10.07.

Gestern ist so sauviel an einem einzigen Abend passiert, ich weiß gar nicht, wie ich das nun sortieren soll.

Mein Top riecht nach fremdem Männerparfum, weil ich in einem Blues-Kurs Körper an Körper mit Leuten getanzt habe. Diese Erfahrung wäre einen eigenen Eintrag wert, aber vorher habe ich mich mit den Salsa-Leuten gestritten, mit denen die Lindy-Hop-Szene sich eine inoffizielle Tanzfläche in der Stadt teilt, und danach hatte ich einen noch viel größeren Streit über Musik, die bei Lindy Socials gespielt werden darf, und über alles davon gibt es so viel zu denken und zu schreiben, ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.

Außerdem hatte ich gestern meine letzte Therapiesitzung und heute geh ich zur Berufsberatung und am Samstag hab ich Geburtstag gefeiert und all das ist auch noch nicht sortiert, und dann sind da noch zwei Männer, die ich auch nicht sortiert bekomme. Zusätzlich zu dem einen, der immer noch Schlammlawinen in mir auslöst, indem er einfach nur anwesend ist.

Und als wär das noch nicht genug, zerrt Grumpy mich an der Hand und will, dass wir aufhören, herumzusitzen. Unruhe!, ruft er. Komm schon, komm schon!
Es ist wohl kein Moment zum Innehalten und Reflektieren.

Hallo, wie geht’s

Was soll das denn, was wollt ihr von mir, warum pfeift ihr eure Hunde nicht zurück, die sich in meine Arme und Beine verbeißen? Da hängen sie, jaulen und knurren, und ihr sagt: Du wolltest doch einen Hund.
Aber diesen nicht!, schreie ich und trete nach ihm, Und nicht so einen! Und den da auch nicht, und den, und den, und den!
Was denn dann, sagt ihr, während ihr am Horizont immer kleiner werdet. Ich bleibe zurück, ich bin ein paar Teile in einem Knäuel aus Fell und und Zähnen und zerkauten Gliedmaßen, es schmatzt und jault, Hundespeichel ist, was mich zusammen hält.

29.11.

Ich bin in der Bibliothek und soll mich konzentrieren, aber ich bin nicht konzentriert – ich bin ein flatterndes Durcheinander auseinanderstrebender Gedanken, jeder zerrt an mir, keiner lässt mir Ruhe.
Meine Therapeutin war diese Woche nicht da, um meinen Kopf zu sortieren. Daran liegt das alles. Und jetzt ist schon wieder alles auf einmal. Vielleicht ist das das Leben: alles auf einmal.
Das BVA in Köln will mein BAFöG-Darlehen zurück: Seid ihr blöd?, würd ich ihnen gerne sagen, Wovon denn? Ich will nicht, dass meine Eltern dieses Geld zurückzahlen müssen, ich will das selber machen, und zwar, wenn ich einen richtigen Job habe, aber das ist nicht jetzt und ihr müsst mich in Ruhe lassen. Ich hab nix. Geht weg.
Mit einer Freundin stecke ich in der Vorbereitung eines Projekts, das wirklich spannend ist, ein Interview gehört dazu und mit den Fragen wollen wir herausfinden, wie Leute sich in ihrem Körper wahrnehmen. Die Fragen sind schön: Welches Tier bist du? Versinkt dein Körper im Boden? Schwebt er? In welchem Aggregatzustand befindest du dich gerade? – Ich bin ein Gas, heute, eine sich verflüchtigende Wolke, und mein Körper kommt mir sehr seltsam vor.
Ich versuche, mich auf den Text zu konzentrieren, den wir auf den Flyer zu unserem Projekt drucken wollen, aber stattdessen denke ich an das BVA und wo ich alles anrufen muss und daran, wie lustig das Mittagessen mit dir heute war und dass ich froh drum bin, und daran, dass mich gestern beim Lindy Hop einer nach meiner Nummer gefragt hat, der alle nach ihren Nummern fragt. Ich find ihn nett und er hat ein schönes Lächeln und wir haben uns für den Weihnachtsmarkt verabredet. Ich will gern mit ihm auf den Weihnachtsmarkt gehen und freu mich drauf. Er ist niemand, in den ich mich verlieben könnte. Er ist sehr auf der Suche nach einer Frau. Ich will nicht, dass irgendwas an Lindy Hop kompliziert wird. Ich flirte gerne.

An all das denke ich und an hunderte Dinge mehr, während ich in der Bibliothek sitze und eigentlich was ganz anderes machen sollte, da kommt auch noch dieser Typ und setzt sich neben mich. Vor ein paar Wochen hab ich ihm mal ein Briefchen zugesteckt, weil er mir gefallen hat, meine Nummer stand drin, und er hat ein Briefchen zurückgeschrieben: dass er sich freut, dass ich schön bin, dass er sich melden wird. Hat er aber nicht, und jetzt sitzt er neben mir und geht mir auf die Nerven, weil er zu laut Musik hört, herumzappelt und die ganze Situation sowieso ziemlich awkward ist. Ich weiß nicht, soll ich ihm ein Buch an den Kopf werfen oder mir Ohrstöpsel holen?

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