Positionsbestimmung

Das Jahr ist neu und mein Leben wird anders.

Vor einem Jahr habe ich noch im Kino gearbeitet und nicht gewusst, dass ich nach einer Episode im Wahlamt als Telefonistin in einem Startup herauskommen würde. Jetzt habe ich zum ersten Mal einen festen Job und bin finanziell unabhängig – gerade eben so, aber doch. Außerdem habe ich mir vorgenommen, jetzt wenigstens einmal ernsthaft zu versuchen, was draus zu machen, dass ich gut zeichnen kann, und selbst wenn daraus nichts wird, traue ich mir mehr zu als einen möglichst anspruchslosen Aushilfsjob. Ich will Herausforderungen. Ich will Geld – jedenfalls mehr.

Vor einem Jahr war ich noch als Studentin eingeschrieben. Saß ich noch an meiner Masterarbeit oder hatte ich sie schon aufgegeben? Ich vermisse mein Studium nicht, auch wenn Momente daraus zu meinen besten Erinnerungen gehören – Ideen, Inspiration, Wissen, Erkenntnis, Begeisterung und Staunen, die Studienfahrt nach Rom. Die Begeisterung für Kunst und die Neugier auf die ganze Welt bleiben mir auch ohne Abschluss.

Vor weniger als einem Jahr etwa habe ich angefangen, um Lindy Hop zu kämpfen, nachdem die Freundschaft zu meinem Tanzpartner zu schmerzhaft wurde. Der Bruch mit ihm bedeutet noch immer, dass ich allein zu Socials gehe, wo ich mich fehl am Platz fühle, die Leichtigkeit beim Tanzen ist mir abhanden gekommen und zugleich begegne ich ihm in der überschaubaren Szene dauernd wieder. Ich bin müde vom Kämpfen, das nicht leichter wird, und frage mich, ob Lindy Hop und ich eine Beziehungspause brauchen. Dafür entdecke ich Blues, den ich so großartig wie einschüchternd finde.

Vor einem Jahr stand mir der Moment des endgültig gebrochenen Herzens noch bevor, was meinen Tanzpartner angeht; während das verheilte, hatte ich eine Freundschaft Plus und ein, zwei Dates ohne größere Folgen und als ich mich am 31. August im Fernbus angeregt mit meinem Nebensitzer unterhalten habe, habe ich ihm deshalb auch erzählt, dass ich mich für unverkuppelbar, wenn nicht beziehungsunfähig halte. Vier Monate später finde ich meine Lieblingsstadt blöd, weil er daraus weggezogen ist.

Vor einem Jahr war ich mir sicher, dass ich nie mehr von hier weg möchte, und wenn, dann ganz vielleicht nach Hamburg; jetzt, wo mein älterer Bruder wieder in die Nähe meiner Eltern gezogen ist und Du ebenfalls, freue ich mich drauf, nach Stuttgart zu ziehen, in diese verstockte alte Feinstaubstadt.

Vor einem Jahr war ich noch in Therapie und habe jeden Morgen ein Antidepressivum gegessen; jetzt fühle ich mich ziemlich stabil und selbst mein Skin Picking ist besser. Ich habe keine Angst.

Und vor einem Jahr hätte ich nicht geglaubt, dass in einer meiner ältesten und wichtigsten Freundschaften ein so tiefes, beidseitiges Schweigen entstehen könnte.
So viel zu 2019.

 

Schräge Vögel, wir

Ich bin Uni. Die Vorlesungen der Kunstgeschichte erkennt man an den ausgesucht schicken Seniorenstudent*innen (die übrigens immer am pünktlichsten sind), denn wer was mit Kunst zu tun hat, ist schließlich auch ein bisschen künstlerisch, also exzentrisch, nicht wahr. Die Studierenden sind auch exzentrisch und sie alle nerven mich damit, dabei laufe ich heute selber in Klamotten rum, die brüllen: Persönlichkeit! Viel davon! Am meisten!! Ich sehe nämlich aus wie ein Cowboy, oder wie eine horse woman, und die Leute gucken mich auch so an. Ich hätte gerne ein Pony dabei, die Flinte am Sattel und den Hund bei Fuß, und eine entlaufene Kuh im Lasso, dann wäre das gerechtfertigt mit meinen Klamotten, aber so komme ich mir ein bisschen verkleidet vor. Blöde exzentrische Kunsthistorikerinnen! (Und Kunsthistoriker. Die sind nicht besser, die sind nur weniger.)

Fülle

Ich fahr an die Uni zum Kolloquium in meinem großen grünen Männerarmeewollpullover, der mich warm hält und vor Kunsthistorikerinnen und sonstigen Unbilden beschützt. Die Tür zum Seminarraum ist noch offen, was bedeutet, dass ich erstaunlicherweise nicht zu spät bin, und das beflügelt mich so, dass ich laut „Hallo!“ in den Raum rufe. Dafür ernte ich Seitenblicke, aber keine Antwort, weil Kunsthistorikerinnen noch nie die nettesten Menschen an der Uni gewesen sind.
Ihr könnt mich doch, denke ich und setze mich und es wird gar nicht mal so furchtbar, wir reden über eine Künstlerin aus der Sammlung Prinzhorn (da sind Bilder von Psychiatriepatienten drin) und ich mache einen Wortbeitrag wie eine brave Studentin und danach geh ich spontan in die Sprechstunde meiner Betreuerin und erzähle ihr, worüber ich schreiben möchte, und sie findet es toll, und dann will ich eigentlich noch in die Bibliothek und ein bisschen arbeiten, aber das Kolloquium strengt mich immer wahnsinnig an und ich lass es gut sein und fahre nach Hause.

