16.08.

Vielleicht ist der Job doch, was ich erwartet habe, nämlich erträglich, ohne zu nerven, eine okaye, anspruchslose Art, mich über Wasser zu halten, bis ich eine bessere Idee habe.

Die zehn Jahre jüngere Kollegin, die mich einlernt, legt mir zur Begrüßung die Hand auf den Rücken und säuselt: Hey, meine Liebe, alles gut bei dir? – Alter, denke ich, können wir bitte einfach ehrlich sein, niemand hat hier schon irgendwen lieb.
Dein erstes Wochenende bei uns!, ruft sie mir zum Abschied zu. Alter, denke ich, na und, und dass ich irgendwie schon ziemlich viele erste Wochenenden irgendwo hatte und meine Arbeitswoche eh nur aus zwei halben Tagen bestand, also wer wird denn gleich – . Irgendwie würde ich gern den ganzen Klimbim aus ihr rausstreichen, damit nur noch das Ehrliche und Wichtige übrigbleibt.

Ich muss den ganzen Tag über an Margaret Atwoods Elaine aus Cat’s Eye denken, die andere Frauen irgendwie nie leiden kann, sich nicht wohlfühlt unter ihnen, sie beurteilt wie ein strategisches Problem: ungefähr so fühle ich mich in der neuen Abteilung, ungeheuer sonderbar.

Aber danach gehe ich schwimmen, ich schwimme ruhig und gleichmäßig und meditativ und denke an meine beiden Sommer am See: diesen, zu dem das Verhältnis zu dir gehört hat, das mir jetzt auch so ruhig und gleichmäßig vorkommt; und den davor, in dem ich Stunde um Stunde, Tag für Tag mit jemand anderem hier war, um trotz der Hitze Lindy Hop zu trainieren, zu schwimmen, am Ende Pommes zu essen und stundenlang zu reden. Vielleicht war ich noch nie so doll in jemanden verliebt. Pommes essen ist auf jeden Fall ein Auswahlkriterium bei der Partnersuche.

Heute Morgen habe ich mit meiner Mutter telefoniert und es war nicht ganz so seltsam wie sonst. Ich bekomme lange Sprachnachrichten von meinem Bruder und von meinem Brieffreund (ich liebe euch beide und diese Reihenfolge ist völlig beliebig), die ich abhöre, während ich Frühstück oder den Abwasch mache, und fühle mich nah und geborgen. Heute habe ich kein Handy dabeigehabt und es auch nicht vermisst. Fünf Monate lang war es wichtig, weil ich deine Nachrichten sehen wollte, jetzt zieht mich nichts mehr andauernd vor den Bildschirm.

Bei meiner Freundin gieße ich die Blumen; gleich werde ich den ersten Mangold von ihrem Balkon ernten und ihn heute Abend mit den erstaunlich guten Pasta* essen, die ich bei Aldi gefunden habe.

Ich zeichne an einem großen, schillernd bunten Bild, auf dem alles noch etwas diffus aussieht. Genau so riecht mein neues Parfum, von dem ich nicht genug bekommen kann.

Ich habe jetzt einen großen weißen Blumentopf vom Flohmarkt. Da soll eins von den mehrjährigen Kräutern rein. Aber welches? Minze oder Oregano? Oder gar Zitronenmelisse? >>>>>>>>>Ihr entscheidet!<<<<<<<<<<<<<
(Das ist mein billiger Versuch, euch Kommentare zu entlocken.)
Und jetzt habt ihr hoffenlich alle einen wundervollen Abend, genau so, wie ihr ihn braucht, und dann wacht ihr auf und das Wochenende erstreckt sich vor euch wie eine Waldlichtung im Frühling, und indem ihr hindurchwandert, fühlt es sich auch so an.

 

*erst wollte ich schreiben: italienische Nudeln, dann habe ich überlegt, dass kultivierte Leute vielleicht Pasta schreiben würden. Es klingt auf jeden Fall wichtiger. Wichtige Nudeln.

 

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Gegenmaßnahmen, 3

Ich klebe Menschen auf meine Wunden und so heilen sie wirklich schneller: die innere Abgezehrtheit, die fehlenden Reserven, die dünne Haut, die mich für alles durchlässig macht, statt mich zu schützen.

Ich klebe: Freunde auf einer Wiese bei Kerzenschein, die über Klimawandel diskutieren, die Umarmung meiner längsten Freundin, und dich, wie du beim Tagebuch schreiben aussiehst, und beim Denken.

Wie machen wir das jetzt?

Wir haben Streit, seit du dich verliebt hast, und ich versteh nicht, weshalb, ich versteh sehr viel an dieser Situation nicht, vor allem dich versteh ich nicht mit deiner Verweigerung eines klärenden Gesprächs. Nichts wird sich ändern, sagst du, aber ich denke, Dummkopf, natürlich wird es das.

Treffen wir uns, bevor du wegfährst?, frage ich, das ist in drei Tagen und wir haben uns immer noch nicht ausgesprochen.

Ich weiß nicht, sagst du. Vielleicht spontan, ich möchte ganz viel Zeit mit ihr verbringen, aber irgendwo kann ich bestimmt ein bisschen quatschen einschieben.

Ich sage zu dir, dass ich das verstehe, aber ich sehe einen Riss in unserer Freundschaft, den du nicht kitten möchtest.

Ich klinge wie die eifersüchtige beste Freundin und mag mich selbst nicht in dieser Rolle, ich will nicht zwischen euch kommen, aber ich fühl mich doch einen Platz weiter weggerückt, und wenn du mir Fotos von deinem Balkon schickst, als wäre nichts gewesen, seh ich in den Blumenkästen alles Ungesagte wuchern, und dass du das nicht merkst, tut am meisten weh.

Gefühlskater: Hingeben hinnehmen

Wie ich dich besuchen komme, weiß ich, dass ich heute verliebt in dich sein werde, und ich zaudere kurz vor dem Gefühl. Dann nehm ich es an, weil es schön ist, und es ist wirklich schön, so weich zu sein und für einen Abend, eine Nacht und einen Morgen die üblichen Schranken fallenzulassen.

Das Grübeln kommt am nächsten Tag, das hab ich in Kauf genommen, aber jetzt sitz ich eben da und – grüble.

All that fascination

War das deine beste Freundin?, fragt mein Kollege.
Ja, sage ich, weil das, was die meisten Leute so unter „beste Freundin“ verstehen, wahrscheinlich ungefähr zutrifft.
Hat man gesehen, sagt er. Du warst so happy.

Warum gibt es eigentlich Bestefreundinnen und Freundinnen? Wenn man das schon kategorisieren muss, sind einfach alle meine Freundinnen meine besten Freundinnen. Und meine Freunde dürfen auch meine besten Freundinnen sein.
Ich lerne, ein neues Verhältnis nicht zu etikettieren, und Etiketten fühlen sich überhaupt immer unsinniger an: du bist mein guter Freund, du aber bist ein Kumpel, du dagegen eine Bekannte, du bist meine beste Freundin und du meine längste, du bist meine Affäre, du mein Schwarm, und du bist eine gute Freundin, aber du kannst nicht die beste sein, weil ich diesen Titel schon vergeben habe – – –
Ist doch alles Liebe.
Ich hab bei einem Mann übernachtet und treffe gleich meinen Kinokollegen mit dem schönen schlanken Nacken – in dem Café, in dem der hübsche, kluge, sympathische Mann arbeitet, mit dem ich kürzlich Kaffee trinken war.

Und Frühling.