01.08.

Ich gehe zur Psychiaterin und muss nichtmal ins Wartezimmer, so schnell ist mein Rezept fertig, dann haben sie in der Apotheke nebenan sogar das Venlafaxin (brrrrrr) vorrätig und ich muss gar nicht die halbe Stadt abklappern wie sonst, und am Ende finde ich im offenen Bücherregal nebendran auch noch drei Schätze: Doris Lessing! Margaret Atwood, im Original! Und Tania Blixen, die ich jetzt kennenlernen kann.

Das freut mich alles so, dass ich mich spontan auf einen Kaffee in der Stadt einlade; im neu entdeckten Café ist noch ein Platz draußen frei, da sitze ich und schreibe Tagebuch und freue mich über den guten Kaffee und gucke Leute und denke, vielleicht ist jetzt so langsam alles okay. Nicht ständig, nicht jeden Tag und nicht ohne Schwierigkeiten, aber insgesamt doch: okay.

Erdbeersphinx

(Vielleicht ist Lindy Hop, das Tanzen und wie ich mich dabei fühle, die Menschen und wie ich mich unter ihnen zurecht finde, die bessere Therapie.)

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Oh!

Vor dem Fenster der kleinen Bahn zieht Schwaben vorbei: Felder, Wälder, Weinberge und Streuobstwiesen liegen wohlgeordnet zwischen sonnigen Hügeln und plappern satt und friedlich vor sich hin.

Ein Duft von Sommerwiesen fährt in der Bahn mit. Er zwinkert mir zu und erinnert mich an all die Hundesommer in den hohen Wiesen am Bach.

Und dann das

Die letzten Wochen waren überhaupt nicht gut, aber plötzlich fühle ich den Frühling hinter dem kalten Wind wie etwas, das nicht mehr aufzuhalten ist, und in mir ist auch etwas wach geworden: die Leute auf der Straße gucken mich an und ich denke, was die haben, bis ich merke, dass ich lächle – über ein singendes Kind und die immer neuen Blumen, über das frische Grün auf meinem Balkon und das Glück, diesen Balkon und ein Händchen für Pflanzen zu haben, über Nächte mit Berührungen lächle ich und über eine junge Katze, über Freundschaft, die ich spüre, und Vögel, die jetzt wieder singen, über das Licht und die Sonne und ein Bewerbungsgespräch und das Tanzen und sich vertiefende Bekanntschaften und darüber, dass es wirklich nicht weh tut, als jemand zu meinem Tanzpartner und mir sagt: Ihr seid ein Paar, oder?, und wir lachend verneinen.
Vielleicht lächle ich auch darüber, dass ich Lady Anne Blunt jetzt doch nicht in die Wüste begleiten werde und ich darüber ziemlich erleichtert bin. (Mach das nicht, studier fertig, sagt meine Kollegin. – Deine Argumente sind vernünftig, nickt mein Kopf, aber mein Bauch zerrt an meiner Hand und brüllt: Neeeeee!)

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