Drüber wegkommen, Sisyphos-Style

Tanzen gehen ist schön, aber ich komme und gehe und bin dort allein, während du deine feste Gruppe von Leuten hast, die ich früher kannte und jetzt meide, um dir nicht zu begegnen. Du hast nicht wie ich den Tanzkurs abgebrochen, bist stattdessen auch auf Festivals gewesen, ich dagegen habe nichts Neues mehr gelernt, seit ich vor Monaten den Kontakt zu dir abgebrochen habe. Du hängst die ganze Zeit mit ihr ab wie früher mit mir – als würde dir ohne mich überhaupt nichts fehlen, als hättest du keine beste Freundin verloren. Und überhaupt ist es, als würde dir das alles nichts mehr ausmachen, eigentlich hat es nie gewirkt, als hätte es dir was ausgemacht – aber ich, ich trete immer noch Wasser, ich bin zu klein zum Stehen, und du verdammter Arsch hast dich einfach in einen Fisch verwandelt. In einen Fisch! Ich bitte dich.

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01.08.

Ich gehe zur Psychiaterin und muss nichtmal ins Wartezimmer, so schnell ist mein Rezept fertig, dann haben sie in der Apotheke nebenan sogar das Venlafaxin (brrrrrr) vorrätig und ich muss gar nicht die halbe Stadt abklappern wie sonst, und am Ende finde ich im offenen Bücherregal nebendran auch noch drei Schätze: Doris Lessing! Margaret Atwood, im Original! Und Tania Blixen, die ich jetzt kennenlernen kann.

Das freut mich alles so, dass ich mich spontan auf einen Kaffee in der Stadt einlade; im neu entdeckten Café ist noch ein Platz draußen frei, da sitze ich und schreibe Tagebuch und freue mich über den guten Kaffee und gucke Leute und denke, vielleicht ist jetzt so langsam alles okay. Nicht ständig, nicht jeden Tag und nicht ohne Schwierigkeiten, aber insgesamt doch: okay.

Erdbeersphinx

(Vielleicht ist Lindy Hop, das Tanzen und wie ich mich dabei fühle, die Menschen und wie ich mich unter ihnen zurecht finde, die bessere Therapie.)

19.07.

Ich habe sonnige Laune und häng bei dir rum, bis du gehst; dann gucke ich die Internetseite vom örtlichen Lindy Exchange an, auf das sich alle schon total freuen und es geht eh einfach jeder hin, und kurz halte ich es für möglich, auch mitzumachen (die Fotos vom letzten Jahr! so was Schönes!), aber dann passiert was in mir, was mit Lindy Hop und Gruppen und Zugehörigkeit und Einsamkeit und Angst und dem Gefühl zu tun hat, es mag und braucht mich eh keiner, und zack, liege ich wieder im Loch von vorgestern.

Bei diesem Exchange gibt’s eine Fahrt mit einer alten Dampflok(!!!!!!!!!!). Ich will unbedingt Dampflok fahren und einfach dabei sein und mich wie ein normaler Mensch fühlen, aber was ist, wenn ich gerade an den relevanten Tagen überhaupt kein Mensch bin? Man kann nie wissen, als was man aufwacht, Gregor oder Schabe, und Schaben sind in den meisten Zügen nicht gern gesehen.

10.07.

Gestern ist so sauviel an einem einzigen Abend passiert, ich weiß gar nicht, wie ich das nun sortieren soll.

Mein Top riecht nach fremdem Männerparfum, weil ich in einem Blues-Kurs Körper an Körper mit Leuten getanzt habe. Diese Erfahrung wäre einen eigenen Eintrag wert, aber vorher habe ich mich mit den Salsa-Leuten gestritten, mit denen die Lindy-Hop-Szene sich eine inoffizielle Tanzfläche in der Stadt teilt, und danach hatte ich einen noch viel größeren Streit über Musik, die bei Lindy Socials gespielt werden darf, und über alles davon gibt es so viel zu denken und zu schreiben, ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.

