tagen und wir haben uns immer noch nicht ausgesprochen.

Ich weiß nicht, sagst du. Vielleicht spontan, ich möchte ganz viel Zeit mit ihr verbringen, aber irgendwo kann ich bestimmt ein bisschen quatschen einschieben.

Ich sage zu dir, dass ich das verstehe, aber ich sehe einen Riss in unserer Freundschaft, den du nicht kitten möchtest.

Ich klinge wie die eifersüchtige beste Freundin und mag mich selbst nicht in dieser Rolle, ich will nicht zwischen euch kommen, aber ich fühl mich doch einen Platz weiter weggerückt, und wenn du mir Fotos von deinem Balkon schickst, als wäre nichts gewesen, seh ich in den Blumenkästen alles Ungesagte wuchern, und dass du das nicht merkst, tut am meisten weh.

All that fascination

War das deine beste Freundin?, fragt mein Kollege.
Ja, sage ich, weil das, was die meisten Leute so unter „beste Freundin“ verstehen, wahrscheinlich ungefähr zutrifft.
Hat man gesehen, sagt er. Du warst so happy.

Warum gibt es eigentlich Bestefreundinnen und Freundinnen? Wenn man das schon kategorisieren muss, sind einfach alle meine Freundinnen meine besten Freundinnen. Und meine Freunde dürfen auch meine besten Freundinnen sein.
Ich lerne, ein neues Verhältnis nicht zu etikettieren, und Etiketten fühlen sich überhaupt immer unsinniger an: du bist mein guter Freund, du aber bist ein Kumpel, du dagegen eine Bekannte, du bist meine beste Freundin und du meine längste, du bist meine Affäre, du mein Schwarm, und du bist eine gute Freundin, aber du kannst nicht die beste sein, weil ich diesen Titel schon vergeben habe – – –
Ist doch alles Liebe.
Ich hab bei einem Mann übernachtet und treffe gleich meinen Kinokollegen mit dem schönen schlanken Nacken – in dem Café, in dem der hübsche, kluge, sympathische Mann arbeitet, mit dem ich kürzlich Kaffee trinken war.

Und Frühling.

Meine hungrigen, lärmenden Vögel

Worüber ich mit meiner Therapeutin in letzter Zeit rede, mit meiner adretten, klugen, jungen Therapeutin, die immer ein bisschen unschuldig aussieht und trotzdem fast immer so, als hätte sie alles im Griff: darüber, dass ich in Wahrheit noch immer nicht begreife, warum Menschen mich gern haben und mit mir befreundet sein (und bleiben!) wollen.
Für ein Ärgernis halte ich mich:
ich komme zu spät,
ich hab schlechte Tage,
ich bin unzuverlässig,
ich schaffe nicht, was man mir aufträgt,
ich sage ab,
ich hab Schwierigkeiten mit normalen Sachen,
ich muss an die Hand genommen werden,
ich hab Redebedarf,
ich bringe doch keinen Kuchen mit,
ich hab kein Geld fürs Kaffeetrinken,
ich mache Schulden,
ich vergesse ausgeliehene Bücher/meinen Geldbeutel/Geburtstage/Dinge, um die mich wer gebeten hat,
ich trau mich nicht,
ich komm nicht mit,
ich brauche am längsten,
ich weine,
ich komme mit Kummer und Sorge auf der Schulter,
ich hab nichts vorbereitet, weil mich das gestresst hat,
ich kann nicht besucht werden, weil die Wohnung unordentlich ist,
ich brauche Zuspruch, weil ich mich vor der ganzen Welt fürchte,
ich bin ganz unzureichend, wohin man nur schaut, aber da seid ihr und sagt, es reicht doch.

Wie es reichen kann, versteh ich immer noch nicht, ich hab mir nur abgewöhnt, daran zu denken, aber in mir rumort es weiter: noch immer glaube ich, ich stünde bei allen so tief in der Schuld, dass ich mir nicht auch noch Bedürfnisse leisten kann. Das wiegt schwerer, je näher man mir kommt, denn je mehr man sieht, für desto mehr glaube ich mich entschuldigen zu müssen, und wenn schon alle Geduld und Großmut ausgeschöpft ist, wie soll ich dann noch sagen, dass ich jetzt auch noch ein Eis will?
(Andere wollen auch Eis, nur mir steht keines zu.)

Das geht nicht einfach weg, mein Schatz

Du wirst später zu Besuch kommen, um die Deko für ein Konzert zu planen. Und genau so, wie der kleine Hund noch nicht ahnt, dass er jetzt drei Tage lang sein Frauchen vermissen wird, ahnst du nicht, dass ich dir alles vorsetzen werde, was zwischen uns im Raum steht. Das ist schon kein Elefant mehr, das sind mindestens zwei, aber du siehst entweder keinen von beiden, oder du versuchst, sie wegzuignorieren, aber wenn du nur hinsehen würdest, müsstest du verstehen, dass die zu groß sind, um durch die Tür zu passen. Da müssen wir schon nachhelfen und sie kleiner reden.
Meine Freundin hat sich beklagt: Frauen machen so oft die emotionale Arbeit in Beziehungen zwischen Männern und Frauen. Da du nichts unternehmen möchtest, um die Elefanten aus dem Raum zu kriegen, scheint sie einmal mehr recht zu haben. Sie ist ja auch klug. Und überfordert die Männer, die sich zu ihr hingezogen fühlen, mit ihrer emotionalen Unbedingtheit. Hab ich was Ähnliches gemacht? Bin ich so auf dich zugestürmt, dass ich dich in die Flucht geschlagen habe? Und wenn ja, wie kann man sich denn so vor Gefühlen fürchten?
Ich werde dir auch einen Vorwurf machen, einen verdienten, denn auch, wenn es mich nervt, dass ich dieses Gespräch anleiern und steuern muss, sollst du mir nicht davonkommen, ohne dich dem gestellt zu haben, was du da veranstaltet hast. Und: diese Elefanten stehen genau zwischen uns, und wenn sie da bleiben, kann ich dich nicht mehr sehen und schon gar nicht mehr mögen. Ganz genau jetzt mag ich dich nicht mehr. Aber das ist nicht wahr, also komm nur und erwarte deinen gemütlichen Tee, den sollst du haben, aber bequem sitzen lass ich dich nicht.