Amore, euforia

Zwischen Arbeit und Blues-Kurs esse ich bei Du zu Abend und finde zwischen uns einen Schmetterling und darauf segel ich zu meinem Kurs.

In Wahrheit segle ich nicht. Ich ackere wie ein Lastesel: auf einem Fahrrad mit schleifender Bremse bei Gegenwind. Es macht aber nichts, wegen des Schmetterlings und weil jedes Mittel wunderschön ist, das mich zu meinem Blues-Kurs bringt.

Du zieht in ein paar Tagen in eine andere Stadt. Mir wäre lieber, er würde nicht.

Wonniger Dienstag

Das macht natürlich der Blues-Kurs mit mir. Vom Kontakt mit anderen Körpern fühlt sich der meine anders an, ich spüre die Stellen, mit denen ich mich gegen die anderen Tänzer gelehnt habe, so deutlich, dass ich es fast nicht mehr aushalten kann.*

Mein Blut ist kühl geblieben, wenn mir wer vom Tango, von anderen Tänzen mit engem Körperkontakt erzählt hat, Das ist nichts für mich, habe ich gesagt – – – und hier bin ich und kann gar nicht fassen, wie glücklich Blues mich macht.

Es ist auch genau dieser Kurs mit genau diesen Menschen und genau diesem Lehrer, der Blues so liebt, dass er sich weigert, ihn im grellen Deckenlicht zu unterrichten, also üben wir im Halbdunkel unter bunten Scheinwerfern, und ich fühl mich, als hätte ich das verrückte Glück gehabt zu finden, was einmal in der Woche der beste, magischste Ort der Stadt ist.

Ich will, dass das nie wieder aufhört, in meinem Leben zu sein.

 

 

*Entdeckung der letzten Woche: Frauen haben Brüste. Sehr.
Man kann sich auch gegen Brüste lehnen, sie sind nur unleugbar da. Und weich!

Außerdem, wohin

Meine kleine Stadt hat keinen Platz für mich, oder ich finde ihn nicht; mein Freund, denn kürzlich habe ich zu Du gesagt: das mit uns ist was Großes, zieht in die Stuttgarter Gegend, wo auch meine Familie ist, und ich frag mich, ob ich hinterher soll – weil ich gern in Dus Nähe bin und weil ich meine Eltern, meinen Bruder, meine Verwandtschaft gern öfter sehen würde. Weil die Gegend dort mir Heimweh macht. Weil ich eine Freundin dort habe und man in Stuttgart auch Swing tanzen kann. Weil ich hier keinen Job finde.

Aber all die Menschen hier, meine Freunde, meine Fahrradwege, meine perfekte kleine Wohnung, mein Blues-Kurs?

Zwischenstand

Ich verbringe einen magischen Abend in der Stadt mit Du und danach denke ich: Ja, ganz sicher; ich führe ein Feedbackgespräch auf der Arbeit und das tut gut, ändert aber nichts; mein Brieffreund und ich wissen einander nichts zu sagen und das hätte ich nie für möglich gehalten; ich erwäge, in eine andere Stadt zu ziehen, was ich auch nie für möglich gehalten hätte; innerhalb von zwei Wochen melden sich drei Menschen aus meiner Vergangenheit wieder und bei jedem freu ich mich; meine Freundin war da und ich habe einen Schwips von dem Ouzo, den wir getrunken haben, und bin sehr zufrieden. Dazwischen ist Aufwachen an bleiernen Morgen und große Erschöpfung und der wunderbare Blues-Kurs.

Körper, Können

Der Blues-Kurs wird von zwei Leuten unterrichtet. Diesmal macht eine Vertretung das Warm-up mit uns. Sie bestellt ein Lied mit viel Drive beim Tanzlehrer, dann tanzt sie uns Solo Blues vor und wir machen mit – das heißt: wir versuchen, unsere Hüften zu finden, während sie ihren Körper in Bewegungen setzt, die ich vorher noch nie gesehen habe. Wir kämpfen uns hinter ihr her, bis das Lied vorbei ist, es entsteht eine verlegene Stille, und selbst der Tanzlehrer, der im Hintergrund kurz was gegessen hat, kann nichts mehr sagen außer, nach einer langen Pause: Wow.

Ich bin ganz klein vor lauter Bewunderung.

Schau richtig hin

Loslassen:

Wie auf dem Weg zum Blues-Kurs mein Pedal abgefallen ist. Wie dann das Schild über den gesperrten Radweg umgekippt war, sodass ich es nicht gesehen habe, wie ich erst in die Sackgasse gefahren bin und mich beim Versuch, den Weg drum herum zu finden, komplett verfahren habe. Wie ich zu spät gekommen bin, obwohl ich ausnahmsweise pünktlich losgefahren bin, und dass ich jetzt irgendwie mein Fahrrad reparieren muss.

