It’s not the fall that kills you, it’s the sudden stop

Neben dem Bett steht ein neuer Wecker, queroval, orange, retro, und er wird mich für immer an jemand erinnern, mit dem ich auf dem Flohmarkt war (um diesen Wecker zu finden, den ich im Vorjahr auf demselben Markt nicht gekauft habe), mit dem ich ein Wochenende verbracht habe aus Schweiß und Küssen und Körpern und Sommerhitze, Schlaflosigkeit und Freude und Enge, mit dem ich den Übergang von Fremdheit zu Vertrautheit vollzogen habe; der kein Band aus Nüchternheit und Zynismus um sein Herz geschlagen hatte, der bereit war, mir wirklich zu begegnen; mit dem ich gelacht habe, dessen Anwesenheit mir erstaunlich und wundervoll vorkam, der auf dem Flohmarkt eine Lampe gekauft hat, ebenfalls orange, ebenfalls retro, und dem von unserem Wochenende nur diese Lampe bleiben wird, wie mir nur der Wecker bleibt; diese beiden, und ein plötzlicher, wütender Schmerz.

 

Dieses Lied hab ich bisher für Blödsinn gehalten, aber jetzt passt es, so.

 

Wochenende

Die Badezimmertür geht auf, und heraus kommt ein blitzsauberer, splitternackter Mann, der strahlt aus jeder Pore.
Verrückt, denke ich. Das passiert wirklich, der ist wirklich hier.
Und ich geh zu ihm und umarme ihn.

Wie denn, was denn

Vor zwei Wochen hat meine Freundin geheiratet, unter den Gästen ein Freund von ihr, den seh ich zum ersten Mal und weiß: Cute. Er macht den Mund auf und ich denke, wir haben nichts gemeinsam, und das denke ich noch immer, jetzt, wo er mich morgen besuchen kommt.

Entschuldigung, was machst du da?, fragt etwas in mir, entrüstet und besorgt. Ergibt das etwa Sinn?

Grumpy wirft ein, dass wir jetzt für den Typen die Wohnung aufräumen müssen und er darauf echt keinen Bock hat.

Mein besorgter Teil sagt: Wenn es doch eh nicht passt. Nur unnötiger Stress, und dann am Ende anstrengende Gespräche und Enttäuschung.

Warum kommt der überhaupt? Auf der Hochzeit hab ich kaum mit ihm geredet, hinterher schreib ich ihm: Treffen wir uns?, weil es in mir knistert, wenn er in der Nähe ist, und er antwortet: Klar doch. – Find ich gar nicht so klar, aber trotzdem schön. Ich freu mich auf das Wochenende.

Nur dass ein weiterer Teil von mir auf deinem Rücken hockt und sich mit beiden Ärmchen um deinen Hals klammert, weil wir dein Vogelgesicht und dein Lächeln so sehr mögen und weil wir gerne neben dir liegen in der Nacht, und weil wir uns so ungewöhnlich wohl fühlen in deiner Gegenwart. Und ich möchte immer noch mehr herausfinden über dich/dich und mich in unserem seltsamen, unaufgeregten Verhältnis – auf das uns einzulassen wir nicht mit Haut und Haaren bereit zu sein scheinen, wir beide nicht. Das ist ein Widerspruch, den ich nicht aufgelöst bekomme.

Es ist überhaupt alles voller Widersprüche. Dass ich keine Lust hatte, dir das alles zu sagen, weil du von selbst nicht darüber redest außer in Randbemerkungen, jetzt aber alles hier aufschreibe, wo ich genau weiß, dass du es lesen wirst: widersprüchlich.

Vergeigt

Vor Wochen hab ich einen Mann kennengelernt, schön war er und klug und so sympathisch, und er liebte Kunst – ist das nicht der, von dem ich so sehr geträumt habe, dass ich sicher war, es kann ihn gar nicht geben?

Ein wunderbarer Mann also, und was mach ich? Ich schreibe böse SMS, weil die nächste Verabredung nicht zustande kommt, worauf er mir einen derart sanften, klugen Korb gibt, dass ich ihn umso wunderbarer finde, aber meine Chance ist verstrichen.

Der schöne, kunstsinnige Mann meiner Träume bleibt also weiter ein bloßer Traummann; das ist das eine.

Das andere, kuriosere, was mich fast noch mehr wurmt, ist: bei all seinen „tut mir leid, gerade keine Zeit, aber nächste Woche“-Nachrichten hatte ich doch das Gefühl, dass er es ehrlich meint und einfach wirklich keine Kapazitäten frei hat. Erst, als ich anderen davon erzählt habe, hat es sich allmählich auch in meinen eigenen Ohren komisch angehört, und natürlich haben alle gesagt: der hält dich doch nur hin, das wird nichts, vergiss ihn.

Und deshalb – weil es mich wütend macht, wie ich dastehe: als naive, passive Frau, die sich hinhalten lässt und treu drauf wartet, dass er sich rührt – deshalb schreibe ich ihm die böse SMS. Die er mir übel nimmt. Ende der Bekanntschaft.

Seit wann bin ich so beeinflussbar? Ich, stur, bockig, immer zu einem Aber aufgelegt, soll mich jetzt an die Meinung anderer Leute halten?  ?????

Und dabei hat die eigentliche Carlie das richtige Bauchgefühl gehabt, indem sie ihm vertraut hat. Die eigentliche Carlie würde er mögen, deshalb darf er doch nicht einfach gehen – nur wegen der anderen Carlie, die gar nicht stimmt.

Aber wenn nicht einmal ich mich so sehr auf die eigentliche Carlie verlasse, dass ich mich von anderen nicht beeinflussen ließe, wie kann ich dann von ihm wollen, dass er diese Carlie kennenlernen und ihr vertrauen soll?

Tja. Du wirst womöglich nie wieder einem Mann begegnen, der mit selbstgemachten Ohrringen beim ersten Date auftaucht und davon redet, wie er Schulklassen von Kunst begeistern will.

Them there eyes

In den letzten zwei Jahren ist in mir etwas gewachsen, das möchte ich fast Selbstvertrauen nennen – aber als ich diesen schönen dunklen Mann nach einem Treffen frage, kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, dass er darauf Ja sagen könnte, so wunderbar finde ich ihn (und mich nicht).
Er sagt aber Ja. Ich bin überrascht, erst über seine Antwort und dann darüber, dass ich so überrascht bin.

Das war am Donnerstag, und morgen gehen wir Kaffee trinken. Aufgeregt bin ich jetzt schon, denn er ist nicht nur schön, sondern auch klug und nett und freundlich und überhaupt, und es hat mich ziemlich (!!!) doll erwischt.