16.10.

Ich wache auf und ES ist da. Gestern waren Menschen und Wärme bis auf den Abend, an dem ich mich ausgerechnet beim Tanzen vollkommen verkehrt fühle. Das ist schlimm und so gehe ich schlafen und so wache ich auf.

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Stranger on Earth

Some fools don’t know
What’s right from wrong
But somehow
Those folks belong.

Wir gehen zu einer Tanzparty: vier Floors, einer davon Lindy Hop, in der größten Tanzschule der Stadt, die sich ein großes neues Gebäude geleistet hat. BALLHAUS. Wir sind groß, sagen die vielen Stufen, die zu dem bunt beleuchteten weißen Kasten hinaufführen. Ich bin modern, sagt der Kasten, Wir sind schick, sagen die Bahnen aus farbigem Licht, Wir sind eine Institution, sagen alle drei im Chor, und die grauen Sessel und das teure Parkett murmeln es mit.
Drinnen ist laute Musik und auf der größten Tanzfläche tanzen angestrengte Paare Latein und Standard, bemüht und abgezirkelt die meisten, und ein Gespenst aus meiner Vergangenheit hängt grinsend über dem Parkett. Ich flüchte in den Lindy-Hop-Raum, aber selbst da ist alles verkehrt: kaum vertraute Gesichter, ein glatter Raum mit Partybeleuchtung und riesigem Spiegel. Darin ich: ein Hund von der Straße mit eingeklemmtem Schwanz.
Wollen wir tanzen, sagst du, und dann geht es für eine Weile und ich höre mich lachen, bis wir nicht mehr können und in der Pause einen Spaziergang durch die Räume machen. Nebenan wird West Coast Swing getanzt, langsam und lasziv, völlig Fremde schauen sich tief in die Augen, wiegen Körper und Hüften bedeutungsschwanger, Frauen lassen in verführerischen Drehungen langes Haar auffliegen. Nein!, denke ich. Ich hab mich endlich sicher gefühlt beim Lindy Hop, und jetzt holt mich das hier wieder ein, diese ritualisierte Erotik ohne Bedeutung, die einer Frau sagt: sei schön anzusehen. Schwing deine Hüften. Lass dich führen, aber sei verführerisch.
Ich will das nicht, ich bin nicht so, neben mir stehst du und bist begeistert und ich schau auf die langen Beine und runden Hintern in den engen Jeans und denke, wie soll ich denn dagegen jemals ankommen, und in meinem Hundefell weinen die Flöhe.

Ich hasse die ganze Party und all ihre Gäste, weil sie mir innerhalb von einer halben Stunde alles aufzeigt, wozu ich nicht gehöre. Und ich hasse mich, weil es mir nicht egal ist.

Ohne irgendwem was zu erklären, fahre ich nach Hause, wütend, verwirrt, enttäuscht, fühle mich von dir verraten, weil du dich wohlfühlst, am andern Morgen ist es noch nicht besser, ich fühl mich so elend.

Snap out of it

Ich stecke fest. Nichts zu machen. Und jetzt?

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Ich scheine entschieden zu haben, dass ich jetzt gar nichts mehr tue. Darüber kann ich von ferne nachdenken und es von sehr weit her bedenklich finden, aber die Kreatur, die ich da beobachte, sitzt ungerührt von meinen Bedenken auf dem Hinterteil und stopft sich voll mit Netflix und Keksen.

Meine Therapeutin warnte in der letzten Sitzung: Ihr Radius wird immer kleiner. Da ich den Job in der Wäscherei jetzt auch erfolgreich sabotiert habe, sind wir ja wohl langsam bei Null angekommen. Keine Lust, kein Ziel, kein Plan, ich lasse mich voll in die Vorstellung dieser Krankheit fallen, ich versuche mich nicht mal mehr an Lösungen und kann auch nicht mehr unterscheiden, fehlt mir nun die Kraft oder der Wille.

 

Scheiße.

05.06.

Mein Brieffreund rät zu Gleichmut. Pah! Ich bin aber nicht gleichmütig. In mir ist so viel Spannung, dass ich dauernd berste: meine Haut ist durch das innere Glühen hart und spröde wie Ton, ich bekomme Sprünge, die zu Rissen werden, und daraus quillt etwas wie gleißend gelbe Lava, erstarrt an den Rändern, fällt staubig ab, fließt nach, bildet groteske Verkrustungen, lagert bizarre Wucherungen ab, mein Gesicht ist entstellt und verzieht sich in wahnsinnige Grimassen, ich muss mich sehr bemühen, noch aufrecht zu gehen und zu lächeln, mit meinen verklebten Fingern nötige Handgriffe zu verrichten, ich reiße mich zusammen, um noch durch die Straßen gehen zu können, aber sowie mich einer anrührt, zerspringt die dünne Hülle und es quillt und reißt und verkrustet, dass die Menschen erschrocken die Augen niederschlagen, rasch vorbeigehen, nicht wagen, das brodelnde Ding anzusehen, wer weiß, wozu es fähig ist.

In Wahrheit verhalte ich mich ganz sinnvoll, nach außen; in mir rast alles weiter durch die gewohnten Verknotungen. Wollte ich heute Abend tanzen gehen? Wollte ich lieber ins Kino? Wollte ich keines von beidem, da ich ja nicht hingegangen bin? War ich zu müde oder hatte ich zu viel Angst? Macht es mir denn überhaupt Spaß, Dinge allein zu tun? Ich hab keine Antwort. Dafür ist morgen endlich meine Therapeutin wieder da. Ich will ihr alles vor die Füße schleudern, damit es wer sortiert. Ich kann’s nicht.