Zwischendurch hol ich noch zwei entwickelte Filme ab. Ich bin zufrieden mit den Bildern und mit meinem Tagwerk.

Und schreiben möchte ich über Anne Blunt, die mit ihrem Mann durch den Nahen Osten gereist ist und darüber geschrieben und gezeichnet hat. Auf dem Frontispiz ihres einen Reiseberichts ist sie in arabischer Tracht neben einem Pferd zu sehen, allein in der Wüste. Sie schaut in die Ferne und sieht zart und stark zugleich aus.

23.04.

Zwei Stunden an der Uni und ich bin so fertig, dass ich mich kaum noch rühren kann. Die Nacht vorher: schlaflos. Wie hab ich es früher geschafft, lange Tage mit verschiedenen Veranstaltungen zu überstehen? Und mehrere davon, hintereinander?

Im Kolloquium höre ich zu und interessiere mich, hier stellen kluge Leute ihre klugen Projekte vor – außer heute, vielleicht. Deine Idee ist irgendwie verworren. Aber du bist ziemlich hübsch und ich schaue dich gern an, während du sprichst – dabei denke ich, aus dir wird mal was, auch wenn du’s nicht so richtig drauf hast, aber du bist ehrgeizig und kennst die richtigen Leute und weißt einfach, wie ES geht. Es: Karriere. Natürlich frage ich mich automatisch, wieso ich es nicht wie du mache, immerhin bin ich ziemlich klug und mir fallen die richtigen Fragen ein – aber dieses merkwürdige System Universität kommt mir nicht vor wie eines, in dem ich leben möchte. Ich hoffe, das ist die Wahrheit und keine Ausrede, ich hoffe, in zehn Jahren werde ich mir meinen mangelnden Ehrgeiz nicht vorwerfen, aber bitte, ich möchte nur irgendwie diese Masterarbeit schreiben und halbwegs heil da rauskommen. Geht sowieso schon viel zu lang.
Worüber schreiben, übrigens? Was immer ich in den letzten Jahren über Kunstgeschichte gelernt habe, liegt derart brach, dass meine Kompetenz im Moment bei „ich mag Bilder“ liegt.
Und 19. Jahrhundert. Das 19. Jahrhundert ist gut, und zwar der ganz harte Kitsch, Romantik, Symbolismus, das ist so unbefangen bunt und sentimental, großartig – aber ich will lieber nur gucken, bitte, nicht forschen. Ich bin auch nicht sicher, ob meine Betreuerin auf geilen Kitsch steht. Da muss sie jetzt durch.

Während die anderen also über Kircheninterieurs und Repoussoirfiguren diskutieren und über den Projektentwurf dahinter, verarbeite ich außerdem, wie die Rednerin aussieht, sich gibt, wie sie mit der Dozentin spricht (vertraut), dass ihre Hand zittert, wenn sie den Pointer benutzt, dabei ist ihre Stimme fest, ich beobachte, wie sich andere Teilnehmerinnen einschalten, in welchem Verhältnis sie zu einander, zur Rednerin, zur Dozentin stehen, wo Distanzen aufscheinen, wo Lachen Sympathie bezeigt, wie sich wer gibt, wie sich jede angezogen hat, wie hübsch das Mädchen mir gegenüber ist (wahnsinnig hübsch), dass kein einziger Mann anwesend ist und wie ich das finde (angenehm. darf ich das?), ich nehme wahr, wie es jeder im Raum geht und wie Interaktionen entstehen, funktionieren oder scheitern, wie konstruktiv und sachlich die Stimmung ist und dabei bin ich die ganze Zeit noch damit beschäftigt, mich selbst in diesem Gefüge zu verorten, ich laufe auf Hochtouren, kein Wunder, dass ich nachher fertig bin, aber eigentlich ist das Ganze gar nicht so scheiße. Ich würde gerne gerner hingehen.

Danach treffe ich eine Freundin und erkläre ihr, dass ich nicht gern auf ihre Hochzeit gehe und daher nicht lange bleiben werde. Sie ist verständnisvoll, aber irgendwie kommen wir trotzdem nicht zueinander, in diesem Gespräch. Irgendwas bleibt zwischen uns. Vielleicht ich.

Schließlich fahre ich durch den anhaltenden Regen nach Hause, mache Smalltalk mit dem Nachbarn, den ich mag, aber wie geht das eigentlich, wie verhält man sich denn jetzt zu Menschen, das hat mir immer noch keiner erklärt, und jetzt bin ich hier und müde und so, so hungrig.

Morgen ein neues Erstgespräch, auf das ich absurderweise alle Hoffnung der Welt setze.
Mein Liebesleben ist wirr.
Und das ist alles.