01.08.

Ich gehe zur Psychiaterin und muss nichtmal ins Wartezimmer, so schnell ist mein Rezept fertig, dann haben sie in der Apotheke nebenan sogar das Venlafaxin (brrrrrr) vorrätig und ich muss gar nicht die halbe Stadt abklappern wie sonst, und am Ende finde ich im offenen Bücherregal nebendran auch noch drei Schätze: Doris Lessing! Margaret Atwood, im Original! Und Tania Blixen, die ich jetzt kennenlernen kann.

Das freut mich alles so, dass ich mich spontan auf einen Kaffee in der Stadt einlade; im neu entdeckten Café ist noch ein Platz draußen frei, da sitze ich und schreibe Tagebuch und freue mich über den guten Kaffee und gucke Leute und denke, vielleicht ist jetzt so langsam alles okay. Nicht ständig, nicht jeden Tag und nicht ohne Schwierigkeiten, aber insgesamt doch: okay.

Erdbeersphinx

(Vielleicht ist Lindy Hop, das Tanzen und wie ich mich dabei fühle, die Menschen und wie ich mich unter ihnen zurecht finde, die bessere Therapie.)

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Wie es war

Die lachende Welt ruft: Carlie, Carlie, spiel mit mir! Der Himmel ist blau und die Welt voller Möglichkeiten!

Ich schau aus dem Fenster, da kommen die Möglichkeiten in Scharen und schneiden sich dicke Scheiben von mir ab.

Nein, halt, sage ich, aber schon haben sie Nein und Halt heruntergesäbelt und springen kauend davon wie hungrige Kinder. Hört zu, sage ich, wartet – da schneiden sie mir das Wort ab, den Mut und das Herz und verteilen mich bis auf den letzten Rest, die schönen, bunten Möglichkeiten.

Zum Teufel

Meinem Vater, schon mit einem Glas Wein mehr als gut wäre, fällt ein, dass er sich ja immer Sorgen um seine unselbständige, kranke Tochter macht. Also Carlie, was machst du jetzt bis zu deinem Job im September?, fragt er.

Bisschen arbeiten, sage ich. Hier und da. Und sonst, wahrscheinlich nichts.

Und was verdienst du dann nochmal?, will er wissen. Sein Tonfall sagt, dass er alles, was ich vorhabe, nicht gut findet.

1250 brutto, sage ich, angespannt.

Er schnaubt. Also, willst du nicht auch mal richtig arbeiten? Ich finde, du solltest langsam ein paar Rentenpunkte sammeln.

Das ist der Punkt, an dem ich mich frage, ob er eigentlich irgendwas von dem verstanden hat, was ich ihm im Lauf des letzten Jahres erzählt habe. Dass Vollzeit nicht klappt, zum Beispiel. Dass ich nicht alles so hinkriege, wie es viele Leute hinkriegen. Dass ich auch nicht weiß, wie der ganze Scheiß funktionieren soll, und ein destruktiv herumnörgelnder Vater noch nie irgendwen weitergebracht hat.

Aber er ist betrunken und damit die schlechteste, verständnisloseste, unzugänglichste Variante seiner selbst, deshalb bin ich froh, dass mein Bruder das Gespräch unterbricht, gehe bald darauf ins Bett und schlucke Wut, Enttäuschung und Vorwürfe herunter. Grumpy wühlt sie sofort wieder heraus und bewirft mich seither damit.

Vierter Juli

Ich habe Geburtstag, aber ich bin nicht da. Grumpy stupst meine leere Hülle an und guckt, wie sie vom Stuhl fällt.

Du hättest halt besser aufpassen müssen, sagt er altklug in den leeren Raum. Ich hab dir gesagt, mach mal langsam, und was machst du? Schnell.

Ich weiß, murmle ich dumpf aus einem versteckten Winkel tief in meinem Bauch.

Erst so ein anstrengendes Wochenende, zählt Grumpy auf, und dann der lange Arbeitstag am Dienstag, und kannst du eigentlich mal wieder eine Nacht lang richtig schlafen? Ich bin wirklich müde, und du auch, und deinen Muskelkater will ich auch nicht haben.

Ja ja, knurre ich aus der Tiefe. Ich weiß. Heute mache ich Pause.

Lügnerin!, ruft Grumpy. Du hast nur Glück, dass deine Freundin abgesagt hat, sonst wäre heute auch wieder zu viel los. Guck mal, – er platscht mit dem Löffel vorwurfsvoll in meinem Müsli herum – , Was ist das denn? Zu müde zum Essen, schon wieder?! Ist das dein neues Ding oder was?

Mag nicht, murmle ich.

Das geht nicht, sagt Grumpy. Nicht mögen ist mein Gebiet. Soll ich jetzt auf dich aufpassen oder was? Ich bin deine Depression, nicht deine Mama.

Vielleicht musst du aber aufpassen, sage ich und tauche wieder ein bisschen auf. Wegen der Achtsamkeit.

Ach komm, sagt Grumpy. Das nimmst du mit aus der Therapie? Das hätte dir jeder Hipster sagen können. Oder jeder mit ein bisschen gesundem Menschenverstand.

Ist aber so, sage ich. Du bist mein Warnzeichen. Ab jetzt. Los.

