Alle Tage wieder

Heute ist Uni. Grumpy sagt, es ist völlig ausgeschlossen, dass wir da hingehen. Nächste Woche vielleicht! Jetzt sind wir einfach noch nicht so weit.

Er liegt noch faul im Bett und stinkt vor sich hin. Ab unter die Dusche!, kommandiere ich, und er guckt mich misstrauisch an und überlegt, so gründlich, dass wir schon seit einer halben Stunde den Wecker auf snooze schalten, statt aufzustehen.

Uni ist gar nicht so schlimm, versuche ich ihn zu überzeugen. Außerdem geht es so nicht weiter, mit der ewigen Verpasserei. Aus dem Bett mit dir!

Er guckt bitterböse, aber er schlurft wirklich ins Bad, um sein Gestinke wegzuduschen.

Mal sehen, ob es klappt mit der Uni.

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12.10.

Gestern: kaputter Tag, Un-Tag, bis ich es doch noch in die Bibliothek schaffe, und dort: kommt das Glück per Fernleihe. Western Women Travelling East, ein massiver Bildband über die Reiseberichte von Frauen, die in den Orient (ja ja, es gibt keinen Orient, wir wissen das, wir machen es uns trotzdem einfach) gereist sind.
Plötzlich liegt alles in mir wieder an seinem Platz. Hier ist mein Thema für die Masterarbeit. Ich will.

Ich will sogar am nächsten Morgen noch, wache auf, bin fröhlich und heil. Von einem Schiff habe ich geträumt, das gleich hinter der Bibliothek ablegt, der Tag ist blau und hoch und sonnig; ich stehe in der Schlange, um mein Ticket für die Rundfahrt zu bezahlen. Ich hab das Geld genau abgezählt und lege es der Verkäuferin hin, die mich erstaunt anguckt: „Kein Dessert?“
Rundfahrt mit Dessert kostet nämlich ein bisschen mehr, aber nicht viel, deshalb kauft niemand nur das Ticket, so wie ich. Ich hab nicht genug Geld.
„Kein Problem“, sagt die Verkäuferin und lächelt.  Es gebe nämlich etwas auf dem Schiff, das genau so toll ist wie das Dessert, und zwar: eine Schiffschaukel.
Und die kostet nichts.

Nichts geht mehr

Der Hund ist weg aus der Wohnung und ich bin weg aus mir. Unbelebt liegt mein Körper auf dem Bett und wartet darauf, dass ich vorbeikomme, um ihn zu bewegen, aber ich komme nicht, ich bin nicht da, und er weiß nicht, wie er alleine aufstehen soll.

Ich träume von einer Hinrichtung, die im letzten Moment verhindert wird, und fühle mit dem Verurteilten: nackte Angst, Ohnmacht, Ausgeliefertsein, zu groß, um über die absurde Rettung etwas empfinden zu können, was sich in Worte fassen ließe. In dieser Leere bleibe ich den ganzen Tag hängen.

Hallowach

Die Hitze zieht mir komplett den Stecker und ich warte bis spät abends, um mich meiner Freundin samt Mitbewohner zum Joggen anzuschließen. Da sie mich zuhause abholen, locke ich sie mit einem Schluck Wasser nach drinnen, um ihnen mein neues Lieblingsbild (Hiob) aufzunötigen, und fühle mich dabei fast wie eine richtige Kunsthistorikerin. Und jetzt, nach dem Lauf, bin ich zu aufgekratzt zum Schlafen.

Meiner Therapeutin habe ich noch nicht von meinem geheimen Masterplan erzählt, nur mit Medikamenten und ohne Klinik die Kurve zu kriegen. Gerade fühle ich mich ganz fabelhaft. Ich mache Sachen und habe Lust auf mehr und auf die Welt und aufs Pläneschmieden, ich fühle mich überhaupt in der Lage, Pläne zu schmieden, ich unternehme mehr, ich habe über die Sportpartnerbörse jemand gefunden, mit dem ich Lindy Hop tanzen könnte, und immerhin habe ich mir heute zwei Kunstbücher gekauft, was als Schritt zurück zur Kunstgeschichte gelten darf. Das ist doch schonmal was.

Ich kippe schon wieder von Nichts in Alles. Ich kenne nur Extreme.