Wie es war

Die lachende Welt ruft: Carlie, Carlie, spiel mit mir! Der Himmel ist blau und die Welt voller Möglichkeiten!

Ich schau aus dem Fenster, da kommen die Möglichkeiten in Scharen und schneiden sich dicke Scheiben von mir ab.

Nein, halt, sage ich, aber schon haben sie Nein und Halt heruntergesäbelt und springen kauend davon wie hungrige Kinder. Hört zu, sage ich, wartet – da schneiden sie mir das Wort ab, den Mut und das Herz und verteilen mich bis auf den letzten Rest, die schönen, bunten Möglichkeiten.

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Dicht an dicht

Du sagst: Eine Pause ist, was ich brauche; aber leise füllen sich deine Tage, die Dinge rieseln hinein wie von selbst, und du hast solche Angst, dass das Leben dich vergisst, wenn du es einmal abgewiesen hast.

Vierter Juli

Ich habe Geburtstag, aber ich bin nicht da. Grumpy stupst meine leere Hülle an und guckt, wie sie vom Stuhl fällt.

Du hättest halt besser aufpassen müssen, sagt er altklug in den leeren Raum. Ich hab dir gesagt, mach mal langsam, und was machst du? Schnell.

Ich weiß, murmle ich dumpf aus einem versteckten Winkel tief in meinem Bauch.

Erst so ein anstrengendes Wochenende, zählt Grumpy auf, und dann der lange Arbeitstag am Dienstag, und kannst du eigentlich mal wieder eine Nacht lang richtig schlafen? Ich bin wirklich müde, und du auch, und deinen Muskelkater will ich auch nicht haben.

Ja ja, knurre ich aus der Tiefe. Ich weiß. Heute mache ich Pause.

Lügnerin!, ruft Grumpy. Du hast nur Glück, dass deine Freundin abgesagt hat, sonst wäre heute auch wieder zu viel los. Guck mal, – er platscht mit dem Löffel vorwurfsvoll in meinem Müsli herum – , Was ist das denn? Zu müde zum Essen, schon wieder?! Ist das dein neues Ding oder was?

Mag nicht, murmle ich.

Das geht nicht, sagt Grumpy. Nicht mögen ist mein Gebiet. Soll ich jetzt auf dich aufpassen oder was? Ich bin deine Depression, nicht deine Mama.

Vielleicht musst du aber aufpassen, sage ich und tauche wieder ein bisschen auf. Wegen der Achtsamkeit.

Ach komm, sagt Grumpy. Das nimmst du mit aus der Therapie? Das hätte dir jeder Hipster sagen können. Oder jeder mit ein bisschen gesundem Menschenverstand.

Ist aber so, sage ich. Du bist mein Warnzeichen. Ab jetzt. Los.

Du hörst ja nicht auf mich!, ruft Grumpy. Undankbare Scheißaufgabe!

Ich hör jetzt auf dich, behaupte ich, obwohl wir beide wissen, dass das nicht stimmt.

Ja toll, sagt Grumpy. Iss dein blödes Frühstück. Und leg das Handy weg.

Gordischer Morgen

Wie soll man einen Tag beginnen, wenn man nicht einmal Frühstücken, Duschen und Einkaufen in eine sinnvolle Reihenfolge bringen kann, und wenn man sich auf die simpelsten Handgriffe nicht konzentrieren kann, weil man eigentlich gar nicht hier ist, auch zwischen den Laken hat man sich nicht gefunden, man ist einfach nicht anwesend, womit also soll man alle Fragen lösen: was soll man anziehen, denn wie zieht sich jemand an, der gar nicht existiert;
was soll man einpacken, denn was kann schon jemand brauchen, der ohnehin nicht mitkommt;
wie soll man sich bewegen, einen sechzig Kilo schweren Körper, wenn niemand darin ist;
wie soll man Essen und Trinken zu sich nehmen, wenn keiner da ist, der es schmecken könnte;
wie soll man tun, was getan werden muss, wenn niemand mehr da ist, der es mit Bedeutung füllt: hier sind Briefe von einer Bank, ein knurrender Magen, ein Übergabetermin, eins so abstrakt und fern wie das andere.

Im Spiegel finde ich mich seltsam, nicht so sehr mein Äußeres wie die Tatsache, dass ich überhaupt darin bin, dass ich diese braune Frau sein soll, an diesem Tag wie an jedem anderen; sie ist mir so fern oder nah wie irgendein Mensch.
Ich bin in die Bibliothek gefahren, um Dinge zu erledigen, aber hier bin ich und es ist mir so gleich, was diese Dinge mit dem Menschen zu tun haben, der ich sein soll, denn ich bin nicht da, ich kann nicht gemeint sein, ich bin so müde.

Rock bottom

Müde, traurig, leer, das ist ein körperlicher Schmerz, ein Knoten gleich unterm Brustkorb.

Ich sitze unsinnig in der Bibliothek herum, weil ich’s nicht geschafft hab, nach Hause zu fahren, das fühlt sich unerträglich an, jemand soll da sein, dabei komm ich gerade vom Tanzen mit Leuten.

Ich will mich nicht um mich kümmern, mich waschen und füttern, ich will mich mit spitzen Fingern hochheben und in die Ecke werfen wie einen alten Lumpen, und da soll ich liegen bleiben, bis mich einer wegräumt.