07.08.

Ich möchte einen Text schreiben, von dem ich nicht weiß, ob ich ihn hinkriege. Ich habe gefrühstückt: Pellkartoffeln mit rasch zusammengerührtem Tsatsiki, Käse, Tee und Kaffee. Was ich normalerweise frühstücke, vertrage ich gerade nicht wegen des abgesetzten Venlafaxins. Zwei Tafeln Schokolade liegen seit Tagen fast unberührt in meiner Wohnung, von Süßem wird mir schlecht, von Milch auch, von dem Kaffee – nur eine kleine Tasse, schwarz, und magenfreundlicher Espresso – seltsamerweise nicht. Erstes Mal, dass ich nicht Arabica trinke, schmeckt verrückt und gut und dunkel.

Ich lese Cat’s Eye von Margaret Atwood weiter und muss ein bisschen weinen dabei. Ich muss im Moment wegen ganz seltsamer Dinge weinen, auch das dem Entzug geschuldet: gestern nach dem Tanzen, ohne genau zu wissen, wieso. Oder heute bei einem Radiobeitrag – eine streng christliche Mutter erzählt von der ungewollten Schwangerschaft ihrer Tochter und wie sie sich dazu entschieden hat, sie trotzdem weiter zu lieben. Oder jetzt, wo ich von dem Radiobeitrag schreibe. Oder als ich lese, wie Margaret Atwoods Figur Elaine sich durch ihre Kindheit kämpfen musste – und durch die Kindheit ihrer Töchter.

Vor Wochen hab ich Kaffee getrunken mit einem schmalen, dunklen Musiker; gestern hab ich ihn beim Tanzen wieder getroffen und ihm erzählt, dass mein Date mich versetzt hat. Geh doch mal mit mir auf ein Date, sagt er, als wäre nichts dabei.

 

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Wochenende

Die Badezimmertür geht auf, und heraus kommt ein blitzsauberer, splitternackter Mann, der strahlt aus jeder Pore.
Verrückt, denke ich. Das passiert wirklich, der ist wirklich hier.
Und ich geh zu ihm und umarme ihn.

Wie denn, was denn

Vor zwei Wochen hat meine Freundin geheiratet, unter den Gästen ein Freund von ihr, den seh ich zum ersten Mal und weiß: Cute. Er macht den Mund auf und ich denke, wir haben nichts gemeinsam, und das denke ich noch immer, jetzt, wo er mich morgen besuchen kommt.

Entschuldigung, was machst du da?, fragt etwas in mir, entrüstet und besorgt. Ergibt das etwa Sinn?

Grumpy wirft ein, dass wir jetzt für den Typen die Wohnung aufräumen müssen und er darauf echt keinen Bock hat.

Mein besorgter Teil sagt: Wenn es doch eh nicht passt. Nur unnötiger Stress, und dann am Ende anstrengende Gespräche und Enttäuschung.

Warum kommt der überhaupt? Auf der Hochzeit hab ich kaum mit ihm geredet, hinterher schreib ich ihm: Treffen wir uns?, weil es in mir knistert, wenn er in der Nähe ist, und er antwortet: Klar doch. – Find ich gar nicht so klar, aber trotzdem schön. Ich freu mich auf das Wochenende.

Nur dass ein weiterer Teil von mir auf deinem Rücken hockt und sich mit beiden Ärmchen um deinen Hals klammert, weil wir dein Vogelgesicht und dein Lächeln so sehr mögen und weil wir gerne neben dir liegen in der Nacht, und weil wir uns so ungewöhnlich wohl fühlen in deiner Gegenwart. Und ich möchte immer noch mehr herausfinden über dich/dich und mich in unserem seltsamen, unaufgeregten Verhältnis – auf das uns einzulassen wir nicht mit Haut und Haaren bereit zu sein scheinen, wir beide nicht. Das ist ein Widerspruch, den ich nicht aufgelöst bekomme.

Es ist überhaupt alles voller Widersprüche. Dass ich keine Lust hatte, dir das alles zu sagen, weil du von selbst nicht darüber redest außer in Randbemerkungen, jetzt aber alles hier aufschreibe, wo ich genau weiß, dass du es lesen wirst: widersprüchlich.

