Erstarren

Meine Wohnung, das Aufwachen, in einer Beziehung sein und mich nicht verschließen, mein Job, dieser Tag, der nächste Tag, die nächste Woche, ich:

unerträglich.

Ich will nur Frieden, einmal im Leben will ich Frieden.

 

Und an die, die das lesen und sich Sorgen machen: ihr habt kein Recht auf eure Sorgen. Ihr solltet wissen, dass ich da durchkommen werde, ihr solltet mir vertrauen und anerkennen, dass man manche Dinge so schonungslos sagen muss. Das macht sie lange nicht absolut, und das solltet ihr wissen.

Das Bild zum Beispiel.

Kristof Kintera, All my bad thoughts. Schwer anzuschauen, und vielleicht poste ich es aus Trotz, um die zu verunsichern, die sich verunsichern lassen durch diesen Blog. Grrrr.

(Ich kann dieses Kunstwerk auch nicht lange anschauen. Das finde ich cool dran, diese Grenzüberschreitung, die eigentlich nur ehrlich ist.)

Willst du mit mir gehen?

Ich möchte Du schreiben, nur damit er antwortet und ich das Gefühl seiner Aufmerksamkeit habe. Ich schreibe ihm also nicht, weil ich gar nicht ihn meine, sondern mich.

Er hat gefragt: Denkst du, ich tue dir gut? Ich habe keine Antwort. Ich kann nicht sagen, ob es mir überhaupt besser tut, eine Beziehung zu haben, als allein zu sein. All die Arbeit, das Ausbalancieren meines Lebens unter Berücksichtigung einer weiteren Person in extremer Nähe, ist anstrengend. Ohne Du wäre mein Leben also weniger anstrengend, so viel ist sicher, aber das gilt für jeden Mann, mit dem ich mich auf so eine Art von Beziehung einlassen würde, das gilt für solche Beziehungen ganz grundsätzlich, Dus Frage ist also eigentlich zwei Fragen: Tut diese Art von Beziehung mir gut? Und davon unabhängig: Tut er mir gut im Vergleich zu anderen Männern, mit denen ich in der gleichen Art von Beziehung war?

Die erste Frage ist schwierig. Was will ich eigentlich von einer romantischen Paarbeziehung, diesem Ding, das irgendwo, irgendwann ohne uns gemacht wurde und an das wir jetzt glauben, als wären wir dabei gewesen? Ich glaube also auch. Ich beobachte Paare in ihrem Alltag und finde die bedingungslose Unterstützung schön, die sie sich bieten. Ich beobachte meine Eltern in guten Momenten, in denen sie ein Team gegen die restliche Welt sind. Ich beobachte meinen Bruder und seine Freundin, meine Freundin und ihren Mann, die einander durch ihre Gegenwart versichern: Keine Angst. Was immer es ist, du musst es nicht alleine tun. Und sie sind mehr als die Summe ihrer Teile.

Ich frage mich, warum es so festgeschrieben ist, dass diese Art von Selbstverständlichkeit nur in Paarbeziehungen passiert, aber gleichzeitig bewege ich mich auch innerhalb dieser Festschreibung. Meine Freundschaften können vielleicht in der Summe die gleiche Art von Unterstützung leisten, aber ich halte das für weniger selbstverständlich, oder: es muss aktiver eingefordert werden, weil Freundschaften insgesamt loser, dynamischer, mit größeren zeitlichen und räumlichen Abständen funktionieren.

Und dann gibt es noch die romantische Idee der Seelenverwandtschaft, die ich mir (wir uns?) in einer Paarbeziehung vorstelle. Das meint im Grunde vielleicht nur den Wunsch, jemand solle mir so ähnlich sein, dass er nichts an mir übersieht und mich vollständig bezeugen kann. Und umgekehrt möchte ich den Menschen bezeugen, den ich liebe, ihn wahrnehmen als ein Wunder, das sich immer neu vollzieht. Das gilt auch in Freundschaften; der Unterschied liegt in der Erwartung von vollständigem Gleichklang, die ich aus einer Beziehung mühsam wegdenken muss, weil sie unmöglich zu erfüllen ist. Aber in Paarbeziehungen, wie wir sie uns vorstellen, liegt ein Versprechen von tiefer Kenntnis des Anderen, die sie Freundschaften allein durch Nähe im Alltäglichen voraus hat – mit der Zeit; ich bin enttäuscht von Du, weil er mich nicht so gut versteht wie Menschen, mit denen ich seit Jahren meine Gedanken teile.

Es ist schwer zu sagen, warum eine Beziehung größer sein soll als eine echte Freundschaft. Warum wünsche ich mir etwas, dessen Vorteile auch in meinen Freundschaften zu finden sind, während sie seine bedrohliche Eigenschaft nicht haben, diese schwer greifbare emotionale Wucht? Dus erste Frage kann ich nicht beantworten.

