Brave Mädchen: Gedanken zum Frauenbild bei Margaret Atwood

Ich lese in Cat’s Eye:

„I remember thinking when the girls were born, first one and then the other, that I should have had sons and not daughters. I didn’t feel up to daughters, I didn’t know how they worked.“ (S. 114)

So denkt Elaine, die Protagonistin, als sie an den Ort ihrer Kindheit zurückkehrt, sich an diese Kindheit erinnert und gleichzeitig Rückschau hält auf ihr Leben.
Das kleine Mädchen Elaine hat lange mit ihren Eltern und ihrem großen Bruder ein nomadisches Leben geführt. Sie ist an die freie Natur und den Umgang mit einem Jungen gewöhnt, träumt aber davon, wie ein ganz gewöhnliches kleines Mädchen zu leben. Und schließlich ziehen ihre Eltern in ein festes Zuhause, Elaine geht zur Schule und findet Freundinnen – und stellt fest, dass sie gar nicht weiß, wie man ein richtiges Mädchen ist. Es gibt Regeln, Grundlagen, Dinge, die man wissen und für die man sich interessieren muss: Häuslichkeit und Ordnung und Aussehen, Kleidung und Benehmen. Elaine lernt schnell, um sich anzupassen; zugleich hat nichts, was sie bisher gewesen ist, in dieser neuen Welt Gültigkeit: ihr Wissen über den Wald und das Leben unterwegs, ihr Interesse an Insekten und Naturwissenschaft, die Spiele, die sie mit ihrem Bruder gespielt hat.
Auch als erwachsene Frau bleibt die heimliche, aber große Unsicherheit, ob sie alles richtig macht, ob sie schön, ordentlich, gepflegt genug ist, ob sie die unausgesprochenen Kriterien erfüllt, die Frauen zu Frauen machen. Elaine hat sich das Frau-sein angeeignet wie etwas Fremdes und fühlt sich zeitlebens, als müsse sie irgendwann bei dieser Imitation ertappt werden.

Ich kenne das Gefühl. In der siebten Klasse hat mal ein Mädchen zu meiner besten Freundin gesagt und damit uns beide gemeint: „Ihr seid eigentlich gar keine richtigen Mädchen, oder?“
Und nein: ungeschminkt in Jungsklamotten, auf einem Baum/in einem Buch/mit dem Hund im Wald waren Mädchen einfach nichts, was mit mir zu tun hatte. Ich verstand sie nicht – das Kichern, die Klamotten, das ordentlich-Sein, das sich-Anstellen, all die offensichtlich sinnlosen, aufgesetzten, oberflächlichen Dinge, von denen kein einziges Sinn, Nutzen oder auch nur Substanz hatte. Mädchen war lange ein klar negativer Begriff für mich, fast ein Schimpfwort. Später fand ich heraus, dass Mädchenklamotten mir großen Spaß machen können, aber immer noch blieb der Unterschied zwischen den richtigen Mädchen und mir: sie waren mit Leib und Seele etwas, von dem ich mir Teile ausborgte, aber neben ihnen war ich unvollständig. Ich stand manchmal mit einer Freundin, die selbstverständlicher ein Mädchen war, vor ihrem Kleiderschrank, verwirrt und staunend über Rüschen und Farben und trickreiche kleine Dinge (dieser BH für dieses Kleid, dieses Oberteil nur mit dieser Hose wegen diesem Bauch, gegen Augenringe dieses Make-Up, und gegen die Haare auf unseren Körpern diese Methoden): eine Wissenschaft, eine Lebensform, ein Kosmos, und in jedem Falle sehr, sehr fremd.

Ich weiß nicht mehr, wie wichtig es mir in manchen Phasen war, so gut wie möglich ein Mädchen zu sein, ganz sicher wollte ich das manchmal auch können, aber ich war auch immer stur und irgendwie dagegen. Das ist der Unterschied zwischen Elaine und mir: die Fraglosigkeit, mit der sie sich in ihre neue Existenz als Mädchen stürzt. Sie will unbedingt, will noch, als sie längst erwachsen ist, klammert sich an Anti-Aging-Produkte und den letzten Rest ihrer Jugend und Schönheit, möchte vor anderen Frauen als Frau bestehen. Davon bin ich nicht frei, Frauen verunsichern mich oft, und umso mehr, je leichter sie sich in der komplexen Fabelwelt von richtigen Frauen bewegen. Aber ich weiß inzwischen, dass mein Frau-Sein nicht mehr als ein biologischer Zufall ist und so ziemlich das Uninteressanteste, Bedeutungsloseste an mir. Ich bin ein Mensch, eine Persönlichkeit und noch ein (großer!) Haufen Dinge mehr, bevor ich eine Frau bin. Frau sein ist auf einer Stufe mit vom Affen abstammen, das ist halt so wegen der Natur.

