Herz und Heim, ein Bollwerk

Ich gieße die Blumen meiner Freundin. Ihre Wohnung ist schön und voller Dinge. Ich beneide sie.
Ihre Dinge sind nicht mehr wie meine: improvisiert, gebraucht, nicht ganz passend. Ihre Dinge passen ganz genau. Sie sind schön, hochwertig und sie funktionieren. Manche davon – immer mehr davon – waren teuer. Viele sind sehr erwachsen: ein Hochbeet, ein Reiskocher, ein Mann.

Manchmal sage ich, dass meine Freundin spießig ist, aber diese Wohnung mit ihren vielen Dingen atmet gelassene Beständigkeit, ausgesuchte Behaglichkeit, sie ist gefeit vor den banalen Anwürfen des alltäglichen Lebens draußen: ich würde mir auch gerne so etwas geben können.

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Der Ernst des Lebens

Wie soll ich leben?

Was bedeutet es, dass ich am letzten Vollzeitjob gescheitert bin?
Ich habe eine 50-Prozent-Stelle angenommen, von der ich weiß, dass sie nicht ausreicht, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen, Schulden abzubezahlen und auch noch was zur Seite zu legen.
Ich weiß nicht, wie ich für mich selbst sorgen soll. Kann ich das? Krieg ich Wohngeld? Bin ich arm, wenn ich alt bin?

Ist das der Punkt, an dem meine Mutter – nach ihrem ebenfalls abgebrochenen Studium ungeplant schwanger – entschieden hat, mit meinem Vater zusammenzuziehen, zuhause zu bleiben und diese eine Sorge um ihre Zukunft los zu sein? Bin ich eine Wiederholung ihres Lebenslaufes, nur dass ich nicht schwanger bin und mir deshalb doch überlegen muss, wie ich selbst für meine Brötchen sorge?
Wo sollen die blöden Brötchen denn jetzt herkommen?

Ungefähr jeder findet die Idee gut, dass ich in eine psychosomatische Klinik gehe. Ich finde die Idee nicht gut, auch wenn ich keine Sachargumente dagegen habe außer dem Wunsch, ein Leben zu leben wie ein ganz normaler Mensch.
Mit einem Einkommen von 1250 Euro brutto wäre ich allerdings wohl kein normaler, sondern ein armer Mensch.

Ich weiß nicht, was richtig und sinnvoll ist. Ich bin kein ordentliches Zahnrad geworden und niemand sagt mir, wo ich sonst hinpasse, wenn ich immerzu aus der großen Maschine springe.

Diese wirre Zeit

Ich weiß nicht, was ich bin. Ich versuche, ein Leben auszufüllen, das eine andere Person so angelegt hat, aber alles darin ist so seltsam: die Blumen, die Einrichtung, die vielen Gegenstände, die mir sagen, ich müsste an ihnen hängen – aber warum? – , und lauter Entscheidungen, von einem entfernten Ich getroffen, deren Konsequenzen ich jetzt tragen soll – und ich geb mir ja Mühe, aber das alles ergibt keinen Sinn, kein zusammenhängendes Bild, ich bin ein müder kleiner Hamster, der nicht weiß, wie er ins Laufrad gekommen ist.

Emotionaler Jetlag

Nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein.

Und das da auch nicht.