12.10./Bestandsaufnahme

Seit neuestem weiß ich nicht mehr, wie ich hier schreiben soll. Es kommt mir vor, als müsste jedes Wort vor einem Leser bestehen, der mir nicht glaubt. Deshalb glaube ich mir auch nicht, obwohl das alles stimmt:

Heute war ein Tag mit Potential, den ich habe vergehen lassen, ohne mich zur bewegen. Draußen waren freundliche Kastanien, die man vielleicht noch sammeln kann, und Licht und Waldwege in der Herbstsonne. Aber ich war so müde.

Ich hab mich an meine Arbeit gewöhnt. Ich habe eine Kollegin, die meine feste Nebensitzerin geworden ist, und ich hatte bisher keine Tage, an denen ich gar nicht hingehen konnte. Ich habe zwei von vier Tanzkursen wieder abgesagt, weil das zu viel war, merke aber trotzdem, dass ich in der übrigen freien Zeit schwerer Dinge tun kann. Mein Rücken ist ganz steif von so viel ungetanen Dingen und fleht nach Bewegung.

Ich zwinge mich, mich wieder zu einem Teil der Lindy-Hop-Szene zu machen. Heute Abend ist ein Social und ich gestatte mir nicht, daheim zu bleiben. Ich melde mich freiwillig für den Auf- und Abbau bei zukünftigen Veranstaltungen. Und morgen dreht eine Swingband aus der Stadt ein Musikvideo, in dem ein paar Leute tanzen sollen: ich habe gesagt, dass ich mitmache, und jetzt muss ich auch. Ich bin trotzdem sicher, dass mich keiner will oder braucht, aber ich will mich öfter so spüren, wie ich mich beim Tanzen spüre.

Ich denke auch, dass niemand diese Texte will oder braucht, und dass ich deshalb vielleicht einfach mit dem Schreiben aufhören sollte. Anscheinend bin ich kein ausreichender Grund für mich, irgendetwas zu tun.

Du ist mehr verliebt in mich als umgekehrt. Als ich ihm das gestehe, sagt er, das sei ihm von Anfang an klar gewesen, aber es mache keinen Unterschied. Etwas zwischen uns ist trotzdem echt. Er sagt: Du machst mich glücklich. Ich staune über seine Reaktion; überhaupt hab ich großen Respekt vor ihm und freu mich darauf, ihn wiederzusehen. Er fordert mich heraus, ohne mich unter Druck zu setzen, und ich erprobe an ihm, wer ich bin.

Ich habe Joker gesehen und fühle mich Arthur Fleck nahe, wie ich mich König Saul bei Rembrandt nahe fühle, zerbrochenen, tragischen Figuren, für die es auf der ganzen Welt keine Rettung gibt. Aber sie sind nicht wirklich, und durch die Distanz der kunstvollen Erzählung, die niemals vorgibt, etwas anderes zu sein, ist ihre Tragik schön und mitreißend und kathartisch; tags drauf sehe ich Systemsprenger, der sich viel realer anfühlt, und dieser Film tut weh.

Ich müsste mich bei Leuten melden, Kontakt halten, was anstrengend ist, aber es ist noch anstrengender, den Kontakt zu mir selbst zu halten. Ich hab ihn weder in der Fülle meines Alltags noch in der lethargischen Stille, in der ich mich weigere, mir selbst zuzuhören. Gleich hinter meiner Straße fängt der Wald an, der mir gut tun würde: das weiß ich und rühr mich nicht vom Fleck.

Kurz gegriffen

Das Dorf, nein: die ganze Gemeinde veranstaltet ein Benefizkonzert für einen schwer kranken jungen Mann. Es ist das zweite Mal, dass Spenden für ihn gesammelt werden; nach der ersten Aktion konnte er eine sehr teure, aber erfolgreiche Therapie beginnen, die er jetzt fortsetzen möchte. Natürlich möchte er! Freunde organisieren das alles für ihn.

Natürlich wünsche ich ihm, dass er die Therapie fortsetzen kann, es soll ihm gut gehen und er soll lange und unbeschwert leben können. Aber ich frag mich, warum sammeln wir für ihn? Wer sammelt für die anderen?