Ein störrisches Wildpferd

Wir müssen reden, sage ich zu Du.

Ich habe Fragen wie: Liebe ich dich oder die Version von mir, die ich bei dir sein kann? Sind meine Gefühle für dich so groß, dass ich deine Eltern kennenlernen, dich meinen festen Freund nennen oder in die Zukunft planen will, und wenn die Zukunft nur heißt: Silvester feiern?

Ich weiß, dass ich nicht verliebt in Du bin und es von Anfang an nicht war. Ich weiß, dass ich gerne mit ihm Zeit verbringe und ihn sehr, sehr respektiere. Ich weiß, dass er Dinge kann – reden, zum Beispiel, über Gefühle – , die ich von einem Partner brauche, aber bislang bei Männern selten gefunden habe. Ich weiß eine Menge Dinge, die gut sind zwischen ihm und mir, aber es knistert nicht, nicht in mir, und ich weiß nicht, ob der Rest genug ist.
Auf diesen Rest freilich könnte man bauen, Leben oder Häuser oder eine Stadt, aber ich bin weicher als Steine und Mörtel, ich möchte mich schlängeln und ranken und wuchern und eine ebenso schöne Ranke finden, um die ich mich winden kann. Du aber kommt mir vor wie ein Felsblock oder ein ruhiger Flecken Erde.

Will ich das.

13.11.

IMG_20191113_230336~2

Du will mir helfen, mehr zu zeichnen, oder: Künstlerin zu werden. Du ist jetzt mein fester Freund und ich hab Angst, ihn zu brauchen. Er motiviert mich und freut sich über meine Bilder, hat Ideen, was ich damit machen könnte und will mir bei der Umsetzung helfen – und wirklich zeichne ich jetzt wieder mehr. Kehrseite: wenn wir zur falschen Seite dieses schmalen Grats herabfallen, wird Du zu einer externen treibenden Kraft, die mich unter Druck setzt und nervt. Oder er übernimmt Verantwortung für etwas in meinem Leben, wofür ich allein verantwortlich sein sollte.

Und dann ist es aber auch einfach schön, nicht allein vor diesem Berg zu stehen. Ich fühl mich zu feige und zu schwach, allein hinaufzugehen, und es ist schön, wenn jemand mitkommt, wirklich mitkommt, aber wenn er mir dabei zu viel abnimmt, gehört mir der ganze Berg nicht mehr. Bilder mit Bergen sind nicht sehr originell, aber ich habe den ganzen Abend mit mir selbst gekämpft und bin zu matt und mutlos für etwas anderes als Berge.

Meine Mutter schickt ein Foto von unserem Hund in die Familiengruppe, so niedlich, dass ich mich doch noch ans Zeichnen mache. Das Ergebnis lass ich gelten, selbst in der aktuellen Stimmung.

Alles muss anders werden. Ich mag meinen Job nicht. Alles ist sehr viel auf einmal, wenn es um Veränderung geht. Ich bin froh über Dus Hilfe und traue dieser Entwicklung nicht, weil ich nicht weiß, ob ich den Übergang von Hilfe zu Abhängigkeit mitbekommen werde.

Ich schicke meiner Mutter die Zeichnung vom Hund und rufe Du an, um über Abhängigkeit zu reden.

Ich liebe meinen Job

Meine Kollegin hat mich beim Einlernen vor zwei Wochen in Grund und Boden kritisiert. Sie ist außerdem menschlich nicht mein Typ, zu kühl, zu glatt, zu perfektionistisch, aber als ich mitkriege, dass sie anscheinend die meisten nicht leiden können, versuche ich zum Ausgleich nett zu ihr zu sein. Sie verwechselt meine Freundlichkeit mit Unterwürfigkeit, denn am Freitag, als ich durch eine falsche Entscheidung meinen Feierabend um eine Dreiviertelstunde verschieben muss, kommt sie an meinen Schreibtisch, legt mir die Hand auf den Kopf und sagt: Ich hoffe, du lernst aus deinem Fehler. – Ich habe keine Zeit, ihr zu sagen, dass sie sich ihre Überheblichkeit sparen kann, aber einfach schlucken kann ich’s auch nicht. Heute muss ich sie also zur Rede stellen und obwohl ich mich aus sowas raushalten wollte, gehöre ich ab dann wahrscheinlich zur Fraktion „Wir mögen sie nicht“. 

 

Nachtrag: WIR MÖGEN SIE NICHT.

Zum Teufel

Meinem Vater, schon mit einem Glas Wein mehr als gut wäre, fällt ein, dass er sich ja immer Sorgen um seine unselbständige, kranke Tochter macht. Also Carlie, was machst du jetzt bis zu deinem Job im September?, fragt er.

Bisschen arbeiten, sage ich. Hier und da. Und sonst, wahrscheinlich nichts.

Und was verdienst du dann nochmal?, will er wissen. Sein Tonfall sagt, dass er alles, was ich vorhabe, nicht gut findet.

1250 brutto, sage ich, angespannt.

Er schnaubt. Also, willst du nicht auch mal richtig arbeiten? Ich finde, du solltest langsam ein paar Rentenpunkte sammeln.

