Durch Angst und Schmerz wurden wir Seelen

Ich wache auf und heute kommt meine Freundin nicht vorbei und ich bin allein und elend, zerschlagen nach einer Nacht, in der ich an hundert verschiedenen Orten war und unter abertausend Menschen. Am Morgen finde ich mich allein in der Wohnung wieder, mein unausgeruhter Geist bewohnt einen bleiernen Körper und beide finden keinen Einklang.
In flatternden Partikeln habe ich mich verfangen in den Gefühlen der letzten Tage, die niemand geordnet hat, niemand ist gegangen und hat sie angesehen und ihnen zugeredet und sie besänftigt und endlich hereingeholt, damit sie im Trockenen nebeneinander schlafen können. Noch toben sie draußen über die vergangenen Felder und geraten langsam außer Sicht, aber sie hinterlassen kleine Strudel in der Luft, wenn sie verschwinden: ein Sturm wächst heran und ich bin so müde.

Wie läuft die Jobsuche?, fragen alle, weil sie nicht wissen, dass die Zeit in solchen Stürmen anders vergeht: länger sind die Stunden zwischen Entschluss und Ausführung, und eigentlich befinde ich mich noch immer mitten im letzten Orkan.

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07.03./Brüchig

Es geht wieder besser, denke ich, aber dann genügt eine Kleinigkeit, und schon ist nichts mehr übrig von mir: Ich sitze in der Stadt und bin ein großer Makel und denke, alle können es sehen. Ja, man muss mich nur anschauen und sieht direkt: die Zweifel, das ungeputzte Bad, die Schulden, die Misserfolge, die Angst, das Chaos, die irrationalen Entscheidungen, die Aufgeschobenheiten, die Verletzlichkeit, und dass ich meinen Bruder noch nicht angerufen habe, um ihm zu gratulieren, sieht man auch.

Work/Life

„Wie geht’s dir?“, schreibt mir ein Bekannter.
„Ich glaub, ganz okay“, schreibe ich zurück. „Es ist immer noch irre kompliziert, ich zu sein.“
Er versteht das, er kennt das, und ich bin froh, dass ich acht Stunden auf der Arbeit sein kann: ein weitestgehend ordentlicher Mitarbeiter zu sein ist sehr viel leichter, als weitestgehend ordentlich ich zu sein.
„Ich glaube, mein Job hält mich zusammen“, schreibe ich weiter, das versteht und kennt er auch. Ich merke es am Vorher und Nachher, wenn ich zurück in die Wohnung komme, die ich schon nicht mehr sehen kann, weil sie mich so sehr an mich selbst erinnert und ich selbst ein einziges großes Forschungsprojekt ist: ein seltsamer Apparat, der durch die Welt kracht und mit den unwahrscheinlichsten Dingen kollidiert, während er einen komplizierten Hindernisparcours mit Leichtigkeit meistert. Experten werden hinzugezogen, sie gucken mit Brille und Klemmbrett und machen Notizen, ein Handbuch erscheint und wird beständig überarbeitet, man lernt aus Irrtümern und dreht probehalber an Stellschrauben, man kommt der Sache näher, aber das vertrackte Ding läuft einfach nicht rund. Man kommt nicht drauf, übrigens ist die Wartung aufwendig, größtenteils deshalb, weil die Höllenmaschine gern mit Wucht gegen Wände knallt, dabei lief sie grad so gut.

(Grumpy sitzt grinsend hinterm Steuer und winkt.)