Auf dem Amt

Ich mag an meinem Job: am Schalter zu sitzen und mit Menschen in Kontakt zu sein. Ich bin stolz drauf, dass mir in der ganzen Zeit noch niemand richtig blöd gekommen ist, und dass die Leute zu mir kommen, wenn mein Kollege und ich gleichzeitig mit einem Hallo den oder die nächste aufrufen. (Mein Kollege ist aber auch doof und sitzt in einem verdammten Jackett am ollen Schalter. Wer wird sich denn so ernst nehmen, nur weil er plötzlich einen Stempel in der Hand hat.) Ich trau mich zu glauben, dass etwas an mir macht, dass Leute nett zu mir sind – Sie lächeln so schön, ich komm zu Ihnen, sagt mir eine ältere Frau, und ich freu mich.

Ich freu mich nicht, dass es den Leuten so schwer fällt, die Wahlunterlagen richtig auszufüllen und zusammenzupacken. Meine Kollegen freut es auch nicht – Die Leute sind selber schuld, sagen einige. Wer das nicht schafft, soll halt auch nicht wählen.
Aber ich bin wütend, dass die Unterlagen so kompliziert sind (den riesigen Europa-Stimmzettel in den winzigen Stimmzettelumschlag falten, zukleben; den Wahlbriefumschlag vom Wahlschein abreißen, Wahlschein ausfüllen, zusammenfalten, mit Stimmzettelumschlag in den Wahlbriefumschlag stecken, Wahlbriefumschlag von Hand (Tesa oder Klebestift) zukleben. Und dabei nichts mit den Unterlagen für die Gemeinderatswahl durcheinanderbringen, dafür muss man nämlich nochmal genau das Gleiche machen, aber die Unterlagen sind gelb und alles muss streng getrennt bleiben. Und dann muss man ja auch noch seine Stimmen richtig abgeben), denn das bedeutet, dass ganz viele Stimmen ungültig sein werden, weil die Leute nicht verstehen, wie das ganze Zeug zusammengehört, und das wiederum heißt doch wohl, dass ein ganzer Haufen Menschen von der Wahl ausgeschlossen werden. Vielleicht bedeutet es, dass  viele konservative alte Menschen es nicht schaffen, die AfD zu wählen, was eher gut ist, aber auch nicht fair.

Und dann wird mir klar, wie sehr ich in meiner kleinen elfenbeinernen Welt der Akademiker lebe, denn hier treffe ich plötzlich auf Leute, die von nichts Anderem sprechen als ihrem Saufurlaub auf Malle. Was willsch denn im Meer?, fragen sie und reden weiter von Bierkönig und Megapark und davon, dass das mit dem Saufen dort schon auch ganz schön hart ist und man das erstmal durchhalten muss. Ich wunder mich.

Werbeanzeigen

Unsere Demokratie

Ich arbeite als Wahlhelferin: Menschen kommen zu mir und ich geb ihnen Wahlscheine aus. Das ist wichtig, aber es fällt mir trotzdem schwer, den Job so richtig ernst zu nehmen. Kleinkariert.

(Sie dürfen nicht das Kreuzchen für Ihre Frau machen und ich muss Sie unter allen Umständen daran hindern! Außer, Sie nehmen die Unterlagen einfach mit, dann können Sie für Ihre Frau und Ihre Nachbarn und jeden anderen Menschen alle Kreuzchen machen, die Sie möchten.)

Nachtrag: in Wahrheit habe ich keinen Grund, über den Job zu schimpfen. Wohl auch nicht über die Regeln und Stempel und die bedingungslose Hingabe mancher Kollegen an Regeln und Stempel.