Halb leer

Donnerstag: Fühle mich leer und unvollständig bei der Arbeit und danach bei Freunden zwar aufgehoben, aber erschöpft.

Freitag: Wache auf, bin aus Blei oder schwerer, empfinde Panik beim Gedanken an das Wochenende, melde mich bei der Arbeit krank und verordne mir Pause. Du kommt vorbei, weshalb ich mich immerhin menschlich fühle, den Abend verbringe ich allein und zwinge mich, mich nicht davon abzulenken, dass ich ich bin.

Samstag: Ich schlafe lange und wache auf mit beinahe guter Laune, jedenfalls fühle ich mich ruhiger. Ich mache nichts als Sachen im Haushalt und bin ganz bei mir, meine Wohnung ist heilsam an diesem Tag. Abends fahre ich zu Du und freue mich drauf.

Sonntag: Weil Du schnarcht, habe ich kaum geschlafen und fühle mich wieder so aufgerieben und mutlos wie am Freitag, nur dass ich jetzt auch noch todmüde bin. Ich treffe eine Freundin zum Kaffee und falle danach in mich zusammen und ins Bett, statt tanzen zu gehen wie geplant. Jetzt kann ich mich selbst nicht mehr leiden und habe das Gefühl, bei der Übernachtung bei Du irgendwie versagt zu haben, weil ich nicht auf das achten konnte, was ich gebraucht hätte. Ich kann mir keine schlaflosen Nächte leisten und der Friede von gestern ist verloren.

Montag: Wache auf und fühle mich müde davon, mich mit mir selbst herumzuschlagen. Verabrede mich für vor der Arbeit und merke eine halbe Stunde später, dass ich das nicht schaffe. Ich bin immer noch überzeugt, alles falsch zu machen. Zusätzlicher Ballast: Nervigkeiten mit einem Techniker und welche mit meinem Körper, außerdem Freunde, die mehr oder weniger versteckte Kritik an meinen Entscheidungen äußern.

Ich kann jetzt nichts tragen.

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Narziss geht tanzen

Gestern bin ich nicht tanzen gegangen, weil es doch nicht ging. Am Höhepunkt der Selbstverachtung schreibt Du, wie es mir geht, und am Ende fahre ich noch zu ihm, um mir den Abend von der Seele zu reden. Das hilft, und am nächsten Tag geht es mir besser, sodass ich es zum Dreh des Musikvideos schaffe, vor dem ich mich fürchte (ich schaffe es auch, weil ich vorher verabredet bin und also aus dem Haus gehen muss). Ich fürchte mich dann auch die ganze Zeit über, während wir drehen: weil ich denke, jemand wie ich dürfte da gar nicht sein, jemand so kaputtes, der es nichtmal zu den socials schafft und keine coolen moves hat und eh nicht tanzen kann. Ich fürchte mich vor den Leuten, die mitmachen, weil viele davon länger oder besser tanzen als ich, oder weil ich denke, sie finden mich komisch. Ich fürchte mich davor, das Video am Ende zu sehen und nicht zu mögen, wie ich aussehe. Ich fürchte mich davor, nicht gemocht zu werden, überflüssig zu sein, unerwünscht, seltsam, störend/störend, weil ich seltsam bin. Ich gehe davon aus, dass jeder im Raum genug auf mich achtet, um mich seltsam finden zu können.
Unterm Strich ist der Dreh für mich mehr Stress als Freude, aber ich will neugierig bleiben und Sachen ausprobieren und lernen, mich weniger zu stressen und mehr zu freuen, Amen.

12.10./Bestandsaufnahme

Seit neuestem weiß ich nicht mehr, wie ich hier schreiben soll. Es kommt mir vor, als müsste jedes Wort vor einem Leser bestehen, der mir nicht glaubt. Deshalb glaube ich mir auch nicht, obwohl das alles stimmt:

Heute war ein Tag mit Potential, den ich habe vergehen lassen, ohne mich zur bewegen. Draußen waren freundliche Kastanien, die man vielleicht noch sammeln kann, und Licht und Waldwege in der Herbstsonne. Aber ich war so müde.

Ich hab mich an meine Arbeit gewöhnt. Ich habe eine Kollegin, die meine feste Nebensitzerin geworden ist, und ich hatte bisher keine Tage, an denen ich gar nicht hingehen konnte. Ich habe zwei von vier Tanzkursen wieder abgesagt, weil das zu viel war, merke aber trotzdem, dass ich in der übrigen freien Zeit schwerer Dinge tun kann. Mein Rücken ist ganz steif von so viel ungetanen Dingen und fleht nach Bewegung.

Ich zwinge mich, mich wieder zu einem Teil der Lindy-Hop-Szene zu machen. Heute Abend ist ein Social und ich gestatte mir nicht, daheim zu bleiben. Ich melde mich freiwillig für den Auf- und Abbau bei zukünftigen Veranstaltungen. Und morgen dreht eine Swingband aus der Stadt ein Musikvideo, in dem ein paar Leute tanzen sollen: ich habe gesagt, dass ich mitmache, und jetzt muss ich auch. Ich bin trotzdem sicher, dass mich keiner will oder braucht, aber ich will mich öfter so spüren, wie ich mich beim Tanzen spüre.

Ich denke auch, dass niemand diese Texte will oder braucht, und dass ich deshalb vielleicht einfach mit dem Schreiben aufhören sollte. Anscheinend bin ich kein ausreichender Grund für mich, irgendetwas zu tun.