Dass die anderen Leute aus dem Kurs noch was trinken gegangen sind und mich nicht gefragt haben, ob ich mitkomme.

Wie stressig es bei der Arbeit war und wie allein ich mich mit all dem Druck gefühlt habe. Dass ich für meine Unpünktlichkeit gerügt wurde, was berechtigt ist. Wie wenig ich die meisten meiner Kolleginnen leiden kann. Wie sinnlos, unterfordernd und langweilig der Job ist.

Dass meine Wohnung chaotisch und meine Woche voll ist.

 

Festhalten:

Wie schön der Blues-Kurs war, wie wohl ich mich gefühlt habe und wie besonders diese Zeit ist, jede Woche wieder. Dass ich noch fast den ganzen Kurs mitmachen konnte, trotz der Verspätung. Dass am Freitag eine private Blues-Party bei jemand zuhause ist und ich hingehen kann. Dass ich im Dezember mithelfe, einen Blues Social zu organisieren.

Dass die Leute aus dem Kurs bestimmt nur verpeilt haben, mich zu fragen, weil ich gerade auf dem Klo war. Dass ich noch ein Rennrad in petto habe und mit dem kaputten Fahrrad nicht komplett lahmgelegt bin.

Dass es eine Kollegin gibt, die ich gern mag und dass ich mich mit ihr zum Essen verabredet habe. Dass ich Du habe, der mich in so vielen Dingen unterstützen will, zum Beispiel bei der Suche nach einem anderen Job.

Die Sprachnachrichten mit meinem Bruder. Dass ich am Wochenende meine Familie sehe.

Dass die Woche voll ist, nämlich mit den Menschen, die ich lieb habe, und mit Tanzen. Dass ich das Tanzen wiederhabe, weil ich mich dazu verpflichtet habe, alle zwei Wochen auf einem Social den DJ zu machen. Wie mich gestern alle gefragt haben, warum ich so lange nicht mehr tanzen gekommen bin.

Und dass ich morgen meinen Freund flachlegen werde, nachdem wir ein paar Wochen brav sein mussten.

Festhalten, festhalten, FESTHALTEN.

 

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Gestern: Auf dem Balkon wachsen die Heuschrecken

Ich gehe zum Tanzen auf den Schlossberg, eine Band ist da und spielt Swing zum Sonnenuntergang. Ich komme an und weiß nicht, wie ich mich mit den anderen verbinden soll, es ist niemand da, mit dem ich viel zu tun habe. Du zwar, aber vor ein paar Stunden habe ich unser Verhältnis beendet und deshalb stehst auch du für Gefühle von Allein- und Getrenntsein. Ich stehe am Rand und gucke zu und spüre, wie ich schrumpfe, gleich muss ich aufpassen, dass keiner auf mich drauftritt, ein flüchtig Bekannter sagt von der Seite: Hi, wie geht’s dir? – Gut, sage ich und will schreien: Ich fühl mich so einsam, ich sterbe gleich.

Dann fragt mich aber doch wer, ob ich tanzen will: du, das freut mich, wir reden kurz miteinander in Andeutungen, dann möchte jemand anderes mit mir tanzen und ab da tanze ich und muss nicht mehr reden, rede aber doch plötzlich mit jemand, der Essen mit mir teilt, tanze weiter, bis die Band aufbricht. Auf ein ganz langsames Lied tanzt jemand Blues mit mir: das kann ich kaum, es genügt gerade eben so, um das Stück zu überstehen, aber wir tanzen Körper an Körper und ich bin schlagartig ganz woanders, ich fliege, das ist abgedroschen, aber ich fliege, über der Tanzfläche und den anderen Tänzern, in der Nachtluft, im Mondlicht, jawohl. Das ist wie Sex ohne Sex, nur die Nähe davon, und ich denke: schön, von nun an werde ich Blues tanzen und den Rest vergessen.

Am nächsten Morgen zähle ich die Stunden, bis ich bei der Arbeit sein muss. Es ist der erste Arbeitstag und ich habe vergessen, mich zu exmatrikulieren. Ich bin durcheinander, von der Intensität der letzten Tage, in denen ich so viel alleine war – und bin froh, dass ich ab heute für vier Stunden täglich ein zusammenhängender Mensch unter anderen Menschen sein werde. Ich trage neues Parfum, das mich ganz nervös macht, weil es so gut riecht, und schwarzen Nagellack. Ich spiele eine andere Version von mir und schicke sie ins Büro.