MAYDAY

Meine nächsten 48 Stunden sind verplant und ich kann nichts rausnehmen und bin heute schon von der Arbeit gekommen und hab direkt aufgehört zu existieren, weil ich so erledigt bin.

Das wird nicht gut gehen, ich muss was absagen, morgen ist Dus letzter Abend, bevor er wegzieht, und wir haben gar keine Zeit mehr für einander gefunden. Für mich habe ich auch keine Zeit mehr gefunden.

 

07.11.

Ich komme von der Arbeit und fühle mich unnütz und schäbig, weil ich mit meinem Pensum nicht durchgekommen bin und im resultierenden Stress alle Kräfte aufgebraucht habe. Ich habe keine Nachricht von Du und fühle mich erst vergessen und dann schwach, weil ich mich vergessen fühle und es mir was ausmacht. Ich will Liebesbekundungen, aber trotzdem meine Ruhe.

Ich versuche mir klarzumachen, dass es okay ist, müde zu sein, weil seit gestern um halb eins viel los war und keine Pause: ein Mittagessen mit einem lange fälligen Gespräch, ein intensiver Arbeitstag und dann ein spontaner Abend bei Du, der geknickt ist, weil er wegziehen muss. Ich versuche, ihn zu trösten und bleibe viel zu lange, telefoniere zwischendurch mit meinem Vater, der am nächsten Morgen operiert werden soll, kann nicht einschlafen, wache unerholt auf: Haushalt, Frühstück und ein unangenehmer Arztbesuch, dann wieder Arbeit, die heute besonders stressig ist, und dann komm ich heim und bin so erschöpft, ich könnte heulen. Heulen!

Es ist schwer, mir zuzugestehen, dass ich ein Mensch mit begrenzten Kräften bin. Die Wohnung dröhnt vor kalter Starre. Ich bin ein Mensch mit begrenzten Kräften und einer großen Erkältung. Ich muss nicht stärker sein, oder perfekt. (Das glaube ich mir nicht.)

Halb leer

Donnerstag: Fühle mich leer und unvollständig bei der Arbeit und danach bei Freunden zwar aufgehoben, aber erschöpft.

Freitag: Wache auf, bin aus Blei oder schwerer, empfinde Panik beim Gedanken an das Wochenende, melde mich bei der Arbeit krank und verordne mir Pause. Du kommt vorbei, weshalb ich mich immerhin menschlich fühle, den Abend verbringe ich allein und zwinge mich, mich nicht davon abzulenken, dass ich ich bin.

Samstag: Ich schlafe lange und wache auf mit beinahe guter Laune, jedenfalls fühle ich mich ruhiger. Ich mache nichts als Sachen im Haushalt und bin ganz bei mir, meine Wohnung ist heilsam an diesem Tag. Abends fahre ich zu Du und freue mich drauf.

Sonntag: Weil Du schnarcht, habe ich kaum geschlafen und fühle mich wieder so aufgerieben und mutlos wie am Freitag, nur dass ich jetzt auch noch todmüde bin. Ich treffe eine Freundin zum Kaffee und falle danach in mich zusammen und ins Bett, statt tanzen zu gehen wie geplant. Jetzt kann ich mich selbst nicht mehr leiden und habe das Gefühl, bei der Übernachtung bei Du irgendwie versagt zu haben, weil ich nicht auf das achten konnte, was ich gebraucht hätte. Ich kann mir keine schlaflosen Nächte leisten und der Friede von gestern ist verloren.

Montag: Wache auf und fühle mich müde davon, mich mit mir selbst herumzuschlagen. Verabrede mich für vor der Arbeit und merke eine halbe Stunde später, dass ich das nicht schaffe. Ich bin immer noch überzeugt, alles falsch zu machen. Zusätzlicher Ballast: Nervigkeiten mit einem Techniker und welche mit meinem Körper, außerdem Freunde, die mehr oder weniger versteckte Kritik an meinen Entscheidungen äußern.

Ich kann jetzt nichts tragen.

28.09.

Essen und schlafen Sie doch wenigstens ordentlich, hat mein erster Therapeut gesagt. Dann ist zumindest Ihr Körper fit und macht nicht alles noch schlimmer.

Ich schlafe viel zu wenig und esse zu ungesund und zu unregelmäßig, ich merke seit Tagen, wie mir die Kraft ausgeht und schleppe mich trotzdem immer weiter, quer durchs Leben, nur um nicht hinhören zu müssen. Ich weiß nicht einmal, ob es was Schlimmes zu hören gäbe, aber ich will mich einfach nicht mit mir an einen Tisch setzen, ich will nichts von mir wissen, ich möchte da sein, aber ohne mich. Ich müsste immer alles anders machen, ich müsste besser zu mir sein und achtsamer und öfter vernünftig, ich müsste mich hinsetzen und zuhören und rauskriegen, was eigentlich in dieser Leere wohnt, ich müsste schlafen und schlafen und mehr richtige Sachen essen und mich auseinandersetzen – mit dir und dir und dir und mir, endlich mit mir, vernachlässigt, verhungert, verkümmert, mach, dass es weg geht, mach mich ganz.

Wie wohltuend das sein müsste: mich am Stück zu fühlen und nicht wie jemand, der sich ständig um jemand anderen kümmern muss. Steh auf, wasch dich, zieh dich an, trink genug und pack deine Sachen, vergiss nichts, und ich kümmere mich solange um die Formulare, die Überweisungen, den Haushalt; und versuch zu sein wie ein Mensch, sprich und lächle und was Menschen so tun.

 

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Wie es war

Die lachende Welt ruft: Carlie, Carlie, spiel mit mir! Der Himmel ist blau und die Welt voller Möglichkeiten!

Ich schau aus dem Fenster, da kommen die Möglichkeiten in Scharen und schneiden sich dicke Scheiben von mir ab.

Nein, halt, sage ich, aber schon haben sie Nein und Halt heruntergesäbelt und springen kauend davon wie hungrige Kinder. Hört zu, sage ich, wartet – da schneiden sie mir das Wort ab, den Mut und das Herz und verteilen mich bis auf den letzten Rest, die schönen, bunten Möglichkeiten.