Wenn man im Kino arbeitet

Menschen sind, insgesamt, sehr dumm. Vor allem sind sie gedanken- und rücksichtslos und verlieren viel zu schnell den Kopf, die einfachsten Dinge können sie überfordern und wenn sie nicht gleich kriegen, was sie wollen, kennen sie kaum Gnade. Aber sie sind auch gerade oft genug so erstaunlich und nett, dass man sie, unterm Strich, trotzdem liebhaben kann.

(Erst wollte ich schreiben: „… liebhaben muss.„, aber jetzt weiß ich nicht mehr, welches stimmt.)

Seifenblasen 7

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Puh.

Gleich geh ich probearbeiten im Kino. Im coolen Kino, immerhin, dem Arthaus-Kino, und die Leute da sind nett, und das Publikum ist nett, es piekst mich ein bisschen, dass das auch nur ein oller Studentenjob ist, aber was soll’s. Drei Schichten die Woche, die Tanzkurse und Unabhängigkeit und eine Sorge weniger bedeuten werden, das wäre schön, das ist die sachliche Seite, die nicht-sachliche geht so:
Arbeit, das ist mit Menschen, mit fremden Menschen, mit fremden Kollegen und Sachen, die ich noch nicht kenn, was da alles passieren kann! Ich bin aufgeregt. Ich darf dann kostenlos ins Kino gehen. Ich bin aufgeregt. Mein Bauch tut weh. Was soll ich anziehen? Ich bin aufgeregt!

The Bad Batch

Gerade habe ich einen Film gesehen, in dem eine junge Frau von Kannibalen gefangen wird, die ihr ein Arm und ein Bein abnehmen, bevor ihr die Flucht gelingt. Und am Ende brennt sie mit dem Kannibalenchef durch. Der wahrscheinlich ihren Arm und ihr Bein gegessen hat.
Und der Witz ist, dass sich das total plausibel anfühlt, wahrscheinlich vor allem, weil der Chefkannibale so smoking hot ist. Damit man davon auch nichts verpasst, ist er den ganzen Film über oben ohne unterwegs. Fühlen sich Männer immer so, wenn sie Actionfilme gucken, immer irgendwo was Schönes, Leichtbekleidetes zum Anschauen? Das kann einen Film schon tragen. Mehr nackte Männer auf der Leinwand! Rrrrrrrrrr.

 

03.09.

Ich könnte den ganzen Tag schlafen. Was ist denn los? Gestern war’s schon so. Und vorgestern war Hochzeit. Meine zwei liebsten Menschen sind die nächsten Wochen nicht in der Stadt, und ich fühle mich ganz verlassen. Ich würde gern wegfahren, bin aber zu pleite, dabei ist jetzt bald das Fantasy Filmfest und ich will da SO gerne hin. Das, meine liebste Stadt der Welt, ist das Einzige, was ich an dir vermisse. Und meine beste Freundin, jetzt. Und meinen Tanzpartner, aber weil der ja auch der ist, in den ich mich so verliebt habe, ist das vielleicht eher heilsam.

Ich bin ganz schwer. Vielleicht brauch ich Ruhe.

Ich mag düstere, fantastische Geschichten auf der Kinoleinwand, aber wenn ich die alleine anschau, geht’s mir hinterher – düster und gar nicht fantastisch. Nachdem ich alle Trailer fürs Fantasy Filmfest angeschaut habe: auch düster. Ich möchte meinen eigenen finsteren Film machen, es gäbe solch wunderbare Ungeheuer dort, schön und schrecklich, und vielleicht würden sie donnernd über die Stadt hereinbrechen und Angst und Schrecken verbreiten. Vielleicht würden die Patienten einer psychiatrischen Klinik sich das eine Weile ansehen und irgendwann müde aufstehen – vielleicht würden sich manche verschwörerisch zugrinsen – und nach draußen gehen und all die wilden Ungetüme berühren und zähmen, weil sie mit ihren inneren Ungetümen weiß Gott alles Mögliche gewohnt sind und das nun auch nicht weiter schwer ist. Und dann würde die Stadt zu einem staunenden neuen Tag erwachen und alles wäre anders für alle.

Oh, Jessica!

Weil ich sehr verliebt bin in Krysten Ritters Jessica Jones und nach den beiden Staffeln auf Netflix nicht von ihr lassen kann, gucke ich in meinem Liebeskummer auch noch die Defenders, dabei finde ich Marvel-Verfilmungen meistens lahm (Ehre, Erbe, Welt retten, Gut, Böse, Bestimmung, mehr Ehre, leere Dialoge, Liebe ist unmöglich – Liebe geht doch, nichts Neues).

