Unverhoffte Begegnungen der schlechten Art

Du hilft mir, drei Schubladen unsortierter Papiere aller Art zu ordnen, weil jetzt die Zeit dazu ist. Die Papiere sind aus den letzten zweieinhalb Jahren, deren hässlichste Seiten ich so noch einmal durchblättere: die ewigen Mahnungen und unbezahlten Rechnungen, die Anträge auf Psychotherapie, die Dokumentationen der peinlichen Gänge zu Notfallkliniken, um irgendwoher noch ein Rezept für Venlafaxin zu bekommen, die Quittungen für die Tanzkurse, die schon zur Qual geworden waren – –

all die schlechtesten Dinge aus dieser Zeit, und kein Ausgleich dafür und kein Auskommen damit.

Okayokay.

Ich sitze auf meinem sonnigen, warmen, wundervollen Ostbalkon und halte den winterlichen Pelz ins Licht (sprich: meine Beine). Den winterlichen Speck auch (sprich: meinen Bauch). Was der schüchterne muslimische Nachbar wohl darüber denkt, frage ich mich, obwohl ganz klar ist, dass er da halt durch muss.

Grumpy verträgt keine Sonne und hält sich in der Küche versteckt: gut so. Ich google durch die Sonnenbrille Agenturen, die noch nicht wissen, dass ihnen meine Bewerbung bevorsteht. Ich sollte mir ein cooles Logo basteln, das wirkt gleich professioneller, zumindest in meiner Vorstellung.

Um mich herum stehen Kübel mit eingesäter Blumenerde. Wenn ich hier wegziehe, werde ich ein ganzes Auto mit grünendem, blühendem Zeug füllen.

Umbruch

Grumpy ist wieder eingezogen.

In den letzten Monaten war er weg, ich schwör, das wollte ich eigentlich hier auf dem Blog schreiben, aber irgendwie war auch mein Mitteilungsbedürfnis hier geschrumpft, deshalb hab ich nichts gesagt. Es war aber ganz schön so.

Jetzt ist Grumpy zurück und mit ihm das Bedürfnis, zu bloggen. Hast du echt gedacht, ich lass dich das allein machen?, fragt Grumpy. Neue Stelle, neue Stadt, da mach ich mit, das wird ein Spaß.

07.02./Pause bitte

Habt ihr was Schönes vor?, fragt meine Kollegin, der ich erzählt habe, dass ich am Wochenende zu Du fahre.

Ich weiß es nicht. Ich stehe da und muss mich wirklich konzentrieren, um mein Wochenende wieder zusammenzukriegen. Ich antworte irgendwas und verschwinde, so schnell ich kann, ich hab keine Geselligkeit mehr übrig, nur Fangzähne und Stacheln. Auf der Straße weichen mir selbst siegessichere Teenager aus, dabei bin ich unter Zähnen, Stacheln und großer böser Lederjacke bloß leer und traurig.

 

11.01.

Ich bin ein verwundetes Tier, das nicht weiß, wie ihm geschieht, und wütend um sich beißt. Ich beiße Du und will, dass es ihm weh tut.

Ich zerre mich auf einen dreistündigen Waldspaziergang, der mich müde macht, aber nicht hilft. Nichts hilft, nichts fühlt sich gut, schön oder interessant an, ich bin böse, ich bin unruhig, ich bin eingeschlossen in mir selbst und wüte durch mein Innerstes, Zähne, Klauen und Stacheln.

Positionsbestimmung

Das Jahr ist neu und mein Leben wird anders.

Vor einem Jahr habe ich noch im Kino gearbeitet und nicht gewusst, dass ich nach einer Episode im Wahlamt als Telefonistin in einem Startup herauskommen würde. Jetzt habe ich zum ersten Mal einen festen Job und bin finanziell unabhängig – gerade eben so, aber doch. Außerdem habe ich mir vorgenommen, jetzt wenigstens einmal ernsthaft zu versuchen, was draus zu machen, dass ich gut zeichnen kann, und selbst wenn daraus nichts wird, traue ich mir mehr zu als einen möglichst anspruchslosen Aushilfsjob. Ich will Herausforderungen. Ich will Geld – jedenfalls mehr.

Vor einem Jahr war ich noch als Studentin eingeschrieben. Saß ich noch an meiner Masterarbeit oder hatte ich sie schon aufgegeben? Ich vermisse mein Studium nicht, auch wenn Momente daraus zu meinen besten Erinnerungen gehören – Ideen, Inspiration, Wissen, Erkenntnis, Begeisterung und Staunen, die Studienfahrt nach Rom. Die Begeisterung für Kunst und die Neugier auf die ganze Welt bleiben mir auch ohne Abschluss.

Vor weniger als einem Jahr etwa habe ich angefangen, um Lindy Hop zu kämpfen, nachdem die Freundschaft zu meinem Tanzpartner zu schmerzhaft wurde. Der Bruch mit ihm bedeutet noch immer, dass ich allein zu Socials gehe, wo ich mich fehl am Platz fühle, die Leichtigkeit beim Tanzen ist mir abhanden gekommen und zugleich begegne ich ihm in der überschaubaren Szene dauernd wieder. Ich bin müde vom Kämpfen, das nicht leichter wird, und frage mich, ob Lindy Hop und ich eine Beziehungspause brauchen. Dafür entdecke ich Blues, den ich so großartig wie einschüchternd finde.

Vor einem Jahr stand mir der Moment des endgültig gebrochenen Herzens noch bevor, was meinen Tanzpartner angeht; während das verheilte, hatte ich eine Freundschaft Plus und ein, zwei Dates ohne größere Folgen und als ich mich am 31. August im Fernbus angeregt mit meinem Nebensitzer unterhalten habe, habe ich ihm deshalb auch erzählt, dass ich mich für unverkuppelbar, wenn nicht beziehungsunfähig halte. Vier Monate später finde ich meine Lieblingsstadt blöd, weil er daraus weggezogen ist.

Vor einem Jahr war ich mir sicher, dass ich nie mehr von hier weg möchte, und wenn, dann ganz vielleicht nach Hamburg; jetzt, wo mein älterer Bruder wieder in die Nähe meiner Eltern gezogen ist und Du ebenfalls, freue ich mich drauf, nach Stuttgart zu ziehen, in diese verstockte alte Feinstaubstadt.

Vor einem Jahr war ich noch in Therapie und habe jeden Morgen ein Antidepressivum gegessen; jetzt fühle ich mich ziemlich stabil und selbst mein Skin Picking ist besser. Ich habe keine Angst.

Und vor einem Jahr hätte ich nicht geglaubt, dass in einer meiner ältesten und wichtigsten Freundschaften ein so tiefes, beidseitiges Schweigen entstehen könnte.
So viel zu 2019.