Zuverlässig

Und war es nicht so, dass du Tanzen gegangen bist, und hast dich nicht übel dabei gefühlt: nicht euphorisch, nicht vollkommen frei, aber leicht genug; und war alles dahin, als du ihn dort gesehen hast bestimmt kennt mein Ohr noch deinen Gang, als du ihn lachen hörtest vor ein paar Monaten wäre ich es gewesen, mit der du lachst, als du einen Blick riskiert und wiedererkannt hast: diese Haltung des Kopfes, diesen weichen Arm und seine Bewegung, diese gewisse Art, die Schritte zu setzen, den Schwung des Körpers aufzufangen, die Musik zu vertanzen; und ist dir nicht der Abend entglitten und gehört jetzt ihm?

Ja, so ist es gewesen, und in vierzig Jahren werde ich ihn anrufen und sagen: Weißt du denn, wie ich in dich verliebt war, du dummer, dummer Mensch.

Drüber wegkommen, Sisyphos-Style

Tanzen gehen ist schön, aber ich komme und gehe und bin dort allein, während du deine feste Gruppe von Leuten hast, die ich früher kannte und jetzt meide, um dir nicht zu begegnen. Du hast nicht wie ich den Tanzkurs abgebrochen, bist stattdessen auch auf Festivals gewesen, ich dagegen habe nichts Neues mehr gelernt, seit ich vor Monaten den Kontakt zu dir abgebrochen habe. Du hängst die ganze Zeit mit ihr ab wie früher mit mir – als würde dir ohne mich überhaupt nichts fehlen, als hättest du keine beste Freundin verloren. Und überhaupt ist es, als würde dir das alles nichts mehr ausmachen, eigentlich hat es nie gewirkt, als hätte es dir was ausgemacht – aber ich, ich trete immer noch Wasser, ich bin zu klein zum Stehen, und du verdammter Arsch hast dich einfach in einen Fisch verwandelt. In einen Fisch! Ich bitte dich.

Mein Herz ist wie ein treuer Hund am Bahnhof

Dunkel hier draußen, und ich friere so – es ist noch nicht lange her, da hast du mir die Kerzen ausgeblasen, meine Lampen gelöscht und mein Herdfeuer. Zwar wenn ich dir begegne, glimmt es, leuchtet es auf – aber nur für einen Herzschlag, und dann größeres Dunkel.

Oder: Wenn ich dich zufällig irgendwo sehe, trifft mich immer noch der Schlag.

 

Nymphe, Schwetzingen

Netflix’n’chill

Mein aktueller Job ist vollkommen absurd und kommt mir höchst überflüssig vor, aber das kann mir ja egal sein. Ich sitze im leeren Büro, trinke Kaffee und gurke durchs Internet, wenn ich nicht lesend auf der sonnigen Fensterbank sitze. Das hab ich mir entspannt vorgestellt, aber wenn man sieben Stunden am Tag mit sich selbst in einen Raum gesperrt ist, geht man sich irgendwann ganz schön auf die Nerven. Ich geh mir auf die Nerven! Lasst mich raus!

Aber heut ist auch noch Tanzen. Im Freien. Organisiert durch und mit Musik von meiner Nemesis. Davon wird’s bestimmt wieder gut.

Papierkapitänin

Da komme ich heim und rausche unter vollen Segeln auf dem Wind dahin, der noch vom Wochenende her weht – meine Brüder hab ich gesehen und bin so froh, sie zu haben, und dann war Hochzeit: Momente mit alten Freundinnen, die wie Juwelen aus dem staubigen Durcheinander des Tages leuchten, und eine neue Bekanntschaft: wollen wir uns treffen, frage ich, denn ich mag seinen Humor und dass er freundlich zu allen Leuten ist, und er sagt, na klar; und am Ende fahre ich mit einem jungen Paar nach Hause und wir finden heraus, dass sie wen kennen, der vielleicht jemanden wie mich als Assistentin brauchen könnte, und heute morgen bin ich aufgewacht und immer noch froh. Und dazu freue ich mich über die Sonne, die Badesee sagt, und über das Rennrad, und aufs Kino heute Abend, und darauf, danach bei einem gewissen Mann zu übernachten –

aber ein falsches Wort, und ich falte mich zusammen wie eine erschauernde Mimose,

und eine Nachricht über jemanden, von dem ich nichts mehr hören möchte, und mein prachtvolles Segelschiff wird zum morschen Fischerkahn, ich sinke auf den Meeresgrund

und bleib da sitzen

und heule.