Ist es nur der Sex?, hat meine Freundin kürzlich gefragt, und vielleicht ist es nur der Sex, wenn mir auf dem Weg zu Du kurz die Luft wegbleibt vor Aufregung. Oder wenn ich neben ihm kaum schlafen kann, weil ich mich zu stark und glücklich fühle, und am Tag danach trotzdem gut drauf bin. Das kann alles wenig mehr als körperlich sein, aber sehr viel am Dasein ist körperlich, vielleicht ist es daher nicht weniger wert. Ich mag, wenn ich so mit meinem Körper verbunden bin, und selbst Sex ist mehr als Sex, dazu gehören Vertrauen und die Wahrnehmung des Partners als ganzer Mensch. Du nimmt mich als Menschen ernst, während wir miteinander schlafen, und ich glaube nicht, dass ich jemals jemanden nur als seelenlosen Körper berührt habe.

Ich werde kaum in nächster Zeit und ganz sicher nicht in diesem Text herausfinden, was es also ist, das eine Paarbeziehung ausmacht und warum sie mir gut tun könnte. Dus zweite Frage ist auch nur scheinbar einfach: Tut er mir gut, im Vergleich zu anderen Männern? Ja, möchte ich aus dem Bauch heraus sagen, aber dann denke ich, dass ich das wahrscheinlich noch von jedem Mann gedacht habe, mit dem ich je in einem vergleichbaren Verhältnis war. Was mir nicht gut tut, sehe ich oft erst hinterher und ich traue mir selbst nicht, wenn ich das Verhältnis zu Du bewerten soll. Es kommt mir immer wieder so vor, als ob zwischen uns etwas richtig gut sein könnte, und manchmal glaube ich es objektiv festmachen zu können – aber wenn ich darüber nachdenke, verliere ich mich in einem endlosen Für und Wider. Es bleibt also nichts Anderes, als mich an die Worte meines Bruders zu dieser Frage zu halten: Das kann kein Mensch jemals wissen.

Nur Du weiß sowas: Du tust mir gut, sagt er.   

 

Ich und du, Müllers Kuh

Ich vermisse dich auf sehr konkrete Art. Ich vermisse dich am meisten, wenn ich ins Bett gehe und es kein Bett ist, in dem du schon liegst und Tagebuch schreibst. (Ich hab schonmal aus Rache ein fremdes Tagebuch gelesen, aber deins nie: das war so selbstverständlich, dass ich darüber gestaunt habe.) Ich vermisse meine Hand auf deiner Brust vor dem Einschlafen, die mir wichtig war, weil du sie da haben wolltest. Und es war ganz leicht, neben dir zu schlafen, du bist der erste Mensch, neben dem ich lieber geschlafen habe als in einem leeren Bett. Jetzt sind die Nächte schwarz und streng, ich möchte, dass sie schnell vorbei gehen. Deine greifbare Anwesenheit in meinem Leben fehlt mir: unsere Nähe war nicht nur körperlich, aber wir waren im Geist nicht so verwandt, dass mein tägliches Denken und Fühlen seither beständig in deine Lücke fiele. Zwischen uns blieb immer ein bisschen Platz, und darin lag eine große Freiheit. Ich hab mich nicht an dir gestoßen, so zärtlich mein Gefühl, so aufrichtig mein Respekt für dich auch waren, und zum ersten Mal in vier Jahren war ich nicht mehr durstig. 

Diese ruhige Angelegenheit ist in dem Moment aus ihrer überraschend empfindlichen Balance gekippt, als ich begriffen habe: gerade will ich nichts anderes als das, und du: das will ich nur, solange sich nichts anderes findet.

Damit geht es mir nicht gut, sage ich zu dir. Und was sagst du? Bleib trotzdem. Von Kameradschaft, Einfühlen, Rücksicht keine Spur, du übersiehst mich einfach, also gehe ich, obwohl du mich gerade wieder in den Arm genommen hast und ich das für einen schönen Platz halte. Aber ich bin plötzlich so müde davon, dir zu erklären, wie es mir geht und was ich brauche, was mich bislang nicht eingeengt hat, gibt mir jetzt zu wenig Halt, ich löse mich ganz leicht aus dem ungefähren Wir. Jetzt fühle ich mich älter als du.

Ein Morgen

Ich liege auf deinem Bett und habe noch keine Lust, meinen Tag anzufangen. Oben höre ich dich mit deiner Firma telefonieren, wir haben schon gefrühstückt, bis vor zwei Stunden haben wir hier gemeinsam gelegen und geschlafen, ich mehr, du weniger. Seit deine Schlaflosigkeit mich im Morgengrauen geweckt hat, habe ich den Wunsch, dich die ganze Zeit anzufassen und festzuhalten.

Ich weiß nicht, was wir sind oder werden, aber ich weiß, dass ich gern um dich bin. Ich weiß nicht, wie der Mann dazu passt, den ich am Wochenende treffe und auf den ich mich freue. Über dich freu ich mich auch. Es ist Sommer und ich habe wirklich frei.