Außerdem, wohin

Meine kleine Stadt hat keinen Platz für mich, oder ich finde ihn nicht; mein Freund, denn kürzlich habe ich zu Du gesagt: das mit uns ist was Großes, zieht in die Stuttgarter Gegend, wo auch meine Familie ist, und ich frag mich, ob ich hinterher soll – weil ich gern in Dus Nähe bin und weil ich meine Eltern, meinen Bruder, meine Verwandtschaft gern öfter sehen würde. Weil die Gegend dort mir Heimweh macht. Weil ich eine Freundin dort habe und man in Stuttgart auch Swing tanzen kann. Weil ich hier keinen Job finde.

Aber all die Menschen hier, meine Freunde, meine Fahrradwege, meine perfekte kleine Wohnung, mein Blues-Kurs?

Schau richtig hin

Loslassen:

Wie auf dem Weg zum Blues-Kurs mein Pedal abgefallen ist. Wie dann das Schild über den gesperrten Radweg umgekippt war, sodass ich es nicht gesehen habe, wie ich erst in die Sackgasse gefahren bin und mich beim Versuch, den Weg drum herum zu finden, komplett verfahren habe. Wie ich zu spät gekommen bin, obwohl ich ausnahmsweise pünktlich losgefahren bin, und dass ich jetzt irgendwie mein Fahrrad reparieren muss.

Dass die anderen Leute aus dem Kurs noch was trinken gegangen sind und mich nicht gefragt haben, ob ich mitkomme.

Wie stressig es bei der Arbeit war und wie allein ich mich mit all dem Druck gefühlt habe. Dass ich für meine Unpünktlichkeit gerügt wurde, was berechtigt ist. Wie wenig ich die meisten meiner Kolleginnen leiden kann. Wie sinnlos, unterfordernd und langweilig der Job ist.

Dass meine Wohnung chaotisch und meine Woche voll ist.

 

Festhalten:

Wie schön der Blues-Kurs war, wie wohl ich mich gefühlt habe und wie besonders diese Zeit ist, jede Woche wieder. Dass ich noch fast den ganzen Kurs mitmachen konnte, trotz der Verspätung. Dass am Freitag eine private Blues-Party bei jemand zuhause ist und ich hingehen kann. Dass ich im Dezember mithelfe, einen Blues Social zu organisieren.

Dass die Leute aus dem Kurs bestimmt nur verpeilt haben, mich zu fragen, weil ich gerade auf dem Klo war. Dass ich noch ein Rennrad in petto habe und mit dem kaputten Fahrrad nicht komplett lahmgelegt bin.

Dass es eine Kollegin gibt, die ich gern mag und dass ich mich mit ihr zum Essen verabredet habe. Dass ich Du habe, der mich in so vielen Dingen unterstützen will, zum Beispiel bei der Suche nach einem anderen Job.

Die Sprachnachrichten mit meinem Bruder. Dass ich am Wochenende meine Familie sehe.

Dass die Woche voll ist, nämlich mit den Menschen, die ich lieb habe, und mit Tanzen. Dass ich das Tanzen wiederhabe, weil ich mich dazu verpflichtet habe, alle zwei Wochen auf einem Social den DJ zu machen. Wie mich gestern alle gefragt haben, warum ich so lange nicht mehr tanzen gekommen bin.

Und dass ich morgen meinen Freund flachlegen werde, nachdem wir ein paar Wochen brav sein mussten.

Festhalten, festhalten, FESTHALTEN.

 

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16.08.

Vielleicht ist der Job doch, was ich erwartet habe, nämlich erträglich, ohne zu nerven, eine okaye, anspruchslose Art, mich über Wasser zu halten, bis ich eine bessere Idee habe.

Die zehn Jahre jüngere Kollegin, die mich einlernt, legt mir zur Begrüßung die Hand auf den Rücken und säuselt: Hey, meine Liebe, alles gut bei dir? – Alter, denke ich, können wir bitte einfach ehrlich sein, niemand hat hier schon irgendwen lieb.
Dein erstes Wochenende bei uns!, ruft sie mir zum Abschied zu. Alter, denke ich, na und, und dass ich irgendwie schon ziemlich viele erste Wochenenden irgendwo hatte und meine Arbeitswoche eh nur aus zwei halben Tagen bestand, also wer wird denn gleich – . Irgendwie würde ich gern den ganzen Klimbim aus ihr rausstreichen, damit nur noch das Ehrliche und Wichtige übrigbleibt.

Ich muss den ganzen Tag über an Margaret Atwoods Elaine aus Cat’s Eye denken, die andere Frauen irgendwie nie leiden kann, sich nicht wohlfühlt unter ihnen, sie beurteilt wie ein strategisches Problem: ungefähr so fühle ich mich in der neuen Abteilung, ungeheuer sonderbar.

Aber danach gehe ich schwimmen, ich schwimme ruhig und gleichmäßig und meditativ und denke an meine beiden Sommer am See: diesen, zu dem das Verhältnis zu dir gehört hat, das mir jetzt auch so ruhig und gleichmäßig vorkommt; und den davor, in dem ich Stunde um Stunde, Tag für Tag mit jemand anderem hier war, um trotz der Hitze Lindy Hop zu trainieren, zu schwimmen, am Ende Pommes zu essen und stundenlang zu reden. Vielleicht war ich noch nie so doll in jemanden verliebt. Pommes essen ist auf jeden Fall ein Auswahlkriterium bei der Partnersuche.

