Äh.

Ich bin zu Besuch bei meinen Eltern. Während ich in der Küche sitze und lese, höre ich sie am anderen Ende des Flurs über die Ausbildung zur Kunsttherapeutin beraten, die sie sich für mich ausgedacht haben. Seit ich gesagt habe, dass so eine Ausbildung ja schon ganz cool ist, ist das beschlossene Sache für sie.

Ich hab das eher grundsätzlich gemeint, aber dann haben sie schon was zu tun und üben, wie man das Internet benutzt.

 

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Gerade fällt mir ein

Ich bin empfindlicher geworden. Mitfühlender: wie es Freunden geht, geht mir näher, und ich vertrag keine düsteren Geschichten mehr, im Kino vor allem. Ich heule schneller und bin leichter zu erschüttern. Ich freu mich aber auch mehr und hab ein größeres Bedürfnis, Gefühle mitzuteilen. Das kam in den letzten Monaten.

… und um meine Mutter wächst das Schweigen, das verdeckt, was sie fühlt, und mein einer Bruder sagt: Ich habe keine intensiven Gefühle mehr und ich will, dass sie zurück kommen, und mein anderer Bruder sagt: Ich hab diese intensiven Gefühle auch nicht mehr, aber vielleicht ist das einfach so.
Mein Vater, andererseits, den ich immer viel zu aufbrausend, zu sentimental, zu unbeherrscht fand, ist mir jetzt näher.

Wir Kinder schreiben diese Geschichte um unsere Familie und um unsere Mutter fort. Wir sagen laut: Wir reden nicht über sowas, und wenn, dann fällt es uns schwer; und viel mehr sagen wir nicht dazu, auch wenn in der letzten Zeit ein zögerndes, tastendes Versuchen aufgekeimt ist, auszudrücken, was so greifbar ist: wie viel wir alle einander bedeuten.
(Mein Vater, der in seinem ehrlich erlebten Gefühlsüberschwang uns alle mit Bekundungen von Liebe und Stolz überschüttet, stößt damit oft an die Grenzen, die unser Unvermögen zu Erwiderungen zieht. Meine Grenzen verschieben sich, aber er überrennt sie trotzdem noch manchmal.)

Familie! Verwirrend.

Wach auf

Meine Nächte, meine Träume sind eine Zeitlang ruhiger geworden, jetzt begehren sie wieder auf: schon in der Nacht auf Montag ist unendlich viel passiert, Orte, Personen und Konflikte strömen durch mich hindurch, so absurd wie intensiv, und beim Aufwachen kann ich sie nicht abschütteln: 

Ich bin in der Mensa verabredet, mit dir, aber ich finde dich nicht und begegne stattdessen Freundinnen von früher. Eine von ihnen nimmt uns alle mit in ihre WG und wir unterhalten uns über Mitbewohner und ihren Zwischenmieter, bis ich immer deutlicher merke, dass irgendwas an all dem nicht stimmt, ihr Mitbewohner ist zu seltsam, das zu vermietende Zimmer passt nicht zum Gespräch, und als es sich nicht mehr verbergen lässt, sagen sie: Du hast Recht. Wir sind nicht, wer wir vorgeben, in Wahrheit haben wir alle eine weitere, böse Persönlichkeit, und erinnerst du dich nicht? Du warst eine von uns, in dir steckt Luzifer persönlich, und wir wollen, dass du ihn heraus lässt.
Ich will nicht. Ich will ich bleiben und nicht der Teufel sein, und ich laufe davon durch Gänge und Tunnel und knarrende Türen, die Architektur ist überplastisch: ich rieche, spüre, sehe Licht und Dunkel, Trockenheit und Feuchte, Sonne und Kühle, Staub und Moder und Pflanzentriebe auf Stein, Holz, Ziegel und Eisen, und am Ende ist kein Ausweg mehr und zwischen mir und ihnen steht nichts als mein Wille.

Und heute? Ich bin Jessica Jones und muss ein Haus verteidigen gegen einen finsteren Eindringling, er ist ein riesiger, grauer Mann und vollkommen unverwundbar, aber um Zeit für meine Freunde zu gewinnen, kämpfe ich trotzdem gegen ihn mit aller Kraft, die ich habe. Und dann, immer noch Jessica, bin ich auf der Beerdigung meiner besten Freundin. Ich rede mit trauernden Angehörigen, meine Mutter steht dabei, und plötzlich ist die Szene anders: Ich rufe seine Mutter an, sage ich zu meiner Mutter, und sie nickt nur und hält mir den Rücken frei von den anderen Leuten. Denn jetzt ist es mein Exfreund, der gestorben ist, in einem Krankenhaus, und seltsamerweise weiß ich es als Erste, obwohl ich ihn seit Jahren nicht gesprochen habe, und ich muss es seiner Mutter sagen und weiß nicht, wie, ich weiß einfach nicht, wie. 
Und dann, mit einem Mal, ist es meine eigene Mutter, die gestorben ist, und das ist das Schrecklichste von allem. Ich komme mit meinem Vater und meinen Brüdern von der Beerdigung nach Hause und in der Küche liegt noch ein Zettel, den sie uns geschrieben hat, und als ich ihre Schrift sehe, fühl ich mich, als könnte ich nie wieder froh werden.

Das waren nur Träume, aber ich frag mich, ob sie mir etwas sagen wollen, ob irgendwas in mir im Argen liegt und sich mir auf diese Weise mitteilt.

Max

Das war mein Hund: Begleiter auf langen Streifzügen durch die Felder im Sommer, jedes in seine Welt vertieft, zu zweit, aber eins; und nie werde ich aufhören, den schweren Geruch von Springkraut zu lieben, das an den Bächen stand, die wir entlang gegangen sind.
Das war mein Hund: ebenbürtiger Gegner im Tauziehen, Spielgefährte, ewiger Gewinner von Wettrennen, Meister im Auffinden verlorener Spielzeuge, furchtloser Langstreckenschwimmer, den sein Körperbau dazu bestimmt hatte, nie einen einzigen Hasen zu fangen.
Und das war mein Hund: zartfühlend; stummer, aber beharrlicher Tröster, wenn ich weinend aus der Schule kam, der nicht von mir abließ, bis ich, unter Tränen, lachen musste; eine Seele von Hund, die aus dem Zimmer ging, wenn Leute stritten, meinen Bruder anbellte, wenn der vor der Playstation einen Wutanfall bekam, der Hund, der sonst ein schweigsamer Riese war – und  trotz seiner Körpermasse so vorsichtig durch unsere aufgebauten Spielzeuglandschaften gehen konnte, dass er kein einziges Figürchen umstieß.

Das war mein Hund.

Nach Hause von daheim

Ich war ein paar Tage bei meinen Eltern. Sie drücken Liebe und Fürsorge in sehr viel Essen, Hilfsbereitschaft und Freigiebigkeit aus, ich bin gerührt, verwöhnt, geborgen und habe trotzdem Heimweh nach meiner Wohnung und meiner Stadt. Wo ist Zuhause für dich?, fragt meine alte Schulfreundin. Dort, sage ich, und es ist die Wahrheit.

Dann steige ich dort, zuhause, wieder aus dem Fernbus, mein Rad erwartet mich, die Stadt begrüßt mich mit einem Regenschauer, durchnässt komme ich in meiner Wohnung an: ich bin müde, es ist still, ich fühle mich allein und vermisse meine Eltern. Komm herein, sagt das Loch, darüber denke ich nach, dann antworte ich: Das ist okay. Allein fühlen ist okay, kein Loch. – Schön, sagt es, wenn du mich brauchst, ich bin in der Nähe.

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