Halb leer

Donnerstag: Fühle mich leer und unvollständig bei der Arbeit und danach bei Freunden zwar aufgehoben, aber erschöpft.

Freitag: Wache auf, bin aus Blei oder schwerer, empfinde Panik beim Gedanken an das Wochenende, melde mich bei der Arbeit krank und verordne mir Pause. Du kommt vorbei, weshalb ich mich immerhin menschlich fühle, den Abend verbringe ich allein und zwinge mich, mich nicht davon abzulenken, dass ich ich bin.

Samstag: Ich schlafe lange und wache auf mit beinahe guter Laune, jedenfalls fühle ich mich ruhiger. Ich mache nichts als Sachen im Haushalt und bin ganz bei mir, meine Wohnung ist heilsam an diesem Tag. Abends fahre ich zu Du und freue mich drauf.

Sonntag: Weil Du schnarcht, habe ich kaum geschlafen und fühle mich wieder so aufgerieben und mutlos wie am Freitag, nur dass ich jetzt auch noch todmüde bin. Ich treffe eine Freundin zum Kaffee und falle danach in mich zusammen und ins Bett, statt tanzen zu gehen wie geplant. Jetzt kann ich mich selbst nicht mehr leiden und habe das Gefühl, bei der Übernachtung bei Du irgendwie versagt zu haben, weil ich nicht auf das achten konnte, was ich gebraucht hätte. Ich kann mir keine schlaflosen Nächte leisten und der Friede von gestern ist verloren.

Montag: Wache auf und fühle mich müde davon, mich mit mir selbst herumzuschlagen. Verabrede mich für vor der Arbeit und merke eine halbe Stunde später, dass ich das nicht schaffe. Ich bin immer noch überzeugt, alles falsch zu machen. Zusätzlicher Ballast: Nervigkeiten mit einem Techniker und welche mit meinem Körper, außerdem Freunde, die mehr oder weniger versteckte Kritik an meinen Entscheidungen äußern.

Ich kann jetzt nichts tragen.

Vierter Juli

Ich habe Geburtstag, aber ich bin nicht da. Grumpy stupst meine leere Hülle an und guckt, wie sie vom Stuhl fällt.

Du hättest halt besser aufpassen müssen, sagt er altklug in den leeren Raum. Ich hab dir gesagt, mach mal langsam, und was machst du? Schnell.

Ich weiß, murmle ich dumpf aus einem versteckten Winkel tief in meinem Bauch.

Erst so ein anstrengendes Wochenende, zählt Grumpy auf, und dann der lange Arbeitstag am Dienstag, und kannst du eigentlich mal wieder eine Nacht lang richtig schlafen? Ich bin wirklich müde, und du auch, und deinen Muskelkater will ich auch nicht haben.

Ja ja, knurre ich aus der Tiefe. Ich weiß. Heute mache ich Pause.

Lügnerin!, ruft Grumpy. Du hast nur Glück, dass deine Freundin abgesagt hat, sonst wäre heute auch wieder zu viel los. Guck mal, – er platscht mit dem Löffel vorwurfsvoll in meinem Müsli herum – , Was ist das denn? Zu müde zum Essen, schon wieder?! Ist das dein neues Ding oder was?

Mag nicht, murmle ich.

Das geht nicht, sagt Grumpy. Nicht mögen ist mein Gebiet. Soll ich jetzt auf dich aufpassen oder was? Ich bin deine Depression, nicht deine Mama.

Vielleicht musst du aber aufpassen, sage ich und tauche wieder ein bisschen auf. Wegen der Achtsamkeit.

Ach komm, sagt Grumpy. Das nimmst du mit aus der Therapie? Das hätte dir jeder Hipster sagen können. Oder jeder mit ein bisschen gesundem Menschenverstand.

Ist aber so, sage ich. Du bist mein Warnzeichen. Ab jetzt. Los.

Du hörst ja nicht auf mich!, ruft Grumpy. Undankbare Scheißaufgabe!

Ich hör jetzt auf dich, behaupte ich, obwohl wir beide wissen, dass das nicht stimmt.

Ja toll, sagt Grumpy. Iss dein blödes Frühstück. Und leg das Handy weg.