Außerdem hatte ich gestern meine letzte Therapiesitzung und heute geh ich zur Berufsberatung und am Samstag hab ich Geburtstag gefeiert und all das ist auch noch nicht sortiert, und dann sind da noch zwei Männer, die ich auch nicht sortiert bekomme. Zusätzlich zu dem einen, der immer noch Schlammlawinen in mir auslöst, indem er einfach nur anwesend ist.

Und als wär das noch nicht genug, zerrt Grumpy mich an der Hand und will, dass wir aufhören, herumzusitzen. Unruhe!, ruft er. Komm schon, komm schon!
Es ist wohl kein Moment zum Innehalten und Reflektieren.

Frankie Manning hat Geburtstag

Alle, die Lust haben, treffen sich im Stadtgarten und üben für einen Lindy Hop Flashmob. Wir lernen eine Choreographie, die für die meisten neu ist, und keiner kann sich merken, wann wir Partner wechseln und wer wie lang mit wem tanzt, die Frau des Tanzlehrers schimpft mit uns, wir üben das blöde Ding und lachen über unsere Verwirrung, und plötzlich stehen wir da und sind ohne Fehler einmal durchgekommen. Spontan klatschen wir Beifall – für unseren Lehrer, aber auch für uns, weil wir es geschafft haben, wir haben uns reingehängt und gearbeitet und jetzt, plötzlich, klappt es und macht Spaß, wir alle strahlen – überhaupt, wir sind ein WIR geworden, wir sind der Flashmob, der nachher stattfinden wird, und wir sind Tänzer, und es ist Sommer, und das Leben ist schön.

 

Lindy Kinder

Hürde

Wir könnten tanzen gehen, sage ich zu Grumpy. Das Wetter ist okay und die Leute tanzen draußen!

Grumpy packt meine Hand und zerrt mich weg von der Tür. Nein nein nein nein nein, sagt er hastig. Überleg doch mal, da sind Menschen! Wir wissen gar nicht, wer überhaupt da ist, vielleicht kennen wir keinen? Vielleicht mögen die uns nicht? Was ist, wenn wir nicht ins Gespräch kommen? Die anderen sind bestimmt ganz entspannt und locker, aber wir sind so komisch, wir sollten lieber nicht hingehen. Ja, lass uns hier bleiben! Hier ist es sicher.

Ich gucke auf ihn runter. Er hält immer noch meine Hand fest, damit ich nicht losgehen kann. Es könnte aber auch cool sein, sage ich. Wir könnten einfach vorbei gehen und Hallo sagen, so wie richtige Menschen. Dann tanzen wir ein bisschen und dann ist alles okay und wir gehen wieder und freuen uns, weil wir mutig waren?

Nein nein, jammert Grumpy. Das ist viel zu schwierig für uns! Oh, und außerdem, du bist noch erkältet.

Hm, stimmt, sage ich. Er wittert seine Chance und ruft, Na siehst du, tanzen wäre ganz schlecht für dich! Bleib zuhause, trink Tee mit mir, ja?

Aber es wäre so gut, es zu versuchen, sage ich. Es wäre einfach richtig gut, es würde sich toll anfühlen.

Grumpy hält immer noch meine Hand und schüttelt panisch den Kopf; und da stehen wir jetzt.

Wenn ich frei von mir wäre, wie groß könnte das sein

Oh, ich komme in den Saal und die Musik reißt mich hin – und da bist du, wir tanzen und ich bin so frei, wie ich nur mit dir sein kann: ich bin schön, und alles, was ich bin, ist genau hier, in diesem Augenblick, das ist das größte Wunder, das ich kenne: wie ich die Musik in mich einlasse und sie sich von selbst in meiner Bewegung ausdrückt, wie sich meine Grenzen aufheben und ich eins bin mit dem ganzen schwingenden Saal – und ja, mit dir, wir sprechen eine Sprache und alles ist richtig.

Als ich später wieder mit dir tanze, ist etwas in mir schon eingestürzt, und jetzt fühle ich: all meine Fehltritte und technischen Mängel, jeden Moment, in dem deine Impulse an mir verloren gehen, und es gibt kein Glück mehr in der Musik, denn alles ist richtig, nur ich bin falsch.