Freiheit in verträglichem Maße

Ich schreibe im Slalom um die Leute herum, die auf meinem Blog mitlesen.

Ich denke: Alles, was ich schreibe, soll so wahrhaftig sein, dass ich es auch jedem Menschen so ins Gesicht sagen würde!

Kannste knicken.

Weil, wenn ich alles ehrlich so schreibe, wie ich’s denke, dann machen sich Leute Sorgen um mich (lasst mich). Oder sie erfahren Dinge zuerst im Blog und dann erst im Gespräch, was nicht nett von mir wäre. Oder sie erfahren Dinge in unverträglichen Dosen und Darreichungsformen.

Ich filtere mich also selbst, aber damit geht eine Hauptfunktion des Blogs verloren, nämlich Konflikte sortieren, Dampf ablassen, meine Gedanken irgendwo loswerden, wo sie keinem schaden. Zieh ich um?

Unendlich behutsam

Darf ich es meinem Bruder sagen, wenn ich an seiner Entscheidung zweifle?
Darf mein Freund mir sagen, dass ich mich und die Welt nicht richtig sehe?
Darf ich meiner Freundin sagen, dass sie den Typen nicht heiraten soll?
Darf mir meine ehemalige Affäre raten, bei der Männerwahl aufzupassen?
Darf meine Freundin einer anderen Freundin sagen, dass sie sich an ihrem Schwarm nur wehtut?

Woher will man so viel wissen über die Wahrheit eines anderen Menschen, und wie kann man sich dazu versteigen, Urteile zu fällen – sich so weit versteigen, dass man diese Urteile ausspricht, ohne gleichzeitig auszudrücken, dass man weiß, wie lückenhaft und fehlbar und begrenzt sie notwendigerweise sein müssen?

Von meiner Mutter habe ich gelernt, die Selbstbestimmtheit eines anderen Menschen mit aller Kraft zu respektieren, und ich bin froh drum, dass sie so um jeden Menschen einen Schutzwall errichtet hat, die mich hoffentlich vom Gröbsten abhält. Die Antwort zu allen obigen Fragen ist Nein. Nur Fragen stellen und Gedanken vorschlagen darf man.

Ich liebe meinen Job

Meine Kollegin hat mich beim Einlernen vor zwei Wochen in Grund und Boden kritisiert. Sie ist außerdem menschlich nicht mein Typ, zu kühl, zu glatt, zu perfektionistisch, aber als ich mitkriege, dass sie anscheinend die meisten nicht leiden können, versuche ich zum Ausgleich nett zu ihr zu sein. Sie verwechselt meine Freundlichkeit mit Unterwürfigkeit, denn am Freitag, als ich durch eine falsche Entscheidung meinen Feierabend um eine Dreiviertelstunde verschieben muss, kommt sie an meinen Schreibtisch, legt mir die Hand auf den Kopf und sagt: Ich hoffe, du lernst aus deinem Fehler. – Ich habe keine Zeit, ihr zu sagen, dass sie sich ihre Überheblichkeit sparen kann, aber einfach schlucken kann ich’s auch nicht. Heute muss ich sie also zur Rede stellen und obwohl ich mich aus sowas raushalten wollte, gehöre ich ab dann wahrscheinlich zur Fraktion „Wir mögen sie nicht“. 

 

Nachtrag: WIR MÖGEN SIE NICHT.

Du musst mitmachen

Ich bin wütend, weil ich wütend bin und du nicht zurück wütend bist und es schwerer ist, wütend zu sein, wenn man die Wut nirgendwohin richten kann. Dann bleibt man drauf sitzen, und das ist gar nicht mal so bequem, weil die Wut piekst und kratzt.

Ich bleib aber nicht auf was Kratzigem sitzen, das zur Hälfte gar nicht meins ist. Ich raffe zwei Armvoll kratziger Wut zusammen und schmeiß sie dir vor die Tür, so kommt’s mir richtig vor, kannst du mal sehen, wo du das jetzt hinräumst.

10.07.

Gestern ist so sauviel an einem einzigen Abend passiert, ich weiß gar nicht, wie ich das nun sortieren soll.

Mein Top riecht nach fremdem Männerparfum, weil ich in einem Blues-Kurs Körper an Körper mit Leuten getanzt habe. Diese Erfahrung wäre einen eigenen Eintrag wert, aber vorher habe ich mich mit den Salsa-Leuten gestritten, mit denen die Lindy-Hop-Szene sich eine inoffizielle Tanzfläche in der Stadt teilt, und danach hatte ich einen noch viel größeren Streit über Musik, die bei Lindy Socials gespielt werden darf, und über alles davon gibt es so viel zu denken und zu schreiben, ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.

Außerdem hatte ich gestern meine letzte Therapiesitzung und heute geh ich zur Berufsberatung und am Samstag hab ich Geburtstag gefeiert und all das ist auch noch nicht sortiert, und dann sind da noch zwei Männer, die ich auch nicht sortiert bekomme. Zusätzlich zu dem einen, der immer noch Schlammlawinen in mir auslöst, indem er einfach nur anwesend ist.

Und als wär das noch nicht genug, zerrt Grumpy mich an der Hand und will, dass wir aufhören, herumzusitzen. Unruhe!, ruft er. Komm schon, komm schon!
Es ist wohl kein Moment zum Innehalten und Reflektieren.

Zum Teufel

Meinem Vater, schon mit einem Glas Wein mehr als gut wäre, fällt ein, dass er sich ja immer Sorgen um seine unselbständige, kranke Tochter macht. Also Carlie, was machst du jetzt bis zu deinem Job im September?, fragt er.

Bisschen arbeiten, sage ich. Hier und da. Und sonst, wahrscheinlich nichts.

Und was verdienst du dann nochmal?, will er wissen. Sein Tonfall sagt, dass er alles, was ich vorhabe, nicht gut findet.

1250 brutto, sage ich, angespannt.

Er schnaubt. Also, willst du nicht auch mal richtig arbeiten? Ich finde, du solltest langsam ein paar Rentenpunkte sammeln.

Das ist der Punkt, an dem ich mich frage, ob er eigentlich irgendwas von dem verstanden hat, was ich ihm im Lauf des letzten Jahres erzählt habe. Dass Vollzeit nicht klappt, zum Beispiel. Dass ich nicht alles so hinkriege, wie es viele Leute hinkriegen. Dass ich auch nicht weiß, wie der ganze Scheiß funktionieren soll, und ein destruktiv herumnörgelnder Vater noch nie irgendwen weitergebracht hat.

Aber er ist betrunken und damit die schlechteste, verständnisloseste, unzugänglichste Variante seiner selbst, deshalb bin ich froh, dass mein Bruder das Gespräch unterbricht, gehe bald darauf ins Bett und schlucke Wut, Enttäuschung und Vorwürfe herunter. Grumpy wühlt sie sofort wieder heraus und bewirft mich seither damit.