Gestern: Auf dem Balkon wachsen die Heuschrecken

Ich gehe zum Tanzen auf den Schlossberg, eine Band ist da und spielt Swing zum Sonnenuntergang. Ich komme an und weiß nicht, wie ich mich mit den anderen verbinden soll, es ist niemand da, mit dem ich viel zu tun habe. Du zwar, aber vor ein paar Stunden habe ich unser Verhältnis beendet und deshalb stehst auch du für Gefühle von Allein- und Getrenntsein. Ich stehe am Rand und gucke zu und spüre, wie ich schrumpfe, gleich muss ich aufpassen, dass keiner auf mich drauftritt, ein flüchtiger Bekannter sagt von der Seite: Hi, wie geht’s dir? – Gut, sage ich und will schreien: Ich fühl mich so einsam, ich sterbe gleich.

Dann fragt mich aber doch wer, ob ich tanzen will: du, das freut mich, wir reden kurz miteinander in Andeutungen, dann möchte jemand anderes mit mir tanzen und ab da tanze ich und muss nicht mehr reden, rede aber doch plötzlich mit jemand, der Essen mit mir teilt, tanze weiter, bis die Band aufbricht. Auf ein ganz langsames Lied tanzt jemand Blues mit mir: das kann ich kaum, es genügt gerade eben so, um das Stück zu überstehen, aber wir tanzen Körper an Körper und ich bin schlagartig ganz woanders, ich fliege, das ist abgedroschen, aber ich fliege, über der Tanzfläche und den anderen Tänzern, in der Nachtluft, im Mondlicht, jawohl. Das ist wie Sex ohne Sex, nur die Nähe davon, und ich denke: schön, von nun an werde ich Blues tanzen und den Rest vergessen.

Am nächsten Morgen zähle ich die Stunden, bis ich bei der Arbeit sein muss. Es ist der erste Arbeitstag und ich habe vergessen, mich zu exmatrikulieren. Ich bin durcheinander, von der Intensität der letzten Tage, in denen ich so viel alleine war – und bin froh, dass ich ab heute für vier Stunden täglich ein zusammenhängender Mensch unter anderen Menschen sein werde. Ich trage neues Parfum, das mich ganz nervös macht, weil es so gut riecht, und schwarzen Nagellack. Ich spiele eine andere Version von mir und schicke sie ins Büro.

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19.07.

Ich habe sonnige Laune und häng bei dir rum, bis du gehst; dann gucke ich die Internetseite vom örtlichen Lindy Exchange an, auf das sich alle schon total freuen und es geht eh einfach jeder hin, und kurz halte ich es für möglich, auch mitzumachen (die Fotos vom letzten Jahr! so was Schönes!), aber dann passiert was in mir, was mit Lindy Hop und Gruppen und Zugehörigkeit und Einsamkeit und Angst und dem Gefühl zu tun hat, es mag und braucht mich eh keiner, und zack, liege ich wieder im Loch von vorgestern.

Bei diesem Exchange gibt’s eine Fahrt mit einer alten Dampflok(!!!!!!!!!!). Ich will unbedingt Dampflok fahren und einfach dabei sein und mich wie ein normaler Mensch fühlen, aber was ist, wenn ich gerade an den relevanten Tagen überhaupt kein Mensch bin? Man kann nie wissen, als was man aufwacht, Gregor oder Schabe, und Schaben sind in den meisten Zügen nicht gern gesehen.

05.01.

Manchmal kann ich einen Tag lang alles und am nächsten Tag überhaupt nichts mehr.
Gestern waren Menschen und ich die einfachste Kombination auf der Welt, heute verwirrt mich eine WG-Party mit vermutlich netten Leuten so sehr, dass es völlig ausgeschlossen ist, da hinzugehen.
Um mir diesen Entschluss mitzuteilen, wartet Grumpy wie immer bis zum letzten Moment. „Ich komm zu spät“, schreibe ich dem Kollegen, den ich an der Haltestelle abholen wollte. „Soll ich auf dich warten?“, fragt er. Bloß nicht!, denke ich, du frierst da fest – ein paar Minuten später werde ich sowieso sagen, dass ich es doch nicht schaffe, aber er kennt mich noch nicht genug, um das zu befürchten.
Diese Absagen in letzter Minute wollte ich nie wieder machen und deshalb einfach nicht mehr zusagen bei Sachen, die ich schwierig finde. Diesmal hab ich mich überreden lassen, weil alle so nett gefragt haben und ich so gern dazugehören wollte.