Du hörst ja nicht auf mich!, ruft Grumpy. Undankbare Scheißaufgabe!

Ich hör jetzt auf dich, behaupte ich, obwohl wir beide wissen, dass das nicht stimmt.

Ja toll, sagt Grumpy. Iss dein blödes Frühstück. Und leg das Handy weg.

Gegenmaßnahmen, 2

Ich rede drüber. Ich vertrau mich wohlmeinenden, fast unbekannten Menschen an, und sie nehmen Grumpy mitleidig in den Arm, weil er so verbissen unglücklich ist. Er blinzelt heftig und zieht die Nase hoch.

Nach einem Alptraum über meine Wohnung, in der sie sich in ein ekelhaftes, schleimiges Monster verwandelt und mich aufgefressen hat, räume ich endlich auf, auch den Balkon. Grumpy guckt sich den abgewaschenen Berg Geschirr an und sagt: Wir waren lange nicht mehr hier, oder? – Ja, sage ich. Wir müssen öfter hier sein, wir brauchen das.
Nach dem Aufräumen setzen wir uns mit einer Schale Erdbeeren auf den Balkon. Grumpy macht die Augen zu und entspannt sich seufzend. An diesem Abend bin ich frei.

Nein/Get out of my hair

Also wenn ihr alle so überzeugt davon seid, dass ein Klinikaufenthalt was ganz Tolles ist und ich auf keinen Fall meine Medikamente absetzen sollte, dann nehmt ihr doch mal Venlafaxin. Oder sperrt euch selber für sechs Wochen aus dem Leben, um vor und mit anderen die Hosen runterzulassen. Bock drauf?
Ihr sagt das doch nur aus Hilflosigkeit und weil ihr wollt, dass das Problem schnell weg geht, aber es geht halt nicht weg, das ist meine Psyche, die kann man nicht umtauschen, und man kann auch nicht schnell was draufkleben und dann ist für immer alles OK. Ich hab dieses Kackmedikament ausprobiert – ausprobiert!! – , weil ich nicht weiter wusste, und das Ergebnis ist, dass ich nicht weiß, ob es ein Ergebnis gibt. Geht’s mir besser? Keine Ahnung. Hat Grumpy sich verpisst? Natürlich nicht. Hab ich keine melancholischen Totalausfälle mehr? Doch! Also was, in Dreiteufelsnamen, spricht dafür, dass es ohne dieses Zeug schlimmer wäre? Dass ich nicht genauso gut ohne Antidepressivum an meinen Baustellen arbeiten könnte, weil sie mit und ohne ungefähr gleich groß sind? Und bitte, daran scheint sonst keiner zu denken, das Zeug ist halt einfach nicht gesund. Und ich hab keinen Bock auf die Nebenwirkungen und den Medikamentenwecker und das Gerenne zu irgendwelchen Ärzten für ein neues Rezept und den Stress, die Tabletten immer dabeizuhaben. Ich hab’s jetzt probiert und bin nicht überzeugt, Ende des Experiments.

Und die Klinik. Ist ja einfach, jemand da hinzuschicken, dann kommt sie zurück und alles ist besser, was für eine Erleichterung. Aber was soll’s denn helfen, wenn ich ein paar Wochen lang an einem realitätsfernen Ort Introspektive betreibe, um danach zurückzukommen und immer noch ich zu sein in einem Leben, das auch den Stärksten von uns bisweilen überfordert? Wieso soll das dann einfacher sein? Sind nicht die Fragen, vor denen ich gerade stehe, schlichtweg groß?

Ich will hier, vor Ort, in meinem Leben lernen, wie ich auf mich aufpassen kann, damit die Depression nicht mehr den Ton angibt. Ich will aufhören, über mich nachzudenken, als wär ich krank. Es gibt Sachen, die mir schwer fallen, und welche, die mir wirklich sehr schwer fallen, aber ich hab keinen zu behebenden Defekt, sondern eine Persönlichkeit und ich weigere mich von jetzt an, zu sagen, diese Persönlichkeit sei krank oder gestört oder beschädigt. Schwierig, meinetwegen. Aber ich werd mein Leben lang damit auskommen müssen, und ich werde nicht mein Leben in Krankheit verbringen.

 

Gegenmaßnahmen

Ich verteile Küsse auf deiner Haut und fühl mich friedlich.
Ekelhaft!, findet Grumpy, aber mehr aus Gewohnheit. Wenn wir dich besuchen, schläft er meistens im Sessel ein und vergisst, mich zu nerven.

Von dir aus radel ich auf dem Rennrad ins Büro. Cool!, ruft Grumpy, wenn wir an den anderen Radfahrern vorbeiflitzen. Wir tragen das Rad zusammen die Treppe hoch und stellen es ins Vorzimmer vom Büro; Grumpy setzt sich davor auf den Teppich und guckt es an und strahlt, so ein schönes Rad ist das.

Jetzt ist es zwölf und die Glocken läuten draußen und Grumpy rüttelt an meinem Stuhl. Cous-Cous-Box!, ruft er. Komm, komm!
Wir haben Hunger und lieben die Falafel aus einem gewissen Dönerladen.

Die Sonne scheint.