Zum Teufel

Meinem Vater, schon mit einem Glas Wein mehr als gut wäre, fällt ein, dass er sich ja immer Sorgen um seine unselbständige, kranke Tochter macht. Also Carlie, was machst du jetzt bis zu deinem Job im September?, fragt er.

Bisschen arbeiten, sage ich. Hier und da. Und sonst, wahrscheinlich nichts.

Und was verdienst du dann nochmal?, will er wissen. Sein Tonfall sagt, dass er alles, was ich vorhabe, nicht gut findet.

1250 brutto, sage ich, angespannt.

Er schnaubt. Also, willst du nicht auch mal richtig arbeiten? Ich finde, du solltest langsam ein paar Rentenpunkte sammeln.

Das ist der Punkt, an dem ich mich frage, ob er eigentlich irgendwas von dem verstanden hat, was ich ihm im Lauf des letzten Jahres erzählt habe. Dass Vollzeit nicht klappt, zum Beispiel. Dass ich nicht alles so hinkriege, wie es viele Leute hinkriegen. Dass ich auch nicht weiß, wie der ganze Scheiß funktionieren soll, und ein destruktiv herumnörgelnder Vater noch nie irgendwen weitergebracht hat.

Aber er ist betrunken und damit die schlechteste, verständnisloseste, unzugänglichste Variante seiner selbst, deshalb bin ich froh, dass mein Bruder das Gespräch unterbricht, gehe bald darauf ins Bett und schlucke Wut, Enttäuschung und Vorwürfe herunter. Grumpy wühlt sie sofort wieder heraus und bewirft mich seither damit.

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Was ich mir zum Geburtstag wünsche

Dass ich davon leben könnte, kreative Sachen zu machen, Fahrräder umlackieren zum Beispiel, oder fotografieren.

Dass ganz viele Leute meinen Blog lesen.

Dass Freunde und Freundinnen, die es schwer haben, es leichter haben.

Das große Romantik-Kaboom!

Ein Lagerfeuer.

Diesen Hund. Bitte. Bitte.

Ein Lindy-Hop-Festival, irgendwo, wo es schön  und mein ehemaliger Tanzpartner weit weg ist.

Und Erdbeerkuchen.

Hansine Dampf

Was ich schon alles für Geld gemacht habe:

Zeitungen ausgetragen, na klar, Motorenteile kontrolliert und verpackt, Preistafeln von Hand gemalt, eine Hubarbeitsbühne gefahren, Essen ausgegeben, mit Menschen mit Behinderung Geschirr abgewaschen und Böden gewischt, Architekten hinterhergeputzt, Hochzeitsgäste bewirtet (mehrfach), betrunkene Mitarbeiter einer Software-Firma bespaßt, Kinosäle geputzt, Popcorn und Tickets verkauft, Wahlscheine ausgegeben, Stimmen ausgezählt, in einer Kita Geschirr abgewaschen, ein Lehrbuch illustriert, das nie gedruckt wurde, gezeichnet, Würstchen gebraten, Autos eingewiesen, Sprachstudenten begleitet, im Büro einer Kieferorthopädin völlig sinnlos Briefvorlagen formatiert, in einem anderen Büro stapelweise Unterlagen ausgedruckt, den Relaunch einer Website mitbetreut, getextet, Gehaltsabrechnungen erstellt, Anrufe angenommen, mit Kindern gebastelt, tausende von Schuhpaaren in Reihen aufgestellt, Wäschesäcke geschleppt – und Umzugskisten, Bücher gescannt, Literaturlisten erstellt, einen Hund gehütet, Mathe erklärt, Getränke verkauft, nach Diktat getippt, Briefe eingetütet, Marktstände mitbetreut, in einem Café zum schlechtesten Service der Stadt beigetragen, Garderoben besetzt, auf einer Messe Eintritt kassiert, Tagungen mitorganisiert, geputzt in einer Privatwohnung, hab ich was vergessen? – und gerade sitze ich als Aushilfssekretärin in einem Büro und beantworte brav das Telefon, um zu sagen, dass das Büro eigentlich im Urlaub ist.

Und was soll ich werden?

 

 

 

Half the love

Dass ich mein Studium eines schönen Faches aufgeben und mir irgendeinen Job suchen will; dass ich mich in einem lockeren Verhältnis zu einem Mann schon halbwegs einrichte, obwohl das nicht ist, was ich gesucht habe: ist das, um zu beweisen, dass ich es sowieso nicht kann?
Es: der große Wurf, der ganze Traum, alles, was ich sein könnte.

