Feierabend

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Keine Worte.

Felsgrund

Du willst nicht schlafen, weil der Augenblick im Bett vor dem Lichtausmachen der einzige ist, wo du in Sicherheit bist. Du willst nicht essen, weil du jedes Verhältnis zur Welt verloren hast und es sich falsch anfühlt, Dinge aus dieser Welt in deinen Körper aufzunehmen. Du gehst zu Bett ohne zu wissen, wie du die Stunden seit Feierabend verbracht hast. Du sprichst mit Leuten und versuchst so zu reden, wie du geantwortet hättest, bevor du nicht mehr da warst.

Gordischer Morgen

Wie soll man einen Tag beginnen, wenn man nicht einmal Frühstücken, Duschen und Einkaufen in eine sinnvolle Reihenfolge bringen kann, und wenn man sich auf die simpelsten Handgriffe nicht konzentrieren kann, weil man eigentlich gar nicht hier ist, auch zwischen den Laken hat man sich nicht gefunden, man ist einfach nicht anwesend, womit also soll man alle Fragen lösen: was soll man anziehen, denn wie zieht sich jemand an, der gar nicht existiert;
was soll man einpacken, denn was kann schon jemand brauchen, der ohnehin nicht mitkommt;
wie soll man sich bewegen, einen sechzig Kilo schweren Körper, wenn niemand darin ist;
wie soll man Essen und Trinken zu sich nehmen, wenn keiner da ist, der es schmecken könnte;
wie soll man tun, was getan werden muss, wenn niemand mehr da ist, der es mit Bedeutung füllt: hier sind Briefe von einer Bank, ein knurrender Magen, ein Übergabetermin, eins so abstrakt und fern wie das andere.

Im Spiegel finde ich mich seltsam, nicht so sehr mein Äußeres wie die Tatsache, dass ich überhaupt darin bin, dass ich diese braune Frau sein soll, an diesem Tag wie an jedem anderen; sie ist mir so fern oder nah wie irgendein Mensch.
Ich bin in die Bibliothek gefahren, um Dinge zu erledigen, aber hier bin ich und es ist mir so gleich, was diese Dinge mit dem Menschen zu tun haben, der ich sein soll, denn ich bin nicht da, ich kann nicht gemeint sein, ich bin so müde.

Rock bottom

Müde, traurig, leer, das ist ein körperlicher Schmerz, ein Knoten gleich unterm Brustkorb.

Ich sitze unsinnig in der Bibliothek herum, weil ich’s nicht geschafft hab, nach Hause zu fahren, das fühlt sich unerträglich an, jemand soll da sein, dabei komm ich gerade vom Tanzen mit Leuten.

Ich will mich nicht um mich kümmern, mich waschen und füttern, ich will mich mit spitzen Fingern hochheben und in die Ecke werfen wie einen alten Lumpen, und da soll ich liegen bleiben, bis mich einer wegräumt.