Heute Morgen habe ich mit meiner Mutter telefoniert und es war nicht ganz so seltsam wie sonst. Ich bekomme lange Sprachnachrichten von meinem Bruder und von meinem Brieffreund (ich liebe euch beide und diese Reihenfolge ist völlig beliebig), die ich abhöre, während ich Frühstück oder den Abwasch mache, und fühle mich nah und geborgen. Heute habe ich kein Handy dabeigehabt und es auch nicht vermisst. Fünf Monate lang war es wichtig, weil ich deine Nachrichten sehen wollte, jetzt zieht mich nichts mehr andauernd vor den Bildschirm.

Bei meiner Freundin gieße ich die Blumen; gleich werde ich den ersten Mangold von ihrem Balkon ernten und ihn heute Abend mit den erstaunlich guten Pasta* essen, die ich bei Aldi gefunden habe.

Ich zeichne an einem großen, schillernd bunten Bild, auf dem alles noch etwas diffus aussieht. Genau so riecht mein neues Parfum, von dem ich nicht genug bekommen kann.

Ich habe jetzt einen großen weißen Blumentopf vom Flohmarkt. Da soll eins von den mehrjährigen Kräutern rein. Aber welches? Minze oder Oregano? Oder gar Zitronenmelisse? >>>>>>>>>Ihr entscheidet!<<<<<<<<<<<<<
(Das ist mein billiger Versuch, euch Kommentare zu entlocken.)
Und jetzt habt ihr hoffenlich alle einen wundervollen Abend, genau so, wie ihr ihn braucht, und dann wacht ihr auf und das Wochenende erstreckt sich vor euch wie eine Waldlichtung im Frühling, und indem ihr hindurchwandert, fühlt es sich auch so an.

 

*erst wollte ich schreiben: italienische Nudeln, dann habe ich überlegt, dass kultivierte Leute vielleicht Pasta schreiben würden. Es klingt auf jeden Fall wichtiger. Wichtige Nudeln.

 

Zum Teufel

Meinem Vater, schon mit einem Glas Wein mehr als gut wäre, fällt ein, dass er sich ja immer Sorgen um seine unselbständige, kranke Tochter macht. Also Carlie, was machst du jetzt bis zu deinem Job im September?, fragt er.

Bisschen arbeiten, sage ich. Hier und da. Und sonst, wahrscheinlich nichts.

Und was verdienst du dann nochmal?, will er wissen. Sein Tonfall sagt, dass er alles, was ich vorhabe, nicht gut findet.

1250 brutto, sage ich, angespannt.

Er schnaubt. Also, willst du nicht auch mal richtig arbeiten? Ich finde, du solltest langsam ein paar Rentenpunkte sammeln.

Das ist der Punkt, an dem ich mich frage, ob er eigentlich irgendwas von dem verstanden hat, was ich ihm im Lauf des letzten Jahres erzählt habe. Dass Vollzeit nicht klappt, zum Beispiel. Dass ich nicht alles so hinkriege, wie es viele Leute hinkriegen. Dass ich auch nicht weiß, wie der ganze Scheiß funktionieren soll, und ein destruktiv herumnörgelnder Vater noch nie irgendwen weitergebracht hat.

Aber er ist betrunken und damit die schlechteste, verständnisloseste, unzugänglichste Variante seiner selbst, deshalb bin ich froh, dass mein Bruder das Gespräch unterbricht, gehe bald darauf ins Bett und schlucke Wut, Enttäuschung und Vorwürfe herunter. Grumpy wühlt sie sofort wieder heraus und bewirft mich seither damit.

Äh.

Ich bin zu Besuch bei meinen Eltern. Während ich in der Küche sitze und lese, höre ich sie am anderen Ende des Flurs über die Ausbildung zur Kunsttherapeutin beraten, die sie sich für mich ausgedacht haben. Seit ich gesagt habe, dass so eine Ausbildung ja schon ganz cool ist, ist das beschlossene Sache für sie.

Ich hab das eher grundsätzlich gemeint, aber dann haben sie schon was zu tun und üben, wie man das Internet benutzt.

 

Gerade fällt mir ein

Ich bin empfindlicher geworden. Mitfühlender: wie es Freunden geht, geht mir näher, und ich vertrag keine düsteren Geschichten mehr, im Kino vor allem. Ich heule schneller und bin leichter zu erschüttern. Ich freu mich aber auch mehr und hab ein größeres Bedürfnis, Gefühle mitzuteilen. Das kam in den letzten Monaten.

… und um meine Mutter wächst das Schweigen, das verdeckt, was sie fühlt, und mein einer Bruder sagt: Ich habe keine intensiven Gefühle mehr und ich will, dass sie zurück kommen, und mein anderer Bruder sagt: Ich hab diese intensiven Gefühle auch nicht mehr, aber vielleicht ist das einfach so.
Mein Vater, andererseits, den ich immer viel zu aufbrausend, zu sentimental, zu unbeherrscht fand, ist mir jetzt näher.

Wir Kinder schreiben diese Geschichte um unsere Familie und um unsere Mutter fort. Wir sagen laut: Wir reden nicht über sowas, und wenn, dann fällt es uns schwer; und viel mehr sagen wir nicht dazu, auch wenn in der letzten Zeit ein zögerndes, tastendes Versuchen aufgekeimt ist, auszudrücken, was so greifbar ist: wie viel wir alle einander bedeuten.
(Mein Vater, der in seinem ehrlich erlebten Gefühlsüberschwang uns alle mit Bekundungen von Liebe und Stolz überschüttet, stößt damit oft an die Grenzen, die unser Unvermögen zu Erwiderungen zieht. Meine Grenzen verschieben sich, aber er überrennt sie trotzdem noch manchmal.)

Familie! Verwirrend.