Das ist der Punkt, an dem ich mich frage, ob er eigentlich irgendwas von dem verstanden hat, was ich ihm im Lauf des letzten Jahres erzählt habe. Dass Vollzeit nicht klappt, zum Beispiel. Dass ich nicht alles so hinkriege, wie es viele Leute hinkriegen. Dass ich auch nicht weiß, wie der ganze Scheiß funktionieren soll, und ein destruktiv herumnörgelnder Vater noch nie irgendwen weitergebracht hat.

Aber er ist betrunken und damit die schlechteste, verständnisloseste, unzugänglichste Variante seiner selbst, deshalb bin ich froh, dass mein Bruder das Gespräch unterbricht, gehe bald darauf ins Bett und schlucke Wut, Enttäuschung und Vorwürfe herunter. Grumpy wühlt sie sofort wieder heraus und bewirft mich seither damit.

Wie machen wir das jetzt?

Wir haben Streit, seit du dich verliebt hast, und ich versteh nicht, weshalb, ich versteh sehr viel an dieser Situation nicht, vor allem dich versteh ich nicht mit deiner Verweigerung eines klärenden Gesprächs. Nichts wird sich ändern, sagst du, aber ich denke, Dummkopf, natürlich wird es das.

Treffen wir uns, bevor du wegfährst?, frage ich, das ist in drei Tagen und wir haben uns immer noch nicht ausgesprochen.

Ich weiß nicht, sagst du. Vielleicht spontan, ich möchte ganz viel Zeit mit ihr verbringen, aber irgendwo kann ich bestimmt ein bisschen quatschen einschieben.

Ich sage zu dir, dass ich das verstehe, aber ich sehe einen Riss in unserer Freundschaft, den du nicht kitten möchtest.

Ich klinge wie die eifersüchtige beste Freundin und mag mich selbst nicht in dieser Rolle, ich will nicht zwischen euch kommen, aber ich fühl mich doch einen Platz weiter weggerückt, und wenn du mir Fotos von deinem Balkon schickst, als wäre nichts gewesen, seh ich in den Blumenkästen alles Ungesagte wuchern, und dass du das nicht merkst, tut am meisten weh.

Das nehm ich dir nicht ab (und dir auch nicht)

Manche Menschen, und davon höre ich von vielen Bekannten ebenfalls, also sind es vielleicht mehr als manche, diese Menschen jedenfalls sagen nicht, was sie denken, sie chiffrieren, was sie brauchen, damit der andere es ihnen anbietet. So zum Beispiel:

„Es wär echt cool, wenn jetzt jemand da wäre“, sagen sie, oder „Mir ist grad echt langweilig“ oder sogar „Was machst du?“ statt: „Hast du Lust, vorbeizukommen?“

Oder: „Ich weiß einfach nicht, wie ich das machen soll, echt nicht, dabei würde ich wirklich, wirklich gerne, wie schade“, statt: „Kannst du mir helfen?“

Oder: „Ich bin eher schüchtern und finde es cool, wenn der Andere den ersten Schritt macht“, statt: „Ich finde dich gut!“.

Oder: „Mir fehlt einfach echt jemand zum Reden“ statt: „Mir geht’s nicht gut, und zwar deshalb: … “

Oder: „Nee, alles OK.“ statt: „Ich bin sauer auf dich, denn das und das und das hat mich genervt!“.

Und ich werde es ganz einfach niemandem mehr abnehmen, das zu sagen, was er meint, denn das muss man einfach können, Punkt. Keine Chiffres, keine Hinweise, kein Reden durch Blumen, werdet erwachsen, selbst ich hab’s gelernt.

Das geht nicht einfach weg, mein Schatz

Du wirst später zu Besuch kommen, um die Deko für ein Konzert zu planen. Und genau so, wie der kleine Hund noch nicht ahnt, dass er jetzt drei Tage lang sein Frauchen vermissen wird, ahnst du nicht, dass ich dir alles vorsetzen werde, was zwischen uns im Raum steht. Das ist schon kein Elefant mehr, das sind mindestens zwei, aber du siehst entweder keinen von beiden, oder du versuchst, sie wegzuignorieren, aber wenn du nur hinsehen würdest, müsstest du verstehen, dass die zu groß sind, um durch die Tür zu passen. Da müssen wir schon nachhelfen und sie kleiner reden.
Meine Freundin hat sich beklagt: Frauen machen so oft die emotionale Arbeit in Beziehungen zwischen Männern und Frauen. Da du nichts unternehmen möchtest, um die Elefanten aus dem Raum zu kriegen, scheint sie einmal mehr recht zu haben. Sie ist ja auch klug. Und überfordert die Männer, die sich zu ihr hingezogen fühlen, mit ihrer emotionalen Unbedingtheit. Hab ich was Ähnliches gemacht? Bin ich so auf dich zugestürmt, dass ich dich in die Flucht geschlagen habe? Und wenn ja, wie kann man sich denn so vor Gefühlen fürchten?
Ich werde dir auch einen Vorwurf machen, einen verdienten, denn auch, wenn es mich nervt, dass ich dieses Gespräch anleiern und steuern muss, sollst du mir nicht davonkommen, ohne dich dem gestellt zu haben, was du da veranstaltet hast. Und: diese Elefanten stehen genau zwischen uns, und wenn sie da bleiben, kann ich dich nicht mehr sehen und schon gar nicht mehr mögen. Ganz genau jetzt mag ich dich nicht mehr. Aber das ist nicht wahr, also komm nur und erwarte deinen gemütlichen Tee, den sollst du haben, aber bequem sitzen lass ich dich nicht.