Traum

Er ist ein Wunder, ein düsteres, schillerndes, überschäumendes Wunder. Wir begegnen uns, zum ersten oder zum dutzendsten Mal, es spielt keine Rolle, er ist die Antwort, das Gegenstück, der Schlüssel, mein Innerstes hat ihn immer schon gekannt.

Wir fühlen es beide. Es ist intellektuell, es ist körperlich, alles stimmt, alles ist Magie. Dunkle: wir reden Weltschmerz und Melancholie leibhaftig ins Zimmer, wir reisen in die schöpferische Nacht der Seele, wir kosten es aus, dass wir beide ihre schweren Blumen lieben: hier ist wahre Schönheit in unerträglicher Größe, alle Welt schaudert vor ihr, wir aber, wir sehen hin. Ja, wir haben uns gebraucht, gesucht, gefunden – wo aber soll die Reise hingehen, was sollen wir werden miteinander?

Er umfasst in großartiger Geste das verwandelte Zimmer, worin unser wildes Dunkel schon Einzug gehalten hat, verzaubert sind Teppiche und Möbel, unheimlich fast, als würde es spuken, aber wir, gemeinsam, sind unantastbar. Willst du das, fragt er, so würde es sein mit mir, das hier wären wir, dein Leben, für immer. – Und der Hutständer flüstert unheimlich, und die Teppiche rauschen wie das Meer. O ja, rufe ich stürmisch, die Arme um seinen Hals geschlungen, darauf habe ich doch gewartet, das wird unser Geheimbund sein, während wir Großes im Leben leisten. – Du missverstehst mich, sagt er. Die dunkle Macht und ihre finsteren Blumen, sie sollen kein Geheimnis in meinem Leben sein, sie sollen mein Leben werden. Ich will mich hineinwerfen in die Nacht – wir werden hinabsteigen an den tiefsten, schönsten Punkt, und dann werden wir verglühen wie Motten, wie umgekehrte Kometen. – Nein, schreie ich, bitte, lass uns am Leben bleiben und das Feuer nur streifen, es genügt, dass wir es erkannt haben. Und ich schreie vor Verzweiflung, denn zu zweit haben wir die Dunkelheit heraufbeschworen, zu zweit nur können wir sie bändigen, aber dort steht er und wendet sich ab, weil er in radikaler Konsequenz den Weg der Selbstzerstörung wählt; schon zischen Stuhl und Tisch bedrohlich. Schau doch hin, ruft er, das ist die Wirklichkeit von nun an, damit kannst du nicht einfach leben. – Damit werd ich schon fertig, sage ich finster, damit bin ich bisher immer fertig geworden – aber insgeheim graut mir vor dem langen, dunklen Weg und seinen Schrecken. Um uns wogt das fürchterliche Zimmer, Du warst das!, brüllt er, Du warst das!

Ich will ihm einen wilden, unartikulierten Wutschrei ins Gesicht schleudern, einen Schrei so stark und furchtbar, dass er ihn in die Knie zwingen, ihn zum Umkehren bewegen muss – – aber heraus kommt nur ein winziges Schluchzen, eine flehentliche, hilflose Bitte.

Traum

Aus einem Reisebus steigt in eine sonnige, weitläufige Stadt eine Menge Leute; darunter zwei junge Männer, beide reisen allein und kennen einander nicht, beide sind schlank und schön und tragen langes Haar, der eine offen (hellbraun), der andere in einer komplizierten Frisur (blond), und beide tragen die hipsterigsten Hipsterklamotten, aber sie sehen grandios aus darin. Und zufällig haben sie die gleichen roten Schuhe, und darauf möchte der Blonde den Braunen gerne ansprechen, weil es nur irgendeinen Aufhänger braucht, denn sie sind, jeder sieht es und sie sehen es auch, unverrückbar füreinander bestimmt.
Aber der schöne Braunhaarige antwortet nur ausweichend und verschwindet einfach unter den anderen Menschen, „He!“, ruft der schöne Blonde, „warte!“, aber der andere wartet nicht, er läuft davon, obwohl er wissen muss, dass der Blonde die Liebe seines Lebens ist, und der Blonde heftet sich an seine Fersen, entschlossen, sich ebendiese Liebe nicht entgehen zu lassen, weil nie wieder eine Liebe so groß sein wird wie diese, sowas spürt man.
Mit immer größerem Vorsprung hastet der Braune durch steile, enge Gassen, endlich hinaus aus der Stadt, weil sein Verfolger sich nicht abschütteln lässt, bis er ihm schließlich doch entwischt. Der blonde Mann steht auf verlassenem Waldweg zwischen düsteren Tannen und greift zu einer List. Er hat während seiner Verfolgungsjagd eins und eins zusammengezählt und weiß inzwischen, dass der Mann seiner Träume ein Vampir sein muss, denn das ist der einzige plausible Grund, vor der großen Liebe davonzulaufen. Da der blonde Mann das aber nicht als Hindernis empfindet, will er seinen Vampir immer noch erwischen, und wie lockt man Vampire an? – Natürlich mit Blut.
Er ritzt sich also vorsichtig ein paar Kratzer in die Haut, zuerst am Arm, dann, ganz oder gar nicht, am Hals, was gleich doppelt so verlockend ist für einen Vampir, und der taucht prompt wieder auf und geht seinem von nun an Liebsten an die Kehle.
Es folgen geflüsterte Versprechen und zurückgehaltene Begierde, außerdem die Erklärung, warum der Vampir der Liebe auf den ersten Blick davongelaufen ist: seine Familie, alles ganz schlimme, konservative Vampire, sind garantiert dagegen, dass er einen sterblichen Menschen heiratet, und was macht man als Vampirfamilie in diesem Fall? – Natürlich den drohenden Schwiegersohn austrinken. Nur aus Liebe, um den Mann seines Lebens vor der Familie zu beschützen, ist der schöne junge Vampir also davongelaufen.
Jetzt muss ein neuer Plan her, und der ist schnell und einfach gefunden: eine heimliche Hochzeit mit Konversion auf dem Vampirstandesamt (in einem hohen, hölzernen Glockenturm, zwischen dessen Brettern der strahlend blaue Himmel hereinschaut). Der Blonde ist der einzige Nichtvampir und zuerst haben sie ein bisschen Angst, dass einer der fremden Vampire, die auch heiraten wollen, über ihn herfällt, aber die Anwesenden sind alle sehr aufgeschlossen und freundlich und begrüßen, dass das junge Paar trotz aller Unterschiede heiraten will. Und das tut es auch, und der Blonde wird von seinem schönen braunhaarigen Ehemann zum Vampir gebissen, und die Familie kann ihm nichts mehr anhaben, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute und treiben es schamlos auf Vampirart.

Ende.