Wie es war

Die lachende Welt ruft: Carlie, Carlie, spiel mit mir! Der Himmel ist blau und die Welt voller Möglichkeiten!

Ich schau aus dem Fenster, da kommen die Möglichkeiten in Scharen und schneiden sich dicke Scheiben von mir ab.

Nein, halt, sage ich, aber schon haben sie Nein und Halt heruntergesäbelt und springen kauend davon wie hungrige Kinder. Hört zu, sage ich, wartet – da schneiden sie mir das Wort ab, den Mut und das Herz und verteilen mich bis auf den letzten Rest, die schönen, bunten Möglichkeiten.

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Wie soll ich denn

Gestern war ich nicht auf der Arbeit. Ich hatte schon alles gepackt und musste nur noch Schuhe anziehen, da habe ich mich stattdessen nochmal zu Grumpy ins Bett gelegt, und der hat mich nicht mehr gehen lassen. Dabei ist auf dem Wahlamt jetzt Hochbetrieb und ich weiß, selbst zwei Stunden verspätet wäre es immer noch hilfreich, wenn ich hinginge. Ich denke an meine Kollegen, die ich im Stich lasse, und bleibe trotzdem, wo ich bin, weil Grumpy sich an mir festklammert und inzwischen hundert bleierne Tonnen wiegt.

Und heute das Gleiche. Heute schaffe ich es!, denke ich beim Aufstehen, und ich freu mich darauf, Gestern und Grumpy hinter mir zu lassen, aber dann stolpere ich doch und falle in mich hinein, unten am Boden hockt Grumpy und reckt verzweifelt die Arme zum Licht.

Ich komm nicht raus!, sagt er, Ich bin zu klein und zu schwach. Und meine Kollegen sitzen im Wahlkeller und sortieren Briefumschläge, sitzen am Schalter und geben dem letzten großen Ansturm Wahlscheine aus, fragen sich, wie sie das schaffen sollen, und ich würd ihnen so gern helfen.

Druck, Druck, Druck

Im Kino gewesen, nur fast geweint. Weil der Film intensiv und traurig war, kommt die Welt draußen mir roh und falsch vor, bloß die Kälte tut gut. Es fällt Schnee und auch das tut gut, ich fahre nach Hause und mache Tee.
In mir ist nichts übrig, was ich anrühren könnte, ohne dass mir alles um die Ohren fliegt. Ich trinke den Tee im Dunkeln, weil das erträglich ist; meine Mutter hat versucht, mich anzurufen, aber ich kann nicht mit ihr reden. –

Morgen ist ein Tag mit Plänen, aber Pläne kommen mir schrecklich vor, und danach ist kein freier Tag mehr bis Mittwoch. Ich kann nicht, ich kann nicht.

18.11./Nicht perfekt ist nicht okay

Mit dem neuen Job im Kino ist mein Leben jetzt voll bis zum Rand. Ich tanze und arbeite und lese in der Bibliothek für die Masterarbeit und daneben versuche ich, meine Freunde nicht zu vernachlässigen und plötzlich findet so viel statt und ich bin an so vielen Orten und begegne so vielen Menschen und merke, diese Person, die ich bin, auf die kann ich mich verlassen, die kriegt das schon hin.

Aber, wie soll sie es hinkriegen? Gut soll sie es machen, und am besten nicht nur gut, sondern mindestens besser als alle anderen. Am charmantesten soll sie sein und am lustigsten, am klügsten und geschicktesten Aufgaben anpacken, am coolsten soll sie aussehen beim Tanzen und die wenigsten Fehler dabei machen und bei alledem auch noch die lässigsten Klamotten tragen.
„Kein Wunder, dass sich alles so viel anfühlt, wenn Sie auch noch immer alles perfekt machen müssen“, bemerkt meine Therapeutin. Das ist naheliegend, aber im Leben wär ich da nicht draufgekommen, und plötzlich seh ich alles viel entspannter: es ist nicht so groß und viel wie das, was ich daraus mache.

Die Welt geht trotzdem oft genug unter, sobald ich denke, ich sei nicht gut genug, und Anlass dafür finde ich eigentlich überall, da muss ich nichtmal besonders lange suchen, Abende ruinieren kann ich mir selbst ganz ausgezeichnet. Warum ist es so irre unerträglich, etwas nur so gut zu machen wie alle andern auch?
Sogar in der Therapie: ich möchte immer mit einer möglichst komplizierten Sache da auftauchen. Ein besonders gutes Problem?!, fragt meine Therapeutin und schmeißt sich weg vor Lachen.