13.08.

Am Bahnhof sitze ich und beobachte Leute, die Mädchen haben sich Mühe gegeben und sehen hübsch und zart aus, und ich denke mir, dass ich mich nie hübsch und zart fühle, sondern eher sperrig, ich bin ein launischer Igel mit Turnschuhen und bleibe mit den Stacheln überall hängen, ich gehe aus Trotz in die falsche Richtung, weil ich immer Recht habe, ich habe dauernd Hunger nach Nahrung und Leben und Liebe und brauche von allem viel und weiß nicht, wie ich’s weitergeben soll, unter meiner Haut sind Schmetterlinge, die nicht fliegen können.

Werbeanzeigen

Sugar in my bowl

Einmal habe ich mit jemand mein Lieblingslied angehört und er nahm die Gitarre, seine schwarze E-Gitarre, und hat mitgespielt, ganz sanft, da waren wir beide schon nackt und meine Beine lagen über seinen, dass ich den Druck der Gitarre auf meinem Oberschenkel fühlte, und ich sah ihm zu: so schön war er, wie er da spielte, und ich wusste, später würden wir uns anfassen, aber nicht jetzt; und ich hab gedacht, dass ich diesen Moment niemals vergessen darf.

IMM016_20A

Like roses need the rain

Über dem Dach tobt ein Gewitter, im Sekundentakt flammt der Himmel grellweiß auf, regennass und polternd wälzt sich Donner über den Berg, unter den Schlägen vibriert der Fußboden.
Halb bedroht und halb geborgen sitze ich unter den Dachfenstern und lausche und schreibe; ich möchte nicht schlafen gehen, dabei bin ich zum Hinfallen müde. Aber gerade, so allein in der Nacht, fühle ich mich ein bisschen freier; alles schläft, und ich muss nichts.

Eben habe ich noch mit meiner neuen Bekanntschaft im dunklen Park gesessen; wenn er mich küsst, und er küsst unbeholfen, muss ich an dich und deine festen Berührungen denken und bin traurig. Mein Körper ist immer noch in dich verliebt; du wohnst bei meinen anderen Schreckgespenstern in einem großen, dunklen Schrank und sobald ich irgendetwas dort heraushole, fällst du mir vom obersten Fach herunter auf den Kopf. Ich werde dich nie wieder sehen – das weiß ich und kann es nicht fassen.

Und dann. Wann werde ich für mich selbst sorgen können? Was wird aus mir? Ich gehe wegen meines Studiums zur neuen Therapie, aber unter diesem einen Thema kommen wie unter einem angehobenen Stein ganze Nester von Asseln und Nattern hervorgekrochen, derer nicht Herr zu werden ist. Ich wusste nicht, dass es so viele sind – so viele Ängste und Traurigkeiten und Sorgen und Niederlagen, die Masterarbeit war der Deckel von Pandoras Büchse, und sowie ich daran gerührt habe, quillt es endlos daraus hervor.

Fakt

Zwischen dir und mir war kein Gespräch.
Ich erinnere mich an den einen Nachmittag, als wir bei mir waren statt bei dir, also ohne Netflix, Leinwand und externe Unterhaltung: Schweigen. (Und Entsetzen darüber, auf meiner Seite.)

Ziemlich bitter.

Das lese ich mir jetzt zehnmal durch, jedes Mal, wenn ich dich vermisse.

Anoche

Ich kann nicht schlafen.

Du bist zurück in meinem Kopf und hast alle anderen Ungeheuer mitgebracht. Sie heißen Kummer und Sorge und stampfen ungeschlacht durch alles, was ich bin.

Die nächsten Tage habe ich zudem mit so vielen verschiedenen Gelegenheitsjobs vollgestopft, dass mir gar keine Luft mehr bleibt, das wird mir jetzt klar und angesichts der Erstickungsgefahr liege ich knallwach im Bett. Was hab ich mir dabei gedacht? Ich bin ja jetzt schon, nach dem Probearbeiten, total durch, nach Wochen des Stillstands muss ich mit so viel Leben erstmal klarkommen.

Ich muss lernen, über Dinge nachzudenken, bevor ich sie mache.

Ich weiß immer noch nicht, wie ich funktioniere und was ich mit meinem Leben anfangen soll.

Ich vermiss dich.

Come on back, Jack*

Wahrheit: ich komm nicht von dir los. Warum eigentlich? Ich weiß es besser. Ich weiß, bei dir gibt es nichts für mich, und trotzdem komme ich zu dir mit all meinem Hunger.
Sage mich los und finde mich Tage später wieder bei dir, wirr und fiebrig, völlig zerrissen, daneben du, ein Monolith.
Händeringend stehe ich neben mir und rufe: Geh nicht hinein! Aber schon fällt deine Tür hinter mir ins Schloss und ich stehe im vertrauten Geruch deiner Wohnung, der über mir zusammenschlägt, und nun gibt es kein Entrinnen, dabei will ich vielleicht nicht einmal hier sein.

Und du – freundlich, aber ungerührt.

IMM022_13

*ein Song von Nina Simone. Vielleicht sind alle fabelhaften Songs von Nina Simone.

A little sweetness

Soundtrack dieses Texts:


Und nach all der Trübsal und dem dumpfen Treiben in einer undefinierbaren Unerträglichkeit plötzlich das hier: Tage, die angefüllt sind mit dem bloßen, nackten Hunger nach Leben. Der bricht über mich herein, unbedingt und stürmisch, und so sitze ich auf dem Balkon und falle bei Kerzenlicht in den Sternenhimmel, so dunkel, so weit, ich falle durch den großen Wagen in ein Lebendigsein, das in seiner Schönheit unerträglich groß ist, und jetzt begehre ich alles: ich will Zärtlichkeit und Augenblicke, die zählen, bei Nacht will ich durch die Stadt streifen und mich berauschen an der milden, wilden Luft, dem Dunkel, dem Laternenlicht, den unzähligen möglichen Geheimnissen, den Erzählungen des Nachtwinds – oh, ich kenne den Nachtwind und er kennt mich, wir teilen die gleiche Sehnsucht, berührt zu werden, aber wer könnte seine Hand auf den Wind legen und wer mich wahrhaft erreichen, einsam sind wir und dürsten nach der gleichen Hingabe.

Und was ich habe, sind nichts als Worte, und indem ich sie aufschreibe, gebiert jedes Wort einen eigenen, neuen Hunger: wir hungern nach den Sternen und nach jemandes Armen und nach einem anderen Körper, nach neuem Leben, all die ungelebten Wochen heben jetzt die Köpfe und fordern ungebärdig ihr Recht – oh, wir sind so bereit, wir starren ins samtige Dunkel zwischen den Sternen und warten nur auf unsere Sternschnuppe, wir warten und warten, wir sind noch so jung.

Ich will meinen Körper spüren.