Ach, stimmt.

Ich habe einen Abend für mich allein in meiner Wohnung. Etwas daran fühlt sich komisch an. Als wäre hier mehr allein-Gefühl als nur von einem Abend. Stimmt: drei solcher Abende am Stück, das ist eine Weile her.

Alleingelassen mit mir, rutsche ich ein bisschen unbehaglich im Sessel herum.

Viel Zeit zum Lesen?, sage ich schließlich.

Viel Zeit für mich!, platzt Grumpy dazwischen.

Ich und ich gucken ihn mit konsternierter Herablassung an. Um dich geht’s jetzt echt nicht, sage ich, und ich nicke. Es stimmt: in kontemplativer Stille wird Grumpy dünner, wie zu wenig Marmelade auf einem großen Brot; er ist am lästigsten, dicksten, lautesten, wenn ohnehin nicht genug Luft zum Durchatmen ist. Jetzt, da wir ihn gemeinsam böse anschauen, verschwindet er vollständig, hängt nur noch als Trübung vor der Lampe oder materialisiert sich kurz in einer kurzen Unruhe, wenn ich vor dem Einschlafen das Licht lösche. Jetzt muss er zu solchen subtilen Mitteln greifen: zum Verstellen der Uhrzeit, wenn ich im Bett lese, schau, schon so spät, zu kleinen Trägheiten, die nicht ins Gewicht fallen, denn wir sind allein, und niemand hat mehr Zeit als jemand, der niemand um sich hat.

 

Graureiher (5)

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Margaret and me

Zwischen mir und Margaret Atwood ist längst nicht alles klar. Ich juble, wann immer mir eines ihrer Bücher in die Hände fällt, und trage es voller Liebe und Vorfreude nach Hause. Aber jedes Mal* beginne ich zu lesen und fühle eine seltsame Distanz zwischen ihr und mir, eine nüchterne, irritierend bittere Kälte in ihren Beschreibungen, aber dann passieren wieder Sätze wie dieser, am Ende einer Beschreibung zweier Freundinnen in Cat’s Eye:

We’re impervious, we scintillate, we are thirteen. 

Ich liebe diesen Satz, er schillert triumphierend wie die aggressiv zur Schau getragene Selbstsicherheit junger Mädchen in der Pose einer Frau (was immer sie denken, dass eine Frau sei). Oder, ein paar Seiten weiter, die Beschreibung von Glasmurmeln, um die Kinder auf dem Schulhof spielen – so gebannt von den seltenen Murmeln, wertvollen Schätzen wegen ihrer Schönheit, dass ich auch gebannt bin und die Namen dieser Murmeln lese wie Zauberformeln: cat’s eyes, puries, waterbabies.

Wenn ich so etwas in ihren Büchern finde, macht mich das absurd glücklich und dann ist die Kränkung der Distanz vergessen, mit der Margaret Atwood mich begrüßt hat, dann weiß ich wieder ganz genau, warum ich immer wieder zu ihr zurückkehre, hungrig.

 

 

 

*Ausnahme: A Handmaid’s Tale, da hat mich jeder Satz begeistert, und jede Beschreibung des Blumengartens hat mir den Atem verschlagen, so schön ist das geschrieben.

I don’t know why I didn’t come

Doris Lessing schreibt: „Ungebunden, sagen wir, doch die Wahrheit ist, dass sie eine Erektion bekommen, wenn sie mit einer Frau zusammen sind, die ihnen gar nichts bedeutet, dass wir aber nur einen Orgasmus bekommen, wenn wir ihn lieben.“ (Das goldene Notizbuch, Frankfurt am Main, 1978, S. 441.)

Am Anfang des Buches fand ich, Doris Lessing schreibt zu schematisch, pauschalisiert zu stark, aber je länger ich lese, desto öfter stimme ich ihr zu, und bei dieser Passage bin ich überzeugt, dass sie wahr ist. Dann denke ich, sie kann nicht wahr sein, nicht für alle Frauen (und nicht für alle Männer?),  auf keinen Fall – aber für mich ist sie vollkommen wahr.

Ich muss an meine Liebhaber denken – Doris Lessing würde sie Liebhaber nennen, wie nenne ich sie? Männer – an alle Männer, mit denen ich während der letzten vier Jahre geschlafen habe, und daran, dass ich keinem von ihnen meinen Orgasmus anvertrauen konnte, weil ich keinen von ihnen geliebt habe; und ich denke an die totgeborenen stillen Tiere meiner zurückgewiesenen Zuneigung, die ich in mir beerdigt habe, um wütend und dunkel über ihre Gräber zu wachen.

 

Und er: meinen Liebhaber würde Doris Lessing ihn nennen, meine Freundschaft Plus die jetzige Zeit, aber ich nenne ihn nur bei seinem Namen: Er gibt sich Mühe, damit ich auch komme, wenn wir miteinander schlafen, aber wann immer ich kurz davor bin, schnellt eine Barrikade in mir hoch, und das ist der Gedanke: Wenn ich jetzt loslasse, werde ich ihn womöglich lieben.

Ich hasse Grenzen. (Warum bist du dann noch da? – Weil ich es mehr mag als es mich wütend macht.)

 

Lesefutter: But worst of all is the hunger, the immensity of the search

Ich möchte wieder ein Buch lesen, das so ist wie Daniel Masons The Piano Tuner, von dem ich gar nichts erwartet hatte und das dann vielleicht das schönste, sensibelste Buch war, das ich je gelesen habe.
Das war letzten Sommer, und ich habe Tee aus Ingwer und Zimtrinde und starken schwarzen Kaffee auf dem Balkon getrunken und dazu dieses Buch gelesen, das es irgendwie geschafft hat, ohne Klischees von einem Aufenthalt in einem fremden Land zu erzählen, das ohne viel Aufhebens eine erstaunliche und wunderbare Hauptfigur geschaffen hat und dessen Passagen über das Stimmen eines Klavieres poetische Erzählungen von Technik als einem großen Wunder waren. Und die Sprache, ja sicher, die Sprache war ganz schlicht, aber kraftvoll und schön.

Kennt jemand so ein Buch, bitte danke, eines, das man mit dem Herzen lesen kann und nicht mit dem Kopf?

Balkon

Worte, Seiten, Bände

Ich lese: vor einem Jahr hab ich wieder damit angefangen, mit A. S. Byatts „Buch der Kinder“ (noch nie so Schönes über Kunst gelesen, noch nie so voller Staunen durch sich Wort um Wort auffaltende Panoramen gewandert, wenn irgendwo die Weltausstellung in Paris erwähnt wird, denke ich jetzt, ich war dort), und nach der Bekanntschaft mit Byatts neunzehntem Jahrhundert lese ich einfach weiter und aufs Lesen folgt das Schreiben. Als ich wieder bei Atwood herauskomme, fange ich beim Lesen an, selbst Ideen zu haben, Isabels Geschichte hat sich von einem wuchernden Kuriositätenkabinett in ein handfestes Ding mit Handlung und Bedeutung entwickelt, und wie ich heute in der Sonne sitze (Kokos-Nougat-Eis!) und lese, spinnen sich alle halbe Seite aus dem Gelesenen eigene Ideen. Jetzt nur nicht aufhören.