Sterne im Winter

Ich habe ein Geheimnis mit der Welt, so beschenkt fühl ich mich: allein in den klaren, kalten Straßen bin ich und spüre keine Sehnsucht, keinen Mangel, ich bin ganz.

 

Ungenießbar

Ich hatte heute keinen Tag bestellt und kriege ihn trotzdem serviert, die ganze Portion. Das krieg ich nicht runter, denke ich und sitze um 12:45 immer noch vor unberührten Tellern. Je länger ich es stehen lasse, desto schlechter schmeckt es, inzwischen also: sehr schlecht. Ich knurre den Tag an wie ein struppiger alter Hund.

Frankie Manning hat Geburtstag

Alle, die Lust haben, treffen sich im Stadtgarten und üben für einen Lindy Hop Flashmob. Wir lernen eine Choreographie, die für die meisten neu ist, und keiner kann sich merken, wann wir Partner wechseln und wer wie lang mit wem tanzt, die Frau des Tanzlehrers schimpft mit uns, wir üben das blöde Ding und lachen über unsere Verwirrung, und plötzlich stehen wir da und sind ohne Fehler einmal durchgekommen. Spontan klatschen wir Beifall – für unseren Lehrer, aber auch für uns, weil wir es geschafft haben, wir haben uns reingehängt und gearbeitet und jetzt, plötzlich, klappt es und macht Spaß, wir alle strahlen – überhaupt, wir sind ein WIR geworden, wir sind der Flashmob, der nachher stattfinden wird, und wir sind Tänzer, und es ist Sommer, und das Leben ist schön.

 

Lindy Kinder

Oh, do you know how much I wish it to be so

Und dann, plötzlich, eine Kette beglückender Ereignisse: ich komm herausgepurzelt, randvoll mit Seligkeit.

 

(Ein Date. Funkenflug! Und Masterarbeit. Und Menschen. Und Fahrrad repariert. Und Wohnung aufgeräumt. Gearbeitet. Und getanzt, getanzt! Und du, du schönes, schönes, schönes Wesen. Fast hätt ich dir im allgemeinen Glück was Verliebtes zum Abschied gesagt, aber ich konnt mich grade so beherrschen.)

11.11./JETZT

„Haben Sie das Gefühl, Sie kommen mit dem Medikament wieder auf ein Level, auf dem Sie sich so gut fühlen wie früher?“, fragt meine Psychiaterin.

Die Frage ist falsch gestellt. Ich antworte, dass ich mich eigentlich nie einfach gut gefühlt habe, aber was ich wirklich denke, was in prallen bunten Lettern in meiner Brust aufsteigt wie Luftballons, was ich mich auszusprechen nicht getraue, ist: Es ist sehr möglich, dass das bis jetzt die beste Zeit in meinem ganzen Leben ist.
Und es ist so voll, dieses Leben: voller, als es je gewesen ist, voller, als ich überhaupt für möglich gehalten habe. Ich fahre auf dem Fahrrad nach Hause und freue mich über dies funktionierende Stück Mechanik, die mich freier und froher macht, und der Abend mit Freunden fährt mit, und die neue Arbeit mit den neuen Leuten fährt mit, und das Tanzen fährt mit, und dass ich meine Familie habe, fährt mit, und ein gutes letztes Jahr fährt mit, ganze Welten fahren mit und über mir fahren die Sterne, sie fahren freihändig und plötzlich muss ich weinen, weil mir die schiere Fülle einen solchen Schrecken einjagt.