Sabine ist kein stürmischer Name

Es geht gerade nicht wirklich um Sommer und Balkone, ich kann nur nicht mehr aufschreiben, worum es wirklich geht, so voll waren die letzten zwei Wochen. Reich! Aber erschöpfend, und jetzt hab ich alle Kräfte aufgebraucht.

Positionsbestimmung

Das Jahr ist neu und mein Leben wird anders.

Vor einem Jahr habe ich noch im Kino gearbeitet und nicht gewusst, dass ich nach einer Episode im Wahlamt als Telefonistin in einem Startup herauskommen würde. Jetzt habe ich zum ersten Mal einen festen Job und bin finanziell unabhängig – gerade eben so, aber doch. Außerdem habe ich mir vorgenommen, jetzt wenigstens einmal ernsthaft zu versuchen, was draus zu machen, dass ich gut zeichnen kann, und selbst wenn daraus nichts wird, traue ich mir mehr zu als einen möglichst anspruchslosen Aushilfsjob. Ich will Herausforderungen. Ich will Geld – jedenfalls mehr.

Vor einem Jahr war ich noch als Studentin eingeschrieben. Saß ich noch an meiner Masterarbeit oder hatte ich sie schon aufgegeben? Ich vermisse mein Studium nicht, auch wenn Momente daraus zu meinen besten Erinnerungen gehören – Ideen, Inspiration, Wissen, Erkenntnis, Begeisterung und Staunen, die Studienfahrt nach Rom. Die Begeisterung für Kunst und die Neugier auf die ganze Welt bleiben mir auch ohne Abschluss.

Vor weniger als einem Jahr etwa habe ich angefangen, um Lindy Hop zu kämpfen, nachdem die Freundschaft zu meinem Tanzpartner zu schmerzhaft wurde. Der Bruch mit ihm bedeutet noch immer, dass ich allein zu Socials gehe, wo ich mich fehl am Platz fühle, die Leichtigkeit beim Tanzen ist mir abhanden gekommen und zugleich begegne ich ihm in der überschaubaren Szene dauernd wieder. Ich bin müde vom Kämpfen, das nicht leichter wird, und frage mich, ob Lindy Hop und ich eine Beziehungspause brauchen. Dafür entdecke ich Blues, den ich so großartig wie einschüchternd finde.

Vor einem Jahr stand mir der Moment des endgültig gebrochenen Herzens noch bevor, was meinen Tanzpartner angeht; während das verheilte, hatte ich eine Freundschaft Plus und ein, zwei Dates ohne größere Folgen und als ich mich am 31. August im Fernbus angeregt mit meinem Nebensitzer unterhalten habe, habe ich ihm deshalb auch erzählt, dass ich mich für unverkuppelbar, wenn nicht beziehungsunfähig halte. Vier Monate später finde ich meine Lieblingsstadt blöd, weil er daraus weggezogen ist.

Vor einem Jahr war ich mir sicher, dass ich nie mehr von hier weg möchte, und wenn, dann ganz vielleicht nach Hamburg; jetzt, wo mein älterer Bruder wieder in die Nähe meiner Eltern gezogen ist und Du ebenfalls, freue ich mich drauf, nach Stuttgart zu ziehen, in diese verstockte alte Feinstaubstadt.

Vor einem Jahr war ich noch in Therapie und habe jeden Morgen ein Antidepressivum gegessen; jetzt fühle ich mich ziemlich stabil und selbst mein Skin Picking ist besser. Ich habe keine Angst.

Und vor einem Jahr hätte ich nicht geglaubt, dass in einer meiner ältesten und wichtigsten Freundschaften ein so tiefes, beidseitiges Schweigen entstehen könnte.
So viel zu 2019.

 

Zwischenmenschlichkeiten

Dich, zum Beispiel, kenne ich kaum; dass du mir schreibst, ist schön, was du mir schreibst aber verwirrt mich.

Und du, andererseits: ich beginne dich zu kennen, aber wie du auf eine eigentlich harmlose Nachricht von einem anderen Mann reagierst, passt nicht zu dem, was ich da kenne. Du sagst, es gehe nicht um dich, sondern darum, dass diese Nachricht mich durcheinander bringt: ein beschützerischer move, den ich als besitzergreifend empfinde.

Du wiederum bist mir schlicht fremder als erwartet.

Tanzkurs/Der Mond nimmt ab

Ich bin kleiner als jeder im Raum, weil ich so sehr brauche, dass ich gemocht werde. Am schlimmsten ist es mit den Leuten, die ich schon ein bisschen kenne, bei denen ich vorhandene Sympathie nicht verlieren möchte: da zähle ich jedes Lächeln, wäge jeden Blick und bin starr vor Angst, es könnten zu wenige sein. In meinem Schrecken aber vergesse ich, wie Menschen sich verhalten, und was immer ich sage, klingt unecht und albern – am Ende fühle ich mich einsamer als vorher.

Anders gesagt

Ich habe mit einem Fremden zum ersten Mal seit Jahren einen Quickstep getanzt, und diesen Tanz hab ich mal geliebt.

Ich hab mich mit den Leuten unterhalten, die ich gern habe, und ich hab wirklich einige gern.

Ich bin spontan mit jemandem essen gegangen, den ich besonders gern habe. Sie muss mich auch gern haben? Kann ich mir immer noch nicht vorstellen.

Ich kann inzwischen allein zu den blöden socials gehen. Das hätt ich nie gedacht.

Ich hab getanzt. Ich hatte ein paar gute Momente. Ich kann ab und an loslassen dabei.

 

Und das alles zählt nichts dagegen, dass ein blöder Typ am anderen Ende der Tanzfläche auftaucht? Ach komm schon.

Nachbarschaft

Ich glaube, ich mag meinen Nachbarn nur nicht, weil er neben mir wohnt. Wenn er woanders laut wäre, wäre mir das egal und ich fände ihn sicherlich einen sehr netten älteren Herrn. So aber weiß ich, was sein Handy-Klingelton ist, dass er Videospiele mag, Stille ohne laufenden Fernseher nicht erträgt und sehr gesellig ist. Und wie laut seine Freunde reden. Und wann sie sich am liebsten treffen (zwischen zehn und zwei Uhr nachts).

Der alleingelassene Hund jault immer noch: ich hoffe, dass das nicht eine dieser Geschichten ist, in der eine verstorbene Person erst Wochen später in ihrer Wohnung gefunden wird, außerdem mache ich mir langsam Sorgen um den Hund. Er klingt klein und verzweifelt.

Die Familie gegenüber hat dauerhaft das Fenster verhängt, das direkt gegenüber von meinem Balkon liegt. Soll ich nicht gucken oder wollen die mich nicht sehen?

Die Familie unter mir dagegen findet, der oberste Treppenabsatz (der, den sie nicht benutzen müssen, aber die drei Parteien ganz oben) sei ein toller Ort, um ihre sperrigen Bäumchen zu überwintern. Nachdem ich mich monatelang an den dummen Dingern vorbeigequetscht habe, hängen sie einen Beschwerdebrief ins Treppenhaus, weil ihnen die Fahrräder im Eingangsbereich im Weg sind – ich bekomme sogar einen eigenen: „Hallo Nachbarin!“ Game on.

 

Mein Lieblingsnachbar ist die Motte, die in mein Badezimmer gezogen ist: seit ich sie einmal vor dem Ertrinken gerettet habe, hat sie begriffen, dass die Dusche nichts für sie ist, und wohnt jetzt meistens an der Wand rund um den Spiegel. Ich freu mich immer, wenn wir uns begegnen und bei einem Kaffee ein bisschen quatschen.