Wahrscheinlichkeiten

Ich treffe Männer und manche schicke ich absichtlich wieder fort, andere aus Versehen, hier liege ich also und bleiche alleine in der Sonne. Ich bin ein verdrehtes Gebilde, knorrig, trocken, rissig, schwer anzufassen wie Haifischhaut, und im Inneren ermüdend wie ein Irrgarten.

 

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Zuverlässig

Und war es nicht so, dass du Tanzen gegangen bist, und hast dich nicht übel dabei gefühlt: nicht euphorisch, nicht vollkommen frei, aber leicht genug; und war alles dahin, als du ihn dort gesehen hast bestimmt kennt mein Ohr noch deinen Gang, als du ihn lachen hörtest vor ein paar Monaten wäre ich es gewesen, mit der du lachst, als du einen Blick riskiert und wiedererkannt hast: diese Haltung des Kopfes, diesen weichen Arm und seine Bewegung, diese gewisse Art, die Schritte zu setzen, den Schwung des Körpers aufzufangen, die Musik zu vertanzen; und ist dir nicht der Abend entglitten und gehört jetzt ihm?

Ja, so ist es gewesen, und in vierzig Jahren werde ich ihn anrufen und sagen: Weißt du denn, wie ich in dich verliebt war, du dummer, dummer Mensch.

Edel sei der Mensch

Aber wenn zwei auseinander gehen, kommt ihnen das Edle ganz schnell abhanden, so schlagen sie um sich, so werfen sie mit Dreck. Der Dreck ist hartnäckig und während ich meine Finger schrubbe, frage ich mich:

War das nötig, mussten wir das tun? Wie passt das, was zuletzt zwischen uns geschehen ist, zu dem Bild, das ich von uns habe? Wieso sind wir überhaupt hier, obwohl ich überwiegend schöne Dinge erinnere, wenn ich an unser Vorher denke? (Diese Frage lautet eigentlich: Warum ist es nie so einfach, wie man gerne hätte.) Wohin sind Freundschaft, Wertschätzung, Austausch, warum ist jetzt jedes Gesprächsfragment ein Stochern im Nebel, warum kennen wir uns nicht mehr? Wieso tun wir uns weh, statt einander durch den Morast zu helfen?

Warum schließt sich andauernd alles gegenseitig aus, warum konnten wir einander nicht einfach weiterhin geben, was zu geben war? (Warum ist es nie so einfach, wie man gerne hätte.) Bin ich allein mit dem Wunsch, dass wir uns noch einmal wirklich begegnen, um es nicht SO enden zu lassen, können wir ohne Bitterkeit sein, liebevoll? Wie viel müssen und wie viel können wir einander verzeihen?

Und: Ist es nun besser so, habe ich etwas gewonnen und nicht nur verloren, würde ich mich nicht weniger furchtbar fühlen, wenn deine Gegenwart mich weiterhin meiner menschlichen Existenz versichern würde, und wie niedrig ist dieser Beweggrund? Wie soll ich edel sein, wenn die ganze Welt eine riesige Bedrohung ist und ich, bitte, eigentlich nur einen Ort brauche, an dem es einfach okay ist.

Ich und du, Müllers Kuh

Ich vermisse dich auf sehr konkrete Art. Ich vermisse dich am meisten, wenn ich ins Bett gehe und es kein Bett ist, in dem du schon liegst und Tagebuch schreibst. (Ich hab schonmal aus Rache ein fremdes Tagebuch gelesen, aber deins nie: das war so selbstverständlich, dass ich darüber gestaunt habe.) Ich vermisse meine Hand auf deiner Brust vor dem Einschlafen, die mir wichtig war, weil du sie da haben wolltest. Und es war ganz leicht, neben dir zu schlafen, du bist der erste Mensch, neben dem ich lieber geschlafen habe als in einem leeren Bett. Jetzt sind die Nächte schwarz und streng, ich möchte, dass sie schnell vorbei gehen. Deine greifbare Anwesenheit in meinem Leben fehlt mir: unsere Nähe war nicht nur körperlich, aber wir waren im Geist nicht so verwandt, dass mein tägliches Denken und Fühlen seither beständig in deine Lücke fiele. Zwischen uns blieb immer ein bisschen Platz, und darin lag eine große Freiheit. Ich hab mich nicht an dir gestoßen, so zärtlich mein Gefühl, so aufrichtig mein Respekt für dich auch waren, und zum ersten Mal in vier Jahren war ich nicht mehr durstig. 

Diese ruhige Angelegenheit ist in dem Moment aus ihrer überraschend empfindlichen Balance gekippt, als ich begriffen habe: gerade will ich nichts anderes als das, und du: das will ich nur, solange sich nichts anderes findet.

Damit geht es mir nicht gut, sage ich zu dir. Und was sagst du? Bleib trotzdem. Von Kameradschaft, Einfühlen, Rücksicht keine Spur, du übersiehst mich einfach, also gehe ich, obwohl du mich gerade wieder in den Arm genommen hast und ich das für einen schönen Platz halte. Aber ich bin plötzlich so müde davon, dir zu erklären, wie es mir geht und was ich brauche, was mich bislang nicht eingeengt hat, gibt mir jetzt zu wenig Halt, ich löse mich ganz leicht aus dem ungefähren Wir. Jetzt fühle ich mich älter als du.

