Traum

Ich träume von einem Spuk, einem Gespenst, das umgeht und mordet. Meine Freunde mordet es, und geisterhaft leben sie weiter und sagen zu uns, die noch am Leben sind: Kommt zu uns, es ist schön, so zu sein, wie leben, nur besser.

Wir aber wollen nicht sterben. Sie lassen nicht locker, und es wird ein langer Kampf mit Barrikadenkämpfen und Überfällen, langsam rücken sie gegen uns vor, und wir werden weniger: manche holen die Gespenster, manche legen Hand an sich, um selbst ein Gespenst zu werden, wir fürchten um unser Leben bei jedem Zimmer, das wir betreten, und wer allein bleibt, ist verloren. Und schließlich bin ich die letzte und ich bin so einsam und ich esse das Gift, das sie mir geben, dabei will ich lebendig bleiben, richtig lebendig, bloß kann ich’s nicht ertragen, so allein zu sein.

Sie sitzen um mich und halten mich im Arm und reden mir zu, Hier, iss, sagen sie, gleich ist es vorbei, gleich bist du bei uns und nie wieder allein, und ich esse und weiß, nichts wird je wieder richtig sein.

***

So war mein Traum. Ich erkenne das Motiv wieder, im Februar habe ich schon mal so geträumt, von Gespenstern und vom übrig bleiben, und versuche herauszufinden, ob die äußeren Umstände damals ähnlich waren. Ich finde aber keinen Zusammenhang. Mein jetziger Traum funktioniert allerdings gar nicht so schlecht als Bild für meinen Job.

 

Narben, Wunden, Salz, Feuer

Wie lange hast du im Bad gestanden? Zwei Stunden. Und das dafür – aber du bist selbst schuld, so viel zu hoffen, war dein Fehler.

Aber du hast es versucht, sagen freundlichere Stimmen, ist es nicht wundervoll und mutig, dass du es versucht hast? – Nein, will ich ihnen antworten, eine Aneinanderreihung von gescheiterten Versuchen ist bei weitem kein Erfolg, und Scheitern macht mich nicht froh und ich bin es leid, keinen Fußbreit zu gewinnen, jeder neue Anlauf beginnt exakt am Ausgangspunkt und alle Welt ist lang an mir vorbeigezogen.
Einmal habe ich angefangen zu existieren, aber ich weiß nicht, wo das passiert sein soll, denn wo immer ich hingehe, ist kein Platz für mich. Ich hänge am Rand des Bildes, so durchsichtig, dass ich selbst nicht weiß, ob ich für andere sichtbar bin, ein Grauschleier, eine Bildstörung, ein Fleck auf dem Abend.

Oh, aber ich soll nicht übertreiben, denn so geht die Wahrheit: Dus Freunde und ich haben nichts gemeinsam und es hatte gar nicht gutgehen können, das ist nicht meine Schuld; und später, beim Tanzen – ich bin angekommen und war schon fast kein Mensch mehr, und ich mag die Band nicht, und das ist keine einfache Situation – das also war kein einfacher Abend und es ist okay, dass er nicht besser lief, okay, enttäuscht zu sein, aber bitte in vernünftigen Maßen. Ich bin nicht vernünftig. Ich brenne vor Wut.
Ich will hässlich, kalt und destruktiv zu Du sein, der nichts dafür kann. Ich will ein Haus anzünden. Ich will aus Eis sein.

Jemand will darüber diskutieren, ob es in Ordnung ist, Kinder auf die Welt zu bringen, ohne sie zu fragen. Ich wünschte, jemand hätte mich gefragt.

Ich gehe nach Hause und schreibe einen wirren, bitteren Text wie ein sozial inkompetenter Idiot und zeichne mit

Gregor der Käfer.

 

 

Lass mich runter

Heute existiere ich nur in sehr geringem Maße. Jemand stolpert steif durch den Tag, den ich entworfen habe, aber ich bin nicht dabei.

Das hat mit dem Tanzen zu tun, oder: am Tanzen wird es ablesbar. Ich gehe seit dem Sommer immer seltener zu Socials (das sind freie Tanzabende), weil ich immer überzeugter bin, dass mich dort keiner braucht und vermisst, außerdem habe ich immer größere Angst, dass ich mich schrecklich fühlen würde, fehl am Platz, unpassend, merkwürdig, einfach verkehrt, jemand, der am besten gar nicht erst gekommen wäre, ich komme also nicht.
Wenn ich erst dort wäre, wäre es wahrscheinlich nicht so schlimm, wie ich denke, und selbst wenn es schlimm wäre, hab ich das auch schon hundertmal überstanden. Aber ich fühl mich zu allein und zu verletzlich und zu wenig, und mit jedem Mal, das ich nicht hingehe, wird es schlimmer. Dagegen muss ich was tun und weiß nicht, was.

