Außerdem, wohin

Meine kleine Stadt hat keinen Platz für mich, oder ich finde ihn nicht; mein Freund, denn kürzlich habe ich zu Du gesagt: das mit uns ist was Großes, zieht in die Stuttgarter Gegend, wo auch meine Familie ist, und ich frag mich, ob ich hinterher soll – weil ich gern in Dus Nähe bin und weil ich meine Eltern, meinen Bruder, meine Verwandtschaft gern öfter sehen würde. Weil die Gegend dort mir Heimweh macht. Weil ich eine Freundin dort habe und man in Stuttgart auch Swing tanzen kann. Weil ich hier keinen Job finde.

Aber all die Menschen hier, meine Freunde, meine Fahrradwege, meine perfekte kleine Wohnung, mein Blues-Kurs?

All work and no play

Mein aktueller Job gibt mir Stabilität und ein okayes Einkommen dafür, dass ich nur 50% arbeite. Aber er bedeutet, dass ich vier Stunden am Tag etwas mache, das ich dumm, sinnlos, fragwürdig und langweilig finde. Zudem ist der Druck ganz schön hoch – ich werde permanent kontrolliert, habe praktisch keine Verantwortung oder Entscheidungsfreiheit und bin saumäßig unzufrieden, weil ich ein kluger Mensch bin und es HASSE, irgendwem so dermaßen untergeordnet zu sein. Flache Hierarchien am Arsch.

Du sagt und meine Eltern sagen auch: Behalt den Job. – Vernünftig! Aber ich möchte nicht vier Stunden täglich im Widerspruch mit mir selbst leben. Was ich möchte, ist, beim Chef persönlich zu kündigen und ihm zu sagen, dass ich zu cool für sein dummes Unternehmen bin.

Davon hält mich die Frage ab, was ich denn sonst machen soll. Was mir überhaupt Spaß machen würde. Wovon ich leben kann. Wo ich leben soll. In meiner schönen kleinen Stadt scheinen Stellen Mangelware zu sein, wenn man ein abgebrochener Kunsthistoriker ohne Plan ist. Und von irgendwas muss ich ja leben, bis ich eine große, berühmte Künstlerin geworden bin (das könnte nie sein).

Du sagt, es wäre sinnvoll, den jetzigen Job zu behalten, statt einen schlechter bezahlten anzunehmen, wenn beide eine Übergangslösung wären. Ich würde aber lieber etwas tun, das ich weniger hassen müsste.

Oh!

Vor dem Fenster der kleinen Bahn zieht Schwaben vorbei: Felder, Wälder, Weinberge und Streuobstwiesen liegen wohlgeordnet zwischen sonnigen Hügeln und plappern satt und friedlich vor sich hin.

Ein Duft von Sommerwiesen fährt in der Bahn mit. Er zwinkert mir zu und erinnert mich an all die Hundesommer in den hohen Wiesen am Bach.

Nach Hause von daheim

Ich war ein paar Tage bei meinen Eltern. Sie drücken Liebe und Fürsorge in sehr viel Essen, Hilfsbereitschaft und Freigiebigkeit aus, ich bin gerührt, verwöhnt, geborgen und habe trotzdem Heimweh nach meiner Wohnung und meiner Stadt. Wo ist Zuhause für dich?, fragt meine alte Schulfreundin. Dort, sage ich, und es ist die Wahrheit.

Dann steige ich dort, zuhause, wieder aus dem Fernbus, mein Rad erwartet mich, die Stadt begrüßt mich mit einem Regenschauer, durchnässt komme ich in meiner Wohnung an: ich bin müde, es ist still, ich fühle mich allein und vermisse meine Eltern. Komm herein, sagt das Loch, darüber denke ich nach, dann antworte ich: Das ist okay. Allein fühlen ist okay, kein Loch. – Schön, sagt es, wenn du mich brauchst, ich bin in der Nähe.

imm013_N13