Regel: Keine Parties. (Grumpy sagt: Keine Scheißparties.)

Stranger on Earth

Some fools don’t know
What’s right from wrong
But somehow
Those folks belong.

Wir gehen zu einer Tanzparty: vier Floors, einer davon Lindy Hop, in der größten Tanzschule der Stadt, die sich ein großes neues Gebäude geleistet hat. BALLHAUS. Wir sind groß, sagen die vielen Stufen, die zu dem bunt beleuchteten weißen Kasten hinaufführen. Ich bin modern, sagt der Kasten, Wir sind schick, sagen die Bahnen aus farbigem Licht, Wir sind eine Institution, sagen alle drei im Chor, und die grauen Sessel und das teure Parkett murmeln es mit.
Drinnen ist laute Musik und auf der größten Tanzfläche tanzen angestrengte Paare Latein und Standard, bemüht und abgezirkelt die meisten, und ein Gespenst aus meiner Vergangenheit hängt grinsend über dem Parkett. Ich flüchte in den Lindy-Hop-Raum, aber selbst da ist alles verkehrt: kaum vertraute Gesichter, ein glatter Raum mit Partybeleuchtung und riesigem Spiegel. Darin ich: ein Hund von der Straße mit eingeklemmtem Schwanz.
Wollen wir tanzen, sagst du, und dann geht es für eine Weile und ich höre mich lachen, bis wir nicht mehr können und in der Pause einen Spaziergang durch die Räume machen. Nebenan wird West Coast Swing getanzt, langsam und lasziv, völlig Fremde schauen sich tief in die Augen, wiegen Körper und Hüften bedeutungsschwanger, Frauen lassen in verführerischen Drehungen langes Haar auffliegen. Nein!, denke ich. Ich hab mich endlich sicher gefühlt beim Lindy Hop, und jetzt holt mich das hier wieder ein, diese ritualisierte Erotik ohne Bedeutung, die einer Frau sagt: sei schön anzusehen. Schwing deine Hüften. Lass dich führen, aber sei verführerisch.
Ich will das nicht, ich bin nicht so, neben mir stehst du und bist begeistert und ich schau auf die langen Beine und runden Hintern in den engen Jeans und denke, wie soll ich denn dagegen jemals ankommen, und in meinem Hundefell weinen die Flöhe.

Ich hasse die ganze Party und all ihre Gäste, weil sie mir innerhalb von einer halben Stunde alles aufzeigt, wozu ich nicht gehöre. Und ich hasse mich, weil es mir nicht egal ist.

Ohne irgendwem was zu erklären, fahre ich nach Hause, wütend, verwirrt, enttäuscht, fühle mich von dir verraten, weil du dich wohlfühlst, am andern Morgen ist es noch nicht besser, ich fühl mich so elend.

Snap out of it

Ich stecke fest. Nichts zu machen. Und jetzt?

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Ich scheine entschieden zu haben, dass ich jetzt gar nichts mehr tue. Darüber kann ich von ferne nachdenken und es von sehr weit her bedenklich finden, aber die Kreatur, die ich da beobachte, sitzt ungerührt von meinen Bedenken auf dem Hinterteil und stopft sich voll mit Netflix und Keksen.

Meine Therapeutin warnte in der letzten Sitzung: Ihr Radius wird immer kleiner. Da ich den Job in der Wäscherei jetzt auch erfolgreich sabotiert habe, sind wir ja wohl langsam bei Null angekommen. Keine Lust, kein Ziel, kein Plan, ich lasse mich voll in die Vorstellung dieser Krankheit fallen, ich versuche mich nicht mal mehr an Lösungen und kann auch nicht mehr unterscheiden, fehlt mir nun die Kraft oder der Wille.

 

Scheiße.