Und deshalb lese ich Cat’s Eye mit einer gewissen Beklemmung: weil ich weiß, dass Elaine sich nie davon frei machen wird, ob sie ein richtiges Mädchen, eine richtige Frau ist, und das, obwohl sie diese Kategorie formulieren kann. Aber für sie liegt das Problem in ihr selbst, nicht darin, dass Frausein ein gesellschaftliches Konstrukt ist, das überhaupt nicht für jede passen kann oder muss. Ich frage mich, ob Margaret Atwood selbst das begriffen hat, denn all ihre Frauenfiguren sind sich darin ähnlich, dass sie es anstrengend und schwierig finden, eine richtige Frau zu sein, aber keine von ihnen scheint zu hinterfragen, ob sie überhaupt dieser Vorstellung von einer richtigen Frau entsprechen muss. Und das ist irgendwie traurig, weil Margaret Atwood so viele Dinge so klug und fein beobachtet hat, aber diesen letzten Schluss aus irgendeinem Grund nicht ziehen kann.

Ich hab nicht alles gelesen, was Margaret Atwood geschrieben hat, ich kenne nur ein paar Romane und Kurzgeschichten und hoffe, dass mein Eindruck dadurch nicht verzerrt ist. Aber versteht jemand, was ich sagen will? Habt ihr Gedanken dazu?

 

Oh, und: auf dem Buchrücken finden sich nur begeisterte Aussagen dazu, wie Margaret Atwood über Mobbing schreibt. Dass es das ganze Buch über auch um was ganz anderes geht – dass Mädchensein, Frausein auf jeder einzelnen Seite verhandelt wird, scheint gar nicht aufgefallen zu sein. Als wäre es den Rezensent*innen so selbstverständlich wie der Autorin, dass man halt entweder Frau oder Mann ist. Generationenunterschied?

Margaret and me

Zwischen mir und Margaret Atwood ist längst nicht alles klar. Ich juble, wann immer mir eines ihrer Bücher in die Hände fällt, und trage es voller Liebe und Vorfreude nach Hause. Aber jedes Mal* beginne ich zu lesen und fühle eine seltsame Distanz zwischen ihr und mir, eine nüchterne, irritierend bittere Kälte in ihren Beschreibungen, aber dann passieren wieder Sätze wie dieser, am Ende einer Beschreibung zweier Freundinnen in Cat’s Eye:

We’re impervious, we scintillate, we are thirteen. 

Ich liebe diesen Satz, er schillert triumphierend wie die aggressiv zur Schau getragene Selbstsicherheit junger Mädchen in der Pose einer Frau (was immer sie denken, dass eine Frau sei). Oder, ein paar Seiten weiter, die Beschreibung von Glasmurmeln, um die Kinder auf dem Schulhof spielen – so gebannt von den seltenen Murmeln, wertvollen Schätzen wegen ihrer Schönheit, dass ich auch gebannt bin und die Namen dieser Murmeln lese wie Zauberformeln: cat’s eyes, puries, waterbabies.

Wenn ich so etwas in ihren Büchern finde, macht mich das absurd glücklich und dann ist die Kränkung der Distanz vergessen, mit der Margaret Atwood mich begrüßt hat, dann weiß ich wieder ganz genau, warum ich immer wieder zu ihr zurückkehre, hungrig.

 

 

 

*Ausnahme: A Handmaid’s Tale, da hat mich jeder Satz begeistert, und jede Beschreibung des Blumengartens hat mir den Atem verschlagen, so schön ist das geschrieben.

01.08.

Ich gehe zur Psychiaterin und muss nichtmal ins Wartezimmer, so schnell ist mein Rezept fertig, dann haben sie in der Apotheke nebenan sogar das Venlafaxin (brrrrrr) vorrätig und ich muss gar nicht die halbe Stadt abklappern wie sonst, und am Ende finde ich im offenen Bücherregal nebendran auch noch drei Schätze: Doris Lessing! Margaret Atwood, im Original! Und Tania Blixen, die ich jetzt kennenlernen kann.

Das freut mich alles so, dass ich mich spontan auf einen Kaffee in der Stadt einlade; im neu entdeckten Café ist noch ein Platz draußen frei, da sitze ich und schreibe Tagebuch und freue mich über den guten Kaffee und gucke Leute und denke, vielleicht ist jetzt so langsam alles okay. Nicht ständig, nicht jeden Tag und nicht ohne Schwierigkeiten, aber insgesamt doch: okay.

Erdbeersphinx

(Vielleicht ist Lindy Hop, das Tanzen und wie ich mich dabei fühle, die Menschen und wie ich mich unter ihnen zurecht finde, die bessere Therapie.)

Räuberbraut

Ich habe Margaret Atwoods „The Robber Bride“ gelesen, heruntergeschlungen, am Stück und ohne zu kauen, und jetzt tauche ich daraus hervor in mein eigenes Leben, steige aus und stehe allein am Bahnsteig und Charis, Roz und Tony fahren ohne mich weiter und ich vermisse sie schon, da haben sich noch nicht einmal die Zugtüren hinter mir geschlossen. Besonders Roz liebe ich in ihrer Buntheit und Lautheit und Intensität und für ihre Liebe zu ihren Töchtern, die ich ebenfalls liebe. Aber Margaret Atwood, glaube ich, hat Tony am liebsten, klug und kopflastig, und ich mag Tonys Tick, Wörter rückwärts zu sagen, weil ich das im Kopf auch dauernd mache, aber Tony kann das noch viel besser und singt ganze Lieder rückwärts. Und ich werde die bedingungslose Freundschaft zwischen den dreien vermissen und wie sie bei allen Unsicherheiten unbeugsam sind, schon weil sie einander so fest halten. So ein schönes, tiefes Buch.