Gut

Bis über die Hüften steh ich im Wasser, das noch zu kalt ist, meine Hände liegen offen auf der blauen Oberfläche und ich mache mich bereit für den Moment, der gleich kommen wird, das kalte Wasser, das sich um meinen Körper schließt – und es ist wahrhaftig noch zu kalt, ich schwimme in raschen Zügen, um mich aufzuwärmen, aber bald muss ich aufgeben. Danach sitze ich in der Sonne und spüre meinen Körper, der sich schwer atmend von dem Schreck erholt, die Sonne auf der Haut spür ich und meine ganze lebendige Schwere, und wie ich langsam in mich zurück gleite, ist die Traurigkeit nicht mehr so groß. Du bist noch da, sagt der See, und der Himmel ist sehr blau.

Und dann das

Die letzten Wochen waren überhaupt nicht gut, aber plötzlich fühle ich den Frühling hinter dem kalten Wind wie etwas, das nicht mehr aufzuhalten ist, und in mir ist auch etwas wach geworden: die Leute auf der Straße gucken mich an und ich denke, was die haben, bis ich merke, dass ich lächle – über ein singendes Kind und die immer neuen Blumen, über das frische Grün auf meinem Balkon und das Glück, diesen Balkon und ein Händchen für Pflanzen zu haben, über Nächte mit Berührungen lächle ich und über eine junge Katze, über Freundschaft, die ich spüre, und Vögel, die jetzt wieder singen, über das Licht und die Sonne und ein Bewerbungsgespräch und das Tanzen und sich vertiefende Bekanntschaften und darüber, dass es wirklich nicht weh tut, als jemand zu meinem Tanzpartner und mir sagt: Ihr seid ein Paar, oder?, und wir lachend verneinen.
Vielleicht lächle ich auch darüber, dass ich Lady Anne Blunt jetzt doch nicht in die Wüste begleiten werde und ich darüber ziemlich erleichtert bin. (Mach das nicht, studier fertig, sagt meine Kollegin. – Deine Argumente sind vernünftig, nickt mein Kopf, aber mein Bauch zerrt an meiner Hand und brüllt: Neeeeee!)

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Silberstreifen

Ich scheine mich damit anfreunden zu müssen, dass ich depressiv bin. Und trotzdem ist das hier auch wahr: dass ich zwei Stunden lang mit einer Freundin im Gras liege, unter reinem, sonnigem Blau, und wir ganz locker über Psychotherapien philosophieren; sie ist vielleicht der klügste und feinfühligste und beeindruckendste Mensch, den ich kenne, wir liegen dicht beieinander: die Nähe und gedämpften Worte weben einen flüchtigen, warmen Raum für uns.
Und in mir ist kein Schatten. Ich fahre nach Hause mit einem Lächeln, segle auf diesem Lächeln durch den Aldi, alles ist leicht, rolle freihändig nach Hause, immer noch lächelnd, ich bin jung und habe ein Fahrrad und eine Freundin und einen Balkon und ich bin glücklich.

But not for me

Wo sind jetzt diese Abende, an denen man zu zweit auf dem Balkon sitzt, mit einem Glas Wein, während es ringsumher flötet und zwitschert, wo ist diese Gemütlichkeit auf dem Sofa, zu zweit, unkompliziert, wo ist das Ende der Einsamkeit beim Essen, für wen darf ich kochen, was ist mit den Spaziergängen, den Sternen und den Glühwürmchen, was ist mit dem Ausgehen, Hand in Hand, und ich trage leichte Sommerröcke?

Damit hat mir das Leben gewinkt und dann, genau vor den ersten lauen Abenden, hat es alles wieder eingepackt und gesagt: Nö. Für dich doch nicht.

(Und jetzt werden alle sagen, weil sich das so gehört, dass ich ja noch jung bin und das echt alles noch kommen kann (aber beachten wir: sie sagen kann), und man kann das ja eh nicht erzwingen, aber Herrgott, ich hatte diesen ganzen wunderbaren Mist noch so verdammt selten, dass es jetzt auch langsam mal berechtigt ist, wenn ich mich beschwere. – Hilflose Blicke.)

 

A little sweetness

Soundtrack dieses Texts:


Und nach all der Trübsal und dem dumpfen Treiben in einer undefinierbaren Unerträglichkeit plötzlich das hier: Tage, die angefüllt sind mit dem bloßen, nackten Hunger nach Leben. Der bricht über mich herein, unbedingt und stürmisch, und so sitze ich auf dem Balkon und falle bei Kerzenlicht in den Sternenhimmel, so dunkel, so weit, ich falle durch den großen Wagen in ein Lebendigsein, das in seiner Schönheit unerträglich groß ist, und jetzt begehre ich alles: ich will Zärtlichkeit und Augenblicke, die zählen, bei Nacht will ich durch die Stadt streifen und mich berauschen an der milden, wilden Luft, dem Dunkel, dem Laternenlicht, den unzähligen möglichen Geheimnissen, den Erzählungen des Nachtwinds – oh, ich kenne den Nachtwind und er kennt mich, wir teilen die gleiche Sehnsucht, berührt zu werden, aber wer könnte seine Hand auf den Wind legen und wer mich wahrhaft erreichen, einsam sind wir und dürsten nach der gleichen Hingabe.

Und was ich habe, sind nichts als Worte, und indem ich sie aufschreibe, gebiert jedes Wort einen eigenen, neuen Hunger: wir hungern nach den Sternen und nach jemandes Armen und nach einem anderen Körper, nach neuem Leben, all die ungelebten Wochen heben jetzt die Köpfe und fordern ungebärdig ihr Recht – oh, wir sind so bereit, wir starren ins samtige Dunkel zwischen den Sternen und warten nur auf unsere Sternschnuppe, wir warten und warten, wir sind noch so jung.

Ich will meinen Körper spüren.

Checkpoint

Ich erinnere mich: vor zwei Jahren etwa bin ich durch den Park gegangen, es war Frühling, noch etwas früher im Jahr als jetzt, und ich habe darüber nachgedacht, wie sich das alles so unendlich wiederholt – das Blühen und Drängen und Aufatmen – , und wie es in allen einen Hunger weckt danach, sich in ihrer Lebendigkeit zu spüren, und ich habe gedacht: ich bin froh, wenn meine Kraft überhaupt für ein ganzes Leben ausreicht. Wie soll man das aushalten, dieses dauernde Wundreiben, wie kann man siebzig Jahre lang stark genug sein, immer noch ein Trotzdem in sich zu finden?

Das denke ich nicht mehr. Jetzt schwebe ich irgendwo zwischen allen Zuständen, steige mit der neu entdeckten Zuversicht auf wie ein Ballon und stoße an eine Decke aus massivem Selbstzweifel. Oder etwas anderem? Da hänge ich jetzt.
Das ist eine völlig idiotische Form des Daseins.

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Aber: ich will was vom Leben.