Du ist mehr verliebt in mich als umgekehrt. Als ich ihm das gestehe, sagt er, das sei ihm von Anfang an klar gewesen, aber es mache keinen Unterschied. Etwas zwischen uns ist trotzdem echt. Er sagt: Du machst mich glücklich. Ich staune über seine Reaktion; überhaupt hab ich großen Respekt vor ihm und freu mich darauf, ihn wiederzusehen. Er fordert mich heraus, ohne mich unter Druck zu setzen, und ich erprobe an ihm, wer ich bin.

Ich habe Joker gesehen und fühle mich Arthur Fleck nahe, wie ich mich König Saul bei Rembrandt nahe fühle, zerbrochenen, tragischen Figuren, für die es auf der ganzen Welt keine Rettung gibt. Aber sie sind nicht wirklich, und durch die Distanz der kunstvollen Erzählung, die niemals vorgibt, etwas anderes zu sein, ist ihre Tragik schön und mitreißend und kathartisch; tags drauf sehe ich Systemsprenger, der sich viel realer anfühlt, und dieser Film tut weh.

Ich müsste mich bei Leuten melden, Kontakt halten, was anstrengend ist, aber es ist noch anstrengender, den Kontakt zu mir selbst zu halten. Ich hab ihn weder in der Fülle meines Alltags noch in der lethargischen Stille, in der ich mich weigere, mir selbst zuzuhören. Gleich hinter meiner Straße fängt der Wald an, der mir gut tun würde: das weiß ich und rühr mich nicht vom Fleck.

28.09.

Essen und schlafen Sie doch wenigstens ordentlich, hat mein erster Therapeut gesagt. Dann ist zumindest Ihr Körper fit und macht nicht alles noch schlimmer.

Ich schlafe viel zu wenig und esse zu ungesund und zu unregelmäßig, ich merke seit Tagen, wie mir die Kraft ausgeht und schleppe mich trotzdem immer weiter, quer durchs Leben, nur um nicht hinhören zu müssen. Ich weiß nicht einmal, ob es was Schlimmes zu hören gäbe, aber ich will mich einfach nicht mit mir an einen Tisch setzen, ich will nichts von mir wissen, ich möchte da sein, aber ohne mich. Ich müsste immer alles anders machen, ich müsste besser zu mir sein und achtsamer und öfter vernünftig, ich müsste mich hinsetzen und zuhören und rauskriegen, was eigentlich in dieser Leere wohnt, ich müsste schlafen und schlafen und mehr richtige Sachen essen und mich auseinandersetzen – mit dir und dir und dir und mir, endlich mit mir, vernachlässigt, verhungert, verkümmert, mach, dass es weg geht, mach mich ganz.

Wie wohltuend das sein müsste: mich am Stück zu fühlen und nicht wie jemand, der sich ständig um jemand anderen kümmern muss. Steh auf, wasch dich, zieh dich an, trink genug und pack deine Sachen, vergiss nichts, und ich kümmere mich solange um die Formulare, die Überweisungen, den Haushalt; und versuch zu sein wie ein Mensch, sprich und lächle und was Menschen so tun.

 

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Zeitlupe

Die Küche ist unter Wasser, deshalb kann ich mich nicht so schnell bewegen, und es schwimmen Fische hindurch, die mich ablenken, die bunten Schwärme, die finsteren Raubfische: kein Wunder, dass ich es noch nicht geschafft habe, mir was zu essen zu machen. Das Essen ist ja auch unter Wasser und wie ich den Kühlschrank aufmache, schwimmt alles davon und Muscheln setzen sich in den Fächern fest.

03.09.

Ich glaube immer noch: es ist ausgestanden. Aber das heißt nicht, dass es nie mehr weh tut und kein Tag mehr sich schwer anfühlt. Ich habe etwas über mich verstanden, das vielleicht mein eigentliches Thema ist – nicht die Depression -, und ich will es aufschreiben, hier, im Internet, weil das Bloggen und alle, die meine Texte lesen, eine Funktion haben, eine Bedeutung, so fundamental, dass ich mich frage, ob das nun wieder gut ist, aber vielleicht ist es total in Ordnung, die absolute Selbstgenügsamkeit als Ideal zu verwerfen.

Mein Laptop ist woanders, aber ich kann nicht richtig schreiben, wenn ich nicht die Tasten höre und fühle. Ich schiebe alles auf: die Nacht in der Stadt, die Heuschrecken, Selbsterkenntnis, Verunsicherung, Texte über Texte übers Tanzen.

Symptome

Mein Nacken, meine Schultern sind so verspannt, dass die Kopfschmerzen ein brüllendes Ungeheuer sind; auf dem Fahrrad bewirkt jeder Kiesel einen Schlag hinter die Augen.

Das feuchte Gras, der See mit seinen Algen und Gerüchen, die Mückenstiche, die Dunkelheit: ich ekle mich, ich fühle mich körperlich abgestoßen von der ganzen Welt, wo sie nicht trocken, warm und übersichtlich ist.

Ich bin nicht ganz da auf der Straße und kollidiere um ein Haar mit einem Motorradfahrer, frontal. Ich registriere trocken, dass ich gerade fast gestorben wäre.

Ich bin unruhig, reizbar und ungerecht. Keiner liebt mich.

Bitte lass es aufhören. Ich will wieder atmen.