Und dass ich mich beim Tanzen so wenig fühle, ist sicher anwendbar auf alles andere: auf die Angst, die mir die Welt einjagt, als ich bloß spazieren gehe, dieser furchteinflößende Selbstverständlichkeit aller Menschen, mit der sie sich befinden und bewegen und Raum einnehmen und sprechen, während ich, stumm, der Sprache wirklich nicht mehr fähig, wie ein Gespenst über den Weg treibe, ohne den Boden zu berühren oder sonst in der Welt verhaftet zu sein.

 

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Tanzkurs/Der Mond nimmt ab

Ich bin kleiner als jeder im Raum, weil ich so sehr brauche, dass ich gemocht werde. Am schlimmsten ist es mit den Leuten, die ich schon ein bisschen kenne, bei denen ich vorhandene Sympathie nicht verlieren möchte: da zähle ich jedes Lächeln, wäge jeden Blick und bin starr vor Angst, es könnten zu wenige sein. In meinem Schrecken aber vergesse ich, wie Menschen sich verhalten, und was immer ich sage, klingt unecht und albern – am Ende fühle ich mich einsamer als vorher.

Who will comfort me

Als ich heute gegen neun das Haus verlasse, setze ich einen Entschluss um, den ich gegen Mittag gefasst habe. Ich brauche etwa acht Stunden von dem Wunsch zu gehen bis jetzt, wo ich wirklich gehe, wegen der Unordnung in mir. Ich stell mir vor, dass ich inwendig aus lauter Schränken bestehe, Räume voller Schränke, und jeder Schrank besteht nur aus Schubladen. Ich such was – irgendwas, mein Herz, meine Batterie, meinen Kern, und ich mach all die Schubladen auf und in jeder hockt ein kleines Unglück und keine einzige geht wieder zu, jetzt herrscht knietiefes Durcheinander aus Schubladen, Schränken und den hopsenden, quakenden, quietschenden, krabbelnden Unglücken, die ihre dicken Bäuche durch den Wirrwarr schleppen.

Und ich, noch immer ohne Kern, ohne Herz, ohne Sinn, steh da und weiß, ich muss das wieder aufräumen, aber ich hab solche Angst davor, es nicht zu schaffen.

Warum hilft mir denn keiner, frage ich. – Du bist selber schuld und musst selber aufräumen, sagt eins der Unglücke, ein großes, gelbes.

 

Marktstand Basel (2)

Felsgrund

Du willst nicht schlafen, weil der Augenblick im Bett vor dem Lichtausmachen der einzige ist, wo du in Sicherheit bist. Du willst nicht essen, weil du jedes Verhältnis zur Welt verloren hast und es sich falsch anfühlt, Dinge aus dieser Welt in deinen Körper aufzunehmen. Du gehst zu Bett ohne zu wissen, wie du die Stunden seit Feierabend verbracht hast. Du sprichst mit Leuten und versuchst so zu reden, wie du geantwortet hättest, bevor du nicht mehr da warst.

Gestern: Auf dem Balkon wachsen die Heuschrecken

Ich gehe zum Tanzen auf den Schlossberg, eine Band ist da und spielt Swing zum Sonnenuntergang. Ich komme an und weiß nicht, wie ich mich mit den anderen verbinden soll, es ist niemand da, mit dem ich viel zu tun habe. Du zwar, aber vor ein paar Stunden habe ich unser Verhältnis beendet und deshalb stehst auch du für Gefühle von Allein- und Getrenntsein. Ich stehe am Rand und gucke zu und spüre, wie ich schrumpfe, gleich muss ich aufpassen, dass keiner auf mich drauftritt, ein flüchtig Bekannter sagt von der Seite: Hi, wie geht’s dir? – Gut, sage ich und will schreien: Ich fühl mich so einsam, ich sterbe gleich.

Dann fragt mich aber doch wer, ob ich tanzen will: du, das freut mich, wir reden kurz miteinander in Andeutungen, dann möchte jemand anderes mit mir tanzen und ab da tanze ich und muss nicht mehr reden, rede aber doch plötzlich mit jemand, der Essen mit mir teilt, tanze weiter, bis die Band aufbricht. Auf ein ganz langsames Lied tanzt jemand Blues mit mir: das kann ich kaum, es genügt gerade eben so, um das Stück zu überstehen, aber wir tanzen Körper an Körper und ich bin schlagartig ganz woanders, ich fliege, das ist abgedroschen, aber ich fliege, über der Tanzfläche und den anderen Tänzern, in der Nachtluft, im Mondlicht, jawohl. Das ist wie Sex ohne Sex, nur die Nähe davon, und ich denke: schön, von nun an werde ich Blues tanzen und den Rest vergessen.

Am nächsten Morgen zähle ich die Stunden, bis ich bei der Arbeit sein muss. Es ist der erste Arbeitstag und ich habe vergessen, mich zu exmatrikulieren. Ich bin durcheinander, von der Intensität der letzten Tage, in denen ich so viel alleine war – und bin froh, dass ich ab heute für vier Stunden täglich ein zusammenhängender Mensch unter anderen Menschen sein werde. Ich trage neues Parfum, das mich ganz nervös macht, weil es so gut riecht, und schwarzen Nagellack. Ich spiele eine andere Version von mir und schicke sie ins Büro.