Putsch!

Grumpy hat die Macht übernommen und als erstes das Zähneputzen abgeschafft. Und dann den Abwasch. Wichtige Anrufe finden nicht mehr statt. Aufstehen vor elf Uhr ist nicht mehr erlaubt, dafür mein gerade eingeführtes Schokoladenverbot wieder abgeschafft. Meine Masterarbeit interessiert ihn nicht und wird auch nicht mehr unterstützt. Kleider gehören nicht mehr in den Schrank, sondern auf den großen Schaukelstuhl, und weil Tassen nicht gespült werden, können wir ab morgen keinen Kaffee mehr trinken. Wie wir dieses Problem lösen, ist dann meine Sache.
Grumpy verfügt, dass wir in der Wohnung nichts Sinnvolles mehr machen, bis es Zeit ist, aus dem Haus zu gehen. Wir kommen vom Einkaufen nach Hause und dann bestimmt Grumpy, dass wir uns im Flur auf den Boden setzen und, Jacke an, die Tafel Schokolade gleich aus der Einkaufstasche essen.
Und so seit Wochen.

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20.12.

Ich sitze bei meiner Therapeutin und spreche von mir wie von einem Uhrwerk, das nicht richtig läuft. Ja, aber wie geht’s Ihnen denn?, fragt sie, und ich fange an zu weinen.
Dass es mir so geht, hab ich selber nicht gewusst.

 

 

 

Weil ich nicht wollte, dass es mir so geht. Das ist jetzt vorbei, hab ich gedacht und nicht mehr richtig hingeschaut.

Die letzten Rosen im Jahr

Grumpy hat keine Lust. Ich will nämlich mit ihm den Balkon aufräumen und winterfest machen, um morgens beim Kaffee doch noch ein bisschen Sonne abzukriegen, weil mit Sonne alles leichter ist. Grumpy mag Sonne in Wahrheit auch, obwohl er Theater macht bei dem Vorschlag, irgendetwas aufzuräumen. Aber wenn wir dann erst draußen sitzen, das weiß ich, wird er ganz still und friedlich sein und brav an seinem Kaffee nippen.

Aber für heute muss es reichen, ihn zum Wäschewaschen zu überreden. Das ist auch wirklich genug Arbeit für einen Tag – wir tragen den Wäschekorb in den Keller, er brüllt Zetermordio und ich versuche, ihn mit Blätterkrokant zu besänftigen. Den mag er und hält zumindest die Klappe, bis er den Mund nicht mehr voll hat.

 

Leere und Verneinung

Manchmal wache ich morgens auf und weiß nicht, wo ich bin. Ich sehe die Dachschräge und glaube, ich sei in meinem alten Zimmer bei meinen Eltern, bis ein Ruck durch den Morgen geht und ich erkenne, diese Schräge ist eine andere und auch das Fenster ist nicht das Alte, ich bin in meiner neuen Wohnung und meine Eltern sind nicht hier.

Nach Tagen woanders immer das Gleiche: die Freude auf Zuhause, ein Glücksmoment beim Wiedersehen mit der kleinen Wohnung, dann schwillt das ab und tropft an mir herunter und übrig bleibt eine Müdigkeit, die größer ist als ich.
Ich sag mir, das ist in Ordnung, aber ich weiß nicht, wie ich machen soll, dass sich diese Erschöpfung nicht so schlimm anfühlt, so absolut.

Die Tabletten bringen irgendetwas durcheinander, tragen mich weiter, als ich laufen kann, ich bin aufgedrehter, als ich mich sonst kenne, freue mich leichter und Menschen sehen mich auf der Straße an, weil ich vor mich hin lächle. Das ist schön, aber es sind große Extreme zwischen Frohsinn und Erschöpfung; ich schlingere wie ein Dampfer in schwerer See, der kaum auf Kurs zu halten ist. Kann sich das bitte einpendeln. Wo zwischen Depression und Venlafaxin lieg ich? Und wer ist das Ich, das da rumliegt?

05.06.

Mein Brieffreund rät zu Gleichmut. Pah! Ich bin aber nicht gleichmütig. In mir ist so viel Spannung, dass ich dauernd berste: meine Haut ist durch das innere Glühen hart und spröde wie Ton, ich bekomme Sprünge, die zu Rissen werden, und daraus quillt etwas wie gleißend gelbe Lava, erstarrt an den Rändern, fällt staubig ab, fließt nach, bildet groteske Verkrustungen, lagert bizarre Wucherungen ab, mein Gesicht ist entstellt und verzieht sich in wahnsinnige Grimassen, ich muss mich sehr bemühen, noch aufrecht zu gehen und zu lächeln, mit meinen verklebten Fingern nötige Handgriffe zu verrichten, ich reiße mich zusammen, um noch durch die Straßen gehen zu können, aber sowie mich einer anrührt, zerspringt die dünne Hülle und es quillt und reißt und verkrustet, dass die Menschen erschrocken die Augen niederschlagen, rasch vorbeigehen, nicht wagen, das brodelnde Ding anzusehen, wer weiß, wozu es fähig ist.

In Wahrheit verhalte ich mich ganz sinnvoll, nach außen; in mir rast alles weiter durch die gewohnten Verknotungen. Wollte ich heute Abend tanzen gehen? Wollte ich lieber ins Kino? Wollte ich keines von beidem, da ich ja nicht hingegangen bin? War ich zu müde oder hatte ich zu viel Angst? Macht es mir denn überhaupt Spaß, Dinge allein zu tun? Ich hab keine Antwort. Dafür ist morgen endlich meine Therapeutin wieder da. Ich will ihr alles vor die Füße schleudern, damit es wer sortiert. Ich kann’s nicht.

 

29.05.

Was macht es mit mir, wenn der Mensch, in dessen Hände ich mich begeben habe, mir sagt, dass ich krank bin? Vielleicht ist geschehen, was ich befürchtet habe: sobald die Diagnose im Raum steht, wache ich jeden Tag auf und denke, dass es mir heute aber wieder echt nicht so gut geht, dass es eh nicht klappen wird, weil ich ja noch nicht gesund bin, dass ich es überhaupt nicht mehr probieren muss. Nicht probieren kann.
Vielleicht wäre das sowieso passiert. Ich kann’s nicht sagen, wie ich überhaupt nicht mehr viel darüber sagen kann, was in mir und mit mir passiert.

Ich kann das nicht allein, denke ich, fühle ich, ich brauche wirklich jemanden, der mir hilft, diese Selbstsabotage in ihrer endlosen Wiederholung ist das wütende Bestehen darauf, dass jemand kommen soll, um mir zu helfen. Und dieses Gefühl ist weit größer, als dass man es in einer einstündigen Sitzung alle sieben Tage bändigen könnte.
Danach und dazwischen bin ich immer wieder auf mich allein zurückgeworfen. Es gibt niemanden, der einfach selbstverständlich immer da ist. Ich sehe den Halt, den Freunde aus ihren Partnerschaften ziehen, und denke, anscheinend muss irgendetwas daran wirklich helfen. Es muss wirklich helfen, nicht allein zu sein.

(In der ersten oder zweiten Sitzung hat die Therapeutin gefragt, ob ich einsam sei. Nein, hab ich geantwortet. Warum eigentlich?)