Oder, und das wäre schlimmer, bin ich überzeugt davon, dass ich mehr gar nicht verdient habe? Vielleicht gerade, weil ich es nicht kann, weil ich das große Glück gar nicht halten könnte, schließlich halte ich mich für ganz und gar unzulänglich in so ziemlich jeder Hinsicht. (Und wo ich womöglich doch mehr bin als das, hab ich zu wenig daraus gemacht, das zählt also auch nicht.)
Das ist nicht unplausibel. Damit muss man erstmal klarkommen.

Versager

Tja, sagt Grumpy.

Ich sage nichts. Seit gestern Abend schweigen wir uns an, weil ich nicht ein Wort von ihm ertragen könnte. Ich habe ihm gewaltsam das Maul gestopft und trotzdem geheult.
Heute Morgen müssen wir aber reden, daran führt kein Weg vorbei, wir wissen es beide und gucken uns nervös an (und schnell wieder weg).

Also, sagt Grumpy schließlich. Du hast verloren. Ist so.
Er meint mein Treffen mit dem Typ aus meiner Schulzeit, und irgendwie hat er Recht:

Du hast mich schikaniert, habe ich zu dem Typen gesagt. – Also daran erinner ich mich nicht, sagt er. Du hast da irgendwas auf dich bezogen und falsch verstanden. Ehrlich, in meiner Erinnerung haben wir überhaupt kein Verhältnis zueinander, das hier ist das erste Mal, dass wir überhaupt miteinander reden.

Grumpy genießt das. Vielleicht hat er ja Recht, sagt er. Vielleicht ist einfach deine Erinnerung falsch. Kann ja passieren, nach so langer Zeit, vielleicht warst du einfach zu empfindlich, also ich fand ihn jedenfalls ganz überzeugend. Denk mal drüber nach.

Bist du bescheuert?!, rufe ich, aber es klingt klein und verzweifelt. Es kann gar nicht sein, dass ich mir alles ausgedacht habe. Meine Mutter hat sogar irgendwann seine Mutter angerufen, damit das endlich aufhört, das ist der Beweis.

Vielleicht, sagt Grumpy hämisch, aber er musste es nur abstreiten, und schon hast du dir selbst nicht mehr geglaubt. Du bist nämlich immer noch ein kleines, verunsichertes, hilfloses Kind, das seinen Standpunkt nicht verteidigen kann. Er ist immer noch stärker als du!

Er ist einfach ein größerer Idiot als ich, sage ich wütend. Er ist ein aufgeblasenes, ignorantes Arschloch, das nur sieht, was es sehen will. Ich bin ein viel coolerer Mensch als er.

Ja, spottet Grumpy, aber davon hat er nichts mitbekommen gestern. Du konntest ihm ja nicht mal erklären, worum es ging. Du hast verloren, sieh’s ein.

Ich sage nichts. Ich will nicht verloren haben, aber es fühlt sich genau danach an.

Ach ja, sagt Grumpy, und du hast ihn nichtmal zur Rede gestellt, weil du fast eine Stunde an dem hässlichen Kackbahnhof auf ihn warten musstest. Früher hast du so wenig existiert für ihn, dass er nichtmal gemerkt hat, wie er auf dir rumgetrampelt ist, und gestern hast du ihn einfach weitertrampeln lassen. Für ihn bist du immer noch kein richtiger Mensch, mit dem man anständig umgehen müsste, und das lässt du einfach mit dir machen. Du bist kein bisschen weiter als damals.
Grumpy schüttelt verächtlich den Kopf und dreht sich weg, und ich hab nichts, das ich erwidern könnte, weil ich selber nicht ganz fassen kann, was da gestern passiert ist. Berlin ist eine große, anstrengende, hässliche Stadt, und ich will zurück nach Freiburg, das mir sachte versichern wird, dass ich immer noch da bin, dass ich gar nicht so übel bin, dass mein stilles, unscheinbares Leben genauso gültig ist wie das von all den Leuten, die irgendwas Vorzeigbares machen und vorzeigbare Reisen unternehmen und Politiker beraten, obwohl sie schlechte Menschen sind.

Und jetzt.