Versager

Tja, sagt Grumpy.

Ich sage nichts. Seit gestern Abend schweigen wir uns an, weil ich nicht ein Wort von ihm ertragen könnte. Ich habe ihm gewaltsam das Maul gestopft und trotzdem geheult.
Heute Morgen müssen wir aber reden, daran führt kein Weg vorbei, wir wissen es beide und gucken uns nervös an (und schnell wieder weg).

Also, sagt Grumpy schließlich. Du hast verloren. Ist so.
Er meint mein Treffen mit dem Typ aus meiner Schulzeit, und irgendwie hat er Recht:

Du hast mich schikaniert, habe ich zu dem Typen gesagt. – Also daran erinner ich mich nicht, sagt er. Du hast da irgendwas auf dich bezogen und falsch verstanden. Ehrlich, in meiner Erinnerung haben wir überhaupt kein Verhältnis zueinander, das hier ist das erste Mal, dass wir überhaupt miteinander reden.

Grumpy genießt das. Vielleicht hat er ja Recht, sagt er. Vielleicht ist einfach deine Erinnerung falsch. Kann ja passieren, nach so langer Zeit, vielleicht warst du einfach zu empfindlich, also ich fand ihn jedenfalls ganz überzeugend. Denk mal drüber nach.

Bist du bescheuert?!, rufe ich, aber es klingt klein und verzweifelt. Es kann gar nicht sein, dass ich mir alles ausgedacht habe. Meine Mutter hat sogar irgendwann seine Mutter angerufen, damit das endlich aufhört, das ist der Beweis.

Vielleicht, sagt Grumpy hämisch, aber er musste es nur abstreiten, und schon hast du dir selbst nicht mehr geglaubt. Du bist nämlich immer noch ein kleines, verunsichertes, hilfloses Kind, das seinen Standpunkt nicht verteidigen kann. Er ist immer noch stärker als du!

Er ist einfach ein größerer Idiot als ich, sage ich wütend. Er ist ein aufgeblasenes, ignorantes Arschloch, das nur sieht, was es sehen will. Ich bin ein viel coolerer Mensch als er.

Ja, spottet Grumpy, aber davon hat er nichts mitbekommen gestern. Du konntest ihm ja nicht mal erklären, worum es ging. Du hast verloren, sieh’s ein.

Ich sage nichts. Ich will nicht verloren haben, aber es fühlt sich genau danach an.

Ach ja, sagt Grumpy, und du hast ihn nichtmal zur Rede gestellt, weil du fast eine Stunde an dem hässlichen Kackbahnhof auf ihn warten musstest. Früher hast du so wenig existiert für ihn, dass er nichtmal gemerkt hat, wie er auf dir rumgetrampelt ist, und gestern hast du ihn einfach weitertrampeln lassen. Für ihn bist du immer noch kein richtiger Mensch, mit dem man anständig umgehen müsste, und das lässt du einfach mit dir machen. Du bist kein bisschen weiter als damals.
Grumpy schüttelt verächtlich den Kopf und dreht sich weg, und ich hab nichts, das ich erwidern könnte, weil ich selber nicht ganz fassen kann, was da gestern passiert ist. Berlin ist eine große, anstrengende, hässliche Stadt, und ich will zurück nach Freiburg, das mir sachte versichern wird, dass ich immer noch da bin, dass ich gar nicht so übel bin, dass mein stilles, unscheinbares Leben genauso gültig ist wie das von all den Leuten, die irgendwas Vorzeigbares machen und vorzeigbare Reisen unternehmen und Politiker beraten, obwohl sie schlechte Menschen sind.

Und jetzt.

 

Es war einmal ein kleines Mädchen

Welcher Geburtstag ist das gewesen, der neunte, der zehnte?
Mit ihrer Mutter steht sie im hinteren Teil des Ladens und möchte etwas Ungewöhnliches, die Idee vielleicht aus einem Buch, bestimmt aus einem Buch, weil sie zur Hälfte in Büchern und Geschichten wohnt: sie möchte einen altmodischen Schulranzen aus Leder. Sie darf ihn aussuchen und mit der Verkäuferin reden wie eine Erwachsene, sie probiert den Schulranzen auf, der ihr gefällt, vorbei ist die Zeit  der hässlichen Schultasche mit den bunten Bären. Der neue Schulranzen duftet nach Leder und sie liebt ihn so, er ist was Besonderes, sie will ihn allen zeigen, weil er so schön ist, genau, wie sie ihn erträumt hat, nur in echt.
Sie geht damit in die Schule, stolz auf ihren neuen Schatz, und ihre beste Freundin fragt: Wo ist dein neuer Ranzen? – Hier ist er doch, sagt sie und will ihn vorführen, all die Fächer und Schnallen, aber die Freundin hat sich schon weggedreht: Der ist hässlich.
Auf der ganzen Welt, von diesem Moment an, wird es niemanden geben, der ihren Schulranzen schön findet. Sie wird dafür gehänselt werden, Kinder werden ihr Sachen nachrufen, jemand wird ihn anspucken, er wird sie überall zur Zielscheibe für Spott und Häme machen, viereinhalb Jahre wird sie es ertragen und die schöne Tasche schon heimlich hassen, und in der achten Klasse kauft sie sich einen Eastpak, weil sie es nicht mehr aushält.

Jetzt bin ich 28 und versuche herauszufinden, ob ich ihn noch mag, meinen alten Schulranzen, als Umhängetasche, ob von dem alten Gefühl noch was übrig ist unter der Enttäuschung und Scham und Wut. Ich hab ihn bis jetzt nicht mehr anfassen wollen, dabei ist das alles schon fast fünfzehn Jahre her, aber in mir sind wir jetzt zu dritt: das kleine Mädchen, das diesen Schulranzen einfach toll findet, und die verstörte Jugendliche, der er eigentlich schon peinlich ist, die ihn aber aus Trotz weiter trägt, und die Erwachsene, die endlich ihr Selbstvertrauen gefunden hat, aber einfach nicht weiß, wie sie zu dieser Tasche steht.
(Ich wette, die kleinen Hipsterkinder, die sich jetzt diese Taschen gebraucht für viel Geld kaufen, sind dieselben, die mich früher dafür fertig gemacht haben. Mögen euch die Bremsen an den Vintage-Rädern versagen.)

Der Eastpak, übrigens, hatte die falsche Farbe und hat die Lage kein bisschen besser gemacht, damals.

Gerechtigkeit

Ich finde es ungerecht, dass die Leute, die mich in der Schule fertig gemacht/ausgeschlossen/gehänselt/gemobbt/beleidigt/beschädigt haben, nicht einmal wissen, was sie angerichtet haben.

Ich finde es ungerecht, dass  alle Lehrerinnen und Lehrer, die bemerkt haben, dass etwas nicht in Ordnung ist, nichts von diesen Vorgängen begriffen, erfasst, verhindert haben und dass sie sich der Verantwortung, die sie für meine Lage damals wie heute tragen, nicht bewusst sind. Dass sie nicht wissen, dass sie mitschuldig sind an mir und an anderen Menschen, die ihnen anvertraut waren und denen sie hätten helfen müssen.

Da sind junge Menschen zerbrochen und nichts war da, um sie aufzufangen. Da war nichts als Stirnrunzeln und Achselzucken und ein Vorwurf: Hör schon auf, so zu sein.

Ich würde gerne die, die verantwortlich waren, in Kenntnis setzen über ihre Verantwortung. Alle sagen mir, das würde nichts bringen, ich soll es gut sein lassen, das sei besser für mich. Aber es ist nicht gerecht.