Und dann das

Die letzten Wochen waren überhaupt nicht gut, aber plötzlich fühle ich den Frühling hinter dem kalten Wind wie etwas, das nicht mehr aufzuhalten ist, und in mir ist auch etwas wach geworden: die Leute auf der Straße gucken mich an und ich denke, was die haben, bis ich merke, dass ich lächle – über ein singendes Kind und die immer neuen Blumen, über das frische Grün auf meinem Balkon und das Glück, diesen Balkon und ein Händchen für Pflanzen zu haben, über Nächte mit Berührungen lächle ich und über eine junge Katze, über Freundschaft, die ich spüre, und Vögel, die jetzt wieder singen, über das Licht und die Sonne und ein Bewerbungsgespräch und das Tanzen und sich vertiefende Bekanntschaften und darüber, dass es wirklich nicht weh tut, als jemand zu meinem Tanzpartner und mir sagt: Ihr seid ein Paar, oder?, und wir lachend verneinen.
Vielleicht lächle ich auch darüber, dass ich Lady Anne Blunt jetzt doch nicht in die Wüste begleiten werde und ich darüber ziemlich erleichtert bin. (Mach das nicht, studier fertig, sagt meine Kollegin. – Deine Argumente sind vernünftig, nickt mein Kopf, aber mein Bauch zerrt an meiner Hand und brüllt: Neeeeee!)

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Die Große Verwirrung

Ich telefoniere mit meinen Eltern und die sagen aus heiterem Himmel: Du musst doch nicht fertig studieren, wenn es halt nicht klappt.

Erstens ist das neu aus dem Munde meiner Eltern, zweitens war ich an dem Punkt schon genau vor einem Jahr. Was mach ich jetzt? Wer bin ich, und was soll ich?

Fülle

Ich fahr an die Uni zum Kolloquium in meinem großen grünen Männerarmeewollpullover, der mich warm hält und vor Kunsthistorikerinnen und sonstigen Unbilden beschützt. Die Tür zum Seminarraum ist noch offen, was bedeutet, dass ich erstaunlicherweise nicht zu spät bin, und das beflügelt mich so, dass ich laut „Hallo!“ in den Raum rufe. Dafür ernte ich Seitenblicke, aber keine Antwort, weil Kunsthistorikerinnen noch nie die nettesten Menschen an der Uni gewesen sind.
Ihr könnt mich doch, denke ich und setze mich und es wird gar nicht mal so furchtbar, wir reden über eine Künstlerin aus der Sammlung Prinzhorn (da sind Bilder von Psychiatriepatienten drin) und ich mache einen Wortbeitrag wie eine brave Studentin und danach geh ich spontan in die Sprechstunde meiner Betreuerin und erzähle ihr, worüber ich schreiben möchte, und sie findet es toll, und dann will ich eigentlich noch in die Bibliothek und ein bisschen arbeiten, aber das Kolloquium strengt mich immer wahnsinnig an und ich lass es gut sein und fahre nach Hause.

Zwischendurch hol ich noch zwei entwickelte Filme ab. Ich bin zufrieden mit den Bildern und mit meinem Tagwerk.

Und schreiben möchte ich über Anne Blunt, die mit ihrem Mann durch den Nahen Osten gereist ist und darüber geschrieben und gezeichnet hat. Auf dem Frontispiz ihres einen Reiseberichts ist sie in arabischer Tracht neben einem Pferd zu sehen, allein in der Wüste. Sie schaut in die Ferne und sieht zart und stark zugleich aus.