16.08.

Vielleicht ist der Job doch, was ich erwartet habe, nämlich erträglich, ohne zu nerven, eine okaye, anspruchslose Art, mich über Wasser zu halten, bis ich eine bessere Idee habe.

Die zehn Jahre jüngere Kollegin, die mich einlernt, legt mir zur Begrüßung die Hand auf den Rücken und säuselt: Hey, meine Liebe, alles gut bei dir? – Alter, denke ich, können wir bitte einfach ehrlich sein, niemand hat hier schon irgendwen lieb.
Dein erstes Wochenende bei uns!, ruft sie mir zum Abschied zu. Alter, denke ich, na und, und dass ich irgendwie schon ziemlich viele erste Wochenenden irgendwo hatte und meine Arbeitswoche eh nur aus zwei halben Tagen bestand, also wer wird denn gleich – . Irgendwie würde ich gern den ganzen Klimbim aus ihr rausstreichen, damit nur noch das Ehrliche und Wichtige übrigbleibt.

Ich muss den ganzen Tag über an Margaret Atwoods Elaine aus Cat’s Eye denken, die andere Frauen irgendwie nie leiden kann, sich nicht wohlfühlt unter ihnen, sie beurteilt wie ein strategisches Problem: ungefähr so fühle ich mich in der neuen Abteilung, ungeheuer sonderbar.

Aber danach gehe ich schwimmen, ich schwimme ruhig und gleichmäßig und meditativ und denke an meine beiden Sommer am See: diesen, zu dem das Verhältnis zu dir gehört hat, das mir jetzt auch so ruhig und gleichmäßig vorkommt; und den davor, in dem ich Stunde um Stunde, Tag für Tag mit jemand anderem hier war, um trotz der Hitze Lindy Hop zu trainieren, zu schwimmen, am Ende Pommes zu essen und stundenlang zu reden. Vielleicht war ich noch nie so doll in jemanden verliebt. Pommes essen ist auf jeden Fall ein Auswahlkriterium bei der Partnersuche.

Heute Morgen habe ich mit meiner Mutter telefoniert und es war nicht ganz so seltsam wie sonst. Ich bekomme lange Sprachnachrichten von meinem Bruder und von meinem Brieffreund (ich liebe euch beide und diese Reihenfolge ist völlig beliebig), die ich abhöre, während ich Frühstück oder den Abwasch mache, und fühle mich nah und geborgen. Heute habe ich kein Handy dabeigehabt und es auch nicht vermisst. Fünf Monate lang war es wichtig, weil ich deine Nachrichten sehen wollte, jetzt zieht mich nichts mehr andauernd vor den Bildschirm.

Bei meiner Freundin gieße ich die Blumen; gleich werde ich den ersten Mangold von ihrem Balkon ernten und ihn heute Abend mit den erstaunlich guten Pasta* essen, die ich bei Aldi gefunden habe.

Ich zeichne an einem großen, schillernd bunten Bild, auf dem alles noch etwas diffus aussieht. Genau so riecht mein neues Parfum, von dem ich nicht genug bekommen kann.

Ich habe jetzt einen großen weißen Blumentopf vom Flohmarkt. Da soll eins von den mehrjährigen Kräutern rein. Aber welches? Minze oder Oregano? Oder gar Zitronenmelisse? >>>>>>>>>Ihr entscheidet!<<<<<<<<<<<<<
(Das ist mein billiger Versuch, euch Kommentare zu entlocken.)
Und jetzt habt ihr hoffenlich alle einen wundervollen Abend, genau so, wie ihr ihn braucht, und dann wacht ihr auf und das Wochenende erstreckt sich vor euch wie eine Waldlichtung im Frühling, und indem ihr hindurchwandert, fühlt es sich auch so an.

 

*erst wollte ich schreiben: italienische Nudeln, dann habe ich überlegt, dass kultivierte Leute vielleicht Pasta schreiben würden. Es klingt auf jeden Fall wichtiger. Wichtige Nudeln.

 

It’s not the fall that kills you, it’s the sudden stop

Neben dem Bett steht ein neuer Wecker, queroval, orange, retro, und er wird mich für immer an jemand erinnern, mit dem ich auf dem Flohmarkt war (um diesen Wecker zu finden, den ich im Vorjahr auf demselben Markt nicht gekauft habe), mit dem ich ein Wochenende verbracht habe aus Schweiß und Küssen und Körpern und Sommerhitze, Schlaflosigkeit und Freude und Enge, mit dem ich den Übergang von Fremdheit zu Vertrautheit vollzogen habe; der kein Band aus Nüchternheit und Zynismus um sein Herz geschlagen hatte, der bereit war, mir wirklich zu begegnen; mit dem ich gelacht habe, dessen Anwesenheit mir erstaunlich und wundervoll vorkam, der auf dem Flohmarkt eine Lampe gekauft hat, ebenfalls orange, ebenfalls retro, und dem von unserem Wochenende nur diese Lampe bleiben wird, wie mir nur der Wecker bleibt; diese beiden, und ein plötzlicher, wütender Schmerz.

 

Dieses Lied hab ich bisher für Blödsinn gehalten, aber jetzt passt es, so.