01.08.

Ich gehe zur Psychiaterin und muss nichtmal ins Wartezimmer, so schnell ist mein Rezept fertig, dann haben sie in der Apotheke nebenan sogar das Venlafaxin (brrrrrr) vorrätig und ich muss gar nicht die halbe Stadt abklappern wie sonst, und am Ende finde ich im offenen Bücherregal nebendran auch noch drei Schätze: Doris Lessing! Margaret Atwood, im Original! Und Tania Blixen, die ich jetzt kennenlernen kann.

Das freut mich alles so, dass ich mich spontan auf einen Kaffee in der Stadt einlade; im neu entdeckten Café ist noch ein Platz draußen frei, da sitze ich und schreibe Tagebuch und freue mich über den guten Kaffee und gucke Leute und denke, vielleicht ist jetzt so langsam alles okay. Nicht ständig, nicht jeden Tag und nicht ohne Schwierigkeiten, aber insgesamt doch: okay.

Erdbeersphinx

(Vielleicht ist Lindy Hop, das Tanzen und wie ich mich dabei fühle, die Menschen und wie ich mich unter ihnen zurecht finde, die bessere Therapie.)

Trennungsschmerz

Ich habe Doris Lessings Goldenes Notizbuch ausgelesen und den Verdacht, dass ich das Ende nicht verstanden habe. Die letzten Seiten waren mühsam, ganz viel an diesem Buch war mühsam, aber ich habe mich so tief hineingedacht und -gefühlt, dass ich es jetzt heftig vermisse.
Die Affären und Beziehungen von Anna Wulf haben mein Affärenverhältnisfreundschaftplusliebeleiwuddayacallit ganz eng begleitet, und es war viel leichter, so ein Verhältnis gemeinsam mit Anna und Ella zu führen als nur mit mir. Wenn Anna rasend war, hab ich mein eigenes Rasen begriffen, und wenn sie kalt war, wusste ich, warum ich manchmal kalt bin, und wenn sie einen Fehler bei sich gesucht hat, wusste ich, dass der Fehler nicht bei mir liegt.

Jetzt muss ich alles wieder allein verstehen und selbst die Figur sein, die mich bestärkt und meine Fragen auflöst. Vielleicht muss ich das Buch noch einmal lesen, um Annas verschwommenes Abbild in mir zu schärfen.

07.06.

Ich bin so unruhig. Ich tigere in mir auf und nieder, ein gereiztes Tier, hungrig und voll Ärger, ein Ärger, der sich, da ich Doris Lessing lese und zur Hälfte die von Saul besessene Anna bin, gegen diese Tatsache richtet: dass du ein ganzes Leben besitzen kannst, das von mir abgewandt ist, dass du dich von mir wegdenken kannst, noch während ich da bin – genau, wie ich ein Leben habe, das abgewandt von dir ist.

Meine Freundin hat gesagt: es tut manchmal weh, dass sich Menschen nicht gehören können, und ich habe etwas in der Art geantwortet: dass ich diesen Gedanken nicht habe, aber doch, ich habe ihn, gestern hab ich ihn erkannt, als du in Vorbereitung einer anderen Sache für mich unberührbar wurdest, während ich mich noch nicht abgewandt hatte.

 

I don’t know why I didn’t come

Doris Lessing schreibt: „Ungebunden, sagen wir, doch die Wahrheit ist, dass sie eine Erektion bekommen, wenn sie mit einer Frau zusammen sind, die ihnen gar nichts bedeutet, dass wir aber nur einen Orgasmus bekommen, wenn wir ihn lieben.“ (Das goldene Notizbuch, Frankfurt am Main, 1978, S. 441.)

Am Anfang des Buches fand ich, Doris Lessing schreibt zu schematisch, pauschalisiert zu stark, aber je länger ich lese, desto öfter stimme ich ihr zu, und bei dieser Passage bin ich überzeugt, dass sie wahr ist. Dann denke ich, sie kann nicht wahr sein, nicht für alle Frauen (und nicht für alle Männer?),  auf keinen Fall – aber für mich ist sie vollkommen wahr.

Ich muss an meine Liebhaber denken – Doris Lessing würde sie Liebhaber nennen, wie nenne ich sie? Männer – an alle Männer, mit denen ich während der letzten vier Jahre geschlafen habe, und daran, dass ich keinem von ihnen meinen Orgasmus anvertrauen konnte, weil ich keinen von ihnen geliebt habe; und ich denke an die totgeborenen stillen Tiere meiner zurückgewiesenen Zuneigung, die ich in mir beerdigt habe, um wütend und dunkel über ihre Gräber zu wachen.

 

Und er: meinen Liebhaber würde Doris Lessing ihn nennen, meine Freundschaft Plus die jetzige Zeit, aber ich nenne ihn nur bei seinem Namen: Er gibt sich Mühe, damit ich auch komme, wenn wir miteinander schlafen, aber wann immer ich kurz davor bin, schnellt eine Barrikade in mir hoch, und das ist der Gedanke: Wenn ich jetzt loslasse, werde ich ihn womöglich lieben.

Ich hasse Grenzen. (Warum bist du dann noch da? – Weil ich es mehr mag als es mich wütend macht.)

 

Fragen

Ich lese Doris Lessings Goldenes Notizbuch, und es geht darin so viel um die Sicht einer Frau auf Liebe und Sex, dass ich für beides sensibilisiert bin und in allen möglichen Momenten über die Gründe, weshalb/die Arten, wie/die Gefühle, während Frauen mit Männern schlafen, nachdenke.
Nach einer Woche habe ich gerade einen guten Freund wiedergesehen, wir schlafen miteinander und ich beobachte mich, wie sich die Erzählerin im Buch beobachtet, und denke nach über den Grund, weshalb, und die Art, wie, und meine Gefühle, während ich mit ihm schlafe. Ist es nicht seltsam, dass es überhaupt Gründe, Arten und Gefühle gibt, die nicht nur aus Lust/voller Lust/Lust heißen?