Die „Defenders“ sind auch nicht besonders aufregend. Immerhin gibt es neben Jessica eine ganze Menge weiblicher Figuren – das Internet scheint sich über sie zu freuen, die fiesen Frauen funktionieren auch, aber was ist los bei den Guten? Die Dynamik zwischen weiblichen und männlichen Figuren fühlt sich an wie eine Familienfeier: vordergründig tun alle das Gleiche, aber in Wahrheit machen die Frauen irgendwann den Abwasch oder noch mehr Kaffee, und die Männer bleiben im Wohnzimmer sitzen und reden laut.
In den „Defenders“ machen die Männer auch viel Krach und diskutieren eine Menge und prügeln sich, während die Frauen im Hintergrund vernünftig schalten und walten, mit gedämpften Stimmen besorgte Gespräche führen und zwischendurch die Kerle zu Vernunft bringen. Die Superhelden stehen plötzlich da wie dumme kleine Jungen, die Frauen dagegen wirken wie nachsichtige Mütter. Bis auf Jessica, die sich prügelt und ab und an den Laden rettet, ohne viel Aufhebens darum zu machen. Gute Frau.

 

Netflix

Gibt es eigentlich auch Serien/Filme/andere Medien im Mainstream, die sich mit psychischen Erkrankungen auseinandersetzen, ohne dass dafür irgendwelche Mordfälle aufgeklärt werden müssen? Werden alle Psychos Detektive oder Polizisten? Liegt es daran, dass ich mit den Geisteswissenschaften auf keinen grünen Zweig komme? Sagt das doch gleich.

15./16.05.

Bis ich heute bei meiner Psychologin sitze, zu der ich eine rasende Zuneigung gefasst habe wie ein verlorener, nasser kleiner Hund, den jemand ins Warme genommen hat, war das hier der Zustand der letzten Tage:
Ich gehe beständig unter einer Regenwolke. Klischee! Klischee! Das kennen wir schon! Ist aber so. Während ich mit einer Freundin Brownies backe, läuft mir die ganze Zeit Wasser in den Kragen. Der Regen pladdert derart laut, dass ich kaum verstehe, was sie mir erzählt, verarbeiten kann ich es schon gar nicht.
Ich verhalte mich, wie ich denke, dass jemand Normales sich verhalten würde. Dabei schlottere ich im Regen und brauche all meine Kraft, um mich nicht auch noch aufzulösen. Dankbar halte ich das Rührgerät und mixe, was sie mir hinstellt: das ist genau alles, wozu ich gerade fähig bin.

Später bin ich mit Freunden bei einem Vortrag, kann plötzlich nicht mehr und heule im Publikum vor mich hin. Meine Freundin guckt mich mitleidig an, ich überlege, ob ich gehen soll und entscheide mich dagegen, weil das hier mehr Kontakt zu Menschen ist, als ich die ganze letzte Woche hatte.
Danach gehen wir noch einen Wein trinken und ich gehe mit, weil ich an John Steinbeck und Jenseits von Eden denke: „Mache die Bewegungen, Adam!“
Die anderen sind Menschen, die ich gern habe; was sie reden, ist gut und wichtig und liebenswert, nur antworten kann ich nicht, weil der Regen schon wieder so laut ist, ich versuche nur, nicht schon wieder zu heulen, und bin dankbar, dass sie alle wissen, wie das ist und wie zerbrochen man manchmal sein kann – und dass sie fähig sind, mich auch als Scherben und Asche zu lieben.

Aber dann! fragt mich jemand nach Science-Fiction-Filmen, und die mag ich nunmal so, dass die Wolken plötzlich aufreißen, und für wunderbare fünf Minuten bin ich ein normaler Mensch mit einer Meinung, ich diskutiere hitzig über Westworld (lame) und Black Mirror (ging so) und The Girl With All the Gifts (hell yes), irgendwas gibt es also doch noch in mir, Kino kann ich, selbst wenn ich mich in Auflösung befinde.

Als letzte bleiben meine Freundin und ich noch für fünf Minuten sitzen, wir reden über den Abend, über den Regen und über den männlichen Mitauslöser für all meine Tränen, wir berühren uns, wir fahren nach Hause, sie sagt: Du bist nicht allein.

In meiner Wohnung hängen immer noch Wolken.

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