Heiß auf

Einmal hab ich einen getindert, der war der schönste Mann, den ich je gesehen habe, hohe Wangenknochen und volle Lippen und ein Lächeln, dass ich singen könnte – damals hab ich ihm stundenlang in einer Bar gegenüber gesessen und ihn einfach nur angeschaut, während er geredet hat, einen Haufen Unfug in gebrochenem Deutsch: nicht klug, aber halt schön, so schön.
Ich wollte nur gucken, er wollte anfassen, deshalb haben wir uns nie wieder gesehen, bis jetzt, wo uns das Internet wieder zusammengewürfelt hat. Ich will dich fotografieren, sage ich, und er sagt JA, in Großbuchstaben, weil er schon ganz genau weiß, wie er aussieht.
Unsere Gemeinsamkeit also ist, dass wir ihn schön finden. Ist mir recht, ich werd ihn ausziehen mit der Kamera, ich will ihn Zoll um Zoll erobern. Oder: auffressen. Mit den Augen.

Sugar in my bowl

Einmal habe ich mit jemand mein Lieblingslied angehört und er nahm die Gitarre, seine schwarze E-Gitarre, und hat mitgespielt, ganz sanft, da waren wir beide schon nackt und meine Beine lagen über seinen, dass ich den Druck der Gitarre auf meinem Oberschenkel fühlte, und ich sah ihm zu: so schön war er, wie er da spielte, und ich wusste, später würden wir uns anfassen, aber nicht jetzt; und ich hab gedacht, dass ich diesen Moment niemals vergessen darf.

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Like roses need the rain

Über dem Dach tobt ein Gewitter, im Sekundentakt flammt der Himmel grellweiß auf, regennass und polternd wälzt sich Donner über den Berg, unter den Schlägen vibriert der Fußboden.
Halb bedroht und halb geborgen sitze ich unter den Dachfenstern und lausche und schreibe; ich möchte nicht schlafen gehen, dabei bin ich zum Hinfallen müde. Aber gerade, so allein in der Nacht, fühle ich mich ein bisschen freier; alles schläft, und ich muss nichts.

Eben habe ich noch mit meiner neuen Bekanntschaft im dunklen Park gesessen; wenn er mich küsst, und er küsst unbeholfen, muss ich an dich und deine festen Berührungen denken und bin traurig. Mein Körper ist immer noch in dich verliebt; du wohnst bei meinen anderen Schreckgespenstern in einem großen, dunklen Schrank und sobald ich irgendetwas dort heraushole, fällst du mir vom obersten Fach herunter auf den Kopf. Ich werde dich nie wieder sehen – das weiß ich und kann es nicht fassen.

Und dann. Wann werde ich für mich selbst sorgen können? Was wird aus mir? Ich gehe wegen meines Studiums zur neuen Therapie, aber unter diesem einen Thema kommen wie unter einem angehobenen Stein ganze Nester von Asseln und Nattern hervorgekrochen, derer nicht Herr zu werden ist. Ich wusste nicht, dass es so viele sind – so viele Ängste und Traurigkeiten und Sorgen und Niederlagen, die Masterarbeit war der Deckel von Pandoras Büchse, und sowie ich daran gerührt habe, quillt es endlos daraus hervor.

But not for me

Wo sind jetzt diese Abende, an denen man zu zweit auf dem Balkon sitzt, mit einem Glas Wein, während es ringsumher flötet und zwitschert, wo ist diese Gemütlichkeit auf dem Sofa, zu zweit, unkompliziert, wo ist das Ende der Einsamkeit beim Essen, für wen darf ich kochen, was ist mit den Spaziergängen, den Sternen und den Glühwürmchen, was ist mit dem Ausgehen, Hand in Hand, und ich trage leichte Sommerröcke?

Damit hat mir das Leben gewinkt und dann, genau vor den ersten lauen Abenden, hat es alles wieder eingepackt und gesagt: Nö. Für dich doch nicht.

(Und jetzt werden alle sagen, weil sich das so gehört, dass ich ja noch jung bin und das echt alles noch kommen kann (aber beachten wir: sie sagen kann), und man kann das ja eh nicht erzwingen, aber Herrgott, ich hatte diesen ganzen wunderbaren Mist noch so verdammt selten, dass es jetzt auch langsam mal berechtigt ist, wenn ich mich beschwere. – Hilflose Blicke.)