Why don’t you do right

Ich trau mich zum Tanzen. Dass ich das schon lang nicht mehr gemacht habe, merke ich daran, dass Leute mich fragen, wo ich war, und selbst mein ehemaliger Tanzpartner und mehrfach gekrönter König meines gebrochenen Herzens sagt: Schön, dass du wieder da bist! – Kein Gefühlssturm; aber der ist womöglich ein schlafender Hund und ich werde tunlichst vermeiden, ihn aufzuwecken. Mein ehemaliger FreundPlus ist auch da und fühlt sich an wie ein Freund; ich freu mich. Und ich tanze. Ich fühle mich sehr oft nicht, als ob mein Körper und meine Beine eine sinnvolle Verbindung zwischen dem Raum und der Musik herstellen könnten. Ich merke, wie viele neue Sachen die Leute gelernt haben, mit denen ich lange nicht getanzt habe, und bin ein bisschen traurig, weil mein Repertoire sich noch so gleich anfühlt. Ich führe Buch über meine Fehler und Unzulänglichkeiten und bin an diesem Abend in keinem Moment wirklich frei und leicht beim Tanzen. Aber ich bin da und fühl mich trotz allem wohl und bin so froh, dass ich hingegangen bin.

Vorher war Du bei mir. Wir sind jetzt wohl ein Ding, Du und ich; jedenfalls fühlt es sich so an, aber das verrate ich niemandem und tue so, als wär das alles total vage, weil ich nicht zugeben will, dass ich mich nicht in einen italienischen Künstler- , sondern einen schwäbischen Zockertypen verliebe, aber genau das passiert, so, jetzt ist es raus.

Lass mich runter

Heute existiere ich nur in sehr geringem Maße. Jemand stolpert steif durch den Tag, den ich entworfen habe, aber ich bin nicht dabei.

Das hat mit dem Tanzen zu tun, oder: am Tanzen wird es ablesbar. Ich gehe seit dem Sommer immer seltener zu Socials (das sind freie Tanzabende), weil ich immer überzeugter bin, dass mich dort keiner braucht und vermisst, außerdem habe ich immer größere Angst, dass ich mich schrecklich fühlen würde, fehl am Platz, unpassend, merkwürdig, einfach verkehrt, jemand, der am besten gar nicht erst gekommen wäre, ich komme also nicht.
Wenn ich erst dort wäre, wäre es wahrscheinlich nicht so schlimm, wie ich denke, und selbst wenn es schlimm wäre, hab ich das auch schon hundertmal überstanden. Aber ich fühl mich zu allein und zu verletzlich und zu wenig, und mit jedem Mal, das ich nicht hingehe, wird es schlimmer. Dagegen muss ich was tun und weiß nicht, was.

Und dass ich mich beim Tanzen so wenig fühle, ist sicher anwendbar auf alles andere: auf die Angst, die mir die Welt einjagt, als ich bloß spazieren gehe, dieser furchteinflößende Selbstverständlichkeit aller Menschen, mit der sie sich befinden und bewegen und Raum einnehmen und sprechen, während ich, stumm, der Sprache wirklich nicht mehr fähig, wie ein Gespenst über den Weg treibe, ohne den Boden zu berühren oder sonst in der Welt verhaftet zu sein.

 

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Der schönste Tag der Woche

Mein Lieblingstanzkurs ist anspruchsvoll, fast jeder im Raum tanzt länger als ich, fast jedem im Raum dürfte das klar sein, aber es macht nichts. Wir arbeiten an unserer Technik, wir haben zwei tolle Lehrer, die streng mit uns sind, und wir sind ehrgeizige Schüler. Wir wollen arbeiten, wir wollen lernen, wir gönnen uns wenig Zeit zum Lachen und Reden, aber wir lachen doch. Am Ende sind wir alle verschwitzt, müde vom Konzentrieren, müde von einem langen Tag, aber beim Schuheausziehen summt jedes von uns noch den Refrain des Liedes, auf das wir zuletzt getanzt haben.

Und danach nehme ich immer den gleichen Weg nach Hause, eine Strecke, die ich sonst nicht fahre, weil ich sonst nicht aus diesem Stadtteil komme; ich biege von der lauten Hauptstraße in ein Wohngebiet ab, das genau so auch in einer beliebigen anderen Stadt liegen könnte, Freiburg fühlt sich hier ganz anders an und das ist, als würde ich auf dem Heimweg kurz durch eine andere Welt radeln. Mein Geheimnis, jeden Dienstag freu ich mich drüber.

 

 

Das ist jede Woche schön. Und heute:

Ich habe ein Lob von der Tanzlehrerin bekommen, die ich für eine der wunderbarsten Tänzerinnen halte, die es gibt. Geile Triples!, sagt sie, I like that! – Ihr wisst nicht, was Triples sind, aber das ist OK.

Und morgen ist ein Social, auf das ich mich freue, in einer Location, die ich mag, und ich weiß, das Leute da sein werden, mit denen ich mich gut verstehe, und ich fürchte mich fast kein bisschen. Und danach fahr ich zu diesem Typen, den ich sehr zu mögen beginne, und bin zu gleichen Teilen voll mit Freude (weil ich ihn sehen will) und Angst (dass das doch schnell vorbei sein könnte, oder nicht so gut, wie es scheint, oder — ).

 

Hört eigentlich jemals wer die Musik an, die ich hier rein stelle? Ihr solltet sie unbedingt anhören. Ihr solltet auch unbedingt Lindy Hop tanzen, weil das froh und glücklich macht und gut für die Gesundheit ist.

Schlaf schön

Der Vormittag heute wie zäher Nebel, grau, schwer, aber jetzt: im Bett nach dem Tanzkurs spielt mein Kopf noch Swingmusik und ich würd gern wem erzählen, wie schön es war, aber es gibt keine Worte, die das Gefühl richtig fassen.

Morgen Abend besuche ich den Mann aus dem Reisebus und bin aufgeregt. Meine Freundin sagt: Ihr könnt auch einfach Freunde sein. Mein Brieffreund verordnet: Keine Männer, Abstinenz und Selbstliebe. Mein Bauch sagt: Anfassen, anfassen!

Hamburg ist schon wieder so weit weg, das Leben saust und braust, verflogen ist der Sommer, Dinge geschehen so eilig, dass ich sie gar nicht alle so lange betrachten kann, wie ich gerne möchte.

Anders gesagt

Ich habe mit einem Fremden zum ersten Mal seit Jahren einen Quickstep getanzt, und diesen Tanz hab ich mal geliebt.

Ich hab mich mit den Leuten unterhalten, die ich gern habe, und ich hab wirklich einige gern.

Ich bin spontan mit jemandem essen gegangen, den ich besonders gern habe. Sie muss mich auch gern haben? Kann ich mir immer noch nicht vorstellen.

Ich kann inzwischen allein zu den blöden socials gehen. Das hätt ich nie gedacht.

Ich hab getanzt. Ich hatte ein paar gute Momente. Ich kann ab und an loslassen dabei.

 

Und das alles zählt nichts dagegen, dass ein blöder Typ am anderen Ende der Tanzfläche auftaucht? Ach komm schon.